Schmuggel in der Nachkriegszeit Kaffeepanzer im Bohnenkampf

Schmuggel in der Nachkriegszeit: Kaffeepanzer im Bohnenkampf Fotos
Kurt Cremer

Sie schleppten die Bohnen in Säcken über die grüne Grenze oder versteckten sie in Leichenwagen: Für kurze Zeit war Kaffee im Nachkriegsdeutschland das wertvollste Gut der Schmuggler. Die Zollfahnder jagten die Kaffeedealer in umgebauten Porsches, die Gangster setzten Panzer ein. Bald gab es Tote. Von Christoph Gunkel

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Die Schmuggler versuchten gar nicht erst, sich zu verstecken. Mit aufgeblendeten Scheinwerfern brummte am 15. April 1950 ein Lkw von Belgien durch den Wald auf die deutsche Grenze zu. Auf der Ladefläche: braunes Gold. Zentnerweise Röstkaffee, in der Bundesrepublik ein Vermögen wert. Auf solche Transporter hatten die deutschen Zöllner die ganze Nacht gelauert. Als der Wagen in Schussweite kam, sprangen sie aus ihrem Versteck. "Halt! Anhalten!" Doch der Lkw rollte weiter, direkt auf die Beamten zu, bis die erschrocken zur Seite sprangen. Wütend feuerten sie auf den flüchtenden Wagen. Neun Mal. Ohne Erfolg.

Es lag nicht daran, dass die Beamten schlecht schossen. Der Lkw der Schmuggler war ein ausrangierter Panzerspähwagen, gestohlen aus Beständen der belgischen Armee. Er konnte problemlos Büsche und Hecken niederwalzen und hatte schusssichere Reifen mit separaten Luftkammern. Nur wenige Tage später rollte der Wagen erneut über die Grenze. Diesmal feuerten die Zollbeamten 21 Mal - wieder vergebens.

Es waren diese "Kaffeepanzer", die eine neue Eskalation in einem Konflikt einleiteten, der seit 1946 besonders im Raum Aachen und der Eifel tobte und mal irrwitzige, mal dramatische Züge trug: Straff organisierte Schmugglerkolonnen schleusten tonnenweise Kaffee im Millionenwert am deutschen Fiskus vorbei. Ein ganzes Eifel-Dorf stand deswegen vor Gericht, ein Pfarrer schloss seine kriminellen Schäfchen ins Gebet ein, Kinderhorden stürmten die Grenze, vorbei an den fassungslosen Staatsdienern. Und doch blieb es nicht bei einem harmlosen Räuber- und-Gendarmen-Spiel. Denn schon bald gab es die ersten Toten - und Medien berichteten von der "Aachener Kaffeefront".

Lukratives Geschäft

"An manchen Stellen sind einfach Hunderte Jugendliche gleichzeitig mit ihren Kaffeesäcken über die Grenze gelaufen", erzählt Walter Pohl, heute Zollfahnder im Ruhestand. "Was sollten die Beamten machen? Sie konnten vielleicht zwei oder drei festhalten, der Rest war durch."

Die Gewinnspanne der Schmuggler war der deutsche Steuersatz - und mit zehn Mark pro Kilo ziemlich hoch: Ein Kilo Röstkaffee konnte in Belgien für etwa acht Mark eingekauft und in Deutschland für gut 16 Mark verkauft werden. "Ein Schmuggler konnte in einer Woche doppelt so viel verdienen wie ein Zollbeamter im Monat", sagt Pohl. Das war verlockend - auch für einige Zöllner, die sich bestechen ließen oder Kopien ihrer Dienstpläne verkauften.

Während unmittelbar nach dem Krieg viele Menschen aus Not und Existenzangst kleine Mengen schmuggelten, machte die Einführung der D-Mark 1948 das Geschäft so lukrativ, dass sich schon bald professionelle Banden bildeten. Der Handel mit Kaffee war lohnender als der mit Zigaretten. Allein die Hauptzollämter Aachen-Stadt und Aachen-Land beschlagnahmten zwischen 1946 und 1950 insgesamt 223.601 Kilogramm Kaffee.

Schmugglerjagd mit Wunderwaffe

Manche Großschmuggler befehligten Kolonnen von Kaffeeträgern, die jeweils 60 Pfund 20 Kilometer aus Belgien nach Deutschland schleppten. Andere wurden so reich, dass sie sich einen ganzen Fuhrpark mit schnellen Cadillacs oder Buicks zulegten, die den VWs der Zollbeamten regelmäßig davonfuhren.

Doch auch der Zoll rüstete im "Kaffeekrieg" auf. Als Zollfahnder Walter Pohl 1952 zur Verstärkung nach Aachen geschickt wurde, durfte er gleich zwei neue "Wunderwaffen" testen: Es waren ein roter und ein grüner Porsche - die einzigen, die jemals in der deutschen Zollfahndung eingesetzt wurden.

"Sie konnten bis zu 180 Stundenkilometer fahren", erzählt Pohl stolz, der später Sachgebietsleiter der Schmuggelbekämpfung wurde. "Unsere Fahrer waren ausgebildete Rennfahrer und hatten auf dem Nürburgring getestet. Kein Schmuggler war schneller." Fast wichtiger aber war eine Sonderkonstruktion. Die Wagen hatten vorne einen hydraulischen Stahlbesen, der in Sekundeschnelle auf die Straße gelassen werden konnte. Die "Besenporsche" konnten damit die spitzen und gefährlichen Krähenfüße wegfegen, die die Schmuggler auf die Straße warfen, um ihren Verfolgern die Reifen zu zerfetzen.

Radfahrer mit Elefantenfüßen

Obwohl die Stahlbesen die Wagen langsamer machten, auf Kopfsteinpflaster sogar Funken sprühten, und die Schmuggler die tiefergelegten Rennwagen gezielt auf unebenes Gelände lockten, feierte Pohls Team auch etliche Erfolge. So stellte er 1953 mit seinem Porsche ein als Rote-Kreuz-Wagen getarntes Schmugglerfahrzeug, das nach einer wilden Verfolgungsjagd in einen Graben kippte. Die Ladung: 28 Zentner Kaffee. Den flüchtigen Fahrer erwischte Pohls speziell auf Kaffeegeruch abgerichteter Schäferhund.

Manche Einsätze verliefen weit grotesker. "Da eierte nachts ein Radfahrer durch die Gegend", erzählt der heute 82-Jährige. "Kein Wunder: Der hatte Nylonstrümpfe an, in denen er zehn Kilo versteckt hatte. Die Bohnen waren beim Fahren nach unten gerutscht, der hatte richtige Elefantenfüße!"

Kreativität und Dummheit wechselten sich ab. Schmuggler fuhren Leichenwagen, versteckten den Kaffee in Benzintanks oder sogar in den Autoreifen, mit denen sie über die Grenze krochen. Kriegsveteranen stopften die Bohnen in ihre Prothesen, Bastler konstruierten Kinderwagen mit doppeltem Boden. Wer dennoch mehr als einmal erwischt wurde, musste drei Monate ins Gefängnis. Ein Schnellgericht in Aachen urteilte Hunderte solcher Fälle ab.

31 Tote, Hundert Schwerverletzte

Egal ob zum Eigenbedarf oder im großen Stil geschmuggelt wurde - ungefährlich war das nie. Die völlig überforderten Zollbeamten wurden zunehmend nervöser. Zwischen 1946 bis 1952 seien 31 Schmuggler und zwei Zöllner erschossen worden, behauptet der Aachener Lokalhistoriker und Journalist Wolfgang Trees in seinem Buch "Schmuggler, Zöllner und die Kaffeepanzer". Es habe zudem mehr als hundert Schwerverletzte auf beiden Seiten gegeben. "Oft trifft es Jugendliche, oft trifft es Schmuggler, die nur Bagatellmengen bei sich haben", schreibt der inzwischen verstorbene Trees, der sich jahrzehntelang mit dem Thema befasst hat.

Einige der Fälle belegt er in seinem Buch. So starb 1948 der 16-jährige Heinz Bertram an den Folgen eines Schulterschusses, der seine Schlagader anriss, 1951 wurde eine 36-jährige Frau erschossen - obwohl sie keine Schmuggelware bei sich hatte. Ein Jahr später tötete ein Zollbeamter einen 18-jährigen Pferdepfleger, der zwei Warnschüsse ignoriert hatte, mit einem Kopfschuss - bei sich trug er Schmuggelware im Wert von 60 Mark. Ein Gericht bescheinigte dem Todesschützen später, er habe "nach Dienstvorschrift" gehandelt. Als sich solche Vorfälle häuften, beschimpften wütende Aachener Bürger Zollbeamte als Mörder oder warfen mit Steinen auf Zollhäuser.

Mindestens ein Opfer gab es auch auf der anderen Seite. Im Eifeldorf Mützenich erschlug 1950 ein Kaffeeträger in Rage einen Zollbeamten - mit dessen eigenem Polizeistock.

85 Tonnen geschmuggelter Kaffee

Meist jedoch blieben die Schmuggler in Mützenich friedlich, und so wurde die kleine Ortschaft eher durch einen spektakulären Gerichtsprozess bekannt - mit 3000 Blatt Gerichtsakten "der gewaltigste Aktenberg seit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen", wie der SPIEGEL damals schrieb. Gegen mehr als 100 Dorfbewohner hatte die Staatsanwaltschaft ermittelt, Ende 1952 saßen 52 von ihnen auf der Anklagebank. Wegen des Verfahrens stieg sogar der lokale Fußballverein ab, weil es nicht mehr genügend Spieler gab.

Die Staatsanwaltschaft sprach von "intensiver Schmuggeltätigkeit nahezu der gesamten männlichen Jugend des Dorfes". Insgesamt seien in zwei Jahren 85 Tonnen Röstkaffee im Wert von einer Millionen Mark geschmuggelt worden - freilich "auch durch die Schuld dreier bestechlicher Grenzzollbeamter". Einer der Großschmuggler gab zu, in zwei Jahren 30.000 Mark verdient zu haben. Am Ende des Prozesses wurden 46 Angeklagte zu hohen Geldstrafen und bis zu zehn Monaten Haft verurteilt.

Manche wurden jedoch nie erwischt, wie Leni Jung aus Schmidt, einem Eifel-Dorf sechzig Kilometer von Mützenich entfernt. Bereut hat die heute 79-Jährige ihre krummen Geschäfte nie. "Als wir nach dem Krieg zurückkamen, war doch alles zerstört und zerschossen." Das Haus der Eltern stand nicht mehr. Zehnmal wurde das Dorf Schmidt während der erbitterten Schlacht im Hürtgenwald im Winter 1944 erobert und zurückerobert - nach dem Krieg war es so zerstört, dass viele Heimkehrer in provisorischen Bretterverschlägen hausen mussten.

Schmuggeln mit Gottes Segen

Für sie bot der Kaffee die Rettung. Als einzige Frau in ihrer Kolonne begann Leni Jung mit 18 Jahren mit dem Schmuggel. Mit dem Bus fuhr sie bis an die belgische Grenze, ging dann zu Fuß an den Stadtrand von Eupen und kehrte nachts mit 30 Pfund Kaffee auf dem Rücken zurück - nach einer stundenlangen Wanderung, quer durch den Wald, ohne Taschenlampe.

"Man musste robust sein, keine Angst haben und laufen und springen können", erzählt sie heute lachend. Nur einmal wurde sie erwischt, als ein Schäferhund des Zolls sie von hinten ansprang. Da ließ sie den Kaffeesack fallen - und konnte entkommen. In solchen Fällen unerwarteter Verluste teilten die Kolonnen ihre Beute brüderlich.

Von dem Geld kaufte sich Leni Jung Porzellan, Besteck, Bettwäsche - und spendete für die völlig zerstörte Kirche in Schmidt. Dafür nahm der Dorfpfarrer Josef Bayer "seine" Schmuggler in Predigten verklausuliert mit ins Gebet auf, als diejenigen, "die auch noch im Abendbereich tätig sind". Natürlich stammte längst nicht jede Spendenmark aus dem Schmuggel - aber im Volksmund hieß die grundrenovierte Kirche Sankt Hubertus später nur noch "Sankt Mokka".

Am Ende stoppten nicht Schüsse, drakonische Strafen oder Besenporsche solch bizarre Geschäfte - sondern ein schnöder fiskalischer Eingriff. 1953 senkte die Bundesrepublik die Kaffeesteuer drastisch auf vier Mark pro Kilo ab. Der Schmuggel brach bundesweit ein. Im Raum Aachen gingen in den folgenden Jahren eher Brillianten und Rauschgift über die Grenze.

Eine profitiert dennoch bis heute vom Kaffeeschmuggel: Die Kirche Sankt Hubertus vermarktet ihre Vergangenheit in Form von Tassen und Schirmmützen mit der Aufschrift "Sankt Mokka".

Zum Weiterlesen: Wolfgang Trees: Schmuggler, Zöllner und die Kaffeepanzer. Die wilden Nachkriegsjahre an der deutschen Westgrenze. Shaker-Verlag Herzogenrath.

Das Zollmuseum Friedrichs in Aachen-Horbach präsentiert zahlreiche Exponate aus der Schmuggelzeit. www.zollmuseum-friedrichs.de

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1.
Joachim Holstein, 07.09.2009
Man vergleiche den juristischen Umgang mit den "nach Dienstvorschrift" schießenden Grenzern an der (bundes-)deutschen Westgrenze mit dem Umgang mit denjenigen Grenzern, die an der Westgrenze der DDR Dienst hatten. Das wäre Stoff für die nächste Reportage.
2.
C.F. Romberg, 07.09.2009
wie verhältnismässig ist es wegen schmuggels auf bürger zu schiessen??? da zeigt sich noch der NS geist in der justiz und polizei... wer erwischt wird hat pech gehabt, wer davon kam hatte glück, aber auf flüchtende zu schiessen???
3.
Gero Hake, 08.09.2009
Deutsche Beamte dürfen sowas. Die dürfen ja auch zu acht in Notwehr einen verwirrten Studenten erschießen.
4.
Arthur Hons, 22.09.2009
Dodge-Pkw. 480312 der auf den Belgier Jupp Hons aus Petergensfeld zugelassen war ist mein Vater gewesen.
5.
Arthur Hons, 14.10.2009
> Dodge-Pkw. 480312 der auf den Belgier Jupp Hons aus Petergensfeld zugelassen war ist mein Vater gewesen.alles lügen
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