Flockenfotograf Wilson Bentley Eiskalt abgelichtet

Flockenfotograf Wilson Bentley: Eiskalt abgelichtet Fotos
snowflakebentley.com

Er rettete den Schnee von gestern: 1885 gelang Wilson Bentley die erste Aufnahme einer Schneeflocke, es war der Beginn einer Lebensaufgabe. Nachbarn und Wissenschaftler hielten den Farmerssohn für einen Spinner. Doch er fotografierte mehr als 5000 Flocken - und keine sieht aus wie die andere. Von

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Im Jahr 1910 hat Wilson Alwyn Bentley die Nase voll. Der Sohn eines Milchbauern aus Vermont hat keine Lust mehr, in seinem Heimatstädtchen Jericho als "Verrückter" verspottet zu werden. Oder als armer Junggeselle mit "einem Sprung in der Schüssel". Er will es den Einwohnern des verschlafenen Provinznestes zeigen. Sein Lebenswerk. Die Schönheit, die er mit seiner Fotokamera seit Jahrzehnten festhält.

Der freundliche Eigenbrötler, der auch mit Mitte vierzig in seinem Elternhaus lebt, organisiert einen Lichtbildvortrag in gemütlicher Runde. "Vielleicht sind die Menschen ja froh, endlich zu verstehen, was ich tue", denkt er sich. Am Abend der Vorführung ist Bentley aufgeregt. Er löscht das Licht und knipst vorsichtig die Scheinwerfer an. Tausendfach vergrößerte, zartgliedrige Kristallsterne erscheinen auf der Leinwand: Manche gleichen zerbrechlichen Schneeblumen, andere funkeln wie Diamanten. In ganz Jericho erstrahlte noch kein Raum in solch einem Glanz.

Aber gerade einmal sechs Leute kommen, keiner der Anwesenden zeigt besonderes Interesse. "Dabei kostete es noch nicht einmal Eintritt", sagt Wilson später in einem Interview. Seine Begeisterung für die Schönheit von Schneeflocken stößt nicht nur im ländlichen Jericho auf taube Ohren. Heute gelten seine über 5000 Schneeflockenfotografien zwar als Grundstein der experimentellen Schneekristallforschung. Doch bis der "Schneeflockenmann" in die Geschichte eingeht, vergehen Jahrzehnte der Demütigung und Ignoranz - auch durch Wissenschaftler.

Der kleine Willie im kalten Schuppen

Schon als Kind ist Wilson anders als die anderen Jungs aus Jericho, die sich gerne prügeln oder Fußball spielen. "Willie" hockt lieber mit dem Mikroskop seiner Mutter, einer Lehrerin, in der ungeheizten Scheune und beobachtet Wassertropfen, Insekten, Blüten. Monatelang. Am meisten faszinieren ihn Schneeflocken. Doch die geometrisch perfekten Kristalle verflüchtigen sich innerhalb weniger Minuten, selbst bei Minusgraden: "Jedes Mal, wenn eine Flocke verdunstete, dachte ich: Ihre Schönheit ist für immer dahin." Wilson will sie festhalten und beginnt Schneeflocken zu zeichnen. Doch die Skizzen machen ihn nicht glücklich: zu ungenau, nur ein fader Abglanz der atemberaubenden Konstruktionen der Natur.

Ein Fotoapparat mit Mikroobjektiv muss her. Wilsons Mutter unterstützt das ungewöhnliche Interesse ihres Zöglings und überredet den Vater zu der eigentlich viel zu teuren Investition. Nur widerwillig gibt der Farmer nach, verwundert über die merkwürdigen Ambitionen seines mittlerweile 17-jährigen Sohnes. Der ist überglücklich: Sein Leben lang wird er mit dieser einen Kamera arbeiten.

Die ersten Versuche, mit ihr eine Schneeflocke zu fotografieren, scheitern kläglich. Wilson ist untröstlich: "Da stand ich nun mit diesem sündhaft teuren Apparat, der mir so ungern gegeben wurde (…) und bekam nichts Besseres hin als ein paar verschwommene Bilder, so dunkel, dass sie praktisch wertlos waren." Weil Jericho meilenweit von der nächsten Stadt entfernt liegt, ist auch niemand da, der ihm seine Fehler erklärt. Der Winter geht vorüber - ohne eine einzige brauchbare Flocke auf Wilsons Fotofilm zu hinterlassen.

Zwei Jahre vergehen, bis es endlich passiert: Am 15. Januar 1885 gelingt Wilson die erste mikroskopische Aufnahme eines Schneekristalls. Nun ja, fast die erste. Zeitungsberichten zufolge soll bereits 1879 ein Naturwissenschaftler aus Ahrensburg mit Schneeflockenaufnahmen experimentiert haben. Doch so weit wie Wilson trieb es keiner: Bis zu seinem Tod knipst er 5381 der einzigartigen Schneekristalle.

Farmer, Fotograf und Freizeitgeologe

Wilson hat das Geheimnis der Flockenfotografie gelüftet: Er verwendet nun eine Blende mit sehr kleiner Öffnung, erhöht die Belichtungsdauer auf bis zu 100 Sekunden und erhält dadurch ein schärferes Bild. Weil die Flocken so schnell verdunsten, ist Wilsons Ausbeute am Anfang gering. Etwa ein Dutzend schafft er im Jahr, steigert sich 40 Jahre später bis auf über 60 am Tag. "Es ist eigentlich nicht besonders schwer", schreibt Bentley in seinen Aufzeichnungen 1922. "Aber man braucht eine gewisse Geduld."

Weil der Winter im Norden Vermonts oft von November bis Mai dauert, hat Wilson viel Zeit. Jedes Mal, wenn sich ein Schneeschauer ankündigt, stellt er sich in seinen dunklen Mantel gepackt und mit dicken Fäustlingen in das weiße Treiben und lässt die Flocken auf ein schwarzes Holztablett schneien. Er begutachtet sie mit bloßem Auge, wischt uninteressante Exemplare mit einer Truthahnfeder weg und lässt neue darauf rieseln. Überzeugt ihn eine Flocke, stampft er zügig in den Schuppen um sie abzulichten. Gleichzeitig studiert Wilson das Wetter. In seinem Logbuch hält er über Jahre hinweg genau fest, wie sich Schnee bei unterschiedlichen Temperaturen und Windstärken verhält.

Nebenher versorgt er gewissenhaft das Vieh des elterlichen Bauernhofs, spielt in seiner Freizeit Klarinette und Klavier. Die meiste Zeit verbringt er aber im eisig kalten Schuppen. Für eine Frau hat Wilson keine Zeit, auch Geld interessiert ihn nicht: "Ich bin kein reicher Mann", sagte er einmal. "Aber ich würde niemals mit Henry Ford oder John D. Rockefeller tauschen wollen. Ich habe meine Schneeflocken!"

13 Jahre lang arbeitet Bentley im Stillen, bis sich ein Wissenschaftler für den "Schneeflockenmann" interessiert. Professor George Perkins kauft ein paar Flockenfotos für sein Seminar an der Universität von Vermont und hilft Wilson 1898, seinen ersten Artikel in einer Fachzeitschrift für Meteorologie zu veröffentlichen. Kopien einiger Fotos werden in Wissenschaftsmagazinen gedruckt. Die Aufnahmen gelangen bis nach Europa.

Später Ruhm, späte Erkenntnis

Doch von einem Ansehen als Wissenschaftler ist Bentley weit entfernt. Kein Meteorologe würdigt die minutiös niedergeschriebenen Wetterstudien des Farmers. Wilson selbst war auf keiner Hochschule. Er fühlt sich den Forschern nicht gewachsen, verliert jedoch nie seinen Enthusiasmus. Wenn die Wissenschaft nichts von ihm wissen will, dann vielleicht eine weniger versperrte Leserschaft. Seine geradezu poetischen Abhandlungen über Schnee veröffentlicht er in Magazinen wie "Country Life", "National Geographic" und dem " New York Times Magazine". Er bekommt Anfragen von Juwelieren und der Textilindustrie, die die hübschen Schneeflockenmuster vermarkten wollen.

Doch Bentleys Kristalle sind mehr als nette Vorlagen für Anstecknadeln und Stoffmuster. Noch heute begeistern sich Schneeforscher für sein Schaffen. "Er hat seine Arbeit so gut gemacht, dass sich hundert Jahre lang kaum jemand die Mühe gemacht hat, Schneeflocken zu fotografieren", sagt der Physiker Kenneth Libbrecht vom California Institute of Technology. Die mittlerweile sprichwörtliche Vermutung, dass keine Schneeflocke der anderen gleiche, stammt von dem Farmersohn aus Vermont. Schneekristallexperte Libbrecht bestätigt das: Auch wenn manche Flocken sich ähneln - auf atomarer Ebene unterscheiden sich alle. Auch Meteorologen, Kernphysiker und Mathematiker arbeiteten lange mit Bentleys Mikroskopieaufnahmen. Die Entschlüsselung von Schneekristallen lässt sich auf das Kristallwachstum allgemein übertragen. Deshalb sind Schneeflocken wichtige Datenlieferanten, etwa in der Materialforschung, oder um Lawinen vorherzusagen.

Im November 1931 veröffentlicht Wilson sein Buch "Snow Crystals" - sein Lebenswerk. Einen Monat später zieht er sich auf dem Nachhauseweg durch einen Schneesturm eine Lungenentzündung zu. Sein Neffe und dessen Frau, die mit dem 66-Jährigen unter einem Dach wohnen, wollen einen Arzt rufen. Bentley winkt ab: Er sei sein ganzes Leben alleine klargekommen, das werde sich auch nun nicht ändern. Er stirbt einen Tag vor Weihnachten.

In den Nachrufen überschlagen sich die Kritiker mit Lob: Vor allem das örtliche Lokalblatt preist Bentleys "unendlich sorgfältiges Genie". Ein Kolumnist aus Wilsons Heimat schreibt, die "Genialität ist eine überlege Art des Beobachtens", die nur Bentley zueigen gewesen sei.

Endlich erkennen auch die Leute aus Jericho, was in dem "Spinner im Schuppen" steckte. Zwanzig Jahre nach Wilson "Snowflake" Bentleys Versuch, ihnen seine Leidenschaft zu erklären.

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1.
Frank Schmager 18.01.2013
Hallo Fabienne, Ich duzte Dich jetzt einfach mal. Wie wäre es den den koppletten Artikel als PDF mitanzubieten, inclusive der Fotos? Oder ist das hier nicht so vorgesehen? Einfach weil man dann nicht jedes Foto einzeln ablegen muss und den Artikel dazu auch direkt parat hat, in einer Datei. Ansonsten ist er sehr ansprechend geschrieben. Man fragt sich nur was alles auf den vielen Fotos zu sehen sein mag. Gruss aloesfrank
2.
Jens Schuetz 21.01.2013
Zitat Bild 10 Unterschiede auf atomarer Ebene: Zwar veröffentlichte die Schneeforscherin Nancy Knight 1988 die Bilder zweier offenbar völlig identischer Schneeflocken. Forscher stützen jedoch Bentleys These: Auch wenn Flocken augenscheinlich gleich aussähen, die Atome seien immer anders angeordnet. Zitat Ende Wirklich anders angeordnete Atome, also nicht mehr H2O? Oder sind nur die Molekuele zueinander in verschiedenen Positionen? Danke schonmal.
3.
Andreas Hopf 19.01.2013
Kenneth G. Libbrecht hat an Wilson Bentleys Forschung angeknüpft und ist der wissenschaftliche Guru all derer, die sich mit der Kristallforschung beschäftigen. Er hat viele Bücher mit extrem detaillierten Fotografien veröffentlicht und eine Webseite mit Erklärungen, die auch nicht-Wissenschaftlern viele Einblicke gewähren: http://www.its.caltech.edu/~atomic/snowcrystals/
4.
Kurt Diedrich 19.01.2013
Wunderschöne Fotos - aber was ich mich immer schon frage: 1) Woher kommt die 60-Grad-Radialsymmetrie ? Das muss doch irgend etwas mit den von den Wassermolekülen ausgehenden, atomaren Anziehungskräften zu tun haben? 2) Woher "weiß" zum Beispiel das Atom links unten, dass es sich genau so anordnen muss wie das Atom rechts oben, das für atomare Größenverhältnisse ja schon irre weit entfernt ist?
5.
Frank Schmager 01.02.2013
Ich habe mir die Bilder dort einmal angeschaut, die sind echt sehr gut. Ich werde mir über kurz oder lang mal ein Buch darüber zulegen, mit Vielleicht noch mehr Bildern. Zu diesem Thema fällt mir noch ein Zitat aus meiner Jugend ein, das bezog sich damit zwar auf eine Kastanie aber ich finde es zur Schneeflocke etwas passender, "Das ist etwas das der Ingenieur nicht bauen kann" Oder vielleicht nur unter erschwerten Bedingungen. Eine Kastanie kann man mittlerweile wohl mit einem 3D Drucker nachbilden, innere Organe sogar auch schon. Wann kommt wohl der erste Winter in dem wir uns diese künstlichen Schneeflocken bauen müssen? Ich hoffe nie!!!
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