Schneekatastrophe 1978 Gefangen im Reich aus Eis und Schnee

Plötzlich kam der Winter - mit voller Wucht. 1978 begrub meterhoher Schnee fast ganz Norddeutschland unter sich. Fotograf Kai Greiser erlebte die Katastrophe vom Hubschrauber aus: Er machte spektakuläre Aufnahmen des einzigartigen Naturschauspiels.

Von

Kai Greiser

Ein lautes "Buff", blaue Qualmwolken - und der Ölofen ist aus. Sein Rohr führt durch die untere Scheibe des einzigen Fensters einer Altländer Apfelscheune in Grünendeich nahe Hamburg, in der ich seit einem Jahr meinen englischen Gaffelkutter ausbaue. Das Ofenrohr mündet unter einem Vordach, unter dem sich ein böiger Ostwind fängt, der ununterbrochen Schnee vor sich hertreibt, und meinen Ofen ausbläst.

Weltabgeschieden, umgeben von Apfelkisten, will ich am Ende des Jahres 1978 zwischen Weihnachten und Neujahr an meinem kleinen Kutter werken. Nun lässt mich der plötzlich einsetzende, eiskalte Oststurm frieren. Und draußen vorm Scheunentor türmen sich Schneewehen. Aus meinen Überlegungen, wie ich das Ofenrohr verlegen könnte, reißt mich Christiane Gehner. Sie ist Bildredakteurin beim Magazin "Geo", und ich bin mit meinem Schiff geduldeter Gast auf ihrem gemieteten Resthof.

Vor lauter Wind und Schnee bekommt sie das Scheunentor nur noch mit Mühe auf. An der Ostsee stürzten durch Sturm und Hochwasser Steilufer ein, Deiche brechen, sagt sie mir, als sie es doch geschafft hat und bei mir drinnen hockt. "Geo plant eine Geschichte über Küstenschutz. Frag' doch mal den Helikopter-Service Wasserthal in Hamburg, ob er dich fliegt. Wir könnten Fotos davon gebrauchen." Sie gibt mir eine Telefonnummer.

Mit der Schippe gegen Schneewehen

Auf den Frontantrieb meines kleinen Fiat Rallye vertrauend, der mich bisher immer aus hohem Schnee herausgezogen hat, komme ich gerade noch vom Hof - aber dann nicht mehr besonders weit. Quer über die Straße nach Finkenwerder, direkt hinterm Deich entlang, über den der Oststurm Schnee treibt wie über einen Schneefangzaun, türmen sich zungenförmige Schneewehen von fast unüberwindlicher Höhe. Umfahren geht nicht. Sie reichen bis zu den Gräben auf der anderen Seite. Außer mir ist niemand unterwegs. Kein Konvoi, hinter den ich mich hängen könnte. Kein Trecker, der mir hilft.

Vorsorglich habe ich eine Schaufel eingepackt. Jetzt heißt es schippen, dann mit Anlauf und schneefräsenden Vorderrädern von einer aufstiebenden Schneewehe zur nächsten. Nach über zweieinhalb Stunden schweißtreibender Schaufelei für eine Strecke, die ich sonst in zwanzig Minuten fahre, erreiche ich Finkenwerder. Von hier bis in die Hamburger Innenstadt gibt es halbwegs geräumte Straßen. Ich rufe Wasserthal an und bekomme einen Flugtermin am nächsten Tag, an Silvester.

Bei meinem Filmlieferanten gibt es am Wochenende, kurz vor Geschäfts- und Jahresschluss, nur noch Schwarzweißfilme, Farbfilme sind aus. Für den SPIEGEL, für den ich seit zehn Jahren als freier Fotograf arbeite, reicht das, der wird noch schwarzweiß gedruckt. Doch für "Geo" brauche ich Farbe! Alle Geschäfte sind schon geschlossen. Erst nach verzweifeltem Rundruf hilft mir ein befreundeter Fotograf mit 20 Farbfilmen aus.

Sibirien in Schleswig-Holstein

Während es in Hamburg ununterbrochen schneit, wird in den Nachrichten von steckengebliebenen Lastwagen auf der Autobahn A7 zwischen Schleswig und Flensburg, einem eingeschneiten Zug in Braderup an der dänischen Grenze und einem gekenterten Ausflugsdampfer in der Ostsee berichtet. Silvestermorgen habe ich Mühe, mein Auto in den eingeschneiten Blechlawinen vor meiner Haustür im Hamburger Stadtteil Eppendorf wiederzufinden und auszugraben. Das dauert. Zum Glück ist es zum Flughafen nicht weit. Vor dem Hubschrauber treffe ich auf dem notdürftig geräumten Flugfeld ein Filmteam vom ZDF, das auch mitfliegen will.

Firmenchef Wasserthal ist gerade mit dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg (CDU) unterwegs, mit an Bord soll auch ein Fotograf des "Stern" sein. Also fliegt uns einer seiner Leute, ein früherer Bundeswehr-Pilot. Auf dessen Frage "Wohin?" reagiert das Fernsehteam noch unschlüssig, also schlage ich "die Ostseeküste hoch" für den Hinflug vor, mit den einstürzenden Steilküsten und dem gekenterten Ausflugsdampfer bei Damp. Zurück dann über die Bahnlinie und die blockierte A7. Nachdem wir alle einen Helm mit Kopfhörern und flexiblem Mikrofon zur Verständigung im infernalischen Motor- und Rotorgedröhn übergestülpt haben, starten wir in einen schwarzgrauen Winterhimmel.

Schon kurz hinter Hamburg erstreckt sich unter uns eine kaum strukturierte weiße Wüste, die immer wieder unter dichten Schneeschauern verschwindet. Ab und zu ragen Kirchtürme wie Baken aus dem Schneemeer. Einzelne Gehöfte, zu denen keine Straßen mehr führen, verlieren sich wie Inseln darin. Diese unendlich weiße Weite vor Augen, denke ich unwillkürlich an Sibirien. Als der Himmel für Sekunden aufreißt, wechsele ich sofort vom Teleobjektiv - für den Blick auf eingeschneite Orte und Gehöfte - auf das Weitwinkel und beziehe Horizont und dramatischen Himmel mit ein.

Schweißgebadet im Eiszug

Ich fotografiere mit zwei Leicas durch ein offenes Fenster, durch das es eisig zieht. Eine Kamera ist mit Farbfilm für Dias, die andere mit Schwarzweiß-Negativfilm geladen. Je nach Motiven, die unter mir in Sekundenschnelle vorbeiziehen, wechsele ich ununterbrochen Objektive und Kameras und muss ständig mit klammen Fingern Filme nachladen. Die Anstrengung und Konzentration ist so groß, dass mir Schweiß von der Stirn rinnt und die Okulare beschlagen.

Dann erreichen wir die Küste. In der Eckernförder Bucht sind Steilufer unterspült und eingebrochen. In Damp hat das Hochwasser den mit gefrorener Gischt überzogenen Ausflugdampfer "Aphrodite" über die Pier gehoben und der auflandige Sturm das mit Eis überzogene, toplastige Schiff anschließend zum Kentern gebracht. Zwischen Schleimünde und Oehe reißt die Brandung große Lücken in den Deich, und bei Falshöft überzieht gefrierende Brandungsgischt Häuser und Wohnwagen am Strand mit Eispanzern wie mit dickem Zuckerguss.

Auf dem Rückflug landeinwärts winken Einwohner von eingeschlossenen Orten zu uns herauf. Ihre Spuren gehen über Schneewehen hinweg, die sich meterhoch zwischen ihren Häusern gebildet haben und auch die Straßen blockieren. Auf den Straßen sind Milchwagen, Trecker und Lieferwagen eingeschneit. Selbst Schneeräumfahrzeuge blieben stecken. In den stärker werdenden Schneeböen findet unser Pilot weder Bahnlinie noch Autobahn. Als die Sicht in der Nähe von Hochspannungsleitungen nur noch wenige Meter beträgt, entschließt er sich zur Notlandung auf einem freigewehten Acker vor der Eckernförder Bucht. Erst nach Durchzug der dicksten Schneewolken können wir wieder starten und erreichen mit dem letzten Sprit den Flugplatz Kiel-Holtenau zum Nachtanken.

"Wir müssen 'runter!"

Zurück in Hamburg buche ich sofort einen zusätzlichen Flugtermin für den nächsten Tag, gleich nach Sonnenaufgang - mir fehlen noch Bilder von dem eingeschneiten D-Zug und vom Chaos auf der Autobahn. Am Neujahrsmorgen hat sich der Schneesturm etwas beruhigt und durch Wolkenlücken scheint manchmal die Sonne. Auch das ZDF-Team fliegt wieder mit. Die Sicht ist diesmal gut. Die tief stehende Wintersonne macht am Boden Strukturen einer unter Schnee erstarrten Welt sichtbar, die der Oststurm auf bizarre Weise modelliert hat. Vier Tage lang trieb er mit hoher Geschwindigkeit Schneemassen vor sich her, die hinter jedem Hindernis verwirbelten und sich im Unterdruck der windabgewandten Seite stromlinienförmig ablagerten. Hinter einem Haus in exponierter Lage bildete sich auf diese Weise eine gewaltige Schneezunge, die vom Schornstein bis in den Obstgarten reicht. Eine Gruppe von eingeschneiten Lastwagen wirkt auf mich wie eine Skulptur, die diese urplötzliche Gewalt verkörperte.

Schließlich finden wir auch den von Schneemassen blockierten Zug und die eingeschneiten Autos und Lastwagen auf der Autobahn. Unser Pilot fliegt die Szene nach Vorschrift an: ziemlich hoch mit Sonne und Wind im Rücken. Während ich versuche, mit unterschiedlichen Brennweiten die Dramatik einzufangen, wird mir mit jeder Aufnahmesequenz bewusster, dass es mir so nicht gelingt. Die eingeschneiten Autos sind kaum zu erkennen. Von hier oben sieht es so aus, als wäre eine Katze mit dreckigen Pfoten über ein weißes Bettlaken getapst. Im Höllenlärm des Rotors brülle ich ins Helmmikrofon "Wir müssen 'runter - 'runter!" Pilot: "Darf ich nicht." Erst mein Argument "Is' doch'n Katastropheneinsatz!" überzeugt ihn.

In etwa 25 Meter Höhe werden die Motive deutlicher, erkennen wir auch Panzer der Bundeswehr, die sich mühsam an die Eingeschlossenen heranarbeiten. Aber das Licht ist zu flach, der Schnee zu konturlos. Während ich fieberhaft Filme und Objektive wechsele, treiben wir über das Geschehen hinweg. "Ich muss zurück! Zurück, ich brauche Gegenlicht!" - "Für einen neuen Anflugbogen haben wir nicht genug Sprit!" - "Kannst du nicht rückwärts fliegen?" - "Dabei kann die Laminarströmung abreißen. Wir könnten abstürzen!" - "Im Kampfeinsatz macht ihr das doch auch!"

Versunkene Autos im Gegenlicht

Ein schepperndes Vibrieren geht durch den Hubschrauber. Nach kurzer Zeit stehen wir so über der Autobahn, dass sich eine Zentralperspektive im modellierenden Gegenlicht ergibt, die die dramatische Situation der versunkenen Autos in den Schneewellen deutlich macht. Ich belichte dieses Motiv alternativ noch eine Blende unter bevor wir endgültig abdrehen und weiß, dass ich die Szene der Schneekatastrophe im Kasten habe.

Bei unserer Rückkehr drängelt sich die gesamte Hamburger Fotografenschar auf dem Flugfeld, aber für die Kollegen gibt es jetzt nur noch kurze Rundflüge, die kaum über das Hamburger Stadtgebiet hinausgehen. Dass ich meine Fotoausbeute aus rund 30 belichteten Filmen ganz exklusiv habe, erfahre ich erst später, als neben "Geo" und SPIEGEL auch der "Stern" anfragt, der das Autobahnmotiv auf der Titelseite druckt - der Hubschrauber mit Landesvater Stoltenberg und dem "Stern"-Fotografen an Bord hatte notlanden müssen.



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Dennis Winckler, 25.12.2008
1.
Auf dem Stern Titelbild (Bild 17) sehen die zwei Personen sehr verdächtig nach den Personen auf Bild 8 aus. Zumal Bild 1 das Titelbild ohne diese Personen zeigt. Schade, denn eigentlich finde ich die Szenerie auch ohne diese Manipulation sehr dramatisch. Mit freundlichen Grüßen, Dennis Winckler
Wolfgang Blankschein, 26.12.2008
2.
Beeindruckende Bilder von winterlichsten Wetterlagen in Norddeutschland, an die ich mich persönlich noch gut erinnern kann. Gerade las ich unter dem Stcihwort "Schneekatastrophe in Norddeutschland 1978" unter wikipedia nach, dass der Beginn des Schneetreibens dort auf den 28.12. datiert ist. Nun, ich habe den Auftakt früher in Erinnerung: Am 22.12., jedenfalls noch vor Weihnachten, saß ich nachmittags im Phil-Turm der Uni Hamburg im 10. Stock; hier erlebte ich mein letztes Semester vor Beginn des Staatsexamens. Unter den Teilnehmern des philosophischen Seminars verbreitete sich eine gemütliche vorweihnachtliche Stimmung; denn seit dem frühen Nachmittag fielen ununterbrochen große Schneeflocken vom Himmel und unsere Augen waren häufig auf die Fenster gerichtet. Unmittelbar nach Kursende fuhr ich mit meinem Pkw von der Uni zum Horner Teller, die Autobahn in Richtung Lübeck war jedoch schon kurz vor 17 Uhr vollständig gesperrt. Also begab ich mich kurzerhand Richtung Hauptbahnhof, parkte mein Pkw in der Nähe und fuhr mit dem Zug zurück nach Lübeck, meinem damaligen Wohnort. Auch im Zug herrschte eine ungewöhnliche Stimmung angesichts des Schneetreibens draußen. Am Abend konnte ich dann erfahren, dass ich den allerletzten Zug nach Lübeck gerade noch erreicht hatte, die Bahnstrecke wurde - wie die Autobahn - ebenfalls vollständig gesperrt. An einem Weihnachtsfeiertag konnte ich dann mein Auto nach Hause zurückfuhren, auf beiden Seiten der A1 türmte sich der geräumte Schnee meterhoch. Diesen Winter werde ich nie vergessen. Nahezu ununterbrochen lag der Schnee bis fast Ende Februar, in meiner Küche waren die Scheiben (auf dem Hausdach) ständig weiß bedeckt. Im Zentrum Hamburgs waren fast immer Langskiläufer unterwegs, z.B. direkt an der Rothenbaumchaussee. In Lübeck konnte man auf der gefrorenen Wakenitz kilometerweit in nahezu verzauberter Winterlandschaft laufen. - Schade, dass wir den Winter in Norddeutschland nicht mehr erleben können! Wolfgang Blankschein
Nils v. d. Heyde, 26.12.2008
3.
Oh je: Schnee von gestern!
Lutz Grenzer, 28.12.2008
4.
Ich erlebte die Schneekatastrophe in Heide an der Westküste. Zu Weihnachten war es bei uns noch grün und danach gab es einen Temperatursturz und stürmischen Ostwind. Der Schnee machte Heide zur Endstation für die Züge, LKWs und PKWs kamen nicht mehr durch. Die Supermarktregale leerten sich langsam und meine Freunde und ich versorgten die Bewohner eines Altenwohnheims mit Lebensmitteln. Wir gingen von Tür zu Tür und sammelten die Wünsche für die Einkäufe ein und die Eltern bekamen eine Sondererlaubnis und fuhren mit viel Mühe durch die Stadt, um die gewünschten Lebensmittel auch zu bekommen. Der Schnee war ein Riesenproblem: Wege, für die man quer duch unsere Siedlung 3 Minuten brauchte, wurden zu 30 Minuten-Märschen durch die Schneewehen. Im Nachhinein fällt mir auf, dass dabei alle einander vertrauten, den Rentnern ihr Geld nicht veruntreut wurde und wir als Jugendliche in dieser Zeit etwas wirklich Sinnvolles taten. Dafür ließen wir uns dann abends den warmen Tee schmecken, wenn der Wind um die Häuser blies und neuen Schnee mitbrachte.
Wolfgang Blankschein, 28.12.2008
5.
Wer heute noch Heines deutsche Wintermärchen sucht, muss schon (fast) bis nach Süddeutschland reisen. - Kultur- oder Klimakatastrophe?
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