Schneekatastrophe 1979 Das Winter-Wunderkind

Jahrhundertwinter 1979, Rügen ist von der Außenwelt abgeschnitten. Hubschrauberpilot Lutz Weibezahl erhält den Befehl, eine Hochschwangere in Lebensgefahr auszufliegen. Dreißig Jahre später erinnert er sich an die dramatische Aktion - und an das unbeschreibliche Gefühl, ein Kind zu retten.

Von

Lutz Weibezahl

In den letzten Tagen des Jahres 1978 braute sich über der Ostseeküste eine extreme Wettersituation zusammen. Starker Schneefall, strenge Kälte und Sturm aus Osten hielten die Insel Rügen im Griff. Meterhohe Schneeverwehungen sorgten für Stromausfälle, Bahnlinien wurden unpassierbar, der Straßenverkehr kam zum Erliegen.

Ich war damals 37 Jahre alt und diente als Pilot beim Marinehubschraubergeschwader der DDR-Streitkräfte in Stralsund-Parow, wo ich Stellvertreter des Kommandeurs und für die fliegerische Ausbildung zuständig war. Ausgerüstet war das Geschwader mit Hubschraubern sowjetischer Bauart vom Typ Mi-8 und Mi-14.

Am Silvesterabend war es in Stralsund noch ruhig, aber es schneite und man spürte, dass der Schneefall zunahm. Meine Frau und ich wollten das neue Jahr gemeinsam mit meinem Geschwaderkommandeur und seiner Frau begrüßen, doch es kam so gar keine rechte Stimmung auf. Der Chef wurde im Verlauf des Abends mehrfach ans Telefon gerufen, es bahnte sich etwas an. Nachdem wir zuerst auf den Sekt verzichteten und zu Mineralwasser übergegangen waren, machten meine Frau und ich uns frühzeitig zu Fuß auf den Nachhauseweg. Es war bereits ein Marsch unter Extrembedingungen, bei heftigem Wind und Schneetreiben. Jetzt schwante uns Schlimmes.

"Bereiten Sie Rettungsflüge vor"

Am Neujahrstag war ich früh auf den Beinen und machte mich mit Kommandeur Günther Leithold und meinem Copiloten Manfred Arndt auf den Weg zum Flugplatz. Aber schon am Stadtrand standen wir vor Schneewehen, die doppelt so hoch waren wie wir selbst. Ich glaube, in diesem Moment stand uns zum ersten Mal das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Leithold und ich hatten gemeinsam vier Jahre in der Sowjetunion studiert und kannten die russischen Winter. Aber so etwas hatten wir selbst dort nie erlebt.

Wir wichen auf die Felder aus. Unterwegs konnten wir kaum sprechen, der Sturm nahm uns den Atem und der Schnee peitschte uns wie Nadelstiche ins Gesicht. Jeder bemühte sich, gegen den Wind gestemmt und eingeschneit wie ein Schneemann, voranzukommen. Als wir im Geschwader ankamen, waren wir fix und fertig. Doch zum Ausruhen blieb keine Zeit. Das diensthabende Personal war froh, dass der Kommandeur und sein Stellvertreter nun vor Ort waren.

Um die Befehlslage war der Kommandeur nicht zu beneiden. "Bereiten Sie Rettungsflüge vor", lautete die sinngemäß, "die endgültige Entscheidung treffen Sie unter Berücksichtigung der konkreten Bedingungen." Ob ein Flug gewagt würde, lag also allein in seiner Hand. Unermüdlich schippten draußen die Mannschaften gegen immer neuen Schnee an, um die bis zu zwei Meter hoch eingeschneiten Hubschrauber freizuschaufeln. Beheizte Hallen für die Maschinen gab es nicht. Ich bekam mit Fregattenkapitän Arndt als Copilot die Aufgabe, mich für Nachteinsätze in den nächsten Tagen bereitzuhalten. Wir beide gehörten zu den Älteren unter den Piloten, und unsere Erfahrung sollte das Risiko minimieren, dass jeder eingeht, der sich nachts mit einem Hubschrauber bei derartigem Wetter in die Luft wagt.

Landeanflug als Gefühlssache

Und die Nacht des 1. Januar 1979 hatte es für uns noch in sich. In den ersten Abendstunden, es war bereits stockdunkel und nur das Schneetreiben machte die Nacht gespenstisch hellgrau, kam für mich der erste Einsatz. Der Start inmitten des hohen, pulvrigen Schnees wurde zur echten Herausforderung; ich konzentrierte mich darauf, den Hubschrauber gerade nach oben zu bringen, die ersten zehn Meter komplett ohne Sicht. Mit größerer Höhe konnte ich etwas besser sehen. Aber dann die nächste Überraschung: Ganz Rügen lag im Dunkeln. Bei Nachtsichtflug orientierten wir uns sonst an den Lichtern der Ortschaften, jetzt mussten wir unseren Kurs nach Zeit fliegen und darauf vertrauen, dass unsere Helfer am Boden den Landeplatz mit Feuern markiert hatten.

Sie hatten! Ein kleines Karree war mit Feuern beleuchtet. Aber war es auch hindernisfrei? Stehen hier Bäume, Schilder, zugeschneite Barrieren? Fliegen, so sagen die Piloten, ist Landen, und Landen ist Sehen. Und das war für uns beim Anflug in zehn bis 15 Metern Höhe vorbei, das Einschweben wurde zur Gefühlssache - Meter für Meter, nach dem Funkhöhenmesser angesagt. Dann setzte der Hubschrauber auf. Wir waren unten. Doch wie oft würde sich diese riskante Start- und Landesituation in dieser Nacht noch wiederholen?

Als wir wieder in der Luft waren, steuerten wir Stralsund an. Jetzt noch einmal die Spannung der Landung, diesmal direkt am Krankenhaus. Mehrere Krankenwagen standen bereit. Für Verabschiedungen oder Gespräche mit unseren Passagieren - zumeist Frauen - blieb keine Zeit. Wie werden sie sich gefühlt haben? Hatten Sie Angst? Oder hatten sie Vertrauen in unsere Flugkünste, auch im Sturm von Eis und Schnee?

Nächtliches Drama auf Rügen

Eine direkte Antwort auf diese Frage habe ich nur einmal bekommen. Von Rotraud Hoge, die in dieser Nacht vom 1. zum 2. Januar 1979 mit mir geflogen ist.

Während wir uns eine Ruhepause nahmen, erwartete auf einem abgelegenen Gehöft bei Putbus auf Rügen eine junge Frau ihr erstes Kind. Es war eine komplizierte Entbindung, bereits den dritten Tag kämpfte die 25-Jährige unter dramatischen Umständen mit der Geburt. Was die Frau erlitten hat und wie viele Menschen sich für sie einsetzten, sich nicht schonten, um ihr und ihrem ungeborenen Kind das Leben zu retten, sollten wir Flieger erst später erfahren.

Für uns begann dieser denkwürdige Einsatz in den frühen Morgenstunden des 2. Januar mit einem Alarmruf. "Transport einer Schwangeren in Lebensgefahr von Putbus nach Stralsund", hieß der Befehl. Das Wetter war unverändert, also starteten wir wieder nach Gefühl, Kurs Putbus. Unser Ziel: Ein Sportplatz, umgeben von einem Park. Ein einzelnes Licht konnten wir ausmachen. Autoscheinwerfer? War es das Fahrzeug, welches zum Landeplatz unterwegs war? In einer Schleife umflogen wir den improvisierten Landeplatz und begannen den Sinkflug. Unsere Scheinwerfer beleuchteten die Baumwipfel. Aber wo genau sollten wir landen?

Sprung in den Schnee

Dann tauchte eine Lichterkette auf: Männer mit Fackeln hatten den Sportplatz erreicht und markierten eine Fläche, auf der wir runtergehen sollten. Erstes Aufatmen bei uns im Cockpit - gut gemacht, Männer! Dann das letzte Stück des Anfluges. Mit geringer Geschwindigkeit, aber immer noch in 40 bis 50 Metern Höhe näherten wir uns dem Landeplatz. Alles, was ich jetzt am Steuerknüppel tat, geschah auf Kommando von Copilot Manfred Arndt: Jeder Meter vorwärts und jeder Meter tiefer wurde von ihm angesagt - hochkonzentrierte Arbeitsteilung im Cockpit. Die hohen Bäume sahen im Schneetreiben gefährlich nah aus.

Dann kam es dicke. Die Rotorblätter wirbelten den frischen Schnee auf und die Sicht war weg. Die letzten paar Meter dauerten eine Ewigkeit, dann sackte der Rumpf des Hubschraubers in den Schnee, wir standen. Vom Fahrwerk war nichts zu sehen - wir hatten im hohen Schnee mit dem Rumpf aufgesetzt. Der Bordtechniker sprang aus der Maschine und stand sofort bis zu den Oberschenkeln im Schnee. Die stöhnende Schwangere wurde an Bord gehoben, einige Begleiter stiegen zu - und schon hoben wir wieder ab, Richtung Stralsunder Krankenhaus.

Dort kam noch am gleichen Tag per Kaiserschnitt die kleine Bettina zur Welt, Mutter und Kind waren den Umständen entsprechend wohlauf.

Die "Tochter des Geschwaders"

Für mich und meine Mannschaft folgten noch drei weitere Tage mit zahlreichen Rettungsflügen, zumeist nachts. Danach wurde es ruhiger und wir hatten Zeit zum Nachdenken. Ich hatte in dieser kurzen Zeit so viel erlebt, doch eines ging mir nicht aus dem Sinn: Wie geht es dem Baby und der Mutter vom 2. Januar?

So standen wir nach einigen Tagen mit Blumen, in einem weißen Kittel und mit klopfendem Herzen im Krankenhaus. Als ich die glückliche Rotraud Hoge mit ihrem Baby sah, war ich sehr stolz.

Noch im gleichen Jahr beschlossen die Angehörigen unseres Geschwaders, die kleine Bettina zur "Tochter des Geschwaders" zu ernennen. Mit der Ehrenpatenschaft wollten wird den vielen Helfern ein lebendiges Denkmal setzen. Von da an war Bettina bei besonderen Anlässen Ehrengast bei uns, und es verging kein Kindergeburtstag ohne Besuch aus dem Geschwader. Wir haben ihren Lebensweg bis zur Auflösung des Geschwaders mit der deutschen Einheit 1990 begleitet. Auch danach haben meine Kameraden aus Stralsund den Kontakt gehalten. Heute ist unsere kleine Bettina eine 30-jährige junge Dame.

PS: Niemand ahnte Anfang Januar 1979, dass es uns alle wenige Wochen später noch schlimmer treffen sollte als zum Jahreswechsel. Nie werde ich vergessen, wie unser Meteorologe die Wetterkarte mit den Aussichten für den 14. Februar auf den Tisch legte und wortlos jene vom 1. Januar daneben. Sie sahen identisch aus. Und so gäbe es da glatt noch die eine oder eine Geschichte zu berichten. Etwa wie unser Geschwader mit vier Hubschraubern während der zweiten Schneekatastrophe 100.000 Hühnerküken ausflog, um den späteren Brathähnchen - zumindest zunächst - das Leben zu retten.



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insgesamt 8 Beiträge
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Christoph Zieger, 02.02.2009
1.
...letztlich waren das aber alles Grenztruppen, die die Menschen in der DDR eingesperrt haben und einem verbrecherischen Regime aufopferungsvoll gedient haben!! Sa sollte man bei dieser "Heldengeschichte" nicht vergessen. Hauptauftrag war Grenzsicherung und nicht der Bevölkerung zu dienen!!
Michael Möller, 03.02.2009
2.
Herr Zieger, Sie verallgemeinern da aber gehörig. Sie behaupten ja im Prinzip, dass alle Angehörigen der DDR-Streitkräfte Grenztuppen waren. Das Marinehubschraubergeschwader war kein Bestandteil der Grenztruppen. Sicher, der Auftrag der DDR-Streitkräfte war die Verteidigung des Staates, wie es auch der Auftrag der Bundeswehr ist. Und damals gab es halt zwei deutsche Staaten. Warum und wieso ist wohl jedem klar. Und bevor sie die Soldaten der Grenztuppen so pauschal beurteilen, sollten sie bedenken, dass der Dienst bei den Grenztruppen nicht freiwillig war. Man wurde einberufen. Wie viele Soldaten im Ernstfall trotz angedrohter Repressalien(Das Militärgefängnis Schwedt war berüchtigt, laut allgemeiner meinung "kam da niemand geistig normal wieder raus") nicht bzw. mit Absicht daneben geschossen lässt sich nicht belegen.
F. Heinert, 03.02.2009
3.
>...letztlich waren das aber alles Grenztruppen, die die Menschen in der DDR eingesperrt haben und einem verbrecherischen Regime aufopferungsvoll gedient haben!! > >Sa sollte man bei dieser "Heldengeschichte" nicht vergessen. Hauptauftrag war Grenzsicherung und nicht der Bevölkerung zu dienen!!
F. Heinert, 03.02.2009
4.
Sehr geehrter CHRISTOPH ZIEGER, ich verstehe Ihre Kritik nicht recht. Die vorliegende Geschichte zeigt doch ganz offensichtlich, dass es sehr wohl Menschen auch innerhalb der NVA gab, die unter hohem Eigenrisiko Menschen in Not das Leben retteten. Soll man das verschweigen? Oder die Besatzung, um die es hier geht, totschweigen, weil das Land DDR (zweifellos) eine Diktatur war? Oder zweifeln Sie diese Geschichte an? Ich denke doch, SPIEGEL ONLINE wird hinreichend recherchiert haben... Alles in allem erscheint mir Ihr Beitrag vorschnell und undifferenziert. Ich jedenfalls habe Respekt vor der Leistung dieses Offiziers und seiner Crew!
Rolf Kessel, 03.02.2009
5.
Herr Ziegler hat völlig recht Da kommen einem ja echt die Tränen.... Ein dreifach hoch dem Helden des sozialistischen Klassenauftrags! Seit Jahrzehnten fliegt die Bundeswehr (West) abertausende Rettungseinsätze zu Lande, in den Bergen und auf See im Rahmen Ihres ständigen SAR- Auftrags und niemand würdigt dies auch nur mit einem Wort. Es wurde und wird einfach getan. Wie armselig ist diese ostalgisch verklärte Selbstbeweihräucherung vor diesem Hintergrund
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