Schneekatastrophe 2001 Ein Alptraum ganz in Weiß

Schneekatastrophe 2001: Ein Alptraum ganz in Weiß Fotos
dapd

Weihnachten in der Schneewehe: Schon einmal stürzte ein Tiefdruckgebiet Deutschland kurz vor Heiligabend in ein beispielloses Chaos. 2001 sorgte Tief "Laurin" dafür, dass Zehntausende im Schneetreiben festsaßen. Auf einestages erinnern sich Helfer und Eingeschlossene an die bangen Stunden in der Kälte. Von

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Ronald Reiß war verblüfft. Gerade hatten er und seine Kollegen vom Technischen Hilfswerk mühsam einen völlig eingeschneiten Wagen freigeschaufelt. Draußen herrschten Temperaturen wie in einer Kältekammer, ein eisiger Wind fegte über die Straßen der thüringischen Kleinstadt Altenburg und türmte den Schnee binnen Minuten zu kleinen Bergen auf. Es war Heiligabend 2001, und der Süden von Altenburg versank im Chaos.

Doch was machte der Gerettete? Er weigerte sich auszusteigen. Um keinen Preis wollte er sein Auto verlassen. "Ihr Wagen ist zu ersetzen", versuchte ihn Ronald Reiß damals zu überzeugen, "aber jetzt ist Ihr Leben wichtiger." Vergeblich. Der Mann blieb konsterniert am Steuer seines geliebten Wagens sitzen. Das THW rief die Polizei, doch bis die Streife eintraf, war der Pkw samt störrischem Fahrer erneut komplett vom Schnee begraben.

Es war nicht die einzige skurrile Szene, die Reiß an diesem Abend erleben sollte. Eigentlich hatte er sich schon auf eine besinnliche Feier eingestellt: Zusammen mit seiner Familie saß er schon am Tisch und verspeiste das traditionelle thüringische Weihnachtsessen: Kartoffelsalat mit Wiener. Dann, um 18 Uhr, kam der Anruf, der das besinliche Fest auf den Kopf stellte: Die Rettungsleitstelle Gera bat um Hilfe. Die Bescherung war perfekt. Reiß musste zum Noteinsatz, statt unter dem Tannenbaum Geschenke auszupacken.

"Plötzlich war der Kollege weg"

Der Einsatz war nicht nur wegen des Feiertags ungewöhnlich. "Solche Schneeverwehungen habe ich noch nie gesehen", erinnert sich der damals 36-Jährige. "Man hat sie vorne mit dem Radlader weggeschoben und dahinter wehte sofort alles wieder zu." Bis zu zweieinhalb Meter türmten sich die weißen Massen. Auf den Straßen von Altenburg Richtung Gera ging bald gar nichts mehr.

Mit langen Stangen stocherten die Helfer in den Schneebergen nach verborgenen Autos. Manche Insassen waren schon mehr als eine Stunde eingeschlossen, bis sie aus ihrer misslichen Lage befreit werden konnten. Andere irrten, angemessen gekleidet für das Fest, mit kurzen Röcken und eleganten Stiefeln durch den Schneesturm. Selbst ein erfahrener THW-Mitarbeiter unterschätzte die Situation völlig, als er über einen zugeschneiten Straßengraben lief. "Plötzlich war er weg", erinnert sich Reiß lachend, "man sah nur noch seinen Helm."

Der Wintereinbruch von vor fast zehn Jahren verdarb nicht nur einigen Altenburgern das Fest. Große Teile von Deutschland wurden schon in den Tagen vor Heiligabend von ungewöhnlich heftigen Wetterkapriolen überrascht. Zehntausende saßen bis zu einem Tag frierend und zähneklappernd in endlosen Staus fest oder mussten in Notunterkünfte gebracht werden. Einige bayerische Landkreise riefen den Katastrophenfall aus. Und nicht immer endete das Schneetreiben so glimpflich wie in Altenburg - etliche Betroffene mussten mit Unterkühlungen ins Krankenhaus, Autofahrer starben auf den rutschigen Straßen.

Temperaturen wie am Nordpol

Schuld am Chaos war das Tiefdruckgebiet "Laurin". Vom Baltikum kommend erreichte es kurz vor Weihnachten Deutschland - und brachte besonders in den Mittelgebirgen und Bayern massig Schnee und klirrende Kälte mit. Im Berchtesgadener Land wurden mit minus 45,9 Grad Temperaturen wie am Nordpol gemessen. Der Wettergott, so schien es, hatte die Wünsche nach weißen Weihnachten ein wenig zu ernst genommen. Jetzt fluchte halb Deutschland über den Alptraum auf den Autobahnen.

"Nichts ging mehr", erinnert sich Peter Herzing an den 21. Dezember 2001. "Auf der A9 stauten sich die Fahrzeuge zwischen Bayreuth und der Landesgrenze zu Thüringen auf 100 Kilometer." Lkw standen quer. Räumfahrzeuge kamen nicht mehr durch. Den eingeschlossenen Autofahren ging erst das Benzin und damit die Heizung aus. Dann brannten vielen die Nerven durch.

Peter Herzing war damals Einsatzleiter des Roten Kreuzes in Bayreuth. Um 21.27 Uhr, so notierte er in seinem Bericht, bat die Bayreuther Polizei das Rote Kreuz um Unterstützung: Die Einsatzzentrale der Polizei drohe "abzusaufen", weil inzwischen so viele Autofahrer die Notrufnummer gewählt habe. Jetzt galt es, die Autofahrer möglichst schnell mit Tee, Suppen und Decken zu versorgen. Damit begann Herzings längster Arbeitstag für das Rote Kreuz.

"Ich habe nur noch geheult"

Der Einsatz war eine logistische Mammutaufgabe. Vermutlich steckten allein auf der A9 etwa 100.000 Menschen fest - bei minus 13 Grad. Hunderte Mitarbeiter vom Malteser Hilfsdienst, dem THW und dem Roten Kreuz versuchten, sich zu ihnen durchzuschlagen. Doch die Autobahn war so verstopft, dass sogar Schneemobile der Bergwacht und Bundeswehrsoldaten eingesetzt werden mussten, um die Eingeschlossenen zu erreichen. Aus Turnhallen am Rande der A9 machten die Helfer provisorische Notlager, in denen insgesamt 1800 Menschen versorgt wurden.

Andere mussten dagegen lange weiterbibbern. "Die Unwissenheit war das Allerschlimmste", erzählte Uta Schirmer einem Reporter des "Focus". Stundenlang harrte sie allein in ihrem Pkw eingeschneit auf der A9 aus. Als dann auch noch das Handy den Geist aufgab und damit ihre letzte Verbindung zur Außenwelt abriss, brach die 20-Jährige zusammen: "Ich habe nur noch geheult."

Und der Schneefall ließ nicht nach. Die Hilfsdienste waren schon zehn Stunden im Einsatz, als der Landkreis Bayreuth am Samstagmorgen um 6.34 Uhr den Katastrophenfall ausrief. Martialisch sprach Bayerns Innenminister Günther Beckstein vor den Medien von "der schlimmsten Schneekatastrophe, die wir je hatten". Per Hubschrauber ließ sich der CSU-Minister über die Autobahn fliegen, um zu sehen, was er auch von unten hätte sehen können: Chaos und Stillstand.

Eine hysterische Debatte

So entbrannte kurz vor Heiligabend ein populistisch-hitziger Streit über die Schuldigen des Desasters: Beckstein schimpfte über die "Disziplinlosigkeit vieler Autofahrer", die angeblich Rettungswege versperrten, wetterte gegen unverantwortliche Lastwagenfahrer und brachte flugs die Idee von einem generellen Lkw-Fahrverbot an "kritischen Tagen" ins Spiel. Auch die üblichen Interessenverbände nutzen die Gelegenheit, ihre Lieblingsideen in die Medien zu lancieren: Wahlweise verlangten sie drastisch höhere Bußgelder, mehr Reifenkontrollen oder Überholverbote für Lkw.

Unterdessen warteten die so Gescholtenen in Deutschlands Mega-Staus darauf, dass es endlich weiterging. Auf der A45 bei Siegen dauerte die Zwangspause 18 Stunden. Im Westerwald reihten sich auf der A3 die Blechschlangen auf einer Länge von 50 Kilometern; bei Dresden waren es 40 Kilometer. In Bayreuth schließlich konnte der Katastrophenfall erst am Samstagabend, den 22. Dezember, aufgehoben werden. Da war Einsatzleiter Peter Herzing schon 21 Stunden auf den Beinen.

Während Herzing wenigstens noch gerade rechtzeitig zu Weihnachten zur Ruhe kam, vermieste das weiterhin unsichere Wetter noch vielen Deutschen das Fest. Ronald Reiß etwa, der THW-Mitarbeiter aus Altenburg, konnte seine Geschenke erst nach seinem 13-stündigen Noteinsatz auspacken - und das war am 25. Dezember. Geärgert hat es ihn nicht. "Ich helfe gerne", sagt der 45-Jährige. Und: Er würde es dieses Jahr wieder machen.

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1.
Karsten Schramm 22.12.2010
Ja, daran kann ich mich in der Tat erinnern. Wir haben 20 Stunden von Nürnberg nach Berlin gebraucht. Von 14:00 bis 10:00. Wir hatten uns bis fast nach Hof vorgekämpft und waren nur "kurz tanken", als dann direkt auf der Autobahnzufahrt zwischen ca. 22:00 und 6:45 morgens gar nichts mehr ging. Um kurz nach 7 hatten wir dann wieder mehr als 50 km/h drauf. ;-)
2.
Frank Kreuzer 23.12.2010
Eine denkwürdige Fahrt von Fürth nach Dresden. Meine Freundin wohnt damals in Dresden und so war ich nach einer Weihnachtsfeier auf dem Weg nach Sachsen. Ich fuhr nicht direkt auf die A9, sondern über die A73 nach Bamberg und weiter auf der A70 Richtung Bayreuth. Kurz bevor ich die Auffahrt zur A9 bzw. die letzte Ausfahrt auf der A70 passiert hatte, ging nichts mehr. Vorher musste man zwar langsam fahren, aber kam trotz des Schneefalls gut voran. Stunde um Stunde standen wir also irgendwo kurz vor dem Dreieck Bayreuth/Kulmbach und wurden eingeschneit. Draussen war es sehr idyllisch. Das eine schneebedeckte Bauernhaus mit den Lichterketten war nicht weit weg, aber zu diesem Zeitpunkt unerreichbar. "Die jungen Wilden" auf Antenne Bayern sprachen Allen im Stau Mut zu und hielten uns bei Laune. Danke dafür! Nach einigen Stunden bewegte sich etwas. Die Räumtrupps hatten zumindest eine Spur zurück Richtung Nürnberg notdürftig freigeräumt. Die meisten anderen Autofahrer fuhren von der Autobahn ab und suchten sich wohl Unterkünfte. Ich entschloss mich auf der A9 zurück nach Fürth zu fahren. Bei ca. 15 cm Schnee auf der dreispurigen Autobahn und praktisch völlig alleine, bewegte ich mich langsam gen Heimat. Der Wahnsinn waren die Bilder, die sich mir auf der Gegenfahrbahn in Richtung Berlin boten. Laster an Laster, PKW an PKW und mittendrin Dutzende von liegen gebliebenen Räumfahrzeugen. Für die sonst in ca. 1 1/2 Stunden dauernde Fahrt brauchte ich die dreifache Zeit und kam am frühen Morgen wieder heil nach Fürth. Nach einer ausführlichen "Nacht"-ruhe versuchte ich mein Glück über Amberg und die A93 Richtung Hof und Dresden. Das gelang anfangs gut, aber als der Schnee wieder einsetzte saßen wir wieder fest. Das zog sich weiter auf die A72 Richtung Chemnitz. Irgendwann am Abend erreichte ich dann doch noch mein Ziel in Dresden und die Weihnachtsgeschenke konnten endlich ausgetauscht werden :-)
3.
Nicolas Rutschmann 23.12.2010
Daran kann ich mich ebenfalls noch lebhaft erinnern. Wir haben 10 Stunden von Stuttgart nach Quappendorf (ein kleiner Ort in Brandenburg) gebraucht - eigentlich eine ganz passable Zeit, wenn man die schlechten Straßenbedingungen zugrunde legt. Auf der Autobahn hingen Dutzende von Fahrzeugen rechts im Graben, hauptsächlich BMWs und Mercedes, die damals offenbar noch nicht so gut durch entsprechende Elektronik "stabilisiert" waren. Auf den Alleen in Brandenburg waren die Straßenverläufe teilweise nur noch zu erahnen, Schneeverwehungen von 1-2 Metern Höhe tauchten da in der Dunkelheit wie aus dem Nichts aus. Was mich bis heute beeindruckt: Hunderte von Bewohnern der umliegenden Orte halfen mit, den Ortsunkundigen einen Weg über die nicht so sehr verschneiten Felder zu finden, um die Schneeverwehungen zu umfahren. Ein wirklich lobenswerter persönlicher Einsatz.
4.
Oliver Johannes Wilhelm 26.12.2010
Ich war mit meinem WG-Mitbewohner von Darmstadt nach Marktredwitz unterwegs. Etwa eine Stunde vor Bayreuth bin ich eingeschlafen. Als ich wieder aufgewacht bin habe ich als erstes ein Schneemobil der Bergwacht neben meinem Fenster bemerkt. Wir haben kurz danach bei Bayreuth die Autobahn noch rechtzeitig verlassen. Per Handy hat uns ein Freund über die Bundesstrassen gelotst. Wir hatten noch großes Glück.
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