Schnellboot-Revolution "Turbinia" Der Dampfhammer

Schnellboot-Revolution "Turbinia": Der Dampfhammer Fotos
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Dieser Vollspeed-Dampfer ließ die britische Marine alt aussehen: Bei einer Flottenparade zum 60. Thronjubiläum der Queen brach Ende des 19. Jahrhunderts plötzlich eine Nussschale durch die Reihen der Kriegsschiffe - und hielt alle zum Narren. Ein Streich, der die Schifffahrt für immer veränderte. Von

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Es geschah bei der Feier des 60. Thronjubiläums der britischen Königin Victoria. In der britischen Solent Meerenge zwischen Portsmouth und der Isle of Wight fand eine ungeheure Marineparade zu Ehren der Queen statt. Die Prozession zu Wasser am 27. Juni 1897 war die bis dahin größte Flottenparade der Geschichte. 165 Schiffe lagen da in strenger Formation, darunter allein 21 britische Schlachtschiffe und 44 Kreuzer, dazu als Gäste die mächtigsten Kriegsschiffe anderer Nationen, darunter Deutschland, Russland, die USA und Japan. In einer streng orchestrierten Choreografie bildeten sie Gassen, fuhren Manöver und präsentierten sich den internationalen Ehrengästen. Die Mitglieder der Königsfamilie und der Admiralität nahmen die Flottenparade von Bord der königlichen Yacht ab.

Ein beeindruckendes Schauspiel, das Reporter aus der ganzen Welt anzog. Der London-Korrespondent des "Sydney Daily Telegraph" berichtete voll patriotischem Pathos': "Fünfundzwanzig Meilen soliden Stahls und dreißigtausend Matrosen, die Schiffe zu bemannen. Das ist es, was wir (…) sahen." Die anwesenden Teutonen und Russen, bemerkte er befriedigt, würden sich dies wohl hinter die Ohren schreiben.

Doch plötzlich sah die Seemacht alt aus.

Der offizielle Höhepunkt des Wasserballetts war die von Salutschüssen jedes einzelnen Schiffes begleitete Fahrt der königlichen Yacht durch das Spalier der Kriegsschiffe. Da brach eine Nussschale durch die Reihen der gigantischen Schlachtschiffe. Nur knapp über 30 Meter lang und 2,74 Meter breit war das Boot - und dennoch sollte es in den nächsten Minuten die gesamte britische Marine in den Schatten stellen. Dabei war das Schiff, das unter ziviler Flagge fuhr, nicht nur kein Teil der britischen Flotte, sondern nicht mal eingeladen.

Schiff abgedampft, PR-Stunt gelungen

Es folgte eine spektakuläre Demonstration: In seinem Ritt durch das Spalier hängte das Mini-Boot die Kreuzer, die der Königsyacht Geleit gaben, mühelos ab. Eine Frechheit mitten in dieser Zurschaustellung von Macht und Disziplin. Zuerst reagierte das Publikum mit Buh-Rufen und Pfiffen. Die aber verstummten schnell und machten Staunen, dann angeblich sogar sportlicher Begeisterung Platz.

Denn was dieses Gefährt da zur Schau stellte, war schlicht sensationell. Umgehend ging ein Signal an ein Marineschnellboot, das seltsam schlanke Vehikel, das soeben die Creme der Royal Navy düpierte, aufzuhalten. Doch der kleine Dampfer war nicht zu stoppen. Er raste so schnell durch die Bucht, dass sich sein Bug aus dem Wasser hob: Mit über 34 Knoten, also fast 64 Stundenkilometern, fuhr das Boot an den aufgereihten Schiffen vorbei, wendete und passierte sie erneut.

Bevor das Gefährt die königliche Yacht erneut passieren konnte, wurde es zwar von einem Torbedoboot abgelenkt, der PR-Stunt war dennoch gelungen. Denn keinem der Boote, die dem Raser nachsetzten, gelang es, das Schiff einzuholen. Ihre Majestät und die anwesenden Mitglieder der Marine waren beeindruckt. Den Admiralen dürfte sofort klar gewesen sein, dass sie da gerade das schnellste Wasserfahrzeug der Welt gesehen hatten.

Bis dahin hatte noch kein Schiff mehr als 27 Knoten (rund 50 km/h) erreicht. Dieses Boot war ein technologischer Evolutionssprung: Die "Turbinia", wie ihr Erfinder sie getauft hatte, war das erste von einer Turbine angetriebene Wassergefährt der Welt. Der Zwischenfall, formulierte ein Reporter der neuseeländischen "Bay Of Plenty Times", "mag der Vorbote einer Revolution bei den Dampfmotoren sein".

Doch warum sprengte diese nautische Sensation die Marineparade? Weil Beobachter der britischen Flotte an anderer Stelle weit weniger beeindruckt von der Erfindung waren. Zwei Monate zuvor hatte ein Mann namens Charles Algernon Parsons bei der Institution of Naval Architects (INA) sein Projekt "Turbinia" einem Expertengremium vorgestellt. Das erste Wasserfahrzeug, das von einer von ihm entwickelten, bereits 1884 patentierten Dampfturbine angetrieben wurde.

Freche Aktion eines Adligen

Parsons war kein unbeschriebenes Blatt. Er war Spross einer höchst renommierten angloirischen Adels- und Wissenschaftlerdynastie. Überzeugen konnte er an diesem Tag dennoch nicht. Zwar hatten Dampfmaschinen längst begonnen, ihren Siegeszug um die Welt anzutreten. Schiffe liefen schon seit Jahrzehnten mit Dampfkolbenmotoren. Doch Parsons aber, der keine Ausbildung als Schiffsbauingenieur hatte, war sich sicher, dass sein Antrieb besser sei.

Die Experten sahen das anders. Zwar berichtete die renommierte "Times" vom INA-Kongress, Parsons habe dort eine "mögliche Zukunft" für Schiffsmotoren vorgestellt. Diese Technik befinde sich aber offenbar noch "in einem höchst experimentellen, ja embryonalen Stadium".

Anwesende Experten sahen das ähnlich. Manchen reichten die Informationen nicht, um das Potential des neuen Antriebs zu beurteilen. Andere überraschte schon der Gedanke, dass ein Turbinenantrieb überhaupt denkbar sein sollte. Kurzum: Nach drei Jahren zunehmend erfolgreicher Experimente mit verschiedenen Versionen des "Turbinia"-Antriebs drohte das Projekt am Desinteresse der entscheidenden Instanzen zu scheitern.

Irgendwann in den Tagen und Wochen danach muss der als bescheiden bekannte Parsons zu dem Entschluss gekommen sein, dass er aus der Rolle fallen müsse. Bei der frechen Fahrt der "Turbinia" soll er, sich an einer Reling festhaltend, vor dem Steuerhaus im Wind gestanden haben: Für den adeligen Gentleman, dessen Familie seit fünf Generationen führende Politiker und einflussreiche Wissenschaftler hervorgebracht hatte, sicher eine ganz erhebliche Grenzüberschreitung.

Neuer Standard Dampfturbine

Der kalkulierte Eklat funktionierte. Umgehend ließ die Marine Tests mit der "Turbinia" anlaufen, gab kurz darauf zwei Antriebe für Torpedoboote bei Parsons in Auftrag. Allerdings misstrauten die Admirale der neuen Technik noch: Der Erfinder bekam die Aufträge nur unter der Auflage, dass er mit 100.000 Pfund eigenem Geld einsteigen müsse.

Kein Problem für den Mann, der schon zu diesem Zeitpunkt als einer der erfolgreichsten Ingenieure seiner Zeit galt. Schnell folgten nun auch Aufträge aus der Privatwirtschaft, die Parsons zuverlässig bediente. In schneller Folge rüstete seine Werft vier große Passagierschiffe für den Transatlantikverkehr mit Turbinen aus, von denen zwei, die RMS "Lusitania" (1906) und die RMS "Mauretania" (1907) für Geschwindigkeitsrekorde bei der Atlantiküberquerung das Blaue Band erhielten.

Die höhere Leistungsfähigkeit der Turbine im Vergleich zum alten Dampfkolbenmotor war nun zu offensichtlich, um sie weiter ignorieren zu können. Noch während mehrere Marine-Aufträge an Parsons in Arbeit waren, entschied die INA 1905, dass in Zukunft alle Schiffe der britischen Marine von Turbinen angetrieben sein sollten. Schon 1906 lief mit der HMS "Dreadnought" das erste turbinengetriebene Schlachtschiff vom Stapel, das stärkste und schnellste Kriegsschiff seiner Zeit. Quasi über Nacht verschob Parsons Technik die erreichbaren Geschwindigkeiten um dreißig Prozent nach oben.

Reich von Haus aus und durch Patente und kommerzielle Erfolge noch wohlhabender geworden, war er nun endgültig ein gemachter Mann. Er fuhr fort, Erfindungen zu machen und verbesserte Designs zu entwickeln: Ein Verstärkersystem für Grammophone, Suchscheinwerfer, Teleskope und andere optische Geräte. Auch teure Tüftler-Hobbys leistete er sich gern: So versuchte er über zwanzig Jahre lang aus Kohlenstoff unter Druck, Elektrizitäts- und Hitzeeinwirkung Diamanten zu pressen. Was von ihm bleibt, ist aber vor allem das Erbe seiner unerhört schnellen "Turbinia". Parsons Turbinen sind bis heute das Grunddesign fast aller Motoren, die in Kraftwerken, aber auch in Schiffen und Flugzeugen arbeiten.

Zum Weiterlesen:

Frank Patalong: "Der viktorianische Vibrator - Törichte bis tödliche Erfindungen aus dem Zeitalter der Technik". Lübbe, Oktober 2012, 288 Seiten.

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insgesamt 10 Beiträge
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1.
Axel Perlwitz 18.02.2013
34 kn speed bei 30 m Länge? Wie geht das denn bei einem Verdränger?
2.
Martin Lamprecht 18.02.2013
>34 kn speed bei 30 m Länge? Wie geht das denn bei einem Verdränger? Wie man am ersten Foto der Bilderstrecke sehen kann, ist die Turbinia ins Gleiten gekommen. Also eben nicht mehr Verdrängerfahrt. Es ist übrigens ein weit verbreiteter Irrtum, man könne bei Verdrängerfahrt nicht schneller werden als die sog. "Rumpfgeschwindigkeit". Dabei überlagern sich nur Bug- und Heckwelle sehr ungünstig, so daß bei dieser Geschwindigkeit der Schiffswiderstand stark ansteigt. Mit genügend Antriebsleistung geht es dann aber doch schneller. Noch eine Ergänzung zum Spiegel-Artikel: Ursprünglich konnten die Propeller der Turbinia nicht wie geplant die Antriebsleistung der Turbinen aufnehmen. Um das Problem zu klären hat Parsons nebenbei noch den Kavitationstunnel erfunden, um den Propeller bei Einhaltung der Maßstabsgesetze im Modell untersuchen zu können. http://en.wikipedia.org/wiki/Water_tunnel_%28hydrodynamic%29
3.
Genezyp Kappen 18.02.2013
> Wie geht das denn bei einem Verdränger? In dem der Verdränger ins Gleiten kommt. Ist an sich nichts Besonderes. Z. B. schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts haben Zerstörer bei KWL-Länge um 100 m auch schon Geschwindigkeiten von 35..40 kn und stellenweise auch mehr erreichen können. Trotz der Rumpfgeschwindigkeit um 25 kn.
4.
Hauke Ihnen 19.02.2013
Mit genug Leistung ist vieles Möglich, da fliegt auch ein Brotbrett. :-)
5.
Horst Schott 19.02.2013
Wer war das erste Dampfturbinen -Schiff der kaiserlichen WilhelmII.- Marine, dass als Kreuzer im 1. WKnach einer verlorenen Schlacht im Südatlantik Dank seiner schnellen Turbinen einer englischen "Armada" entfliehen konnte, später aber wegen Brennstoffmangel aufgegeben wurde(Selbstversenkung)?
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