Schräges Verkehrsmittel Zug ahoi!

Es war die einzige Eisenbahn mit Rettungsboot. Um 1900 baute ein britischer Tüftler eine weltweit einmalige Konstruktion: einen Zug, der durchs Meer fuhr. Erst hielten die Anwohner den Erfinder für irre, dann wurde das Gefährt zu einem riesigen Erfolg - jedenfalls für ein paar Tage.

The Royal Pavilion and Museums, Brighton & Hove

Von Ariane Stürmer


Wenn das Meer sich bei Ebbe zurückzieht, geben die Wellen am Ufer des britischen Seebads Brighton für einige Stunden den Blick auf ein merkwürdiges Kapitel Technikgeschichte frei. Touristen rätseln, ob jene Betonblöcke im Schlick Reste einer Bunkeranlage aus dem Zweiten Weltkrieg sein könnten. Schließlich liegt Brighton an der Südküste Großbritanniens, am Ärmelkanal, gleich gegenüber dem einst umkämpften Frankreich. Oder sind es die Fundamente eines früheren Piers? Schließlich ist das Seebad bis heute bekannt für seine ins Meer gebauten viktorianischen Promenaden.

Beide Vermutungen sind falsch - und des Rätsels Lösung ist so absurd, dass wohl niemand von selbst drauf kommen würde: Im Meer vor Brighton, bis zu 80 Meter vom Ufer entfernt, liegen die Fundamente von Eisenbahnschienen.

Es war Ende des 19. Jahrhunderts, als sich der Ingenieur Magnus Volk in den Kopf setzte, eine kleine Bummelbahn zu bauen, die auf Schienen durchs Wasser kreuzen sollte. Damit die Passagiere nicht nass würden, wollte Volk die Eisenbahnräder durch ein sieben Meter hohes Gestell mit der Passagierkabine verbinden. Eine ziemlich wacklig anmutende Konstruktion - und ein Plan, dem die Brightoner mit Argwohn entgegengeblickt haben dürften. Denn für viele war der Ingenieur schlicht ein verrückter Tüftler. Erst wenige Jahre zuvor hatte der Fortschrittsfan das erste Telefon in Brighton installiert - und wieder abgebaut, nachdem Bürger sich über die Verschandelung des Stadtbildes durch die von Haus zu Haus gespannten Leitungen empört hatten.

Eine andere Erfindung des umtriebigen Briten dagegen bekam mehr Unterstützung: "Volk’s Electric Railway" fuhr bereits seit 1883 leise und strombetrieben am Ufer des Kurortes entlang. Die Bummelbahn am Strand war eine echte Touristenattraktion. Schließlich war Brighton im 19. Jahrhundert einer der bedeutendsten Erholungsorte für reiche Bürger aus London. Seit 1841 gab es eine direkte Bahnverbindung in die Hauptstadt.

Eisenbahn mit Rettungsboot

Ende des 19. Jahrhunderts war Brighton jedoch bereits so von Touristen überlaufen, dass viele Erholungssuchende sich nach ruhigeren Orten in der Nähe des Seebads umsahen. Rottingdean, ein malerisches Dörfchen an der Peripherie des Seebads, erfreute sich immer größerer Beliebtheit. Nur eine Bahnverbindung zwischen den beiden Orten gab es nicht. Für den tollkühnen Erfinder Magnus Volk war klar: Er würde Rottingdean mit dem fünf Kilometer entfernten Seebad Brighton verbinden. Volk ahnte nicht, worauf er sich da eingelassen hatte.

Zunächst war da der steile Anstieg, den die kleine Bahn in Richtung Rottingdean auf dem Landweg hätte überwinden müssen. Die dafür nötigen starken Motoren aber konnte sich Volk nicht leisten. Auch Überlegungen, ein steinernes Viadukt zu bauen, ließ der Erfinder fallen. Statt die Schienen also über Land zu führen, entschied er sich dafür, Rottingdean von der Meerseite her anzufahren. Als Bahnhof für seinen Wasserzug diente ein sieben Meter hoher Pier, das Volk am Strand errichten ließ.

In den weichen Meeresboden wurden Fundamente gelegt und Schienen darauf befestigt. Rund zwei Jahre dauerten die Bauarbeiten, dann war die Unterwasser-Eisenbahntrasse fertig. Neben der Trasse ragten Strommasten aus dem Wasser empor. Sie versorgten die je 25 PS der beiden General-Electric-Motoren mit Energie, die diese merkwürdige Schiff-Bahn-Mutation durch die Brandung trieben, wenn auch bei starker Strömung bestenfalls mit Schrittgeschwindigkeit. Hoch oben über den Wellen saßen die Gäste.

Mit seiner elliptischen Form und Maßen von 14 mal 7 Metern hatte die Plattform auf stählernen Stelzen durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Schiff. Sie bot einen rechteckigen Salon mit gepolsterten Ledersesseln. Und weil das Gefährt offiziell unter das Seerecht fiel, war stets auch ein Rettungsboot an Bord. Und ein Schiffskapitän.

Schicksalsschläge für Volks Pioneer

Der 28. November 1896 war ein sonniger Tag. Nur der Wind soll eiskalt über das Meer geblasen haben. Zur Jungfernfahrt waren sämtliche Honoratioren von Brighton und Rottingdean geladen. Mit wehender britischer Flagge fuhren sie 35 Minuten lang von Pier zu Pier. Maximal 160 Passagiere konnte Volks Bahn pro Fahrt befördern. Bei schönem Wetter drängten sich die Menschen an der umlaufenden Reling oder dem unüberdachten Oberdeck über dem Salon.

Volk nannte sein Konstrukt begeistert "Pioneer". Die Bewohner von Brighton erkannten in dem Gefährt indes Ähnlichkeit mit einem ganz anderen Wesen: Die langen Stelzen und der vergleichsweise kleine oben aufsitzende Körper erinnerte sie weniger an eine Konstruktion, die als Pionierstat in die Geschichte eingehen würde, als an einen Weberknecht oder eine Schnake. Und so nannte der Volksmund den Pioneer bald nach der britischen Entsprechung des langbeinigen Insekts: "Daddy Long Legs".

Die "Seereise auf Schienen", wie Volk sie auf Plakaten bewarb, endete allerdings schon wenige Tage nach der Jungfernfahrt - durch ein gewaltiges Unwetter. In der Nacht zum 5. Dezember riss ein Jahrhundertsturm den Pionier aus seiner Vertäuung und warf ihn ins wogende Wasser, zerstörte Strommasten und Unterwasserschienen. Volk ließ sich dennoch nicht beirren, reparierte die Schäden und stach ein halbes Jahr später erneut in See.

Seine Erfindung war bald die Sensation in Brighton. Allein im zweiten Halbjahr 1897 nach der Wiedereröffnung nutzten rund 44.000 Menschen "Daddy Long Legs" zum Preis von eineinhalb Penny pro Ticket für eine Fahrt an der Küste entlang. Doch die Touristenattraktion sollte den Menschen nicht lange erhalten bleiben. Erst entdeckte Volk, dass das Meer die Schienenkonstruktion langsam aber sicher unterspülte, dann eröffnete ihm der Gemeinderat im Jahr 1900, dass er seine gesamte Konstruktion weiter ins Meer verlegen müsse, weil man zum Schutz der Promenade Wellenbrecher bauen werde.

Doch das Geld für den Umbau hatte Volk nicht. Und so ließ die Gemeinde die Schienen bei Beginn der Bauarbeiten für den Sturmschutz 1901 teilweise entfernen. Der Pioneer selbst wurde an einen Pier hinter Rottingdean geschleppt und vergessen. Die Pioniertat des Magnus Volk fand keine Nachahmer. "Daddy Long Legs" blieb ein weltweites Unikum.

Neun Jahre überließ man die Konstruktion den Elementen, bis man sie 1910 in ihre Einzelteile zerlegte und mit den Resten der Schienen zum Schrottwert verkaufte. Übrig blieben nur die Fundamente, die bei Ebbe noch heute die Touristen zu Spekulationen anregen. Der kleine Bummelzug an Land indes fährt noch heute. Seine Betreiber glauben zu wissen, was aus dem Schrott des Pioneer wurde: Das meiste wurde 1910 nach Deutschland verkauft, "wo es zweifellos zu Munition verarbeitet und vier Jahre später auf unsere Truppen zurückgefeuert wurde".



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Stephan Gokeler, 07.02.2012
1.
Zumindest die Idee hat überlebt. In Bigbury-on-Sea können sich Passagiere mit einem optisch ähnlichen Sea Tractor heute noch zum vorgelagerten Inselchen Burgh Island brinegn lassen (Foto hochgeladen).
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