Schreckensnacht in Nürnberg "Wir starben tausend Tode"

Schreckensnacht in Nürnberg: "Wir starben tausend Tode" Fotos
Stadtarchiv Nürnberg

Zitternd in der Hölle: Britische Flugzeuge warfen im August 1943 unzählige Brandbomben über Nürnberg ab. Waldemar Meile erlebte als Zehnjähriger mit, wie sein Stadtteil fast völlig zerstört wurde. Von

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Gegen 24 Uhr am 27. August 1943 war wieder einmal Fliegeralarm. Wir rannten wie geübt in unseren eigenen Luftschutzkeller. Vater hatte unseren großen Radioapparat unter dem Arm, um im Keller noch die Luftlagemeldungen zu hören. Nachdem der Nachrichtensprecher "Onkel Baldrian", wegen seiner beruhigenden Stimme so genannt, durchgegeben hatte, dass die Bomberverbände im Anflug auf die Stadt der Reichsparteitage, Nürnberg, seien, hörten wir schon das Schießen der Flak und dann auch bald ein gewaltiges Brausen. Die Bomber flogen das Zentrum der Stadt meistens über Fürth von Westen an. Die Flakabwehr war jedoch diesmal so stark, dass der Bomberstrom vom Zentrum in den Osten der Stadt gedrängt wurde. So erlebten die Stadtteile Zabo, Mögeldorf und vor allem Laufamholz ein Inferno.

Es krachte pausenlos um unser Haus in Laufamholz. Bei jedem Anflug einer Sprengbombe hörten wir ein furchtbares zischendes Geheul und unmittelbar darauf den krachenden Einschlag. Ich mit meinen zehn Jahren, meine Eltern, die Schwester und der Bruder starben in dieser Nacht tausend Tode. Ich heulte nur noch und setzte mich auf den Schoß meiner Mutter. Wir schrien und beteten, denn wer sollte uns noch retten? Meine Schwester, die zehn Jahre älter war als ich, besaß den Mut, während des Angriffes in das Haus und auf den Speicher zu gehen und einige Brandbomben, die schon schwelten, in den Garten zu werfen. Sie rettete dadurch unser Haus vor dem Abbrennen.

Als nach zwei Stunden endlich Entwarnung kam, gingen wir zitternd in das Erdgeschoß und sahen die Hölle! Das Nachbarhaus brannte lichterloh, ebenso das angrenzende Gebäude. Gegenüber am Bahnhof stand ein riesiger Stapel Bretter in hellen Flammen, die meterhoch gegen den Himmel schlugen. Etwa 200 Meter Luftlinie hinter unserer Villa hatte ein größeres Zweifamilienhaus gestanden - eine Luftmine hatte es weggeblasen.

Mein Vater, im Ersten Weltkrieg schon schwer verwundet, war als Luftschutzwart eingesetzt und versuchte, aus dem brennenden Nachbargebäude noch etwas zu retten, aber es war vergeblich. Das Haus wurde von einer bekannten Nürnberger Kunsthandlung als Lager benutzt und war selten bewohnt - so gab es auch in jener Nacht niemanden, der während des Angriffs die Brandbomben hinauswarf. Die Villa brannte vollständig ab.

Mein älterer Bruder wollte mich als Feuerwache auf unseren Dachboden schicken, damit unser Haus nicht doch noch durch Funkenflug in Brand geriet. Ich hatte aber so viel Angst, dass ich unmöglich allein auf dem Speicher bleiben konnte. So musste mein Bruder, der natürlich auch furchtbare Angst hatte, diese Aufgabe übernehmen.

Ich ging an den Gartenzaun des Nachbargebäudes und beobachtete meinen Vater bei seinen vergeblichen Rettungsarbeiten. Ein Bild prägte sich mir dabei unauslöschlich ein: In der Küche stand auf einem brennenden Holzregal eine Waage, die immer mehr von den Flammen eingeschlossen wurde. Langsam senkte sich das Regalbrett und die Waage begann zu rutschen, bis sie schließlich in einem Funkenflug zu Boden stürzte.

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