Erich Kästner und die Bücherverbrennung "Es war widerlich"

Erich Kästner und die Bücherverbrennung: "Es war widerlich" Fotos
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Er sah sein Werk in Flammen aufgehen: Als Berliner Studenten am 10. Mai 1933 "undeutsche Literatur" verbrannten, kam Erich Kästner, um dem Hass-Ritual beizuwohnen. Im Interview berichtet seine Lebensgefährtin Luiselotte Enderle von der Demütigung - und erklärt, warum Kästner nicht zum Helden taugte. Von

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Die alte Dame zurrt ihr himmelblaues Bettjäckchen fester um den dürr gewordenen Körper und sieht durch die zwei Brillen, die sie auf spitzer Nase trägt, sinnend ins Grün hinter dem Reihenhaus in der Münchner Flemingstraße 52. Sie empfängt ihren Besuch wieder einmal im Bett liegend - eine unglücklich verlaufene Beinoperation. Die mit riesigen weißen Kissen zugebaute Liege ist im Wohnzimmer nahe an die vor einem Panoramafenster angebrachte Marmorplatte gerückt worden, der Platz, an dem Erich Kästner auf einer grünen Olivetti zu "harfen" pflegte, wie es Luiselotte Enderle nannte, wenn ihr Lebensgefährte schrieb.

Enderle, die sich gerne als "Frau Kästner" vorstellt, ist an diesem glühend heißen Sommertag in den späten achtziger Jahren sehr fröstelig zumute. Ihr behagt unser düsteres Gesprächsthema nicht: die Bücherverbrennung am Abend des 10. Mai 1933 mitten auf dem Berliner Opernplatz gegenüber der Universität.

Vor einer unübersehbaren Menschenmenge warfen Uniformierte der NS-Studentenschaft, Sturmriemen unterm Kinn, an jenem Tag Armvoll um Armvoll die Werke von 25 deutschen Autoren ins Feuer. Es war die widerliche Inszenierung eines Scheiterhaufens für das, was der NS-Jargon "missliebige, zersetzende, undeutsche" Literatur nannte. Die meisten der 24 verfemten Autoren - darunter die Brüder Heinrich und Thomas Mann, Bert Brecht, Alfred Döblin, Erich Maria Remarque - waren zu diesem Zeitpunkt schon außer Landes. Der 25. allerdings stand fassungslos mitten unter den Gaffern vor dem flackernden Feuer und musste mit anhören, wie neben den Namen all der anderen Dichter auch seiner aufgerufen wurde. Und während ein Student Kästners Gedichte und den Roman "Fabian" den Flammen überantwortete, schrie der Brandstifter: "Gegen Dekadenz und moralischen Verfall!"

"Das Gemeinste, was er erleben musste"

"Es ist so viel vermutet worden, warum sich der Erich das angetan hat", sagt Luiselotte Enderle, aber das sei "alles Papperlapapp. Er wollte diesem Wahnsinn seine Faust zeigen. Auch wenn er das geballte Fäustchen in der Tasche behalten musste."

Hat sie ihn damals begleitet? "Nee, es war wohl ein Freund dabei." Sie hält inne, um sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht zu wischen. "Ich war gerade mal nicht bei ihm an der Front. Er hatte man wieder mal so ne kleene Schauspielerin." Je mehr sie über Privates spricht, umso mehr scheint sie in den Berliner Akzent zu verfallen.

War es denn nicht mutig von Kästner, sich da mitten in diese breit angekündigte Hass-Aktion zu stellen? Enderle spendiert ein überraschendes Lächeln. "Mutig? Och... ich weiß nich. Mutig hat er sich ja nicht so sehr gesehen. Er war ja auch ein ziemlich schmales Hemd." Sie reckt sich aus den Kissen hoch. "Der Robert Neumann hat mal gemeint, dass Dichter nicht so mutig sein können - mit der geballten Faust kann man ja nich schreiben."

Haben sich Kästner und Enderle in ihrer On-und-off-Beziehung bis zum Tod des Schriftstellers 1974 oft über die Bücherverbrennungen ausgetauscht? On-und-off-Beziehung - für die misstrauische Enderle eine grenzwertige Formulierung. "Junger Mann, nun lassen Se man. Der Erich und meine Wenigkeit waren zwar wie Waschfrau und Nachtwächter - ich tagsüber putzwach, er eher Eule - aber deswegen hatten wir doch jenüjend Zeit, die Jefühle umzugraben."

Ein langer Blick in den Garten in Richtung Hundehütte, die lange von Kästners Katze "Lollo" bewohnt wurde. Dann nimmt sie wieder den Faden auf. "Ich glaube, für den Erich war es das Gemeinste, was er erleben musste, schlimmer noch als später die zwei Verhaftungen durch die NS-Heinis. Dass es Studenten waren, die an seinen Büchern zündelten, da hat er sich erst recht gefühlt wie ein Korn zwischen Mühlsteinen. Ich war da mit Erich einer Meinung: Das hat doch in Wahrheit Hinkebein angezettelt..." Sie meint: Propaganda-Reichsminister Goebbels.

"Er konnte nun mal kein Märtyrer sein"

Luiselotte Enderle reicht von einem samtbezogenen Stuhl eine alte Ausgabe herüber - Kästners "Bei Durchsicht meiner Bücher", von 1946. "Lesen Sie mal vorne. Aber laut, wenn ich bitten darf." Also, das Vorwort, zweiter Absatz - Kästner machte es ja nie ohne seine "Vorwörtchen": "Ich (...) sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. Der Kopf einer zerschlagenen Büste Magnus Hirschfelds stak auf einer langen Stange, die (...) hin und her schwankte. Es war widerlich."

Die Enderle taucht wieder aus ihren Kissen hoch und ergänzt: "Ja, das war ein morbides Spektakel. Und man konnte es ja kaum glauben: Plötzlich hat zu allem Überfluss eine junge Frau - es soll eine Schauspielerin gewesen sein - aus der Meute gerufen: 'Da steht ja der Kästner!'"

Eine Denunziantin? "Nee, das hat der Erich nicht geglaubt. Die war wohl total verblüfft, dass der Kästner zuguckte. Eigentlich wollte er nur noch weg, aber er blieb - Gott sei dank - noch ein paar Minuten stehen, um die Leute nicht noch mehr auf ihn aufmerksam zu machen. Er hat sich hinterher Vorwürfe gemacht, dass er nicht in Richtung der Zündler geschrieen hat, was das doch alles für eine unglaubliche Schweinerei ist. Denn ihm war klar, dass das ja erst ein Streichholz für eine lange Lunte war. Aber er konnte nun mal kein Märtyrer sein. Da ist er dann leise gegangen. Ganz nass." Ich denke an Robert Neumanns Einschätzung von Kästner: "Halb Bürgerschreck - und halb erschrockener Bürger".

Matt ruft Enderle nach ihrer Pflegerin und Haushaltshilfe, Frau K.. Sie soll die Kissen aufschütteln. Dann weist die knöchrige Hand der alten Dame plötzlich auf mich. "Und bringen Sie ihm den Hut. Ich bin jetzt fertig. Und müde." Natürlich stehe ich gleich auf. Ein Hut war eh nicht vorhanden. "Wir sprechen dann das nächste Mal über das Schreibverbot... einverstanden, Frau Kästner?" "Ja, doch, einverstanden. Und nun..." Ihre Hand schiebt mich mit schlaffer Geste aus der Distanz zum Salon hinaus. Müde ruft sie mir hinterher: "Ich kann schon 'n ziemliches Rabenaas sein..."

Draußen im Flur steht eine mächtige Kästner-Büste des Künstlers Theodor Frayder. Und unwillkürlich stellt sich, die 34 gemeinsamen Jahre des längst verstorbenen Hausherrn mit seinem Lottchen im Kopf, der Gedanke ein: Sicher war er doch unerschrockener, als ihm die öffentliche Wertung zubilligte.

Schwarzmarktboom für Kästners Bücher

Am Abend, knapp vor der Tagesschau, dann plötzlich ein Anruf von Luiselotte Enderle: "Ich hab's noch vergessen zu sagen: Nicht, dass Sie jetzt denken, der Erich wäre feige gewesen. Manchmal meinen Journalisten nämlich so was Dämliches. Zwölf Jahre hat er daran zu knabbern gehabt. Ich meine nicht nur wegen der verbrannten Bücher. Seine Konten haben ihm die Herren Nazis gesperrt, er hat offiziell kein Wort mehr schreiben dürfen, Bücher rausgeben schon gar nicht. Nicht, dass Sie da was Falsches denken."

"Frau Kästner", beschwichtige ich, "ich denke das ja gar nicht..." Doch sie fährt fort: "Sie hatten einen solchen Rochus auf ihn, diese Banausen, Pyromanen-Pack. Und dann wird der Erich immer wieder gefragt: Warum ist er nicht auch gleich nach Amerika gegangen? Und was hätte er mit seinen Eltern in Dresden machen sollen? Er hat doch in seinen Gedichten so oft dagegen gehalten, gegen diese Braunen, man wechselt doch sein Gewissen nicht aus. Ja, geschämt hat er sich, für diese Bande." Bitte, Frau Kästner...

Sie hat schon aufgelegt.

Zwei Minuten darauf wieder ein Anruf. "Hier Enderle. Habe ich Ihnen das schon mal erzählt: Damals, als sie Erichs Bücher verbrannten, da gab es in Berlin an der Ecke Schützen- und Friedrichstrasse einen Herrn Zahn, den wir "Eckzahn" nannten. Er verkaufte auf seinem Stand Schlipse und Socken - und unterm Tisch klammheimlich Kästner-Bücher. Reißender Absatz - für bis 80 Märker. Und wissen Sie, wie er an die verbotenen Bücher rankam?" Nein. "Er hat sie reihenweise aus einem Nazi-Keller geklaut. Ist das nicht köstlich?" Ein paar Gluckser. Sie legt auf.

Und noch einmal geht das Telefon - so gegen Zehn. "Kästner hier. Kommen Sie morgen. Wir wollten noch reden. Und bringen Sie Ihre Kinder mit, ich brauch' mal frischet Jemüse." Zwei Kiekser hinterher. Aufgelegt.

Die drei Kinder werden am nächsten Nachmittag ordentlich gekämmt. Ab in die Flemingstraße. Frau K., die Pflegerin, öffnet nach langem Klingeln die Tür: Nein, Frau Kästner empfängt heute nicht.

Wenige Wochen darauf ein Telefonat von Frau K.: "Frau Kästner hat einen Schlaganfall bekommen. Bitte kommen Sie gar nicht mehr."

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1.
Reinhard Kupke 10.05.2013
Warum Kästner geblieben ist? Er hat diese Frage später selbst beantwortet: "Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen. Mich läßt die Heimat nicht fort. Ich bin wie ein Baum, der in Deutschland gewachsen, wenn's sein muß, in Deutschland verdorrt." Erich Kästner ist nach wie vor einer mehr Lieblingsgdichter.
2.
Frank Klatt 10.05.2013
Wunderbar, der Besuch und die Schilderung! Die innere Emigration, viele konnten aus familiären oder finanziellen Umständen nicht weg. Mehr tun(?), wer kann das heute aus unserer liberalen Wohlstands- und Rechtsstaatssicht schon beurteilen. Gefährlich für Kästner (Berlin...) sowieso. Empfohlene Biographie: Von Helga Bemmann, Propyläen Taschenbuch. Habe heute über Fallada im 3.Reich in einer Biographie gelesen, da war schon einmal Andienen dabei (Emil Jannings, Der eiserne Gustav, 1.Fassung). Seine Bücher sind trotzdem packend und ergreifend. Auf Kästners scharfen Witz und seine Kinderbücher würde ich nie verzichten wollen. Danke für den Beitrag.
3.
Michael Lemken 10.05.2013
Es sollte auch daran erinnert werden, dass Kästners Bücher nach dem 2. WK erneut verbrannt wurden, nämlich 1965 in Düsseldorf vom "Jugendbund für Entschiedenes Christentum". http://www.zeit.de/1965/42/ein-licht-ins-dunkle-deutsche-land
4.
Juergen Frey 10.05.2013
Emil und die Detektive, Das ddoppelte Lottchen hatte ich als Kind gelesen. Ein Gedicht gefaellt mir von ihm am Besten, weil es heute noch Gueltigkeit hat. WENN ES MODE WIRD... Die letzte Zeile lautet: Wenn es Mode wird, sich alle Loecher zu verstopfen ja, dann waeren wir sie endlich los.
5.
Franz Veger 10.05.2013
Die bezeichnung "hinkebein" für Goebbels scheint mir politisch nicht korrekt. Wenn ein Körperbehinderter diskriminiert wird, sollten jetzt mal die Grünen einschreiten
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