Schüsse an Silvester Das Honecker-Attentat, das keins war

Tödlicher Zwischenfall auf einem Jagdausflug: Vor 25 Jahren schoss in einem kleinen Dorf nördlich von Berlin ein DDR-Bürger auf die Leibwächter von DDR-Staatschef Honecker. Eine Reportage über "das Attentat" von Klosterfelde führte zum diplomatischen Eklat mit der BRD. Dabei war alles ganz anders.

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In halsbrecherischem Tempo überholte der grüne Lada 1300 die Volvo-Kolonne, die das Fahrzeug des Staatsratsvorsitzenden der DDR auf der Fernstraße 109 begleitet. Die Beamten der Staatssicherheit können den Raser abdrängen, bevor er den schwarzen Citroen, in dem Erich Honecker sitzt, erreicht. Vor Hausnummer Fünf in der Straße der Roten Armee im Dörfchen Klosterfelde bringen sie den Lada zum Stehen. Aus dem Wagen steigt Paul Eßling, 41, von Beruf Ofensetzer. In der Hand hält er eine 7,65-Millimeter-Walther-Pistole.

Was wirklich geschah am 31. Dezember 1982 gegen 14 Uhr, wissen bis heute nur die Beamten, die dabei waren. Zwei Wochen später war der Zwischenfall auf Honeckers Jagdausflug in die Schorfheide dem Magazin "Stern" eine Titelgeschichte wert. Unter der Überschrift "Das Attentat" berichtete DDR-Korrespondent Dieter Bub von einem Paul Eßling, den "die kalte Wut" packte, als er die Kolonne sah. Schon vorher habe der geschiedene Vater von drei Kindern unter Bekannten immer wieder "unbeherrscht auf Honecker und die SED-Regierung geschimpft. Wenn er nur könnte, wollte er es denen schon zeigen", so groß sei sein Hass auf die "Bonzen aus dem Prominenten-Ghetto" gewesen.

Emotional aufgewühlt zumindest war Eßling an diesem Silvesternachmittag. In Wandlitz hatte er seine Ex-Freundin Sieglinde Strietzel in ihrer Arbeitsstelle besucht, wo sie gerade mit der Inventur fertig war und bei Gebäck und Sekt mit den Kollegen das Jahr Revue passieren ließ. Sie hatte erst wenige Tage zuvor Schluss gemacht, trotzdem wollte er unbedingt mit ihr Silvester feiern, wollte vielleicht eine zweite Chance. Als jedoch jegliche Avancen vergeblich waren und sie auch nicht einsteigen und mit ihm fahren wollte, verließ er wütend das Haus. Er raste mit seinem Lada davon, auf die Fernstraße 109, wo er nur zwei Kilometer weiter auf den Honecker-Konvoi traf.

Im Kugelhagel der Kalaschnikows

Paul Eßling schoss mit seiner 70 Jahre alten Waffe einem der Sicherheitsbeamten ins Brustbein und verletzte ihn schwer. Die anderen Stasi-Offiziere feuerten mit ihren Kalaschnikows zurück, trafen aber nur die Autotür - in der ausweglosen Lage soll sich der Ofensetzer aus Klosterfelde dann mit zwei Kopfschüssen selbst gerichtet haben. Später stellten Ärzte fest, dass er 2,5 Promille Alkohol im Blut hatte.

Eßling war wohlhabend, er arbeitete von morgens bis abends, als Handwerksmeister verdiente man gut in der DDR. Er wohnte auf einem mehrere Hektar großen Grundstück mit einer Werkstatt, einem Teich und eigenem Reitpferd. Obwohl es ihm wirtschaftlich gut ging, schimpfte er viel auf den Staat. Manchmal musste er Kamine und Öfen bei den SED-Angestellten im "Bonzenviertel" von Wandlitz einbauen, wo auch Honecker wohnte. Seit seine Ex-Frau mit den drei Kindern nach Berlin gezogen war, war er noch weniger umgänglich, und jetzt hatte ihm auch noch die Freundin den Laufpass gegeben. Depressiv oder schwermütig sei er jedoch nicht gewesen, sagen Bekannte von damals. Woher er die geradezu antike Walther-Pistole hatte, ist bis heute ein Rätsel, vielleicht hatte er sie bei einem Kundenbesuch gefunden und unbemerkt mitgenommen.

Sicher ist, dass der Zufall eine große Rolle spielte an Eßlings letztem Dezembernachmittag in Klosterfelde. Denn hätte er zehn Minuten länger oder kürzer bei seiner Ex-Freundin verweilt, noch einen Tee getrunken, oder wäre sie zu ihm ins Auto gestiegen und mitgefahren - vermutlich wäre es nicht zu der tödlichen Tragödie gekommen. Diese "Was wäre wenn"-Gedanken machen Sieglinde Strietzel bis heute zu schaffen. Seit 1982 hat sie kein Silvester mehr gefeiert.

Sozialistisches Erfolgsimage in Gefahr

Kurz nach Eßlings Tod sorgte der Wirbel um den "Stern"-Artikel dafür, dass die Trauernden immer wieder an den Fall erinnert wurden. Denn obwohl er sich hauptsächlich auf Aussagen aus dem Bekanntenkreis des Toten stützte und wenig beweisen konnte, sorgte Dieter Bubs Geschichte für diplomatische Verstimmung zwischen Deutschland West und Deutschland Ost. Für den Journalisten war es vorerst die letzte Recherche auf DDR-Gebiet. Er wurde des Landes verwiesen - offiziell wegen nicht durch das Ministerium genehmigter Nachforschungen in Klosterfelde und Wandlitz. Sein Hauptvergehen war jedoch ein anderes: Er hatte einen Artikel über den bewaffneten Widerstand gegen die Staatsgewalt veröffentlicht, der ganz und gar nicht dem sozialistisch-friedlichen Erfolgsimage entsprach, das die DDR-Führung im Ausland abgeben wollte.

Westliche Radio- und Fernsehsender stürzten sich auf die Geschichte, auch die "New York Times" berichtete. Der Eklat war nicht aufzuhalten, obwohl die staatliche DDR-Nachrichtenagentur "Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst" (ADN) zügig die "Falschmeldungen westlicher Agenturen und Presseorgane" über einen Mordversuch an Honecker zurückwies. Es sei lediglich zu "einer schweren Verkehrsgefährdung durch den Fahrer eines Pkw vom Typ Lada gekommen", der versucht habe, Fahrerflucht zu begehen.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit Selbstmord

Zumindest teilweise gaben spätere Nachforschungen dem ADN Recht, als nach der Wende der Fall noch einmal aufgerollt wurde. Zeugen und Bekannte des Toten, die das SED-Regime zuvor zum Schweigen verdonnert hatte, konnten endlich vernommen werden. 1995 kam die Staatsanwaltschaft Neuruppin zu dem Schluss, dass es sich nicht um ein versuchtes Attentat gehandelt habe. Auch ein anderer strittiger Punkt, nämlich ob sich Eßling wirklich selbst getötet hatte oder von einem Beamten erschossen wurde, wurde weitgehend geklärt. Mit "hoher Wahrscheinlichkeit" handle es sich tatsächlich um einen Selbstmord, so der Bericht.

So war "das Attentat" wohl eher die persönliche Tragödie eines Betrunkenen, der im Moment der Bedrohung durch die Beamten zur Waffe griff, und kein Anschlag auf das kommunistische System. Hobbyjäger Honecker hatte sich von dem Zwischenfall sowieso nicht aus der Fassung bringen lassen - laut Zeitungsberichten soll er am Silvesternachmittag 1982 mit ruhiger Hand neun Hirsche geschossen haben.



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