Qaida-Terrorist Richard Reid Der Mann, der uns die Schuhe auszog

Qaida-Terrorist Richard Reid: Der Mann, der uns die Schuhe auszog Fotos
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Sein Anschlagsversuch veränderte die Sicherheitsvorkehrungen auf Flughäfen: Vor zehn Jahren wurde Richard Reid in Boston zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Der "Schuhbomber" hatte versucht, ein Flugzeug zum Absturz zu bringen - und sich dabei zum Glück nicht besonders geschickt angestellt. Von

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Viele der Augenzeugen sollten später aussagen, sie hätten gleich bemerkt, dass mit dem Mann etwas nicht stimmen konnte. Die französische Reisende Annie Joly beschrieb das Aussehen der Gestalt, die am 21. Dezember 2001 die Wartehalle des Pariser Flughafens Charles de Gaulle betrat, im "Time Magazine" 2002 als einfach "bizarr". Eine Flugbegleiterin meldete den verdächtig aussehenden Passagier umgehend ihrer Vorgesetzten. Und die Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts riefen bei seinem Anblick die Polizei. Und tatsächlich gab es vieles an dem hochgewachsenen Briten Richard Reid, das nicht sonderlich vertrauenswürdig wirkte: seine verlotterte Kleidung, seine verfilzten, fettigen Haare, sein ungepflegtes Erscheinungsbild.

Was an dieser merkwürdigen Figur vielleicht noch am wenigsten auffiel, waren seine Schuhe: ein Paar hoher Basketballstiefel aus schwarzem Wildleder mit dicker Profilsohle und aufgesticktem Markenlogo. Dabei waren sie das entscheidende Detail. Das Werkzeug, mit dem Reid die Welt in Angst und Schrecken versetzen wollte.

Als "Schuhbomber" sollte Richard Reid, Mitglied der al-Quaida, im Dezember 2001, nur kurz nach den Anschlägen vom 11. September, weltbekannt werden - der US-Bundesgerichtshof in Boston verurteilte ihn später für eine lange Liste von Straftaten, die sich imposant aufaddierten: Dreifach lebenslänglich plus viermal 20 Jahre, anschließend fünf Jahre Sicherheitsüberwachung und zwei Millionen Dollar Geldstrafe.

Trainingscamp in Afghanistan

Reids Radikalisierung begann mit einem Tipp seines Vaters. Der war ein Kleinkrimineller, der zeit seines Lebens immer wieder für Delikte wie Autodiebstähle hinter Gittern saß. Der junge Richard folgte seinem Beispiel: 1980 kam er mit 17 Jahren erstmals wegen eines Raubüberfalls ins Gefängnis, in den folgenden Jahren landete er immer häufiger hinter Gittern. Und so verriet ihm sein alter Herr einen Trick, wie er die Haftaufenthalte angenehmer gestalten könnte: Er solle zum Islam konvertieren, da Muslime im Gefängnis besseres Essen bekämen.

Richard folgte dem Rat und wurde Muslim. Aber schon bald ging es ihm bei der Religion nicht mehr nur um kulinarische Vorzüge: Mitte der neunziger Jahre begann er, die Moschee im Südlondoner Stadtteil Brixton und die Finsbury-Park-Moschee im Norden der Stadt zu besuchen. Beide galten als Zentren radikalislamischen Gedankenguts: Qaida-Verbündete wie Zacarias Moussaoui, der später wegen der Beteiligung an der Verschwörung zum 11. September festgenommen wurde, hielten sich hier regelmäßig auf. Und der in der Finsbury-Park-Moschee praktizierende Imam Hamsa al-Masri rief immer wieder zum Dschihad auf.

Reid folgte dem Ruf: 1998 nahm er den Namen Abdel Rahim an und beschloss, Gotteskrieger zu werden. Er tauchte ab und verbrachte den Großteil der kommenden Jahre in einem Qaida-Trainingscamp nördlich von Kabul und in einer Islamschule in Pakistan. In Pakistan erhielt er 2001 auch jenes Paar schwarze Basketballstiefel, das ihn rund um die Welt in die Schlagzeilen bringen sollte. In den ausgehöhlten Sohlen der Schuhe befand sich ein Sprengsatz, der stark genug war, ein klaffendes Loch in ein Passagierflugzeug zu reißen. Versehen mit einem metallfreien Zündmechanismus war er unsichtbar für Detektoren.

Es waren diese Schuhe, in denen Reid am 21. Dezember 2001 den Flughafen Charles de Gaulle betrat, um sich an Bord eines Linienflugs der American Airlines nach Miami zu begeben. Sonderlich geschickt stellte er sich dabei allerdings nicht an: Sein ungepflegtes Äußeres, der Umstand, dass er sein Ticket mit Bargeld bezahlte, kein Gepäck mit sich führte und auch keinen Rückflug gebucht hatte - all das erregte das Misstrauen der Sicherheitsleute. Sie befragten ihn, wobei er sich so auffällig verhielt, dass sie die Polizei riefen. Nach weiteren zwei Stunden Verhör hatte Reid seinen Flug zwar verpasst, doch die Beamten konnten ihren Verdacht gegen ihn nicht erhärten und ließen ihn frei. Er erhielt ein Ersatzticket für den kommenden Tag.

"Oh mein Gott! Helft mir!"

Und so begab Reid sich am 22. Dezember unbehelligt mit 193 weiteren Passagieren und 14 Crew-Mitgliedern an Bord des American-Airlines-Flugs 63. Dort verhielt er sich normal - jedenfalls zu Beginn des Fluges. Kurz nachdem das Essen serviert worden war, erhielt eine Stewardess jedoch Beschwerden von Passagieren über einen schwefligen Geruch. Sie suchte das Flugzeug ab und fand Reid auf seinem Platz bei dem Versuch vor, Streichhölzer zu entzünden. Sie wies ihn zurecht, Rauchen sei an Bord verboten. Er steckte die Hölzer weg.

Doch als wenige Minuten später erneut eine Flugbegleiterin an Reids Sitz vorbeikam, fand sie ihn mit dem Rücken zum Gang über seinen Sitz gekauert vor. Sie sprach ihn an, was er da tue, doch er antwortete nicht. Erst als sie ihn berührte, drehte er sich ruckartig um, stieß sie fort und gab einen Moment lang den Blick auf das frei, was er auf seinem Schoß hatte: einen seiner Schuhe - aus dem eine verdächtig aussehende Lunte lugte. Jetzt erst erfasste die Stewardess den Ernst der Lage und schrie: "Oh mein Gott! Helft mir!" Sie rief nach Flüssigkeiten, die die Passagiere bei sich führten, und während sich mehrere Flugbegleiterinnen und Passagiere auf Reid stürzten, der sich mit Schlägen und Bissen zur Wehr setzte, überschüttete sie ihn mit Mineralwasser.

Die Gruppe überwältigte den Attentäter und fesselte ihn mit Gürteln, Sicherheitsgurten und Kopfhörerkabeln, ein Arzt verabreichte ihm ein Beruhigungsmittel. Die Fluggäste waren indes außer sich - sie vermuteten, es seien noch weitere Komplizen Reids an Bord. Und so bewachte eine nervöse Gruppe den Terroristen und seinen Sprengsatz den Rest der Reise über mit argwöhnischen Blicken, während F-15-Kampfjets den Flieger zum nächstgelegenen Flughafen nach Boston eskortierten. Reid wurde dort sofort festgenommen.

Die Rekonstruktion des Tathergangs und die Untersuchung der Bombe ergaben: Die Lunte des Sprengsatzes war so feucht gewesen, dass sie gar nicht hätte brennen können - weil Reid durch die Verzögerung seines Abflugs einen Tag bei Regenwetter in Paris herumspaziert war. Und, so vermutet man, wegen seines Fußschweißes.

Angst vor Wiederholungstaten

Richard Reid sitzt heute seine Strafe im US-Bundesgefängnis ADX Florence in Colorado ab, das als sicherste Justizvollzugsanstalt der Welt gilt. 23 Stunden Isolation täglich, in einer Zelle mit fest fixierten Stahlbetonmöbeln, allgegenwärtige Bewegungsmelder und Wärmekameras - hier haben die USA ihre 400 gefährlichsten Gefangenen vor der Welt weggeschlossen. Seit seiner Verurteilung vor zehn Jahren ist der "Schuhbomber", wie die Presse den Attentäter taufte, in der Welt außerhalb der Gefängnismauern in Vergessenheit geraten.

Reids Anschlag mag gescheitert sein, doch die Angst, die der Terrorist damit säen wollte, bekommt noch heute jeder Reisende zu spüren: Wenn er wieder einmal an einem Flughafen auf Socken durch die Kontrolle gehen muss, während Sicherheitsbeamte sein Schuhwerk abtasten, mit Sprengstoffdetektoren untersuchen oder in ein Röntgengerät schieben.

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1.
Rolf Radicke 18.03.2013
Solange Sprengstoff nicht identifiziert werden kann, sind ja ausser Schuhen auch noch andere Moeglichkeiten denkbar. Mich erstaunt hingegen, dass kleine Messer in den USA wieder zugelassen werden sollen (weil deren Entdeckung zu zeitaufwendig ist). Zwar kann man mit den kleinen Messern kein cockpit stuermen, aber eine Stewardess als Geisel nehmen, dazu reichen sie allemal. Und das Gepaeck, das wird aus Zeitgruenden ja auch nicht so kontrolliert, wie es kontrolliert werden sollte. Erstaunlich, dass da noch nichts passiert ist. Reids verdaechtiges Verhalten war aufgefallen. Man musste ihn gehen lassen, weil man nicht wusste, was die Ursache war. Das Verhalten der potentiellen Passagiere beobachten, und gegebenenfalls eingreifen und einen , wenn das Verhalten auffaellig ist, am Einschecken hindern,das sollte die Aufgabe der Sicherheitsleute sein. So wie es bei einer Airline eben schon der Fall ist. Nur weil einer einen Turban traegt, ist er noch nicht auffaellig. Wenn er aber schwitzt bei winterlichen Temperaturen, dann ist das was Anderes. Er koennte natuerlich auch krank sein.
2.
Mathias Schröter 18.03.2013
Erst die auffälligen Klamotten, dann mit den Schuhen im Park und Lunte nass, dann mit Streichhölzern im Flugzeug, also blöder gehts doch wohl nicht. Aber genauso blöd die, die ihn dennoch an Bord gelassen haben. Auch ein Idiot würde an die Schuhe denken !
3.
Erwin Wolfram 18.03.2013
man sieht deutlich, dass sich die armen leute wehren muessen, weil dual use technik gegen sie verwendet wird, weil sogar die rechtsverfolger diese straftaten ungeniert verbal fortsetzen und die leute dann doch meist verzichten darauf den anschlag durchzufuehren! man sieht auch deutlich, dass die leute alle keinen respekt vor dem leben eines einzelnen haben, am ehesten die attentaeter.
4.
Frank Steinbrinck 19.03.2013
>man sieht deutlich, dass sich die armen leute wehren muessen, weil dual use technik gegen sie verwendet wird, ... >Man sieht deutlich? >Arme Leute? >Dual Use Technik? >...Rechtsverfolger diese straftaten ungeniert verbal fortsetzen? Was um Himmels Willen brabbeln Sie da eigentlich? Zu welchem Artikel sollte das passen? Das war grober Unfug, aber kein Posting
5.
Michael Möller 20.03.2013
"Er solle zum Islam konvertieren, da Muslime im Gefängnis besseres Essen bekämen." ... ich habe gehört, das wäre auch heute noch in deutschen Haftanstalten der Fall... Nicht nur hochwertigeres Fleisch, sondern auch mehr. Obwohl der Koran wohl für solche Situationen die Speise-(und Fasten-)Regeln außer Kraft setzt, also in Gefangenschaft darf wohl auch ein Muslim z.B. Schweinefleisch essen... Allerdings schätze ich meine Quelle als nicht hundertprozentig glaubwürdig ein, wer weiss ob es stimmt ....
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