Schulalltag im Westen "Kein bolschewistisches Russisch"

Schulalltag im Westen: "Kein bolschewistisches Russisch" Fotos
Rainer Schinzel

Nicht nur "Junge Union" und "Spartakus-Bund" waren gegen ihn, auch sein Russischlehrer. Für Rainer Schinzel hatte das schwerwiegende Folgen: Im zwölften Schuljahr blieb er sitzen und musste erneut die Schule wechseln. Von

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"Die Menschen haben, wie es scheint, die Sprache nicht empfangen, um die Gedanken zu verbergen, sondern um zu verbergen, dass sie keine Gedanken haben."

Søren Kierkegaard (1813-1855), dänischer Philosoph und Theologe

Der "normale" Schulbetrieb nahm seinen Lauf. Der Internatsalltag war nicht viel anders als gewohnt. Wecken, Aufstehen, Körperhygiene, Frühstück, Unterricht, Mittagessen, Hausaufgaben, Freizeit. Abendbrot, Freizeit. Körperhygiene, Nachtruhe.

Vor den Mahlzeiten wurde ein Gebet gesprochen.

Meist dasselbe: "Komm, Herr Jesus, sei unser Gast...."

Das war in der DDR interessanter. Da wurden reihum vor den Mahlzeiten Sinnsprüche aufgesagt.

Einfallslose Schüler rezitierten Lenin: "Lernen, lernen, nochmals lernen! - Mahlzeit!"

Kreativere Geister reimten selbst:

"Kartoffeln mit Fleisch,

und Soße dazu.

Das läuft durch die Hose,

bis in die Schuh!"

Im Osten hieß es dann: "Guten Appetit!" - im Westen sagte man "Amen!"

Ein Weißgardist als Russischlehrer

Der Schulbetrieb war zunächst ungewohnt, nicht so diszipliniert und straff, wie ich das gewohnt war. Es schien auch nicht so sehr von Bedeutung, ob man Hausaufgaben ordentlich gemacht hatte oder nicht, die Kontrollen waren eher lax. Da war ich auch anderes gewohnt.

Man konnte sich in Ruhe zurücklehnen - und ich lehnte mich in Ruhe zurück, zumindest in den Fächern, die mich nicht so sehr interessierten, wie Mathematik und Physik.

Interessant dagegen fand ich den Russischunterricht.

Meine Mitschüler hatten mich gewarnt: Der Russischlehrer sei ein Original, ein alter, ehemaliger weißgardistischer Offizier, nach der Oktoberrevolution in den Westen gekommen, nach meiner Schätzung schon über 70 Jahre alt. Er habe so seine Eigenheiten, auf die man eingehen müsse.

Sattelfest, wie ich mich im Russischen fühlte, ging ich auf nichts ein. Ich mochte es fast nicht glauben, als er erklärte, die von den Sowjets verordnete Reform der Sprache und der Rechtschreibung würde von ihm nicht anerkannt. Da war mal ein echter Reaktionär - und ich opponierte.

Irgendwann gipfelte unsere Auseinandersetzung in seinem Ausspruch: "Wir lernen hier kein bolschewistisches Russisch, sondern russisches Russisch."

Was er damit meinte, erklärt der Beitrag der Internet-Enzyklopädie Wikipedia zur russischen Rechtschreibreform von 1918:

"Aber nicht nur für die junge Sowjetmacht wurde die Rechtschreibreform zum Bestandteil ihres politischen Kampfes. Die russische Aristokratie und vor allem die konterrevolutionären Intellektuellen weigerten sich vehement, die neue Rechtschreibung anzuerkennen. Russische politische Emigranten druckten ihre Zeitungen und Bücher teilweise noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in der alten Rechtschreibung."

"Sitzenbleiben" und Schulwechsel

Das sah nun nicht mehr sehr gut für mich aus im Russischunterricht des ehemaligen Weißgardisten, und folglich beschloss ich, mich auch in diesem Fach zurückzulehnen. Hindern konnte mich daran auch die Drohung mit den Zensuren nicht - aber die gab es nun einmal am Ende des Schuljahres, und zwar auch für mich.

Es waren leider keine guten Noten: In Mathematik eine "Fünf" wegen "mangelnder Leistung", und in Russisch eine "Fünf" wegen "mangelnder Beteiligung". Ich war also durchgefallen und "sitzen geblieben" und musste die zwölfte Klasse wiederholen.

Das ging in meiner bisherigen Schule in Altensteig nicht mehr, weil es im Jahrgang nach uns keinen Russischunterricht mehr gab. Eine Lösung fand sich aber im Schwester-Internat Elze in Niedersachsen, wo es noch eine zwölfte Klasse mit Russischschülern gab, in der ich meine "Ehrenrunde" drehen konnte.

Mit mir brach noch jemand in die Fremde auf, nämlich mein Freund Lothar. Die Schule machte ihm keinen Spaß, und seinen Autoliebhabereien konnte er dort auch nicht nachgehen. Er fuhr nun einmal gerne in schicken Wagen herum - und zwar auch in solchen, die ihm gar nicht gehörten.

Also verließ auch er das Internat Altensteig, aber anders als ich ließ er die Schule ganz hinter sich und reiste gen Stuttgart, wo er als Automechaniker sein Hobby zum Beruf machen wollte.

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