Schule im Krieg Quer durch Deutschland mit dem "Unternehmen Blücher"

Am 9. Mai 1945, dem Tag nach Kriegsende, wurde Karlheinz Koppe 16 Jahre alt. Dass er seinen Geburtstag gesund und munter feiern konnte, verdankte er seiner Mathe-Begabung, denn die Nazis hatten ihn in ein geheimes Elite-Internat gesteckt - am Ende aber sollte er doch noch als Kindersoldat Brücken sprengen.

Walter Nies

Die Sache mit dem "Unternehmen Blücher" ist eine seltsame Geschichte. Mehrere Physiker, an ihrer Spitze der Leiter der Forschungsabteilung der AEG, Professor Ernst Brüche, hatten sich 1944 bei Rüstungsminister Albert Speer über den Mangel an wissenschaftlichem Nachwuchs beklagt. Begabte Abiturienten, Studenten und Assistenten würden rücksichtslos zur Wehrmacht eingezogen und an die Front geschickt, von der viele nicht zurückkehrten. Die theoretische und angewandte Forschung, die letztlich auch der Rüstung zu Gute komme (deshalb die Eingabe bei Speer), sei extrem gefährdet. Es wäre deshalb dringend geboten, naturwissenschaftlich begabte Schüler der Jahrgänge 1927 bis 1930 in einer Sonderschule mit In-ternat zusammenzuholen, vom Wehrdienst zu befreien und durch intensiven Unterricht auf eine spätere wissenschaftliche Karriere vorzubereiten.

Speer hegte - wahrscheinlich zu Recht - Befürchtungen, dass Partei und SS, in deren Händen inzwischen die militärische Führung lag, einer solchen Freistellung nicht zustimmen würden. Er entwickelte deshalb den Plan, die ganze Angelegenheit unter strengster Geheimhaltung gegenüber Partei, SS, Gestapo und selbst dem eigentlich zuständigen Unterrichtsministerium zu behandeln. Er besprach die Sache mit "Reichsjugendführer" Artur Axmann, die Reichslei-tung der HJ verfügte über ausreichende finanzielle, organisatorische und materielle Möglich-keiten, um diesen Plan in die Tat umsetzen zu können. Zur Wahrung der Geheimhaltung wur-de die Schule unter dem Codenamen "Unternehmen Blücher" als Wehrertüchtigungslager geführt, was unter anderem den Vorteil hatte, dass die Schüler aus Wehrmachtdepots mit Wäsche und Lebensmitteln versorgt wurden.

Es grenzt an ein Wunder, dass das "Unternehmen Blücher" geheim gehalten werden konnte. Es sind deshalb auch keine schriftlichen Dokumente über das Unternehmen zu finden, nicht einmal Briefköpfe der Schule. Unglaublich, dass ein solches, wenn auch kleines Unternehmen ausschließlich in mündlicher Absprache zustande kam, von einigen Marschbefehlen der HJ-Reichsleitung abgesehen, die gegenüber Feldgendarmerie und SS-Kontrollen unerlässlich waren und ihren Zweck nicht verfehlten..

Flucht zu Fuß mit Handwagen

Der Schulbetrieb in Weidenhof, einem Gutsbesitz in der Nähe von Breslau, begann am 10. August. Ich gehörte zu den ersten, die eintrafen. In den Klassenräumen wurde noch gezimmert und gesägt. Wir Jüngeren wohnten im "Schloss" zu viert auf einem Zimmer. Für die Älteren wurden im Hof Baracken errichtet. Der Unterricht entsprach den Anforderungen eines Gymnasiums, mit dem Unterschied, dass fast ein Drittel der Unterrichtszeit naturwissenschaftlichen Fächern gewidmet war: Mathe, Physik, Chemie. Als Direktor wurde von der HJ-Reichsleitung ein Oberstudiendirektor und Major der Reserve aus Norddeutschland, Carl Hartmann, bestimmt und eigens zu diesem Zweck mit dem Rang eines HJ-Bannführers ausgestattet.

Als sich im Dezember 1944 die Front näherte, erhielten wir aus Berlin den Befehl, uns auf eine Verlegung der Schule nach Süddeutschland vorzubereiten. Am 20. Januar 1945 wurde das östliche Oderufer evakuiert. Wir packten unsere Rucksäcke und erreichten zu Fuß Breslau. Mit vielleicht hunderttausend Flüchtlingen liefen wir bei Minustemperaturen um zwanzig Grad und mehr, hatten aber den Vorteil eines geordneten Abmarsches unter Mitnahme ausreichender Verpflegung auf einem Gutswagen mit Gummireifen, den wir per Hand zogen und schoben. In Breslau wurden wir in der Aula der Sauerbruchschule untergebracht. Entgegen der Vereinbarung, uns vom Frontdienst zu verschonen, wurden die Schüler der Jahrgänge 1927 und 1928 doch zur Verteidigung Breslaus rekrutiert. Wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört. Sie wurden wahrscheinlich zu den berüchtigten HJ-Bataillonen eingezogen, deren Angehörige fast ausnahmslos gefallen sind.

Erfrorene Menschen am Straßenrand

Am 25. Januar zogen wir weiter Richtung Hirschberg, jetzt nur noch etwa 40 Schüler. Wir sahen erfrorene Menschen am Straßenrand liegen. Niemand kümmerte sich um diese Opfer eines sinnlosen Krieges. Der Boden war zu hart gefroren, um die Leichen begraben zu können. Wir übernachteten in Scheunen; eng aneinander gedrückt überstanden wir die eisigen Nächte. In Hirschberg trafen wir wieder auf unsere Mitschüler und fuhren mit dem noch funktionierenden Zug nach Reichenberg im Sudetenland und weiter nach Zittau in Sachsen. Dort nutzten wir jede freie Stunde für intensiven Unterricht - was anderes sollten wir auch tun. Es war ja auch vernünftig und lenkte von der Sorge ab, was wohl aus unseren Familien geworden war. Versorgungsprobleme hatten wir weiterhin nicht.

Am 13. Februar 1945 fuhren wir weiter nach Dresden, wo wir gegen Mittag ankamen. In einem Zug Richtung Süddeutschland, der am Abend abfahren sollte, war ein Abteil für uns reserviert. Polizei und Wehrmacht hatten ihn für uns freigehalten, während Zehntausende von Flüchtlingen im Dresdner Hauptbahnhof auf Fluchtmöglichkeiten nach Westen und Süden warteten. Plötzlich Fliegeralarm. Kaum waren wir eingestiegen, setzte sich der Zug ohne jede weitere Vorwarnung in Bewegung und hielt etwa zehn oder fünfzehn Kilometer westlich von Dresden.

Von dort aus erlebten wir den schrecklichen Untergang der Stadt. Ich muss eingestehen, dass der flammend gelb-rote Himmel, das dumpfe Dröhnen der Flugzeuge, die Explosionen der Bomben, die "Weihnachtsbäume", die zusätzlich den Nachthimmel erhellten, und die Linien der Leuchtspurgeschosse der Flak ein grausam-grandioses Schauspiel waren, das uns die Opfer, wenn auch nur für einen Augenblick, vergessen ließ. Und ich weiß nicht, ob wir uns zu diesem Zeitpunkt wirklich bewusst waren, was dieser Angriff für die Menschen in der Stadt bedeutet haben muss. In Chemnitz oder Zwickau ging es nicht mehr weiter. Wir lösten uns auf mit dem Befehl, uns nach Riedlingen an der oberen Donau durchzuschlagen. In Gruppen zu dritt und fünft machten wir uns auf den Weg. Wir hatten "Marschbefehle", die uns einerseits halfen, unterwegs nicht rekrutiert zu werden, andererseits berechtigten, Wehrmachtsverpflegung in Empfang zu nehmen. Anfangs ging es noch mit Zügen weiter. Später mit Lastwagen und Pkw mit Holzkohlenfeuerung und lange Strecken zu Fuß.

Aus der Hölle in die Idylle - und zurück

Um den 20. Februar - ich schlug mich inzwischen allein durch - erreichte ich Riedlingen südlich der Schwäbischen Alb. Ein Ort des Friedens! Die Flüchtlingsströme waren noch nicht angelangt. In einem Gasthof erhielt ich (ohne Marken!) eine riesige Portion "Himmel und Erde" mit einer dicken Bratwurst. Zum Schluss gab mir die Wirtin noch ein großes, weißes Brot mit auf den Weg. Treffpunkt war Schloss Heubach, etwa drei Kilometer südlich der Stadt, wieder ein idyllisch gelegenes Gutsschloss, das ursprünglich der Familie Thurn und Taxis gehört hatte. Im Laufe der nächsten Tage fanden wir uns erstaunlicherweise alle - Direktor, Lehrer und Schüler - wieder ein und sofort ging es mit dem Lernen weiter. Einige Tage später mussten wir schon wieder umziehen, diesmal an unseren - wie es hieß - endgültigen Standort, das Kloster Untermarchtal, fünfzehn Kilometer Donau abwärts, kurz vor dem nicht minder idyllischen Städtchen Munderkingen.

Dort erlebten wir einige Wochen in ungewöhnlicher Harmonie. Die Klosterschwestern versorgten uns auf das Beste. Wenn nur nicht der strenge Karbolgeruch gewesen wäre, eine Folge des täglichen Schrubbens der Fußböden. Der Unterricht war nach wie vor intensiv und wieder geregelt, nur fehlte es an Laboreinrichtungen und Lehrmaterial. Doch Ende März 1945 war es mit unserem privilegierten Status schon wieder zu Ende. Wir vom Jahrgang 1929 wurden trotz unserer Freistellungsbescheide in der Kreisstadt Ehingen gemustert. Wir durften wieder zurück nach Untermarchtal, wo uns der Feldwebel einer in Munderkingen stationierten Kompanie "ausbildete". Von einigen Schießübungen abgesehen geschah aber nichts. Wir wurden auch keiner Truppeneinheit zugewiesen, so als seien wir wieder vergessen worden. Stattdessen gingen wir wie gewohnt unserem Unterricht nach.

Doch wir waren nicht vergessen worden, leider! Am 21. April wurde uns befohlen, die kleinere der beiden Brücken in Munderkingen, die Algershofener Brücke, zu verteidigen . Wir waren eine Gruppe von zehn fünfzehnjährigen Jungen unter dem Befehl eines Feldwebels. In der Nacht schliefen wir im Freien oder hielten Wache. Ganze Schlangen von Wehrmachtseinheiten zogen über die Brücke Richtung Süden, in die "Alpenfestung", wie gerüchteweise verlautete, die es aber, wie wir später erfuhren, nie gegeben hat.

Kindersoldaten mit Befehl zur Brückensprengung

Am Sonntag, den 22. April, sahen wir unsere Mitschüler und die Lehrer mit Rucksäcken und ein paar kleinen Leiterwagen in Richtung Biberach vorbeilaufen. Sie hatten Marschbefehl nach Bad Tölz. Wir, die "Kindersoldaten", blieben an der Brücke. Am Nachmittag erhielten wir den Befehl, die Brücke zu sprengen. Pioniere hatten bereits Sprengladungen vorbereitet. Vom anderen Donauufer hörten wir Kampflärm und sahen erste amerikanische Panzer. Der Ortspfarrer flehte uns an, die Brücke nicht zu sprengen. Ebenso versuchte der Bürgermeister zu verhindern, dass die steinerne Hauptbrücke, die direkt in die Altstadt führte, wo noch einige Wehrmachtseinheiten standen, gesprengt wurde. Der Pfarrer brauchte uns nicht zu überzeugen, denn auch uns war klar, dass die Brückensprengungen die Amerikaner provozieren würden, die ganze Stadt zusammenzuschießen. Wir sahen uns kurz an und waren uns einig, uns "von der Truppe zu entfernen". Der Feldwebel war bereits verschwunden.

Mehr laufend als marschierend versuchten wir unsere Mitschüler wieder zu finden und trafen sie in der Tat am nächsten Tage abends in Ochsenhausen, wo wir im Refektorium des barocken Klosters übernachteten, in dem Ordensschwestern geistig behinderte Kinder gerettet hatten. Im Morgengrauen ging es weiter. Irgendwie erfuhren wir, dass die Amerikaner nur wenige Kilometer hinter uns waren. In Rot an der Rot zogen wir unsere Uniformen aus und vergruben sie mitsamt unseren wenigen Waffen, den Wehrpässen und allen anderen Papieren mit irgendwelchen Stempeln von NS-Behörden. In der Nähe des Ortes Salchenried kurz vor Lechbruck wurden wir uns einig, nicht weiter zu marschieren, in der Scheune eines einsam gelegenen Gehöfts zu übernachten und uns von den Amerikanern "überrollen" zu lassen.

Und tatsächlich war das Gehöft beim Morgengrauen umstellt: "Get up, come out, hands up!" Die GIs waren verblüfft, als sie uns Kinder und vier Erwachsene sahen. Für einen Tag waren wir Kriegsgefangene, dann ließen die Amis uns laufen. Jeder von uns bekam sogar noch eine ration box. Ich erinnere mich, dass sie drei Zigaretten Lucky Strike, Crackers, Hartkäse und eine kleine Tafel Hershey's-Schokolade enthielt. Die Zigaretten tauschte ich sofort gegen Schokolade und fragte mich, wie andere so dumm sein können, ihre Schokolade gegen Zigaretten herzugeben. Die "Entfernung von der Truppe" war geglückt und für uns der Krieg an diesem Tage beendet. Wir verteilten uns auf einzelne Bauernhöfe zwischen Rot und Kempten. Am 9. Mai 1945, der Tag, an dem ich sechzehn Jahre alt wurde, hörten wir von der Kapitulation des Reiches. Für mich war nicht nur der Krieg beendet, noch mehr zählte, dass mein Vater recht behalten hatte: Krieg ist nichts für Menschen! Diese Erfahrung sollte mir für den Rest meines Lebens zur Regel werden.



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