Schule in der DDR Verhör vor laufender Kamera

Inquisitorische Gespräche, Denunziation, Propaganda: Jahrelang war über die Lehrmethoden an DDR-Schulen nur wenig bekannt. Jetzt geben Unterrichtsmitschnitte aus den siebziger Jahren Einblick - und offenbaren unerwartete Praktiken.

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Henning Schluß/HU Berlin, Institut für Erziehungswissenschaften

Über den Schulunterricht in der DDR wird wieder viel geredet. Solch schlechte PISA-Ergebnisse hätte es in der DDR nicht gegeben, überhaupt sei das Schulsystem der Einheitsschule in Ostdeutschland vorbildlich gewesen, weil niemand sozial benachteiligt worden sei - meinen die einen. Die anderen betonen vor allem die ideologische Indoktrinierung der Schüler durch die DDR-Pädagogik. Die Erinnerungen von Zeitzeugen sind bekanntermaßen nicht sehr zuverlässig, weil standortabhängig. Lehrpläne und Unterrichtshilfen sagen nur aus, wie der Unterricht sein sollte, nicht wie er war. Einblicke in den konkreten DDR-Unterricht gibt es bislang nicht.

Die jüngste Veröffentlichung von DDR-Unterrichtsstunden, die in den siebziger und achtziger Jahren zu Forschungszwecken mitgeschnitten worden waren, ist deshalb eine kleine Sensation.

Aufnahmestudio "Kommode"

Vor vier Jahren waren an der Berliner Humboldt-Universität rund 100 Filme zu verschiedenen Unterrichtsfächern in unterschiedlichen Klassenstufen und Schulformen aufgetaucht. Aufgenommen worden waren sie in einem eigens dafür eingerichteten Aufnahmestudio der Universität, Unter den Linden 9, in der sogenannten "Kommode". Doch so, wie sie aufgefunden wurden, waren die Aufnahmen nicht brauchbar. Die Abspieltechnik war nach der Wende an der Universität entsorgt worden. Da es in den siebziger Jahren noch keine Standards für Videotechnik gab, schien es somit fast ausgeschlossen, ein geeignetes Gerät zum Abspielen der Bänder zu finden.

Schließlich gelang es doch. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft half, den Fundus an 1-Zoll-Videobändern der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Material wurde auf internetkompatible Formate überspielt. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung (DIPF) entstand beim größten pädagogischen Portal Deutschlands eine Videodatenbank zum Schulunterricht in der DDR, die jetzt eröffnet wurde.

Bedrohungslage im O-Ton

Einer der aufgefundenen Filme zeigt eine Geschichtsstunde aus dem Jahr 1977. Das Thema: "Sicherung der Staatsgrenze am 13. August 1961". Die Lehrerin will mit den Köpenicker Schülern die Leitfrage bearbeiten, weshalb der Bau der Berliner Mauer ein Beitrag zur Sicherung des Friedens war. Für die im Lehrplan vorgeschriebene Unterrichtseinheit wird eine Schallplatte des DDR-Verlages SCHOLA eingesetzt. In der Manier der TV-Propagandasendung "Schwarzer Kanal" suggeriert der Beitrag mit Versatzstücken von O-Tönen westdeutscher Politiker eine akute Bedrohungslage. Die DDR habe sich nur noch durch den Bau der Mauer wehren können und den Imperialisten so "die Grenzen ihrer Macht" aufgezeigt...

Der Ausschnitt findet sich auf einer DVD, die das Medieninstitut FWU und die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben haben. Es war es gelungen, die Schüler und Lehrer des Mitschnitts zu identifizieren und zu interviewen. Doch der Fund ist noch weit umfangreicher.

Einige der Unterrichtsstunden muten an, als seien sie als Musterstunden konzipiert und durchgeführt worden. In einer Aufzeichnung - einer Biologiestunde zum Skelettbau der Vögel - wird eine Szene sogar leicht verändert wiederholt. Die Lehrerin gibt Regieanweisungen, erklärt, wer sich jetzt zu melden habe. Zumindest für diese Stunde lässt sich eine bewusste Inszenierung nachweisen.

Dokumentierte Denunziation

Andere Aufzeichnungen werden wegen großer Disziplinprobleme vorzeitig abgebrochen. Eine Lehrerin kann mit dem Unterricht erst gar nicht beginnen und das, obwohl den Schülerinnen und Schülern bewusst ist, dass sie gefilmt werden. Es sind Fehler von Schülern, aber auch von Lehrern dokumentiert. So werden z.B. undisziplinierte Schüler genau von der Kamera beobachtet. Danach findet ein inquisitorisches Gespräch mit der Schulpsychologin statt, das auch von der Kamera dokumentiert wird. Einige Szenen machen einen sehr spontanen Eindruck, Lehrerinnen und Lehrer gehen frei auf die Diskussionen der Schüler ein.

Viele Stunden werden ausschließlich im Frontalunterricht durchgeführt. Andere Aufzeichnungen dokumentieren dagegen den keineswegs mit DDR-Pädagogik assoziierten Gruppenunterricht.

Mit dem jetzt erschlossenen Videomaterial kann das Schulsystem der DDR in seiner ganzen Ambivalenz erfahren werden. Von der Integration aller in dieses System - die gerade nach den PISA-Ergebnissen wieder entdeckt wurde - bis hin zur Exklusion und von einem Lehrer in der Klassendiskussion beförderten Denunziation einzelner Schüler als Streber finden sich Zeugnisse auf diesen Bändern.

Mit dem Filmmaterial wird es nun möglich, zum ersten Mal auch Unterrichtsaufzeichnungen aus West- und Ostdeutschland miteinander zu vergleichen, was das Ziel eines Folgeprojekts sein wird.



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Steffen Thomas, 21.12.2007
1.
Auch heute werden Schulstunden aufgezeichnet und ich möchte nicht wissen, was man in 30 Jahren darüber sagt. Man sollte die Dokumente nicht überbewerten, sie spiegeln nur bedingt den Alltag wieder. Auch ich bin von 1971-1983 in der DDR (halle/Saale) zur Schule gegangen und hätte beinahe kein Abitur machen dürfen, da ich formal als Intelligenzlerkind zählte, das "dank" geschiedener Eltern aber wieder der Arbeiterklasse zugerechnet wurde. Somit schaffte ich Abitur, Studium und hätte auch zu DDR- Zeiten promoviert, wäre die Wende nicht gekommen.
Eugen Menken, 21.12.2007
2.
Der Autor meint: "Die Erinnerungen von Zeitzeugen sind bekanntermaßen nicht sehr zuverlässig" Wie zuverlässig für die Dokumentation des DDR-Schulalltages sind dann Aufnahmen in einem eigens eingerichteten Aufnahmestudio , vor allem mit dem Hintergrundwissen, daß sogar normale Hospitationsstunden in der DDR vorher genau abgesprochen wurden? Warum sollte dies ausgerechnet bei mitgefilmten "Ereignissen" nicht der Fall gewesen sein? Insofern sind diese Aufnahmen wohl eher als weiteres Beispiel der DDR-Selbstinszenierung zu sehen, die DDR-intern mindestens in gleichem Umfang betrieben wurde wie nach außen hin. Störend empfinde ich weiterhin eine Headline auf Bildzeitungsniveau, deren Inhalt der Text nicht hergibt. Schade.
Henning Schluß, 21.12.2007
3.
Spannende Frage, mit der wir uns natürlich im Forschungsprojekt intensiv auseinandersetzen, sich aber auch die damaligen Wissenschaftler auseinandersetzten. Um möglichst unbeeinflußte Aufzeichnungen zubekommen wurden die Schüler über einen längeren zeitraum in diesem Raum unterrichtet. Sie konnten sich so an die spezifische Situation gewöhnen. Für die Lehrer gilt freilich, daß sie sich besonders intensiv auf die Stunde vorbereiteten, oft auch im Kollektiv. Aber der Unterrichtssituation, als einer permaenten Kontrollsituation fügt die Kamera nichts wesentliches hinzu, sie verstärkt allerdings das, was Unterriht ohnhin ausmacht. Mehr dazu in den Veröffentlichungen zum Projekt auch im Interview mit dem Deutschlandradio. http://amor.rz.hu-berlin.de/%7Eh33750jw/Projekte/forschungsprojekte/006dfg-video/dfg-video.htm >Der Autor meint: "Die Erinnerungen von Zeitzeugen sind bekanntermaßen nicht sehr zuverlässig" >Wie zuverlässig für die Dokumentation des DDR-Schulalltages sind dann Aufnahmen in einem eigens eingerichteten Aufnahmestudio , vor allem mit dem Hintergrundwissen, daß sogar normale Hospitationsstunden in der DDR vorher genau abgesprochen wurden? >Warum sollte dies ausgerechnet bei mitgefilmten "Ereignissen" nicht der Fall gewesen sein? Insofern sind diese Aufnahmen wohl eher als weiteres Beispiel der DDR-Selbstinszenierung zu sehen, die DDR-intern mindestens in gleichem Umfang betrieben wurde wie nach außen hin. >Störend empfinde ich weiterhin eine Headline auf Bildzeitungsniveau, deren Inhalt der Text nicht hergibt. Schade.
Steffen Krug, 22.12.2007
4.
Sehr geehrter Autor, ich war selbst bis 1983 in einer DDR Schule und habe hier mein Abitur machen können. Ich empfinde den Artikel und insbesondere die Überschrift als etwas tendentiös. Ich habe Staatsbürgerkundeunterricht und Geschichte ab Klasse 9 gehasst aber ich kann nicht behaupten, dass ich drangsaliert wurde. Weiterhin sollten Sie bedenken: - Dass aus dieses Schulsystem nicht nur Propaganda vermittelt hat. - Dass der Schulalltag in der BRD in der 70igern sich von dem in der DDR nicht besonders unterschied (hat mir zumindest mein Cousin bestätigt) Wenn Lehrer mit Videos auf Ihren Alltag in der Schule vorbereitet wurden, dann ist doch wohl klar, dass auch "Überzeichnungen" vorkamen. Eines ist klar, wenn ich das resultierende Wissen nach 10 Jahren Schule mit dem meines Sohnes vergleiche, dann haben die Methoden der Wissensvermittlung in der DDR besser funktioniert. Die einzige Ausnahme bildet hier wohl der Sprachunterricht. Heranwachsende benötigen Führung und Disziplin um zu Menschen heranzuwachsen die für die Gesellschaft Etwas leisten können. Das hatten wir mit Sicherheit in der DDR. Mit freundlichen Grüßen, Steffen Krug
Henning Schluß, 03.01.2008
5.
Sehr geehrter Herr Krug, nun könnten wir uns gegenseitig Schulgeschichten aus der DDR erzählen - meine ist nicht ganz so glücklich verlaufen - Abitur habe ich in der "Diktatur der Arbeiterklasse" nicht machen dürfen - aber das soll hier nicht das Thema sein. Spannend ist an den Aufzeichnungen, daß sie sehr verschiedene Unterrichtssituationen einfangen. Forschungsinteresse war bei der Aufzeichnung offensichtlich nicht nur, Musterstunden zu bekommen, sondern auch Problemstunden, um eben diese Probleme analysieren zu können. Dass es sich bei der ideologischen Aufgeladenheit der Fächer Geschichte und Staatsbürgerkunde allerdings nicht um Überzeichnungen, sondern um das Programm der DDR Volksbildung handelte, können Sie selbst ganz leicht überprüfen, indem Sie noch einmal Ihre alten Lehrbücher zur Hand nehmen. Lohnend auch ein Vergleich mit den aktuellen Schulbüchern ihres Sohnes. Wir streben einen Vergleich mit westberliner Aufzeichnungen aus dem gleichen Zeitraum an und sind gespannt auf die Ergebnisse. Mit herzlichem Gruß, Henning Schluß
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