Schulfreund Steinmeier Mit "Prickel" im Partykeller

Schulfreund Steinmeier: Mit "Prickel" im Partykeller Fotos
Peter Hausstätter

Von Brakelsiek ins Bundeskanzleramt: Als SPD-Kanzlerkandidat rückt Frank-Walter Steinmeier ins Rampenlicht - ganz Deutschland will wissen, woher er kommt, wie er tickt, was ihn treibt. Peter Hausstätter weiß es: Er hat mit dem möglichen Kanzler in spe die Schulbank gedrückt. Von

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Frank-Walter Steinmeier habe ich kennengelernt, als ich zwölf Jahre alt war, das war 1967. Ich war gerade sitzengeblieben und hatte darum die Klasse gewechselt. Einer der Schüler in meiner neuen Klasse war Frank-Walter, der ein Jahr jünger ist als ich, 1956 geboren. Wir sind beide auf das neusprachliche Gymnasium in Blomberg in Lippe gegangen.

Wenn man neu in so eine Klasse in einer anderen Stadt kommt, orientiert man sich ganz natürlich ein bisschen an den Klassenkameraden, die aus der gleichen Gegend kommen wie man selbst. Frank-Walter wohnte damals in Brakelsiek, nur drei Kilometer von meinem Heimatort Schwalenberg entfernt, und da habe ich als Neuer dann erstmal bei ihm Anschluss gesucht. In den Schulpausen haben wir zusammengehangen und uns so bald angefreundet

Das Gymnasium hatte für mich ein bisschen etwas Furchteinflößendes, schon das Äußere, so ein großer, grauer Kasten. Und die ganze Schulform war damals natürlich noch Frontalunterricht mit Zucht und Ordnung. Schon die Anreise war ein Abenteuer, der Schulbus brauchte morgens fast eine halbe Stunde für eine Strecke von 15 Kilometern. Der fuhr über alle Dörfer, los ging es bei uns in Schwalenberg, dann hielt er Lothe, und in Brakelsiek stieg dann Frank-Walter ein. Sein Spitzname war "Prickel", ich glaube den hatte er vom Fußball.

Wurstbrot bei den Steinmeiers

In der Schule war Frank-Walter ein sehr ruhiger, sehr besonnener Kerl. Er ist nie durch Pöbeleien oder lautes Lamentieren oder gar durch Schlimmeres aufgefallen. Deswegen habe ich mich auch persönlich zu ihm hingezogen gefühlt, weil er so ausgeglichen war. Man konnte sich gut mit ihm unterhalten, über Gott und die Welt. Er hat nie vorschnell losgeschossen, sondern erst einmal einen Moment nachgedacht und dann in wohlgewägten Worten geantwortet. Ob er irgendwem auch mal einen Streich gespielt hat? Ich kann mich wirklich nicht daran erinnern. Blödsinn hat er einfach nicht angestellt.

Oft haben wir uns zum Hausaufgabenmachen verabredet. Per Anhalter bin ich dann immer das kurze Stück von uns zu ihm nach Brakelsiek getrampt. Außer den Hausaufgaben haben wir auch sonst viel gemacht, wir haben einfach nur gequatscht oder sind durch das Dorf gezogen. Es war kein sehr abwechslungsreicher Alltag, auf dem Dorf gab es ja praktisch gar nichts.

Mein Vater und der Vater von Frank-Walter waren Arbeitskollegen, sie haben beide bei der Firma Eichhoff in Schwalenberg gearbeitet, die Lkws für die Kanalreinigung baute. Sie waren gute Arbeitskollegen, fast schon befreundet. Wenn Franks Vater mit seinem Motorrad von der Arbeit kam, dann wurde erst einmal richtig Kaffee getrunken, so nannte man das da. Dann wurde bei der Familie Steinmeier erst einmal richtig schön gespachtelt, mit Wurstbroten und allem, was dazu gehört. Für uns Jungs war das ein Ritual, da waren wir dann immer da.


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Politik und Partykeller

Mit den Mädchen ging es natürlich auch irgendwann los. Der Sohn eines Lehrers hatte einen Partykeller, in dem wir uns dann, als wir so 15 oder 16 waren, oft samstags getroffen haben. Jeder brachte ein paar Schallplatten mit, es wurde ein kleines Fässchen Bier gekauft. Und da haben wir uns natürlich dann auch den Mädchen genähert, klar. Frank-Walter war kein Draufgänger, aber die Mädchen mochten ihn. Er hat jede aber erst ganz genau beobachtet, bevor er sich mit einer eingelassen hat.

Die Politik hat mich damals eigentlich nicht interessiert, auch wenn es in der Republik hoch herging. Es gab damals ja wie heute eine Große Koalition, mit CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger und seinem SPD-Außenminister Willy Brandt, und gegen die demonstrierten die Studenten. Aber nur in den großen Städten. Bei Frank-Walter merkte ich damals schon, dass er politisch ein wenig interessiert war. Ich kann mich genau an Gespräche erinnern, bei denen ich nur stumm daneben saß, wenn Vater und Sohn Steinmeier beim Abendbrot die große Weltpolitik ausdiskutierten.

Jedenfalls war Frank-Walter schon als Pennäler sozialdemokratisch angehaucht und ist dann auch in die SPD eingetreten, zu Abiturzeiten. Es gab da eine Episode, die ein wenig den Politiker im ganz jungen Steinmeier zeigt: Ich war mal wieder über die Dörfer getrampt und wurde von einem Herrn mitgenommen, der wohl eine wichtigere Person im SPD-Kreisverband war. Während der Fahrt hat er mich die ganze Zeit politisch bearbeitet. Als ich hinterher Frank-Walter davon erzählte, fiel der aus allen Wolken: Hast Du die Telefonnummer? Können wir den mal besuchen? Dabei war ich froh, dass ich den Mann wieder los war. Frank war total enttäuscht, dass er nicht an meiner Stelle mit dem Herren Funktionär getrampt war, er hätte sich wahnsinnig gern mal mit ihm unterhalten.

Kein ausgeprägter Drang nach oben

Außenpolitik hat den Steinmeier damals nicht besonders fasziniert, ich glaube, die Innenpolitik lag ihm mehr am Herzen. In der Schule war er ein guter, aber nicht ein besonders guter Schüler. Kein Streber, der sich in den Vordergrund drängte. In Geschichte, da war er gut. Zu Schulzeiten hätte sicher niemand von uns Mitschülern gedacht, dass Frank-Walter Steinmeier mal Politiker werden würde. Ich hätte auf Lehrer getippt, eben für Geschichte. Einen besonders ausgeprägten Drang nach oben hat man ihm damals jedenfalls nicht angemerkt. Ich kenne ihn nur als sehr zurückhaltenden Menschen, der sich wirklich sehr genau überlegt hat, was er sagt. Und das merkt man, glaube ich, ja auch heute noch.

Nach dem Frank-Walter Abitur gemacht hatte, verloren wir uns ein wenig aus den Augen, bedingt durch Ausbildung und Bundeswehrzeit. Aber es gab sehr oft Klassentreffen, da haben wir uns dann schon immer wieder getroffen. Frank-Walter hatte in dieser Zeit eine Freundin aus einem Nachbarort, ich hatte auch eine Freundin, und so waren wir ein befreundetes Quartett in den späten siebziger, frühen achtziger Jahren, als er in Gießen Jura studiert hat. Am Wochenende haben wir uns dann immer in Brakelsiek gesehen.

Eines Tages saßen wir dann einmal zu viert zusammen, und Frank-Walter sagte: So, ich bin jetzt soweit fertig; mir hat man eine Richterstelle angeboten. Ich habe sofort gesagt, Mensch, das ist doch eine tolle Sache, das muss man doch annehmen! Ich war natürlich ganz stolz. Mein Freund wird Richter! Frank sah das anders: Ne, sagte er, ich möchte das nicht. Er konnte sich nicht vorstellen, so sein Leben zu verbringen. Während des Studiums muss es ihn mit der Politik gepackt haben. Und dann fing er in der Niedersächsischen Staatskanzlei an, bei Gerhard Schröder, der in Hannover gerade Ministerpräsident geworden war.

Im Dienstwagen zum Klassentreffen

Das letzte Mal bin ich Frank-Walter auf einem Klassentreffen begegnet, was Anfang der neunziger Jahre. Damals war er schon in der Staatskanzlei. Ich weiß noch, wie ich damals mit dem Motorrad nach Istrup zum Klassentreffen gefahren bin, und Frank-Walter kam da dann abends mit einem Dienstwagen an, das war ein Passat mit Hannoveraner Kennzeichen. Zu seinem 50. Geburtstag am 5. Januar 2006 habe ich ihm noch einen persönlichen Brief geschrieben und ein paar alte Erinnerungsfotos dazugetan, als kleines Geburtstagsgeschenk. Er war ein paar Monate vorher gerade Außenminister geworden, und dazu habe ich ihm Glück gewünscht. Weil ich seine Eltern manchmal beim Einkaufen treffe, habe ich denen den Brief gegeben, damit den nicht irgendeine Sekretärin wegschmeißt.

Wenn ich ihm jetzt in Brakelsiek auf der Straße begegnen würde, würden wir uns nach all den Jahren wohl erst einmal in den Armen liegen, denke ich, und dann zusammen ein Bier trinken gehen. An den Gedanken, dass Frank-Walter die SPD in den nächsten Bundestagswahlkampf führen wird, muss ich mich noch gewöhnen. Als feurigen Redner in einem Bierzelt kann ich ihn mir gar nicht vorstellen. Ich habe ihn mal reden gesehen, da hat er sich die Ärmel hochgekrempelt und auf Gerd Schröder gemacht. Ich fand, es wirkte sehr angestrengt.

Aber er wäre trotzdem ein guter Bundeskanzler, da bin ich mir sicher - auf jeden Fall ein sehr besonnener. Ob ich ihn wählen würde? Ja, ganz klar.

Aufgezeichnet von Hans Michael Kloth


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