Schulspeisungen Milchsuppe für die Hungrigsten

Schulspeisungen: Milchsuppe für die Hungrigsten Fotos
Rolf Augustin

Nach dem Zweiten Weltkrieg bedrohte der Hunger die Bevölkerung - die Kinder litten am schlimmsten. Ab März 1946 führten die Briten in ihrer Zone eine Schulspeisung aus Armeebeständen durch. Der zu Kriegsende fünfjährige Rolf Augustin über das Glück des Knusts, leibhaftige Rosinen und das himmlische Sättigungsgefühl. Von

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Der Krieg war zu Ende. Die Panzersperren aus den an der Hagener Dorfstraße gefällten Linden waren abgeräumt worden, kampflos hatten wir uns Ende April/Anfang Mai 1945 den Engländern ergeben. Meine Mutter hatte noch schnell die Hitlerbüste vergraben, das Hakenkreuz von der Fahne abgetrennt und dieses verbrannt. Am Tag der Kapitulation, meinem fünften Geburtstag, war auch mein Vater aus dem Krieg zurückgekehrt. "Das ist Euer Vati", sagte meine Mutter und meinte damit den unrasierten, struppigen und mageren Mann, der auf unserem Kinderbett saß. Doch schon bald hatten wir uns an ihn gewöhnt.

Wir wohnten im Mai 1945 in einer Dienstwohnung der Hagener Sparkasse; unsere Wohnung hatten die Amerikaner beschlagnahmt. Sie hatten uns zwei Stunden zum Packen der notwendigsten Dinge gegeben, dann mussten wir das Haus verlassen. Die Amerikaner taten sich gütlich am Eingemachten in unserem Keller und an den restlichen Weinflaschen. Irgendwann machten sie wohl auch Zielschießen auf die Möbel. Noch heute steckt im Büffet meiner Mutter eine Pistolenkugel.

Die staatliche Ordnung war fast komplett zusammengebrochen, und mit den Lebensmittelmarken konnte man bei "Kaufmann Georg Renken" oder "M.H. Sticht" auch nichts mehr kaufen. Man war auf überwiegend auf Selbstversorgung oder Tauschhandel angewiesen. Doch schon bald gab es auch nichts mehr auf "Marken" zu kaufen, der Hunger und die Not wurden immer größer. Die Bewohner der Stadt kamen zum "Hamstern" auf die Dörfer. Bald waren auch diese Möglichkeiten erschöpft - am meisten Hunger litten die Kinder.

Irres Löffelgeklapper beim Schlangestehen

Den Besatzungsbehörden blieb diese Not nicht verborgen und so begannen im Frühjahr 1946 zunächst die Briten, aus ihren Armeebeständen eine Schulspeisung für bedürftige Kinder zu organisieren. Das Essen wurde in großen Töpfen in der Waschküche auf dem Schulgelände zubereitet. Meistens gab es Suppen mit Kakaogeschmack oder Brei.

Stellen Sie sich eine Schar von etwa hundert ausgemergelten kleinen Jungen und Mädchen vor: oft ohne Schuhe, wenn überhaupt eine Fußbekleidung, dann Holzschuhe von Opa Böttger oder Klapperlatschen von Fritz Eckel, bekleidet mit aus Wehrmachtsstoffen geschneiderte Jacken und Hosen, die Blousons aus Zeltbahnstoff. Bei sonnigem Wetter trugen die Mädchen Kleider aus Fallschirmseide. Und alle standen in der Pause in einer langen Schlange, deren Ende hinter dem Schulgebäude lag.

Jedes Kind hatte ein Blechgeschirr oder eine leere Konservendose mit einem Bindfaden als Henkel und einen Löffel. Gelegentlich, wenn die Schlange nicht schnell genug voran ging, setzte ein irres Geklapper an. Schon von weitem ahntest Du den köstlichen Duft, der noch in weiter Ferne lag, dann rochst Du ihn, und dann standst Du vor dem dampfenden Topf, der fast so groß war wie Du.

Auf dem Grunde des Topfes lag das Beste

Hinter dem Topf stand ein Erwachsener, der den großen Schöpflöffel in den Topf senkte und in Drehbewegung versetzte; die Lehrer standen dabei und guckten zu, dass auch alles gerecht verteilt wird. Und wenn Du besonders hungrig ausschautest, drehte er den Löffel in die Gegenrichtung, damit Du einen ordentlichen Schwung "Dickes" bekamst.

Bei der nächsten Station öffnetest Du Dein Händchen und nahmst ein großes Stück duftendes Weißbrot in Empfang. Wenn Du auch hier Glück hattest, erwischtest Du den Knust. Du sahst Dich prüfend um, ob das auch keiner gesehen hat und Dir Deinen Topf womöglich streitig machen will. Dann suchtest Du Dir ein ruhiges Plätzchen in einer verborgenen Ecke des Schulhofes oder im Klassenraum und schlangst die ersten Löffel in Dich hinein. Erst wenn Dein Heißhunger gestillt war, wurdest Du langsamer und kamst dem Grunde Deines Topfes immer näher.

Dort lag das Beste - wobei es darauf ankam, was es gegeben hatte. Bei der Erbsensuppe waren es meist noch ein paar Brocken Fleisch oder Wurst, bei der Schokoladen- und Milchsuppe waren es leibhaftige Rosinen. Und diese hast du dann gelutscht wie einen Bonbon, hast sie anschließend mit der Zunge zerdrückt und ganz langsam heruntergeschluckt. Schließlich nahmst Du Dein Stück trockenes Brot und wischtest den Topf damit aus. Dann konntest Du Dich zufrieden zurück lehnen, hattest ein herrlich warmes Gefühl in der Magengegend und unterdrücktest Deinen Rülpser nicht.

Bei besonderen Anlässen, etwa an Weihnachten, gab es auch schon einmal eine Sonderration in Form von einer Tafel Schokolade oder anderen Leckereien. Da meine Eltern als "Selbstversorger" galten, bekamen meine Brüder und ich auch nicht immer was davon ab. Ich kann heute nicht mehr sagen, wie oft ich an der Schulspeisung teilnehmen konnte, aber in jedem Fall überdauerte die Speisung die Währungsreform.

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