Schulzeit in der DDR Das ostdeutsche Aschenputtel

Schulzeit in der DDR: Das ostdeutsche Aschenputtel Fotos

Die Abi-Plätze waren rar, die Auswahlkriterien streng: Verbissen kämpfte Marko Schubert als DDR-Schüler darum, zur Oberstufe zugelassen zu werden. Doch seine zwei linken Hände vermiesten ihm die Noten und führten am Ende sogar zu Blutvergießen. Sein Bildungsziel erreichte er trotzdem - mit einer Notlüge. Von

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Ich habe bis heute nicht vergessen, was ich an der DDR zutiefst verabscheute und warum ich froh bin, nicht mehr in diesem Land zu leben. Noch heute fürchten sich Leute meines Alters mit ostdeutschem Migrationshintergrund vor - oft unausgesprochenen - Drohungen wie: "Wenn du dies nicht machst, wirst du jenes nicht erreichen." Oder: "Falls du hierbei erwischt wirst, kannst du dir dies ein Leben lang abschminken." "Wenn du hier nicht eintrittst oder unterschreibst, ist die Karriere leider beendet." Das Leben im Arbeiter-und-Bauern-Staat hat bei vielen bleibende Spuren hinterlassen.

Doch komischerweise waren in den Firmen, in denen ich nach der Wende gearbeitet habe, fast immer die Leute aus Westdeutschland die größten Anpasser, Intriganten und Petzen beim Chef. Und das, wo doch gerade diese Leute immer geargwöhnt hatten, dass sich im Osten so gut wie alle gegenseitig ausgehorcht hätten. Jeder anständige Ostdeutsche lässt seinen Arbeitgeber heute sofort angewidert abblitzen, wenn er für die Firma spitzeln oder Kollegen verpfeifen soll. Die meisten Ossis haben etwas aus ihrer Geschichte gelernt und lassen sich nicht mehr erpressen oder unter Druck setzen.

Wenn man nicht gerade straffällig wird, ist es heute allerdings kaum mehr möglich, dass man sich seine gesamte Karriere und seinen weiteren Lebensweg ernsthaft und irreparabel versaut. Den Job könnte man womöglich wechseln. Fragen zum politischen Background, zur Religion und zu persönlichen Ansichten sind in Einstellungsgesprächen sogar verboten. Wir müssen in keine Organisationen eintreten, um einen Studienplatz zu bekommen oder um Abteilungsleiter zu werden. Selbst wenn man bei einer Prüfung dreimal durchfällt, bekommt man in diesem Land irgendwann eine neue Chance. In der DDR hingegen hatte man oft nur eine.

Chancenlos mit Zweierschnitt

In der DDR gab es pro Klasse und Schule nur wenige nach einer gewissen Quote zu verteilende Abiturplätze. In meiner Klasse waren es genau drei. Zwei waren schon so gut wie vergeben. Sabine hatte - natürlich außer in Sport - überall Einsen, war also nicht zu schlagen, und Lars hatte sich für 25 Jahre bei der Nationalen Volksarmee als Offizier verpflichtet. Mit dem Halbjahreszeugnis der neunten Klasse musste ich somit alle anderen 23 Schüler aus meiner Klasse hinter mir lassen, um überhaupt eine Chance zu haben, nicht in einem volkseigenem Betrieb zu versauern. Ich hatte mir in diesem Jahr bereits einen Tadel eingehandelt, versuchte nun aber, wenigstens mit schulischen Leistungen zu glänzen. Und tatsächlich, vor dem entscheidenden Zeugnis in der neunten Klasse hatte ich fast überall Einsen - auch in Sport. Notendurchschnitt: 1,3!

Als Frau Seifert auf der Lehrerkonferenz kundtat, dass ich für die elfte Klasse der Friedrich-Engels-EOS (Erweiterte Oberschule) vorgesehen war, konnte ich mein Glück nicht fassen, auch wenn sie noch im gleichen Atemzug drohte: "Noch ein winzig kleiner Ausrutscher, und der Abiturplatz ist trotzdem weg." Meine Freunde Torte, Bommel und Tessi, ausgewiesene Spezialisten in Sport, Mathe oder Zeichnen, aber eben nur mit einem Zweier-Zensurenschnitt, hatten gegen mich keine Chance gehabt. Für sie hieß es: ab in die sozialistische Produktion!

Ich war ein schlaues Kind. Erst im Zeugnis der dritten Klasse hatte ich meine allererste Zwei, und Mutter erzählt noch heute, dass ich deswegen zwei Tage lang geheult hätte. Das mit dem Ehrgeiz ließ ein bisschen nach, und als das Fach "Schönschrift" durch "Werken" und "Schulgarten" abgelöst wurde, wurde sowieso nichts mehr aus dem perfekten Zeugnis, durchgängig mit der Note Eins. Ich war eindeutig zu blöd dazu, Schraubstock, Feile oder Harke liebevoll zu bedienen. Ab der siebten Klasse gab es dann plötzlich die Fächer ESP - Einführung in die Sozialistische Produktion, TZ - Technisches Zeichnen - und PA - Produktive Arbeit.

Den theoretischen ESP-Teil konnte ich natürlich ganz gut bewältigen, obwohl mir bis heute nicht klar ist, wie Lochstreifen und die Planwirtschaft funktionieren, weder einzeln noch zusammen. Technisches Zeichnen ging auch irgendwie, aber das Problemkind war PA - ich hatte einfach zwei linke Hände.

Betrunken in den Unterricht

PA fand damals, vier Stunden an jedem Mittwoch, im volkseigenen Betrieb in Berlin-Rummelsburg gegenüber vom Knast statt. Dort sollten wir Wäscheständer herstellen, die ich im fertigen Zustand noch nie zuvor in der DDR gesehen hatte. Damit ich wenigstens eine Zwei bekam, schlug ich meinem Meister vor, dass ich die vier Stunden jeden Mittwoch gerne auch damit zubrächte, alle Schrauben und Muttern zu sortieren. Die handlichen Exportschlager wurden somit unbeschadet von meinen zwei linken Händen alle ordnungsgemäß montiert. Und ich, das ostdeutsche Aschenputtel, hatte mit meinem Schraubensortieren auch einen Beitrag zum Bruttosozialprodukt geleistet.

In der zehnten Klasse wurde unsere produktive Arbeitsstätte in die Nähe des Ostbahnhofs verlagert. Damit ging ein Wechsel unserer Stammkneipe in das Hochhausrestaurant "Gutenbergstube" einher, das ebenfalls am Ostbahnhof lag. Unser Motto hieß: "Erst das Vergnügen, dann die Arbeit!" Wir trafen uns also am Mittwochmittag an unserer so genannten "Tränke", und fast alle Jungs versuchten, ihren Rekord im Saufen eines halben Liters Berliner Pils zu toppen. Unser Weltrekord lag bei unglaublichen handgestoppten 3,5 Sekunden - nach drei, vier Versuchen gingen wir arbeiten.

Man hatte mich an eine Maschine eingeteilt, an der ich per Dampfdruck ohne Pause die ganzen vier Stunden lang kleine Metallringe ausstanzen sollte. Das konnte selbst ich tollpatschiger Vollidiot ganz gut bewältigen - sollte man jedenfalls meinen. Leider hatte ich in meinem betrunkenen Zustand vergessen, die Unterlegscheibe auf die Arbeitsfläche zu legen. Ich stanzte also grinsend im Akkord und lauschte der Musik aus dem Kofferradio. Doch plötzlich gab es einen gewaltigen, Funken schlagenden Knall, ich duckte mich, und direkt vor meinen Augen flog irgendetwas durch die Montagehalle. Wenig später kam die große Maschine mit der stolzen Aufschrift "Made in GDR" zum Stillstand.

In meiner Abteilung hatte ich für diesen Nachmittag die komplette Produktion lahmgelegt. Bei dem herumfliegenden Objekt hatte es sich um den Bohrkopf gehandelt - und ein Teil davon hatte sich in den jetzt stark blutenden Oberarm eines fluchenden VEB-Mitarbeiters gebohrt. Das gesamte Kollektiv stand besorgt um ihn herum und starrte mich grimmig an. Ich entschuldigte mich kleinlaut. Auch beim Vorgesetzten Herrn Meier, der mich minutenlang anschrie, ob ich eine Ahnung davon hätte, wie viel diese Maschine gekostet hätte, und ob mutwillige Zerstörung von Volkseigentum heutzutage an unseren Schulen gelehrt würde. Zu allem Überfluss hatte die dicke Kollegin in der blauen Schürze, die mich eingearbeitet hatte, gepetzt, dass ich irgendwie nach Alkohol roch.

"Mutwillige Zerstörung von Volkseigentum"

Mir wurde schwindelig: "Unter Alkoholeinfluss eine 30.000 Mark teure volkseigene Maschine mutwillig zerstört und dabei Mitarbeiter Hufschmidt lebensgefährlich verletzt", las ich bereits in Gedanken in Herrn Meiers Bericht. Meine Abiturzulassung könnte ich mir damit komplett abschminken. Als Meier mich nach meinem Namen fragte, stellte ich mir bereits ein Leben als Werkzeugmacher, Dreher oder Melker vor. "Ihren Namen möchte ich wissen!", schrie er ein zweites Mal. Vollkommen spontan antwortete ich: "Uwe Bommler!" - der richtige Name meines Freundes Bommel. Meier war an diesem Tag zum allerersten Mal Oberaufseher, er kannte meinen Namen nicht und schrieb den von mir genannten in seinen Bericht an meine Schule.

Ich wurde rausgeschmissen und wartete über zwei Stunden vor dem Werkstor auf meine Freunde Tessi, Torte und Bommel. Mit zittriger Stimme erzählte ich ihnen, was geschehen war, und schaute vor allem ängstlich ins Gesicht des kleinen Bommel, dessen Namen ich mir kurzerhand ausgeliehen hatte. Mein Leben stand immerhin auf dem Spiel - und ich hatte doch nur eins. Aber schon auf dem Nachhauswege klopfte er mir ermunternd auf die Schulter: "Mensch, mach dir mal keene Sorgen, Schubi, ick hab meine Stelle doch sicher. Dort will ja eh keener hin." Eine halbe Stunde später saßen wir im Alfclub. Bommel prostete mir mit einem Bier zu. Ich lehnte mich zurück und dachte, was für phantastische Freunde ich doch im Leben gefunden hatte.

Uwe Bommler alias Bommel wurde am nächsten Tag zur Direktorin gerufen. Ohne groß zu diskutieren, verurteilte Frau Seifert seine Tat und gab ihm den ihm zustehenden Tadel. Was er sich denn dabei gedacht hätte, wo er doch Werkzeugmacher werden wollte? Er entschuldigte sich brav und erwähnte mich mit keinem Wort. Er wusste, dass er mir damit den Abiturplatz gerettet hatte, und ich ahnte zum ersten Mal, dass wir ein Land mit Menschen voller Edelmut waren. Es gab scheinbar mehr Leute, die sich schützend vor einen stellten als jene, die einen verpfiffen. Und das, obwohl alle nur dieses eine Leben hatten.

Das Opfer eines Freundes

Für mich begann nun ein privilegierter Lebensabschnitt: meine Zeit in der Erweiterten Oberschule bis zur zwölften Klasse. Am 4. September 1988 stand ich vor meiner allerersten Unterrichtsstunde in der Friedrich-Engels-EOS beim Fahnenappell. Ich schaute mich um und studierte die vielen neuen Gesichter. Ich musste an Frau Seiferts Drohungen denken und hätte ihr gerne zugeflüstert: "Hey, ich habe es doch geschafft!"

Der Direktor rief zu einer Schweigeminute für einen in den Ferien verstorbenen Mathelehrer auf, und den älteren Jungs aus der zwölften Klasse ging das komischerweise sehr nahe. In meiner alten Schule hatte ich bis auf die junge Frau Wagenbach überhaupt keinen Lehrer gemocht - und hier liebten sie ausgerechnet den für Mathe. War ich wirklich in einer anderen Welt gelandet?

Ich war gespannt, was hier noch alles auf mich zukommen würde, und nahm mir vor, Bommel noch mal einen auszugeben. Dem echten Uwe Bommler, der vor einer Woche im Berliner Glühlampenwerk, VEB NARVA "Rosa Luxemburg" angefangen hatte. Als Werkzeugmacher.

Zum Weiterlesen:

Mark Scheppert: "Der Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens. 30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR." Books on Demand GmbH, Norderstedt 2009, 228 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
a herne 16.05.2011
Das Niveau der Artikel wird immer schlechter. Hauptsache was Negatives über DDR-Zeiten, egal was. Besoffen zur Arbeit, teure Maschine ruiniert, Kollegen dabei verletzt und dann ist wohl das "totalitäre System" an Allem Schuld? Aber vielleicht war das in Berlin das allgemeine Niveau? Aus meinen Erfahrungen der letzten 20 Jahre in diversen Firmen kann ich nur eins sagen: Ein wenig polytechnische Ausbildung in der Schule tut Not. Wenn ich mir anschaue was da an Lehrlingen in den Firmen ankommt...grauenvoll. Die wissen nix, können nix, grosse Klappe und natürlich wollen sie Chef sein und Andere herumkommandieren.
2.
Gilbert Prinz 16.05.2011
hmm, von meinen Eltern weiß icha ber das viele nach wenigen Jahren in den Betrieben doch trotzdem zum Studium "delegiert" wurden und später auch Direktoren, Ingenieure und Kapitäne wurden... ok, Medizin kann man so vielleicht nicht studieren, aber so genau weiß ich das auch nicht...
3.
Drew Rickerson 16.05.2011
Der Autor ist für die Ehrlichkeit zu loben, sich für seine Fehlleistungen durch Alkohol zu bekennen. Regelmäßig drei oder vier Halbe sind in dem Alter viel. Leider zieht der Artikel gleichzeitig Schlüsse wie "Chancenlos mit Zweierschnitt" und "Während Schubert in theoretischen Fächern brillierte" (9. Bildunterschrift). Ich halte es eher bemerkenswert, dass der Autor trotz bereits vorhandenen Schultadels und rapidem Nachlassen der Schulleistung es trotzdem geschafft hat (Zweien unter anderem in allen wissenschaftlichen Fächern, alles andere als "brillieren"). Er hatte nun einen Zweireschnitt, und der drohende Tadel wäre der zweite gewesen. Ist es so viel besser, wie bei uns 11jährige diesem Druck auszusetzen? Ist es so viel besser, 50% Studentenanteil als Ziel auszugeben, wenn viele dieser Studenten in Ausbildungsberufen besser aufgehoben wären, und dann nach all dem Stress doch als bessere Schreibkraft enden? Ist es so viel besser, das deutsche Bildungssystem, als das der ehem. DDR das, von Finnland abgekupfert, in PISA ganz oben rangiert?
4.
Steffen Bendel 16.05.2011
Also ist der Held dieses Buches ein angeblicher Streber, von dem man aber nur weiss das er säuft und damit andere Leute (und Sachen) gefährded und auch noch stolz darauf ist. Na zum Glück schreibt er jetzt nur noch Bücher, da kann man ihn ja ignorieren.
5.
hans-jürgen fülle 16.05.2011
Soweit ganz lustig, nur wenn ich schreibe "2 Liter Bier getrunken, dann ins Auto gesetzt, leider zu bremsen vergessen, Sachschaden nur 30 000 Euro und der Kontrahend hatte eine Oberarmverletzung (was solls, der lebte ja noch, weiss gar nicht was der will) glücklicherweise den falschen Namen angegeben und dadurch der Verantwortung entgangen" hoffe ich natürlich das das jetzt verjährt ist.
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