Afrodeutsche in NS-Filmen "Besondere Kennzeichen: Neger"

Als schwarzer Deutscher lebte Theodor Michael während des NS-Regimes in ständiger Angst. Er entging der Verfolgung - auch weil er als Komparse in Goebbels' Propagandafilmen den Wilden spielte. Doch die "Afrikaschau" steht für sein Leben - bis heute: "Mir wurde immer das Baströckchen hinterhergetragen."

Von Theresa Authaler

Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Der Sultan sitzt auf seinem Thron und schiebt sich Hammelfleisch in den Mund. Vor ihm kreisen die Hüften einer Tänzerin, begleitet von orientalischer Musik. Rhythmisch zuckt der freie Bauchnabel mit jedem Trommelschlag. Neben dem Sultan steht ein junger Mann mit dunkler Haut im bodenlangen Gewand und wedelt ihm Luft zu.

Im Film "Münchhausen" von 1943 mimte Theodor Michael den Leibwedler des Sultans. Als Kind und junger Mann spielte er in etlichen Filmen mit, auch in Propagandafilmen der Nazis. Doch als schwarzer Komparse ging er meist in der Masse der anderen "Exoten", wie man sie nannte, unter.

"In den Filmen habe ich mich immer als Dekoration empfunden", sagt der 88-jährige Michael heute. "Ich war austauschbar." Michaels Ton ist bestimmt, sein Blick wach. Im blau-weiß karierten Hemd sitzt er in seinem Reihenhaus in Köln. In Michaels Arbeitszimmer ragen die Bücherregale bis zur Decke hinauf. Seine Beine haben nicht mehr viel Kraft, doch alle paar Minuten hievt er sich aus seinem Stuhl heraus, geht vom Wintergarten ins angrenzende Arbeitszimmer, um noch mehr Bücher und Dokumente hervorzukramen. Er legt seinen alten Fremdenpass auf den Tisch. "Nationalität: staatenlos", steht darauf. Und weiter unten: "Besondere Kennzeichen: Neger". Auf dem Deckblatt prangt der Stempel der zuständigen Behörde: "Polizeipräsident Berlin, Abteilung II, 22. Aug. 1940". Michael präsentiert den Pass wie ein Archivar, der ein besonderes Fundstück zeigt.

Überleben als exotisches Beiwerk

Die Erfahrungen, die er als Afrodeutscher während der Zeit des Nationalsozialismus gemacht hat, hat Michael gerade in einem Buch verarbeitet. Er schildert darin, wie er als Sohn eines kamerunischen Vaters und einer deutschen Mutter in der Weimarer Republik aufwuchs - und dann als Komparse in Ufa-Filmen den Nationalsozialismus überlebte. Propagandaminister Joseph Goebbels und seine Leute in den Potsdamer und Münchner Filmstudios nutzten schwarze Statisten, die häufig in serviler Pose zu spielen hatten, um die vermeintliche Überlegenheit der angeblichen "Herrenrasse" herauszustellen.

Als Theodor Michael zwölf Jahre alt war, rief ihn der Direktor des Gymnasiums in sein Büro. Er erklärte dem Jungen, er sei durch neue Verordnungen gezwungen, ihn aus dem Gymnasium zu entlassen. Ein normales Leben war für Michael von da an nicht mehr möglich. Er konnte seine Schulbildung nicht zu Ende bringen, die meisten Berufe waren ihm verwehrt. Nur dort, wo ein "exotisches" Ambiente gewünscht war, fand er Arbeit. Er schlug sich mit Pagenjobs im Hotel durch und ließ sich beim Film engagieren. Seine Situation war bald äußerst ambivalent: Im Alltag wurde er unterdrückt, doch die Filmindustrie, die unter Goebbels' Kontrolle stand, brauchte ihn.

Wenn er nicht drehte, versuchte Michael, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Er wollte den Behörden keinen Anlass bieten, auf ihn aufmerksam zu werden. "Ich ging noch nicht einmal bei Rot über die Straße", sagt er. Vermutlich trug auch die geringe Zahl der Afrodeutschen dazu bei, dass viele von ihnen überlebten. "Eine so kleine Gruppe war keine Bedrohung für das Deutsche Reich", sagt Michael.

Angst vor einer Razzia

Wie viele Menschen mit afrikanischer Herkunft in Deutschland lebten und wie viele davon wiederum beim Film tätig waren, ist unklar. Nur wenige Dokumente darüber sind in Archiven zu finden. Marianne Bechhaus-Gerst, Professorin für Afrikanistik an der Universität Köln, schätzt, dass einige hundert in Deutschland wohnten. Vermutlich machten nicht wenige von ihnen Erfahrungen beim Film. Die Figuren, die die Komparsen spielten, waren rassistisch aufgeladen. "Sie hatten immer einen unterwürfigen Charakter", sagt der Filmwissenschaftler Tobias Nagl, der an der University of Western Ontario in Kanada lehrt.

Theodor Michael spielte den Diener, den "wilden" Afrikaner, den "Exoten". Und er war nur einer von vielen. Für die Dreharbeiten zu "Carl Peters", einem Propagandafilm über die deutsche Kolonialgeschichte, wurden 1940 und 1941 Hunderte schwarze Komparsen angeheuert. Da die Statisten aus Deutschland nicht ausreichten, waren zusätzlich etwa 200 Kriegsgefangene, die aus den französischen Kolonien stammten, ans Set geholt worden. Wer nicht dunkel genug war, wurde nachgeschminkt. Rassistische Anfeindungen im Studio, sagt Michael, habe er damals, zumindest in den ersten Jahren beim Film, nicht erlebt.

Doch 1942, bei den Dreharbeiten zu "Münchhausen", kippte Michaels Gefühl. Als er am Set mit den anderen schwarzen Statisten zusammen war, dachte er sich: "Jetzt hätte die nazistische Regierung die Möglichkeit, die ganze Gruppe einzukassieren." Zu einer Razzia kam es nicht. Michael wurde jedoch ein Jahr später zur Zwangsarbeit in einer Fabrik verpflichtet, wo er bis zur Befreiung durch die Russen ausharrte.

Das ewige Baströckchen

Nach dem Krieg ist Michael den Weg gegangen, den ihm das nationalsozialistische Regime verwehrt hatte. Er begann eine Ausbildung auf dem zweiten Bildungsweg, studierte Wirtschaft und Politik; die Entwicklungen in Afrika machte er zu seinem Spezialgebiet. In den sechziger Jahren arbeitete er als Redakteur des "Afrika-Bulletin", einer kleinen Fachzeitschrift. Später wurde er Beamter beim Bundesnachrichtendienst.

Die Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend lassen Michael nicht los, auch wenn er sie heute, in seinem Buch, mit kühlem Wissenschaftlerblick zu analysieren versucht. Trotz seines beruflichen Erfolgs, so Michael, habe er auch nach 1945 oft den Eindruck gehabt, dass ihm die Menschen aufgrund seiner Hautfarbe wenig zutrauten. "Wenn ich irgendwo auftauchte, dann fragten sich die Leute erst mal: Kann der das?"

Aus einer Mappe mit Familienfotos zieht er eine vergilbte Postkarte heraus. Sie zeigt eine Truppe von etwa 30 Leuten vor einer Strohhütte, darunter sein Vater und zwei seiner Geschwister. Alle sind als primitive Afrikaner verkleidet, mit Federn im Haar, sie halten Lanzen und Schutzschilde in den Händen. Michael, auf dem Bild drei Jahre alt, steckt in einem Baströckchen. "Mohameds Ostafrikaschau" steht unten auf der Karte von 1928.

Aber Michael fühlte sich als Kind in Deutschland zu Hause. Er war hier aufgewachsen und sprach ausschließlich Deutsch. Die weißen Besucher der Afrikaschau wussten davon nichts. Sie befriedigten ihre Neugier auf scheinbar exotische, unzivilisierte Menschen.

Die Postkarte hat Michaels Sohn vor einigen Jahren auf einem Flohmarkt entdeckt. Für Michael ist sie ein wichtiges Dokument geworden. Sie steht für das, was sein Leben als Schwarzer in Deutschland bis heute prägt: "Man hat immer versucht, mir das Baströckchen hinterherzutragen."

Zum Weiterlesen:

Theodor Michael: "Deutsch sein und schwarz dazu: Erinnerungen eines Afro-Deutschen". Deutscher Taschenbuch Verlag, November 2013, 200 Seiten.

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insgesamt 4 Beiträge
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Torsten Upholt, 14.10.2013
1.
Interessater Artikel. Ich hatte mich beim betrachten des Münchhausen-Filmes im Fernehen schon gefragt, unter welchen Bedingungen wohl die Komparsen, die Afrikaner darstellten, unter den Nazis leben mussten.
Victor Kampik, 14.10.2013
2.
Aus dem Artikel: "In den Filmen habe ich mich immer als Dekoration empfunden", sagt der 88-jährige Michael heute. "Ich war austauschbar." Ich bin weder schwarz, noch habe in dieser Zeit gelebt, jedoch sind auch heutzutage Komparsen nichts anderes als lebendige Requisiten und beliebig austauschbar. Diese Feststellung des Herrn Michael hat nichts mit Rassismus, bzw. seiner Hautfarbe zu tun. Bildbeschreibung zu Nr.7: "Der schwarze Schauspieler wird in den Credits namentlich nicht erwähnt. " Auch dieser Punkt hat nichts mit Herkunft oder Hautfarbe zu tun. Es ist nicht üblich, dass Kleindarsteller, geschweige denn Komparsen, namentlich im Abspann erwähnt werden.
Barbara Fischer-Bossert, 23.10.2013
3.
Auf Bild 5 wird Martha Michael als Stiefmutter bezeichnet, auf Bild 8 wird behauptet, die leibliche Mutter hieße Martha. Obwohl es nicht völlig ausgeschlossen ist, halte ich es doch für extrem unwahrscheinlich, daß beide Frauen Martha hießen.
G. Schumann, 18.10.2013
4.
"Bildbeschreibung zu Nr.7: 'Der schwarze Schauspieler wird in den Credits namentlich nicht erwähnt.' Auch dieser Punkt hat nichts mit Herkunft oder Hautfarbe zu tun. Es ist nicht üblich, dass Kleindarsteller, geschweige denn Komparsen, namentlich im Abspann erwähnt werden." Heutzutage werden im Abspann, neben den noch so kleinen (Sprech-)Rollen, einzelne Komparsen, und selbst hin und wieder scherzhaft Pizza-Fahrer etc., die die Filmcrew versorgten, oder andere "Unbeteiligte" erwähnt. Diese ausführlicheren "Cast"- und "Crew"-Listen gehen auf die amerikanische Schauspielergewerkschaft und die Gewerkschaften anderer Filmschaffender zurück, die die umfängliche Nennung irgendwann durchsetzten (60er? 70er?), und damit auch die Länge der "Credits" in anderen Ländern beinflussten. Vorher wurden in der Regel tatsächlich meist nur Hauptdarsteller und die wichtigsten Nebendarsteller erwähnt. Der im Bild Nr.7 zu sehende schwarze Schauspieler dürfte der 1951 in Berlin verstorbene Ludwig M'bebe Mpessa sein, ein Kameruner der nach dem ersten Weltkrieg nach Berlin übersiedelte und der sich später (ab den 30er Jahren?) Louis Brody nannte. Unter diesem Namen wird er zumindest in der Besetzungsliste der "IMDB"-Filmdatenbank als Schauspieler (wohl gemerkt nicht als Statist) gelistet. Louis Brody spielt in "Ohm Krüger" (Szenenbild Nr. 7) den afrikanischen Häuptling Lobenguela und hat damit eine der ganz wenigen Sprechrollen (vermutlich die einzige "längere" Sprechrolle) überhaupt, die schwarze Schaupieler in NS-Propagandafilmen damals erhielten. Ein weiterer interessanter Beitrag zu Brodys Rollen in NS-Spielfilmen, der m.W. auch in "Jud Süß" mitspielte: Tobias Nagel: "Von Kamerun nach Babelsberg ? Louis Brody und die schwarze Präsenz im deutschsprachigen Kino vor 1945", in: Ulrich van der Heyden / Joachim Zeller (Hg.): Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche. Berlin 2002. S. 220-225 Es gibt zu diesem Thema auch eine Diplomarbeit aus dem Jahr 2004, in der Gertrud Czinki über die "Repräsentation der Schwarzen im NS-Spielfilm 1934-1944 im Kontext der Geschichte" referiert. "Diese Feststellung des Herrn Michael hat nichts mit Rassismus, bzw. seiner Hautfarbe zu tun." Die Darstellung der Schwarzen in NS-Spielfilmen hat natürlich etwas mit Rassismus zu tun. Z.B. in "Ohm Krüger" wird der Häuptling Lobenguela als kindlich naiver Ureinwohner dargestellt, der sich lächerlich macht, und der weder kluge Schlussfolgerungen ziehen kann, noch durschaut dass er - nachdem er von einem Engländer einen Offiziersrock erhalten hat- von den Engländern zwar benutzt, aber dadurch eben nicht gleichzeitig auch gleichberechtigter Bürger des englischen Empires wird. Diese Darstellung von Schwarzen in NS-Filmen, wo Schwarze entweder als Diener, primitive Ureinwohner oder als geistig weniger leistungsfähige Menschen erschienen, war ein Menschenbild, das das NS-Regime in eigentlich all seinen "Kolonialfilmen", die damals in Mode kamen, pflegte. Allerdings gab es auch bereits vor 1933 Filmproduktionen, die, wenn auch ohne gegen England gerichtete NS-Propaganda, "exotische" und primitive Menschenbilder der Schwarzen zeichneten und sich bereits zu Stummfilmzeiten schwarzer in Deutschland lebender Schauspieler bzw. Statisten bedienten.
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