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Kino-Skandal in den Sechzigern Die schwedischen Sex-Schocker

Schwedische Skandalfilme: "Gesundes Volksempfinden" gegen "Sex-Schocker" Fotos
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Schwedenfilme standen in eindeutigem Ruf. In den Sechzigern formierte sich bundesweiter Widerstand gegen "Saufilme", wie sie die Regisseure Ingmar Bergman und Vilgot Sjöman nach Deutschland gebracht hatten. Sogar eine Grundgesetzänderung wurde verlangt. Von

Wasser schießt aus dem Hahn. Über das sprudelnde Becken gebeugt, wäscht sich eine junge Frau. Die Kamera folgt ihren Händen, fängt ihre nackte, baumelnde Brust ein. Ungeniert. Leinwandfüllend. Da ist nichts zu erahnen, alles zu sehen. Vor rund 50 Jahren waren das radikale Bilder. Dabei stammten die Aufnahmen, in denen sich Gunnel Lindblom unter den Achseln wusch, noch nicht einmal aus einer der drei berüchtigten Szenen, mit denen Ingmar Bergman damals für Furor und Furore sorgte.

1964 brachen mit Bergmans "Das Schweigen" und Vilgot Sjömans "491" gleich zwei "schwedische Sex-Schocker", wie der SPIEGEL damals schrieb, über die deutschen Kinogänger herein. Und zum ersten Mal seit dem Skandal um Willi Forsts "Die Sünderin" Anfang der Fünfzigerjahre formierte sich in der Bundesrepublik ein massenhafter Widerstand gegen eine freizügige Filmkultur, die viele als Bedrohung für das sittliche Wohl der Nation wahrnahmen.

Bergmans Drama "Das Schweigen" über die sexuell aufgeladene, zerstörerische Beziehung der beiden Schwestern Anna und Ester, hatte bereits in Schweden zu einem kulturpolitischen Richtungsstreit geführt, in dessen Folge sich eine neue politische Partei gründete, die Kristen Demokratisk Samling, Vorläufer der heutigen Christdemokraten. "Einen größeren Saufilm", so empörte sich ein Abgeordneter im schwedischen Reichstag über "491", habe er noch nie gesehen.

Im Dezember 1963 hatte die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) "Das Schweigen" auch für deutsche Kinogänger ab 18, dafür ohne Schnittauflagen freigegeben. Die Entscheidung war einstimmig gefallen. Die in Schweden so hitzig diskutierten Sex- und Masturbationsszenen seien, so hieß es im Prüfprotokoll der FSK, "von höchster künstlerischer Intensität und treffender Symbolkraft". Nie zuvor war ein Spielfilm mit derartigen Szenen von der FSK unbeanstandet geblieben.

108 Strafanzeigen

Nachdem "Das Schweigen" am 24. Januar 1964 in den westdeutschen Kinos angelaufen war, wurde es von der Fachpresse fast durchgängig positiv aufgenommen. In seiner Ansprache zur Eröffnung der "Woche des religiösen Films" im Februar 1964 verteidigte selbst der evangelische Filmbeauftragte Hermann Gerber die Entscheidung der FSK. "Das Schweigen" läge als Kunstwerk auf "einer Linie mit Strindberg oder (...) Goya oder Hieronymus Bosch. Wer sehen will, wie eine Welt ohne Gott aussieht, eine Welt, in der nur die nackten Vitalprobleme wichtig sind, der wird den Film mit einem heilsamen Erschrecken betrachten." Zugleich aber nahm Gerber den Unmut wahr, der sich in führenden kirchlichen Kreisen regte. Bislang hätten sich die Gegner des Films noch zurückgehalten, meinte er, "aber nun bricht der Sturm bereits los".

Innerhalb kurzer Zeit gingen bei der zuständigen Staatsanwaltschaft 108 Strafanzeigen ein, die jedoch nicht weiterverfolgt wurden, da der Film im Sinne des Paragrafen 184 StGB nicht "unzüchtig" war. Im Fokus der Kritiker standen vor allem drei Szenen: eine Stelle, an der Ester masturbiert; eine Szene im Theater, bei der Anna "Zeugin eines geradezu viehischen Geschlechtsaktes" wird, wie "Die Zeit" formulierte, sowie eine Sexszene zwischen Anna und einem Barmann.

Richtig Fahrt nahmen die Proteste auf, als mit Sjömans "491" gleich der nächste, angeblich noch drastischere Skandalstreifen angekündigt wurde. Im Familienministerium und beim Bundespräsidenten stapelten sich die Beschwerdebriefe körbeweise, Kinobetreiber erhielten Drohanrufe und lokale Aktionskomitees machten mit Unterschriftensammlungen und Plakaten gegen "pornografische Filme" mobil. In Schweinfurt gründete sich im September 1964 die "Aktion Saubere Leinwand". Der 32-jährige Georg Lösch, Verkaufsleiter der Nähmaschinen-"Meister Werke" und Mitglied des Jugendwohlfahrtsausschusses, der sich schon "seit Jahren um die Flut der Sex-, Kriegs- und Brutalfilme" gekümmert hatte, wie der SPIEGEL zu berichten wusste, hatte den Aufruf formuliert.

Drastische Schnittauflagen

"491" handelt von einer Gruppe straffälliger Jugendlicher, die in einem als fortschrittlich geltenden Sozialisierungsprojekt gemeinsam mit einem Sozialarbeiter in einer Wohngemeinschaft leben. Die sechs Jungen genießen diese Freiheit, indem sie zechen, schlagen, klauen und ihre Erzieher an der Nase herumführen. Am Hafen gabeln sie ein Mädchen auf, das sie auf den Strich schicken. Am Ende soll es sich auch noch von einem Schäferhund bespringen lassen.

Die FSK hatte dem Film in der Bundesrepublik zunächst die Freigabe verweigert, ihn in einer Berufungsverhandlung dann aber freigegeben. Allerdings unter derart erheblichen Schnittauflagen, dass nach Ansicht des katholischen Filmbeauftragten in der FSK vom ursprünglichen Film "nur noch ein Gerippe" übrig blieb. Dennoch war die Freigabe des Streifens, den kaum einer selbst gesehen hatte, Wasser auf die Mühlen derjenigen, die seit Langem die Freigabepraxis der FSK als zu lax kritisierten.

Bereits wenige Wochen nach ihrem ersten Aufruf hatte die "Aktion Saubere Leinwand" 23.456 Unterschriften für ein gesittetes Kino gesammelt, die sie am 4. Oktober 1964 bei Bundespräsident Heinrich Lübke abgab. Der erste Mann im Staat unterstützte die Initiative ausdrücklich: "Ich freue mich darüber, dass zum ersten Male aus der Jugend und aus dem Volke selbst Proteste in Erscheinung treten gegen Filmwerke, die zur Gefährdung der Jugend führen."

Von Schweinfurt aus weitete sich die Aktion rasch zu einer bundesweiten Bewegung mit Schwerpunkt in Süddeutschland aus. Sie lieferte das Vorbild für ähnliche Initiativen wie die evangelische "Aktion Sorge um Deutschland" und fand mit ihrem Anliegen, "gegen die steigende Flut der schmutzigen Filme" vorzugehen, vielfache Unterstützung.

Grundgesetzänderung gefordert

Während auf lokaler Ebene die christlichen Kirchen und Politiker verschiedener Parteien Unterschriften sammelten, legte der CDU-Bundestagsabgeordnete Adolf Süsterhenn Mitte Mai 1965 gemeinsam mit CSU-Kollegin Maria Probst in der Unionsfraktion einen Antrag zur Änderung von Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes vor. "Die Freiheit der Kunst entbindet nicht von der Beachtung des Sittengesetzes", lautete der Passus, der dem "gesunden Volksempfinden" - eine Formulierung, die bereits die Nationalsozialisten gegen missliebige Kunst verwendet hatten - künftig verstärkt zu seinem Recht verhelfen sollte. Der Antrag stieß jedoch auf teilweise heftigen Widerstand und konnte sich letztlich nicht durchsetzen.

Offensichtlich hatte Süsterhenn, als Mitglied des Parlamentarischen Rates immerhin einer der "Gründerväter" der Bundesrepublik, das "Volksempfinden" falsch eingeschätzt. Obwohl die "Aktion Saubere Leinwand" eine kontrovers geführte öffentliche Debatte angestoßen hatte, blieb sie doch die Bewegung einer Minderheit, die nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass sich die Bundesrepublik, wie Karl Korn es in der "FAZ" formulierte, "in einem Wandel der Anschauungen über Sitte und Moral" befand, der "ohne Beispiel" war.

Nachdem sie eine zunehmend rechtslastige Schlagseite bekommen hatte und sich immer mehr führende Vertreter aus Kirche und Politik von ihr distanzierten, wurde die "Aktion Saubere Leinwand" Anfang 1966 offiziell für beendet erklärt. Immerhin war es ihr bis zu diesem Zeitpunkt gelungen, fast 1,3 Millionen Unterschriften zu sammeln. Mehr als achtmal so viele Menschen, etwa elf Millionen Zuschauer, hatten sich jedoch Ingmar Bergmans "Das Schweigen" im Kino angesehen - vermutlich nicht in erster Linie, um ein Kunstwerk zu betrachten oder sich theologisch weiterzubilden, sondern weil im Bergman-Streifen drei Szenen vorkamen, die angeblich so unmoralisch und so schweinisch waren, dass man sie unbedingt gesehen haben musste.

Zum Autor
Dr. Stefan Volk ist freier Filmkritiker und Autor des im Schüren Verlag erschienen Buches "Skandalfilme - Cineastische Aufreger gestern und heute". Weitere Infos: www.skandalfilm.net . Oder auf: https://de-de.facebook.com/skandalfilme .

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1. Man man man
Horst Schmitter, 08.08.2014
Die Sünderin ist eine deutsche Produktion. Fragt sich, wer diesen Film in die Fotogalerie als schwedischen Sex-Schocker, wie der Artikel verspricht, übernommen hat.
2. Die gute alte Zeit
Jens Kaup, 08.08.2014
Natürlich kommen uns heute die damaligen Doppelmoral im Rückblick merkwürdig spießig vor. Andererseits haben heute schon Kinder Gangbang und Bukkake auf ihren Händis. Und im Web gibt es problemlos die größten Perversionen für Klein und Groß zum Streaming. Wie sich das wohl auf die Menschen auswirkt? Da wünschte man sich manchmal doch die gute alte Spießigkeit zurück!
3. Ja ja, diese
Fred Meier, 08.08.2014
Und dann kam O.Kolle und 1982 brachte die CDU mit Mehrheit das Privatfernsehen gesetzlich durch, das uns solch "moralisch hochstehende Unterhaltung" wie Tutti Frutti........ vorsetzte. . Der gute alte Spruch:"Je gläubiger ein Land um so gepflegter die Bordelle!" ist auch heute immer noch wahr:-) . Meint Sikasuu
4. Auch heute nicht anders
Peter Werner, 08.08.2014
Auch im Jahre 2014 hat sich hier nichts grundsätzliches geändert. Zahllose fiktionale Spielfilme, welche im westlichen Ausland vollkommen problemlos an jeder Straßenecke erhältlich sind, gibt es in Deutschland entweder überhaupt nicht oder lediglich in Form einer Zensurfassung. Das Zauberwort lautet "Jugendschutz". Paradoxerweise, dürfen selbst Filme für Erwachsene (FSK "Keine Jugendfreigabe") keine jugendgefährdende Szenen erhalten. Ist dies dennoch der Fall, wird die Freigabe verweigert. Die Folge sind Zensurschnitte oder eine Indizierung, welche mit einem defacto Vertriebsverbot gleichzusetzen ist. In einem kultivierten Land, wird Film als Kunst wahrgenommen und geschätzt. In Deutschland hingegen, ist Film vor allem eine Gefährdung der Jugend. Ich kann mich noch gut an die Veröffentlichung des frz. Streifens "Martyrs" erinnern. Dieser recht heftige Streifen erhielt in Frankreich zunächst die Freigabe ab 18. Die damalige frz. Kultusministerin setzte sich danach persönlich dafür ein, die Freigabe von 18 auf 16 zu senken, was auch geschah. In Deutschland undenkbar. Hier ist der Film indiziert und im normalen Handel nicht erhältlich.
5. Vor 20 Jahren - In 20 Jahren
Wolfgang Jenning, 08.08.2014
........vor 20 Jahren - in 20 Jahren.......... Was vor 20 Jahren als pornografisch galt wird heute im KIKA gezeigt. Wie wird das in 20 Jahren sein?
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