Aussteiger-Kolonie Monte Verità "Es verbrenne das Faule, das Tote im Menschen!"

Freie Liebe statt Salami: Auf dem "Wahrheitsberg" bei Ascona verdonnerte die Feministin Ida Hofmann zivilisationsmüde Aussteiger um 1900 zu streng veganer Kost. Doch nicht alle wollten auf Steak und Käse verzichten.

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Im Frühjahr 1904 hatte der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam das Berliner Großstadtleben gründlich satt. Mit seinem Lebenspartner Johannes Nohl fuhr er über die Alpen nach Italien. Bald waren beide pleite, ein Bekannter lud sie in sein Haus auf dem Monte Verità ein. Bürgerschreck Mühsam traute seinen Augen nicht: Oberhalb des Schweizer Fischerorts Ascona am Lago Maggiore hatten ein paar Freaks eine Siedlung gegründet, in der langhaarige Männer und Frauen herumliefen. Manche von ihnen in weiten, wallenden Gewändern - andere splitternackt.

"Vegetarier mit teils ernsten Lebensauffassungen, teils höchst spleenigen Erlösungsideen hatten sich an den Abhängen des Lago angesiedelt, bauten Obst an, lebten von Rohkost, lobten den Herrn und sich selbst", beschrieb Mühsam die Szenerie in seinen "Unpolitischen Erinnerungen". Über die Bewohner der Landkommune spottete er in einem Gedicht: "Wir hassen das Fleisch, ja wir hassen das Fleisch, und die Milch und die Eier und lieben keusch." Man glaubte, "unter Urwaldmenschen zu sein", so der Bildhauer Max Kruse, dessen Frau Käthe auf dem Monte Verità die ersten ihrer weltberühmten Puppen fertigte.

Diese Hippies der Jahrhundertwende wurden durch den belgischen Industriellensohn Henri Oedenkoven und seiner Geliebten, der Pianistin Ida Hofmann, von überall her ins Tessin gelockt. Im Herbst 1900 gründeten Oedenkoven und Hofmann mit Gleichgesinnten wie den rebellischen Künstlerbrüdern Karl und "Gusto" Gräser auf dem Monte Verità eine "vegetabilische Cooperative". Schon kurz darauf wurde sie in ein kommerziell betriebenes Sanatorium umgewandelt.

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Monte Verità: "Unter Urwaldmenschen"

Entgiften in der Natur

Gartenarbeit, Gymnastik und ausgedehnte Sonnenbäder sollten gestresste Erholungssuchende von den Zwängen der modernen Gesellschaft befreien. Dichter, Maler, Philosophen und Revoluzzer wie Hans Arp und Ernst Bloch, aber auch Gerhard Hauptmann, Else Lasker-Schüler und Paul Klee logierten in so genannten "Licht-Luft-Hütten" aus Holz, die mitten in die Wildnis des früheren Weinbergs gebaut wurden.

Der enge Kontakt zur Natur war Teil einer esoterisch geprägten Therapie, durch die Aussteiger von den Leiden der Zivilisation geheilt werden sollten. Auch in Deutschland gab es seit dem späten 19. Jahrhundert viele Alternativbewegungen, die sich für gesunde Ernährung, Alkoholverzicht oder Nacktkultur einsetzten. Etwa die Vegetarische Obstkolonie Eden in Oranienburg, der Berliner Wandervogel-Verein und ab 1909 die Gartenstadt Hellerau bei Dresden.

Auf dem "Berg der Wahrheit" herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Der deutsche Wanderprediger Gustav Nagel, der in der Nähe von Arendsee in der Altmark in einer Erdhöhle gelebt hatte, stapfte im Winter 1902 mitten im Schneetreiben barfuß den Berg hinauf. "Seine Gestalt, sein von lockigem Haar umwallter Kopf sind schön. Ausdruck und Haltung sind edel, sein Auge jedoch ist unstät - er lacht oft kurz und grundlos auf", beschrieb Ida Hofmann die Jesus ähnliche Erscheinung.

Fleischverzicht fördert Frauenemanzipation

Während der Schriftsteller Hermann Hesse auf dem Monte Verità versuchte, vom Alkohol loszukommen, veranstaltete der Tanzchoreograf Rudolf von Laban Sommerkurse, deren Teilnehmer unter freiem Himmel alle Hüllen fallen ließen. Textilfrei machten sich zudem etliche Kommunarden mit Spaten und Hacken auf den Feldern nützlich, wie auf Postkarten aus der Zeit zu sehen ist. Man wollte sich möglichst autark mit Lebensmitteln versorgen.

Freie Liebe, Barfuß-Pazifisten, Sonnenanbeter: Der Monte Verità hätte ein Paradies auf Erden sein können, wären da nicht Hofmanns radikale Ernährungsvorschriften gewesen. Mit reiner Pflanzenkost, die weder Salz und Pfeffer noch scharfe Gewürze enthalten durfte, sollte der Körper entgiftet und der Geist erfrischt werden. Alkohol, Tabak, Kaffee, Tee und Kakao waren ebenso tabu wie Milch, Käse und Honig. Zeitweise wurden auf dem Berg ausschließlich ungekochtes Obst und Nüsse aufgetischt, was die Ernährungspionierin auf Dauer aber selbst nicht vertrug.

In ihrer 1905 erschienenen Flugschrift "Vegetabilismus! Vegetarismus!" verteufelt Hofmann die moderne Stadt als "Brutherd von Krankheit und Laster". Ihre Kritik an der Massentierhaltung wirkt aus heutiger Sicht sehr aktuell. Dass fleischlose Kost auch die Emanzipation der Frauen voranbringen kann, war der kühne Leitgedanke ihres Pamphlets.

"Nicht gequält, leidend und tatenlos müsst Ihr Frauen Euer Leben fristen" ermahnte sie ihre Geschlechtsgenossinnen. Durch pflanzliche Ernährung könne sich das Weib vom Joch des Mannes befreien und zu einem höheren Wesen entwickeln: "Es verbrenne das Faule, das Tote im Menschen und in dessen Wirkungskreis!"

"So schmeißen wir euch eine Walnuss an den Kopf"

Nicht nur Revolutionär Mühsam, auch andere Gäste auf dem Monte Verità konnten sich mit diesen Gedanken nicht recht anfreunden - weil ihnen das Essen nicht schmeckte. In der französischen Wochenzeitung "L'Illustration" beschrieb der Journalist Jules Chancel, was die Hungrigen mittags im Speisesaal erwartete: Auf Tabletts wurden in Aluminiumschälchen Getreidebrei, Vollkornbrot und Obst serviert.

"Ich will nicht behaupten, dass diese Ernährung unbedingt dem Gaumen schmeichelt", kommentierte er ironisch. "Die Eingeweihten werden aber sofort einwenden, dass man den Appetit besser gar nicht erst anregen sollte, damit man sich nicht zu sehr vollzustopft."

Hermann Hesse beobachtete immerhin nicht nur "Fanatiker des Fastens", sondern auch "vegetarische Gourmands", die kräftig zulangten. "Da gab es Vegetarier, Vegetarianer, Vegetabilisten, Rohkostler, Frugivoren und Gemischtkostler", heißt es in seiner Erzählung "Weltverbesserer". Und Erich Mühsam frotzelte: "Wir essen Salat, ja wir essen Salat, und essen Gemüse früh und spat. Und schimpft ihr den Vegetarier einen Tropf, so schmeißen wir euch eine Walnuss an den Kopf."

Von Spott allein konnte er jedoch nicht satt werden, und die Alternativen waren ihm zu dürftig. "Von früh bis spät kaute ich nun Äpfel, Pflaumen, Bananen, Feigen, Wal-, Erd- und Kokosnüsse. Es war schauderhaft", schrieb er in seinen "Unpolitischen Erinnerungen".

"Da ging ich ins Dorf hinunter, setzte mich in eine solide Osteria, ließ mir ein Beefsteak geben, trank einen halben Liter Wein dazu und rauchte danach eine große, dicke Zigarre. Nie hat mir eine Mahlzeit so geschmeckt, nie hat mich eine so gekräftigt und dem Leben gewonnen."

Verlorener Kampf gegen Salami-Esser

Für solche Abweichler zeigte Ida Hofmann keinerlei Toleranz. "Da waren auch alle jene, die sich an den warmen dunklen Abenden zu dem umliegenden Dorf schlichen, um verbotene Dinge wie gewürzte Salami und gute Tessiner Weine zu genießen", schrieb sie 1919 verärgert in ihr Tagebuch. Immer wieder habe Henri Oedenkoven auf dem Gebiet der Kolonie die Reste von fettem Schafkäse gefunden:

"Die anklagenden Beweise trug er wie Gift zwischen zwei Fingern und hielt sie bei den regelmäßigen Versammlungen den Anwesenden vor die Augen. Er hoffte immer, die armen Sünder würden bekennen. Es blieb eine fromme Hoffnung, nie meldete sich jemand und gestand."

Als Hofmann dies notierte, hatte Oedenkoven längst vor den Beefsteak-Essern kapituliert. In dem Sanatorium durfte nämlich seit 1917 auch Fleisch verzehrt werden. Auch die sackähnliche Reformkleidung, anfangs als Befreiung vom Korsett gepriesen, war nun nicht mehr vorgeschrieben.

Für die Gründer der Siedlung auf dem Monte Verità war das Ende damit in Sicht - und die Utopie einer alternativen Gesellschaft gescheitert: Nach Ende des Ersten Weltkriegs wanderten Oedenkoven, seine neue Frau und Hofmann gemeinsam nach Spanien und Brasilien aus, um dort eine neue - ebenfalls nicht wirklich erfolgreiche - Vegetarier-Kolonie aufzubauen.

Der deutsch-schweizerische Bankier und Kunstmäzen Eduard Freiherr von der Heydt ließ 1929 auf dem Monte Verità ein Hotel im Bauhausstil errichten. Ab sofort lockte der Wahrheitsberg nicht mehr nackte Vegetarier, Ausdruckstänzer und Weltverbesserer an, sondern die Mondänen und Kunstliebhaber. Ganz Berlin sei einst nach Ascona gepilgert, schrieb der Schriftsteller Curt Riess, weil es hieß, dass "auf dem Monte Verità ein Picasso im Lift hing."

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Christian Clauser, 18.03.2017
1. merkwürdig
Die Kriege wurden zeitgleich woanders geführt, aber lustig machen wir uns über die Pazifisten.
Frank Widi, 18.03.2017
2.
Kaum vorstellbar das es solche Lebensexperimente schon um die Jahrhundertwende in dieser biederen Zeit gab. Erinnert einen eher an eine Kalifornische Kommune! Leider enden solche gut gemeinten Lebensarten meist im negativen, weil einer für alle geltenden Reglen aufstellt. Habe neulich eine Doku über eine Kommune im erzkonservativen Bayern gesehen und da schien es, dank Mitspracherecht aller zu funktionieren. Für mich sind solche Artikel Labsal in einer roboterhaften und von Geldgier getriebenen Welt!
Shan Shine, 18.03.2017
3. Urheber Sigmund Freud
bei ihren Recherchen hat die Autorin übersehen, dass diese Gemeinschaft in Sigmund Freud wurzelte und ein Versuch der Gesundung des neurotischen Menschen war.
Sabine Fuchs-Hammelmann, 18.03.2017
4.
Nein, wir machen uns nicht lustig! Es ist halt so, dass der Mensch ein sehr aggressives Wesen ist. Die Ernährung ist hochpolitisch und es ist gut, sich damit auseinanderzusetzen. Man merkt dann so einiges.Zum Beispiel, dass es einem wahnsinnig gut tut ein blutiges Stück Steak zu essen. Es mag ja Menschen geben, die keine derartigen Gelüste entwickeln unter Entzug von Fleisch. Ich kenn bloß keinen Einzigen, der nicht ersatzweise andere Eigenartigkeiten entwickelt hat, wenn er an seinem Fleischentzug gearbeitet hat. Ich gebe ja zu, dass ich nicht die ganze Welt kenne, aber ist das nötig? Theoretisch finde ich den Vegitarismus hoch lobenswert. Er funktioniert halt nicht, und da werden wohl ein paar Witze erlaubt sein.
Christian Clauser, 18.03.2017
5.
Fleischkonsum funktioniert hingegen wunderbar, nicht wahr? "Blühende Landschaften" wohin man auch schaut.
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