Getarnte Schweizer Bergfestungen Pssstt, streng geheim

Im Krieg verschanzte sich die Schweizer Armee in den Alpen. Vom Riesennetz versteckter Gebirgsfestungen sollte niemand etwas erfahren. So viele Sprengungen, großes Getöse - dieser Plan konnte nicht aufgehen.

Verein Festung Vitznau

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Bevor Alois Mathis die Tür aufschließt, deutet er nach oben zum Felsen. Erst bei genauem Hinschauen erkennt man die Umrisse einer perfekt getarnten Geheimtür, dahinter befand sich einst eine schussbereite Kanone. "Die Felsattrappe stammt aus den späten Fünfzigerjahren", sagt der frühere Adjutant Unteroffizier, so sein Dienstgrad in der Schweizer Armee. "Von einem Boot aus gab ein Militär dem Maler Anweisungen für den Anstrich. Die Farbe durfte sich ja nicht vom echten Felsen abheben."

35 Jahre lang war Mathis Berufssoldat im Wachkorps der Festung Fürigen am Vierwaldstättersee. Heute ist er Festungsführer und kennt praktisch jeden Stein. Gebaut wurde die Anlage bereits im Zweiten Weltkrieg.

In eine ähnliche Festung war im Kriegswinter 1943 ein Militärtrupp abkommandiert und beim Weihnachtsessen in einer Berghütte gefilmt worden. "Wir sind irgendwo in der Schweiz, irgendwo im Reduit, in einem Posten hoch in einsamer Felslandschaft", raunt der Sprecher des Filmwochenschau-Berichts wie ein Märchenonkel.

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Schweizer Reduit: Verschanzt, wo andere Urlaub machen

Wo genau sich die als Friedensschützer bezeichneten Männer aufhielten, sollte die Öffentlichkeit unter keinen Umständen erfahren. Die Schweiz befürchtete einen Angriff Nazi-Deutschlands und des Mussolini-Regimes. Im Verborgenen erwartete die Armee den Ernstfall.

Bedingt abwehrbereit

Der trat nie ein, die Schweiz blieb vom Krieg verschont. Die Bevölkerung aber sollte bis in die Neunzigerjahre nichts über das "Reduit" erfahren, das weitverzweigte Festungssystem, in dem sich die Armee verschanzte. Noch im Kalten Krieg wurde der Ring aus getarnten Verteidigungsanlagen militärisch genutzt. Der Plan der Geheimhaltung allerdings schlug von Anfang an fehl.

Die Entscheidung für das "nationale Reduit" fiel nach der Kapitulation Frankreichs im Sommer 1940. Armee-Oberbefehlshaber General Henri Guisan ordnete an, das Land im Invasionsfall vom zentralen Alpenraum aus zu verteidigen.

Die Strategie war umstritten, denn sie bedeutete auch: Nahezu schutzlos würde die Bevölkerung im Nordwesten der Schweiz und nahe der Grenzen vom Feind überrannt. Im Rückzugsgebiet hingegen konzentrierten sich laut Militärdokumenten zeitweise mehr als 200.000 Offiziere und Soldaten.

Nazis machten Geschäfte mit der Schweiz

Ein Teil der Verteidigungsanlage war die Festung Fürigen bei Stansstad am Vierwaldstättersee. Ihr Eingang liegt hinter einer Tarnbaracke am Fuß eines imposanten Felsens, zu erreichen über eine schmale, kurvenreiche Uferstraße. Drinnen verläuft ein 200 Meter langes, labyrinthisches Tunnelsystem durch den Bürgenberg. Im Stollen ist es schummrig und feucht, die Temperatur liegt konstant bei 10 bis 14 Grad.

Die Festung ist heute ein Museum. Im Originalzustand erhalten sind zwei Stellungen mit 7,5-cm-Kanonen, deren Geschosse bis zu zwölf Kilometer weit reichten. Hinzu kommen eine Krankenstation und die Küche samt Kartoffelschälmaschine, ebenso die Schlafsäle, wo die Soldaten sich die Liegeplätze rotierend teilen mussten.

Etwa 100 Mann brauchte es, um die im Oktober 1942 fertiggestellte Anlage zu betreiben. Belegt war sie während des Krieges indes nur an 142 Tagen. Zum Ernstfall kam es nicht. Hitlers Strategen hatten offensichtlich erkannt, wie wenig ihnen eine Besetzung nutzen würde: Die Schweiz galt als neutrales Land, war aber für Deutschland und seine Verbündeten ein wichtiger Lieferant von Kriegsgütern - und vor allem bunkerten viele Nazis ihr Vermögen bei Schweizer Banken.

Nach Kriegsende bezweifelten Teile der Armeeführung die strategische Notwendigkeit der Gebirgsfestungen. Dennoch wurde Fürigen nachgerüstet. Aus Furcht vor einem Nuklearangriff auf Westeuropa baute man unter anderem 1960 einen Atomfilter ein.

Erst Angst vor Hitler, dann vor dem Ostblock

Nicht mehr Hitler, sondern der kommunistische Ostblock war nun der Feind. Armeeangehörige zogen sich regelmäßig unter strikter Geheimhaltung wochenlang in düstere Bunker zurück, wo zuhauf scharfe Munition lagerte. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges hatte die Schweiz rund 20.000 militärische Befestigungsanlagen, inklusive Flugplätzen und Panzerbarrikaden - quasi auf jedem zweiten Quadratkilometer eine.


Festung Vitznau: 1943 aus dem Fels gesprengt

Corina Kolbe

Alex Waldis leistete als Adjutant Unteroffizier über 640 Tage Dienst in mehreren Festungen im Alpenraum. Heute führt er als Präsident des Vereins Festung Vitznau Besucher durch das Artilleriewerk Mühlefluh. Im März 1943 war dort der erste Probeschuss aus einer 10,5-cm-Kanone gefallen. 337 Mann waren damals im Einsatz, ihre Aufgabe: die Straßenzugänge und den Seeweg ins Innere des Reduits zu schützen.

Anders als Fürigen war die Festung Vitznau bis Kriegsende dauerhaft belegt. "Die Soldaten sahen monatelang kein Tageslicht", so Waldis. An Durst litten sie nicht, ausreichend Trinkwasser aus einer nahen Quelle speicherte man in zwei 25.000-Liter-Reservoirs. Der eingelagerte Proviant reichte für gut 50 Tage.

Die Geheimhaltung, eine Farce

Stillgelegt wurde diese Festung erst 1998, da war der Kalte Krieg schon einige Jahre vorbei. Bis dahin war Geheimhaltung strikt vorgeschrieben, aber schon beim Bau misslungen: Hoteliers in Vitznau protestierten 1942 vehement gegen den Lärm durch fortwährende Sprengungen.

Häuser hätten gezittert und Fensterscheiben geklirrt, empörte sich der Direktor des Hotels Vitznauerhof: "…Ein ruhebedürftiger Kurgast sollte doch wenigstens seine Nachtruhe haben." Sein Beschwerdebrief ging an General Guisan, der offenbar ein Einsehen hatte.

Historiker haben die Geheimhaltung längst als Farce entlarvt. Wie Stefan Länzlinger und Martin Lengwiler in ihrem Buch zur Festung Fürigen erklären, kamen in der Bauphase 1941/1942 wegen des Kriegs in den Nachbarländern besonders viele Sommerurlauber in die Region.

Genau oberhalb des Füriger Bunkers etwa lag ein Hotel. Von dort fuhren leicht bekleidete Kurgäste per Seilbahn zur Harissenbucht hinunter, während die Armee eilig im Zweischichtenbetrieb bohrte und sprengte.

Die Badeanstalt lag nur eine Straßenkurve vom Festungseingang entfernt. Ebenso schwer zu übersehen war, dass das Hotel die Arbeiter in der Badebucht mit Essen verpflegte. Beim wöchentlichen "Korso" auf Flößen fuhren Touristen sogar direkt an der Baustelle vorbei. Sie wie auch die Bewohner der umliegenden Städte und Dörfer bekamen offensichtlich alles mit - und schwiegen.



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insgesamt 11 Beiträge
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Georg Jennerwein, 27.12.2016
1.
"Während des Krieges kam scharfe Munition zum Einsatz. " Man erfährt Überraschend Neues.
Ernst Hugentobler, 27.12.2016
2. Geheimhaltung
Überall, wo gebaut wird, gibt es etliche informierte Personen. Und gerade bei bevölkerten Gegenden lässt sich nicht vermeiden, dass jemand Kenntnis nimmt. Geheimhaltung heisst daher nicht, dass niemand weiss, dass da was ist, sondern dass niemand weiss, was genau, wo genau und in welchem Umfang vorhanden ist. Es ist auch nicht relevant, ob der Feind weiss, dass da am Hügel oben ein Bunker ist (damit wird er rechnen), wichtiger ist, dass er die Lage des Bunkers nicht sofort erkennen kann. Daher die Tarnung. Wenn er den Bunker entdeckt, ist es wichtig, dass er die Lage der weiteren Anlage (Ein-/Ausgänge, Schiessscharten, MG-Türme, etc.) nicht (er-)kennt, um ihn möglichst lange aufhalten zu können. Zudem ist die Aussenverteidigung der Anlagen nicht zu vergessen, man will den Feind gar nicht so nahe herankommen lassen.
Klaus Walser, 27.12.2016
3. Nicht verstanden
Ich habe nicht ganz begriffen, was Frau Kolbe uns mit diesem Artikel sagen will. 2 oder 3 Anlagen von 20000 zu beschreiben, ist wahrlich kurz gegriffen.
Jean-Emmanuel Rotzetter, 27.12.2016
4. Wieder ein zweitklassiger Aufsatz
aus ein paar auf Halbwissen basierende Banalitäten, einer halbwegs seriösen Zeitschrift unwürdig. Wenn schon: die vor 1945 in den Alpen aufgebaute militärische Infrastruktur ist natürlich später weiter verwendet und ausgebaut worden - wichtiger jedoch der Aufbau der Infrastruktur für den Zivilschutz in der Schweiz: Zivilschutzräume in jedem moderneren Gebäude, zentrale Zivischutzanlagen für praktisch die ganze Bevölkerung (nicht nur die politische "Elite") gegen Folgen von möglichen kriegerischen aber auch anderen Katastrophenfälle.
Wolfgang Prestel, 28.12.2016
5. Am Vierwaldstetter See ist die Schweiz noch zu retten
Wessen Geistes Kind die Initiatoren dieser Alpenfestung waren, wird bei einem Blick auf die Landkarte deutlich. Wenn der Feind erstmal am Vierwaldstetter See steht, dann ist es nach Italien nicht mehr weit. Und welche strategische Bedeutung das Hochtal um Andermatt hat, das mag uns ein Stratege mal erklären. Bis Erstfeld ist die Höhenlage fast eben, erst danach steigt es stark an. Bloß da oben ist nix mehr außer dem Mythos Gotthard.
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