Schwierige Einbürgerung Wie Hitler Deutscher wurde

Schwierige Einbürgerung: Wie Hitler Deutscher wurde Fotos

Nur mit üblen Erpressermethoden gelang das scheinbar Unmögliche: Sieben Jahre lang bemühte sich Adolf Hitler um die deutsche Staatsbürgerschaft - immer wieder scheiterte er am Widerstand demokratischer Institutionen. Eine Formalie hätte seine politische Karriere fast verhindert. Von Johanna Lutteroth

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Joseph Goebbels hatte am Abend des 22. Februar 1932 Großes zu verkünden: Hitler wird bei der Reichspräsidentenwahl am 13. März kandidieren! Und er wird die Wahlen gewinnen! Der Berliner Sportpalast tobte, der Reichspropagandaleiter genoß den tosenden Beifall.

Dass Hitler gar nicht kandidieren durfte, verschwieg der Propagandist geflissentlich. Laut Weimarer Verfassung war dieses Recht allein deutschen Staatsbürgern vorbehalten. Hitler aber war staatenlos, nachdem er 1925 auf seine österreichische Staatsbürgerschaft verzichtet hatte. Sechsmal hatte er seitdem versucht, in den Besitz des deutschen Passes zu kommen. Jedes Mal war er am Widerstand der demokratischen Institution gescheitert - zuletzt knapp drei Wochen vor Goebbels' Auftritt.

Mittlerweile hatte auch die Presse Wind von den verzweifelten Einbürgerungsversuchen Hitlers bekommen und machte sich gehörig darüber lustig. Die NSDAP-Parteiführung drohte langsam, die Nerven zu verlieren. Die schlechte Presse war eine Sache. Viel schwerer aber wog: Diese staatsrechtliche Formalie konnte für Hitler das politische Aus bedeuten - und das kurz vor dem endgültigen Durchbruch. Goebbels' Auftritt war daher ein klares Signal: Wir machen weiter und haben alles im Griff.

Eine aussichtslose Sache

Seinen ersten Versuch, deutscher Staatsbürger zu werden, startete Hitler im Juli 1925. Er bewarb sich auf üblichem Weg um die Staatsbürgerschaft in Thüringen. In der Weimarer Republik war die Einbürgerung Ländersache. Man beantragte also nicht die gesamtdeutsche Staatsbürgerschaft, sondern die eines Bundesstaats. Thüringen aber lehnte Hitlers Antrag ab, weil Preußen erhebliche Bedenken gegen die Einbürgerung des Hochverräters Hitler geäußert hatte. Ein solches Vetorecht gestand das Gesetz jedem Bundesstaat bei Einbürgerungsfragen zu. Hitlers missglückter Putschversuch im November 1923 war jedenfalls in Berlin noch lange nicht vergessen.

Vier Jahre später schickte Hitler bei einem neuen Anlauf einen seiner Schergen vor - diesmal in Bayern. Er hoffte wohl, dass die Erinnerung an den Putsch langsam verblasst war. Der NSDAP-Fraktionsführer im Reichstag, Wilhelm Frick, bekam den Auftrag, beim bayerischen Innenminister Karl Stützel vorzufühlen, wie mittlerweile die Chancen um eine Einbürgerung stünden. Stützel besprach sich mit Ministerpräsident Heinrich Held. Dieser gab unmissverständlich zu verstehen, dass die Sache aussichtslos sei. Preußen werde eine Einbürgerung Hitlers immer verhindern.

Auf direktem Wege war Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft also nicht zu beschaffen. Man suchte im "Braunen Haus", der NSDAP-Parteizentrale in München, nach anderen Mitteln und Wegen und wurde schließlich im Reichs- und Staatsangehörigengesetz fündig. Laut Paragraph 14, Absatz 1, wurde die Einstellung in den Öffentlichen Dienst als Einbürgerung betrachtet. Also musste Hitler ein Beamtenposten zugeschanzt werden, am besten einer, der nur auf dem Papier bestand und den er nicht anzutreten brauchte.

Professor Hitler

Im "Mustergau" Thüringen war gerade eine Koalitionsregierung mit NSDAP-Beteiligung an die Macht gekommen. Frick wurde Innenminister und bekam nun den Auftrag, Hitler unauffällig eine Stelle als thüringischer Beamter zu verschaffen. Er ließ daraufhin sämtliche Kontakte spielen, um Hitler zum Professor an der Weimarer Kunsthochschule zu machen. Doch der Koalitionspartner spielte nicht mit. Finanzministers Erwin Baum mauerte und verwies auf den kurz zuvor beschlossenen Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst. Die Staatsregierung schoss am 15. April hinterher. Sie beabsichtige nicht, "Adolf Hitler den Erwerb der thüringischen Staatsangehörigkeit dadurch zu ermöglichen, dass sie ihn pro forma als thüringischen Staatsbeamten einstellt".

Doch Frick gab nicht auf. Keine drei Monate später nutzte er die Gelegenheit, dass Baum im Urlaub war. Eigenmächtig ernannte er Hitler zum Gendarmeriekommissar einer zehnköpfigen Dienststelle in dem kleinen thüringischen Ort Hildburghausen und verdonnerte sämtliche Helfershelfer zum Schweigen. Bei Hitler stieß der Alleingang Fricks allerdings auf wenig Begeisterung. Wahrscheinlich empfand er das Amt eines viertrangigen Polizeichefs irgendwo in der Provinz als seiner Person nicht würdig und zerriss die Urkunde. Dass dieses Intermezzo noch ein gehöriges Nachspiel haben würde, ahnte weder Frick noch Hitler. Für sie war die Sache damit erledigt. Hitler blieb staatenlos.

Erst Anfang 1932 kehrte das Thema erneut auf die NSDAP-Agenda. Von den Wahlerfolgen der vergangenen beiden Jahre beflügelt, spielte Hitler nun ernsthaft mit dem Gedanken, bei der Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 zu kandidieren. Die Zeit drängte. Er musste möglichst schnell Deutscher werden. Den Schauplatz dafür verlegte er dieses Mal von Thüringen in den Freistaat Braunschweig, wo die NSDAP ebenfalls als Koalitionspartner an der Regierung beteiligt war. Am 2. Februar 1932 erhielt Dietrich Klagges, NSDAP-Mann der ersten Stunde und Innenminister des Freistaats, den Auftrag, zügig und in aller Stille für Hitler einen Beamtenposten zu beschaffen.

"Ganz Europa lacht über Adolf Hitler"

Auch Klagges hatte für Hitler eine akademische Stelle vorgesehen. Er wollte ihn zum Professor für Organische Gesellschaftslehre und Politik an der Braunschweiger Universität machen. Obwohl das Vorhaben höchster Geheimhaltung unterlag, flog es in einer Haushaltsdebatte des Braunschweiger Landtages auf. Der SPD-Oppositionsführer Heinrich Jaspers verlangte eine Antwort auf die Gerüchte der Hochschulprofessur für Hitler. Nur dadurch bekam auch die Universität Wind von Klagges' Machenschaften. Sie lehnte eine Anstellung Hitlers mit einem schlagenden Argument postwendend ab: Ihm fehle die akademische Qualifikation.

Zeitgleich wurde Fricks selbstherrlicher Einbürgerungsversuch in Hildburghausen publik. Dankbar griffen die Medien Hitlers Jagd nach der deutschen Staatsbürgerschaft auf und überzogen ihn mit Hohn und Spott. Öffentlich wurde über den "Hauptmann von Hildburghausen" gelacht - in Anspielung auf den legendären Hauptmann von Köpenick, der sich als Offizier ausgegeben hatte, in Wirklichkeit aber Schuhmacher war. Die Zeitschrift "Germania" prophezeite Anfang Februar 1932, dass die "Köpenickiade" von "Schildburghausen", als eine der besten staatsrechtlichen Komödien irgendwann einmal ihren Weg zur Bühne finden werde. "Seit gestern lacht Europa über Adolf Hitler", titelte die Zeitung "Tempo". Das "Berliner Tageblatt" ätzte: "Die Witzblätter der ganzen Welt sind für geraume Zeit mit Stoff versorgt."

Hitler war nun ziemlich unter Druck. Selbst im Reichstag machte man sich bereits über ihn lustig. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Rudolph Breitscheid bemerkte zur Kandidatur Hitlers am 24. Februar in Anspielung auf die Ereignisse der vorangegangenen Wochen mit zynischem Unterton: "Er ist kein deutscher Staatsbürger." Für ihn war der Fall klar. Für Hitler nicht. Er machte weiter Druck. Braunschweigs Ministerpräsident Werner Küchenthal schlug zwischenzeitig vor, den politischen Agitator zum kommissarischen Bürgermeister des Städtchens Stadtoldendorf zu machen, was aber an der Weigerung der Landtagsparteien scheiterte.

Braunschweigs Regierung wird erpresst

Nachdem auch der sechste Einbürgerungsversuch kläglich gescheitert war, zog die NSDAP-Führung ihr letztes Ass aus dem Ärmel: Sie drohte ihrem Regierungspartner, der Bürgerlichen Einheitsliste bestehend aus DVP, DNVP, Zentrum und Landbund, die Koalition im Freistaat Braunschweig platzen zu lassen, wenn sie in Sachen Hitlers Einbürgerung nicht kooperiere. Nichts aber fürchteten die Bürgerlichen mehr als Neuwahlen, die sie ins politische Niemandsland katapultiert hätten. Also knickten sie ein und stimmten zu, dass Hitler am 26. Februar 1932 zum Regierungsrat der braunschweigschen Gesandtschaft beim Reichsrat ernannt wurde. Knapp drei Wochen vor der Wahl wurde Hitler nun doch noch Beamter und damit deutscher Reichsbürger.

Weder an der schlechten Presse noch an den dubiosen Einbürgerungsversuchen schienen sich die NSDAP-Anhänger zu stören. Am 13. März 1932 stimmten immerhin 11,3 Millionen Wähler für Hitler. Damit kam er auf einen Stimmenanteil von 30,1 Prozent. Paul von Hindenburg, der sich ähnlich spät wie Hitler für seine Kandidatur entschied und immerhin noch 49,6 Prozent der Stimmen holte, konnte er zwar nicht ausstechen. Dennoch blieb es ein unerwarteter Erfolg.

Wenn der Öffentlichkeit nicht schon nach diesen Wahlen das Lachen vergangen war, so verging es ihr endgültig, als Hitler ein Jahr später zum Reichskanzler gewählt wurde. Eine seiner ersten Amtshandlungen war übrigens, den Artikel, der ihn zum Beamten und Deutschen gemacht hatte, aus dem Staatsbürgerrecht zu streichen. Im "Dritten Reich" sollten nur noch wahre Deutsche Beamte werden dürfen.

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    Seite 1    
1.
Willi Kolk 19.10.2010
Bei Bild 2 heißt es: "Hitler in Haft: Nach seinem Putschversuch 1923 saß Adolf Hitler in der oberbayerischen Haftanstalt Landsberg ein." Nach meinem Kenntnisstand hatte Hitler Festungshaft, eine Art "Ehrenhaft". * Tex
2.
Uwe Pitz 20.10.2010
>Bei Bild 2 heißt es: "Hitler in Haft: Nach seinem Putschversuch 1923 saß Adolf Hitler in der oberbayerischen Haftanstalt Landsberg ein." >Nach meinem Kenntnisstand hatte Hitler Festungshaft, eine Art "Ehrenhaft". > > * Tex
3.
Uwe Pitz 20.10.2010
Des letzte Satz lautet: "Eine [Hitlers] ersten Amtshandlungen war übrigens, den Artikel, der ihn zum Beamten und Deutschen gemacht hatte, aus dem Staatsbürgerrecht zu streichen. Im "Dritten Reich" sollten nur noch wahre Deutsche Beamte werden dürfen." Es wäre nun nützlich zu erfahren, ob diese genannte Änderung eines Gesetzes der Weimarer Republik nach 1945 rückgängig gemacht, oder etwa beibehalten wurde, weil es so doch viel praktischer ist.
4.
Christian Felchow 21.10.2010
Formaljuristisch wollte man viele Dinge ungeschehen machen. Die Tatsachen wären aber trotzdem geblieben. So überwiegen immer noch Überlegungen in der Richtung, ob denn ein Vertrag, Recht oder Handlungen zu verurteilen wären, wie denn dadurch das jetzige Leben sich ändern würde. Es werden also weiter Gesetze und Verträge eingehalten, die der Herr Hitler abgeschlossen hat und es wird auf deren Einhaltung gepocht, weil man dadurch enorme finanzielle Vorteile weiter gewähren kann, die von allen Bürgern finanziert, einigen Einrichtungen zu richtig Geld verholfen haben.
5.
Michael Kruppe 28.11.2011
"Wenn der Öffentlichkeit nicht schon nach diesen Wahlen das Lachen vergangen war, so verging es ihr endgültig, als Hitler ein Jahr später zum Reichskanzler gewählt wurde." Entschuldigung, aber Hitler wurde nicht zum Reichskanzler gewählt, sondern von Hindenburg dazu ernannt. Mann muss hier nicht so tun, als seien die Nazis über demokratische Wahlen an die Macht gekommen.
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