SPIEGEL-Affäre Kampf der Titanen

SPIEGEL-Affäre: Kampf der Titanen Fotos
J.H. Darchinger / Friedrich-Ebert-Stiftung

Sie schlugen und sie brauchten sich: Rudolf Augstein und Franz Josef Strauß verband eine Hassliebe, auch weil sie sich trotz aller Gegnerschaft ähnlich waren. Am Ende des zähen Ringens bezwang der Journalist den Politiker - und trauerte seinem Intimfeind dennoch hinterher. Von

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Es hätte alles so nett werden können. Das Bier floss reichlich, es gab Häppchen, Sekt und Hähnchen in provençalischer grüner Soße, angeblich eine der Leibspeisen von Franz Josef Strauß. Ein leitender SPIEGEL-Redakteur trug ein Gedicht über den Welfenkönig Ernst August vor, man plauderte, zechte und beschnupperte sich höflich.

Doch irgendwann in jener Nacht vom 10. auf den 11. März 1957 in der Villa Rudolf Augsteins am Hamburger Maienweg 2 kippte die Stimmung: Der Herrenabend entgleiste. Was als zwangloses Kennenlernen zwischen ausgesuchten SPIEGEL-Männern und dem frischgebackenen Verteidigungsminister Strauß gedacht war, eskalierte zu fortgeschrittener Stunde zum großen Krach.

Immer vehementer kritisierten die Journalisten die Politik Adenauers und dessen bedingungslose Westbindung. Strauß wiederum verglich die Sowjets mit Sittlichkeitsverbrechern, geriet in Rage und polterte irgendwann: "Wann's so reden wollt, ladet's euch Zuhälter oder Ganoven ein, aber nicht einen Minister der Bundesregierung."

Zwischen den norddeutsch-kühlen Journalisten und dem barock-hitzigen Bajuwaren tat sich ein Abgrund auf, der nicht wieder zu schließen war. Rudolf Augstein selbst war es, der diesen katastrophalen Abend rückblickend als "Schlüsselerlebnis" bezeichnete, an dessen Ende die SPIEGEL-Redakteure sich einig gewesen seien: "Der nicht." Fortan schoss die Redaktion mit aller Wortgewalt gegen den stiernackigen Politiker.


Heft 38/2012

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Während Augstein dem jungen Strauß gegenüber zunächst recht aufgeschlossen war, eine erste Titelgeschichte den "Primus" aus dem Süden im Januar 1957 gar als vielversprechendes Talent mit "bayerischem Naturcharme" lobte, begann der SPIEGEL ab dem Frühjahr 1957 mit der unerbittlichen Demontage der "Franz-Josefs-Legende" (so die Zeile der Strauß-Geschichte vom 1. Mai). Das Magazin kritisierte nicht nur die Atomwaffenträume des Verteidigungsministers, sondern enthüllte auch dessen zahlreiche Affären - die fast unmittelbar nach Amtsantritt einsetzten.

Bizarres Rechtsverständnis, despotisches Gebaren

Das oftmals bizarre Rechtsverständnis des FJS offenbarte sich bereits an jenem Herrenabend 1957: Um seinen 22:10-Zug nach Bonn zu erwischen, nötigte Strauß seinen Gastgeber Augstein, in Hamburg eine rote Ampel zu überfahren.

Ein Jahr später erhob sich der barocke Machtmensch erneut über die Verkehrsregeln - und drängte seinen Fahrer, mit dem mausgrauen BMW unerlaubt eine Kreuzung vor dem Bonner Bundeskanzleramt zu passieren. Als ein Verkehrspolizist das gesetzeswidrige Verhalten des Fahrers zur Anzeige brachte, setzte Strauß alle juristischen Hebel in Bewegung, um den jungen Schutzmann beruflich zu erledigen.

Der Verteidigungsminister schreckte nicht einmal davor zurück, das Privatleben des Polizisten auszuforschen. Am Ende ging Strauß als Verlierer aus dem Streit hervor - was der SPIEGEL genüsslich ausbreitete. Drei Jahre später ließ Strauß den Chef zweier Jagdbomber degradieren, die im Zuge eines Nato-Manövers versehentlich über die DDR-Grenze geraten waren.

Als General Martin Harlinghausen Kritik an dieser unzulässigen Form der Maßregelung übte, wurde er in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Abermals geißelte der SPIEGEL in seinem Artikel "Bier-Order 61" das despotische Gebaren des FJS gegenüber Subalternen.

"Da muss wat dran sein"

In der Folge machte der SPIEGEL 1961/62 in immer kürzeren Abständen die dubiosen Machenschaften des Verteidigungsministers publik. "Rudolf Augstein war wirklich besessen von dem Gedanken 'der muss weg', so dass er auch das kleinste Vergehen entsprechend groß behandelt wissen wollte", erinnert sich der langjährige SPIEGEL-Redakteur Dieter Wild im einestages-Interview.


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Auf die Enthüllung des "Onkel Aloys"-Skandals um den mittellosen Freund der Familie Strauß, Aloys Brandenstein, der mithilfe des Verteidigungsministers zum Rüstungslobbyisten und Millionär aufstieg, folgte die Offenlegung der "Fibag"-Affäre: jener zwielichtige Immobiliendeal, der Strauß den - wenn auch nie bewiesenen - Vorwurf einbrachte, Vorteilsnahme im Amt auszuüben.

Strauß watete von einem Skandalsumpf in den nächsten - bis schließlich selbst sein Verbündeter, Kanzler Konrad Adenauer, genug hatte: "Wenn einem so die Affären nachlaufen wie dem Herrn Strauß, da muss wat dran sein. Dat kommt nicht von allein", befand der CDU-Politiker.

Eingesperrter Sieger

Nichts jedoch kritisierte SPIEGEL-Herausgeber Augstein so vehement wie die hemdsärmelige Militär- und Aufrüstungspolitik seines Widersachers. Als Strauß zum CSU-Vorsitzenden gewählt wurde und damit die Kanzlerkandidatur in greifbare Nähe rückte, holte Augstein aus: Ein atomwaffen- wie machtbesessener Mensch wie Strauß würde an "Nazi-Instinkte" appellieren, wetterte der SPIEGEL in der laut Biograf Peter Merseburger von Augstein höchstpersönlich verfassten Strauß-Titelgeschichte vom April 1961 - sie trug die Zeile "Der Endkampf".

Gut möglich, dass ein Kanzler Strauß mit einer "Wahlgesetz-Manipulation" beginnen und die "Todesstrafe auch für politische Straftaten" einführen würde, mutmaßte der Journalist in seiner geharnischten Kriegserklärung an Strauß weiter.

Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann der bis aufs Blut gereizte Verteidigungsminister sich nicht mehr allein mit juristischen Klagen begnügen, sondern zurückschlagen, sich persönlich an dem Nachrichtenmagazin rächen würde. Augstein, in den Augen von Strauß nichts als ein "publizistischer Robespierre", ein von Komplexen Geplagter, war überfällig.

Der Rest ist bekannt: Die Feindschaft beider großen Männer gipfelte vor 50 Jahren in der SPIEGEL-Affäre. Rudolf Augstein landete für mehr als drei Monate in Untersuchungshaft - und ging dennoch als Sieger aus dem Titanenkampf hervor. Strauß war als Minister sowie als Kanzlerkandidat - zumindest temporär - erledigt, der SPIEGEL hingegen endgültig zum Leitmedium des investigativen Journalismus avanciert.

Machtbewusste, kluge Lebemänner

Indem Strauß seinen Widersacher einsperren ließ, vermehrte er nur dessen Macht, beförderte ihn zum Helden der Pressefreiheit: "Was sind 103 Tage Gefängnis in einem langen Leben, wenn dadurch so viel erreicht wurde?", resümierte Augstein im Jahr 2002 rückblickend. Und Strauß wiederum, obwohl Verlierer der Affäre, schärfte sein Profil an der lebenslangen Reiberei mit dem SPIEGEL-Chef.

So profitierte ein jeder von der Gegnerschaft zum anderen: "Sie pflegten geradezu ihre Feindschaft, weil sie sich charakterlich so ähnelten, die Ablehnung des anderen für das eigene Ego brauchten", hat es Hans Werner Kilz, ehemaliger Chefredakteur des SPIEGEL und der "Süddeutschen Zeitung", auf den Punkt gebracht. Beide Kontrahenten waren, wie CSU-Urgestein Peter Gauweiler es im SPIEGEL einmal treffend formuliert hat, "Gegenkameraden", die mehr verband als sie jemals zugegeben hätten.

Beide stammten aus katholischem Elternhaus, beide hatten als Offiziere der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront gekämpft. Beide, der schmächtige Norddeutsche wie der massige Bayer, waren machtbewusste, kluge, rhetorisch brillante Lebemänner, deren jeweilige Anhängerschaft ihre Weisheiten, so Gauweiler, "auch kniend aufzunehmen bereit" war.

"Ihr anhänglicher Widersacher Rudolf Augstein"

Und obgleich sich beide auch nach Ende der SPIEGEL-Affäre inhaltlich spinnefeind waren, Strauß den SPIEGEL 1963 in einem Interview gar als "die Gestapo unserer Tage" verunglimpfte, schienen sie einander persönlich zu schätzen. Als Strauß sich im Sommer 1969 bei einem Sturz die linke Hand brach, setzte Augstein sofort einen aufrichtig liebenswürdigen Brief auf. Er sei darauf hingewiesen worden, dass ein "alter Mitarbeiter" erkrankt sei, schrieb der SPIEGEL-Chef dem Verteidigungsminister a.D..

Augstein wünschte Strauß, dass dessen "brachiale und auch sonstigen physischen Kräfte" möglichst bald zurückkehren mögen und legte ein Büchlein "zur Ermunterung" bei. Gezeichnet: "Ihr anhänglicher Widersacher Rudolf Augstein". Der "alte Mitarbeiter" antwortete postwendend, bedankte sich höflich und zeigte sich "zuversichtlich", dass er "bald wieder Stoff" für das Nachrichtenmagazin liefern werde.

Gehasst habe er weder Strauß noch Adenauer, betonte Augstein in einem Interview. Er habe den bayerischen Politiker "als Person gemocht", habe "manch schönes Erlebnis" mit ihm gehabt, wie er der "Zeit" erzählte und schriftlich mit ihm sogar noch einen "'Kamerad, weißt du noch'-Abend" vereinbart. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.

"Gott mit Dir, Franz Josef Strauß"

Am 3. Oktober 1988 starb Franz Josef Strauß, nachdem er auf dem Weg zur Hirsch-Pirsch mit dem Jagdherrn Johannes von Thurn und Taxis bewusstlos zusammengebrochen war. Und sein Widersacher Augstein? Stürzte in ein tiefes Loch, wie sich Kilz, damals Leiter des Deutschland-Ressorts beim SPIEGEL, erinnert.

Bleich und geistesabwesend habe der trauernde Augstein an jenem Abend gewirkt, als die Todesnachricht publik wurde. Bis weit nach Mitternacht habe er in einem kleinen Redaktionszimmer verharrt und stundenlang auf den Bildschirm gestarrt, wo die Nachrufe auf Strauß liefen. Augstein war seines großen Antagonisten beraubt worden.

"Einen Gegner bekommen heißt Gesicht, Charakter, Inhalt und Sinn bekommen." Dieses Zitat von Schriftsteller Otto Flake stellte Augstein seinem Nachruf auf FJS voran: ein sehr persönlicher Text, der sich - trotz aller inhaltlichen Kritik - doch fast wie eine Liebeserklärung liest. Er endet mit den wehmütigen Worten: "Die Zeit, da Männer noch wussten, wo es langgeht, und da sie noch Geschichte machten, sie ist für uns auf immer vorbei. Gott mit Dir, Franz Josef Strauß."

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1.
Jan Cooner 18.09.2012
Es war schon ein "Fegefeuer der Eitelkeiten", das die zwei am brennen hielten. Wenns zu erlöschen drohte, einer von beiden fand immer was Brennbares und warfs hinein. Irre Typen, DIE ZWEI! So was wird nie wiederkommen.
2.
Ulrich Dürr 19.09.2012
Und ich bin froh, dass sowas schwerlich wieder kommt - da helfen uns zum Glück die 'neuen Medien' Der 'uneheliche Sohn' Mappus wurde gottseidank recht zügig erlegt. Aber liebe Redaktion. Wollt Ihr nicht mal recherchieren, was es mit den 300 Mio. (DM?) auf sich hat, die Strauß vererbt hat?
3.
Thomas Müller 19.09.2012
Ähmmm, der Mann hat mit Milliarden die DDR mehrmals gerettet! Wirklich böse Zungen behaupten wegen einiger Rückvergütungen...
4.
Siegfried Wittenburg 19.09.2012
Milliardenkredit für die DDR: Das gab es nur einmal. Aber wenn ich das so lese, ist es mir im Nachhinein lieber, dass der Strauß dem Honecker eine Milliarde gegeben hat als umgekehrt.
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