Vergessener Abenteurer Im Auto über den Pazifik

Vergessener Abenteurer: Im Auto über den Pazifik Fotos

Es war die gefährlichste Station einer waghalsigen Weltumrundung. Vor 55 Jahren verbrachte der Tüftler Ben Carlin sechs Wochen eingepfercht in einem skurrilen Amphibienfahrzeug - mitten auf dem Pazifik. Noch heute erinnert sich sein Beifahrer an den Horrortrip. Und den Wahnsinn des Kapitäns. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
    4.6 (10 Bewertungen)

Ben Carlin muss sich jetzt betrinken. Mit Reisschnaps. Viel Reisschnaps. Er will sich betäuben gegen das eiskalte Wasser im Nordpazifik, etwas östlich der sowjetischen Kurilen. Dort steckt sein Schwimmauto "Half Safe" fest, diese kühne Mischung aus Boot und Jeep. Die Schiffsschraube hat sich in einem großen Fischernetz verfangen - der Alkohol sollte nun die Rettung bringen.

Fassungslos beobachtet der Mitreisende Boyé Lafayette De Mente, wie sich sein angetrunkener Kapitän komplett auszieht, das geschärfte Messer an Bord nimmt und es sich in bester Piratenmanier zwischen die Zähne klemmt. Dann steigt Carlin in das nur wenige Grad warme Wasser und taucht zur Schiffschraube.

Wie ein Berserker hackt der rotbärtige Mann in der nächsten halben Stunde mit dem Messer auf das Unterwassernetz ein. Zwischendurch schleppt er sich an Bord, kippt noch mehr Schnaps herunter und springt danach wieder ins Eiswasser. Beim dritten Mal ist er schon so betrunken, dass ihn De Mente mit einem Seil anbindet, weil er fürchtet, sein Kapitän werde bald bewusstlos.

Irgendwie schafft es Carlin, die Schiffsschraube freizulegen, doch damit ist die Sache nicht vorbei. Die Kälte, der Alkohol, das Adrenalin - das alles muss jetzt raus: Wüst beschimpft er seinen Begleiter, weil der nicht der Filmkamera hinterhergesprungen ist, die bei dem Manöver ins Wasser gefallen war; Carlin wollte seinen lebensgefährlichen Einsatz gerne auf Zelluloid festhalten. "Etwa 20 Minuten stand er nackt auf dem bitterkalten und windgepeitschten Deck und schrie", erinnert sich De Mente. "Es war die verrückteste Darbietung von dummer, betrunkener Raserei, die ich jemals gesehen habe."

55 Jahre liegt diese Raserei nun zurück. Carlin ist längst an einem Herzinfarkt gestorben und De Mente wird bald 84 Jahre alt. Doch noch immer kann er sich minutiös an den wahnwitzigen Versuch erinnern, mit dem Choleriker Carlin auf einem nicht hochseetauglichen Boot von Japan bis nach Alaska zu fahren. Es war, verrät De Mente im Interview mit einestages, die Dummheit seines Lebens: "Ich wäre Carlin nie gefolgt, wenn ich das Ausmaß der Gefahren und die Abgründe seines Charakters gekannt hätte."

Der Traum des Latrinenkönigs

Dabei hätte er ahnen müssen, dass Carlin ein exzentrischer Besessener war. Der heute völlig vergessene Australier war in den fünfziger Jahren weltberühmt: Als erster Mensch wollte er den Globus in nur einem einzigen Gefährt umrunden, das sowohl Ozeane als auch Landmassen durchqueren kann. Für den Traum vom perfekten Zwitter zwischen Boot und Auto investierte Carlin über Jahre sein gesamtes Vermögen - und setzte sein Leben aufs Spiel.

Vielleicht lag es an seinem trostlosen Job, dass sich der Bergbauingenieur nach Abenteuern sehnte. Während des Zweiten Weltkriegs leitete Carlin auf alliierten Militärbasen den Bau von Latrinen. Ob in Karatschi, Kirkuk oder Kalkutta, schrieb er später selbstironisch: der Mittlere Osten habe "selten bessere Toiletten" gehabt.

Der Krieg war schon zu Ende und der Latrinenkönig langweilte sich in Indien zu Tode, als er im März 1946 etwas sah, was sein Herz höher schlagen ließ: ein ramponiertes Amphibienfahrzeug, einen Jeep, der schwimmen sollte. Fünfzehn Minuten, so berichtete Carlin später über den Moment, der sein Leben veränderte, habe er das kuriose Gefährt bestaunt, umrundet, betatscht, bestiegen. Dann war es um ihn geschehen. Nur ein paar Ausbesserungen, sagte er überschwänglich einem Freund, dann werde er damit die Welt bereisen.

Und Carlin machte Ernst. Für 901 Dollar erwarb er aus Armeerestbeständen einen Schwimm-Jeep. Ford hatte ihn während des Kriegs entworfen, nachdem zuvor Konstrukteure wie Hanns Trippel und Ferdinand Porsche den Nazis schwimmfähige Wagen in Serie gebaut hatten. Doch Fords Modell wies viele Mängel auf. Kleine Flüsse und flache Seen konnten darin bezwungen werden, aber für Meere und Salzwasser war der Wagen ungeeignet.

Namenloses Pannenboot

Carlin empfand das als Ansporn. Der Australier tüftelte, probte, scheiterte - und machte weiter. Jahrelang. Er baute eine Funkanlage ein, investierte Unsummen in Zusatztanks unter dem Wagen und an der Nase des Jeeps, beschichtete den ganzen Unterbau mit teurem, wasserdichtem Neopren, bis er zwischenzeitlich pleite war.

Nichts sprach dafür weiterzumachen: Bei Testfahrten schlingerte das Boot, leckte, soff beinahe ab. Einmal entging Carlin knapp einer Kohlenmonoxidvergiftung in der viel zu gut abgedichteten Fahrerkabine. Beim ersten Versuch einer Atlantiküberquerung fiel seine frisch angetraute Frau Elinore schon nach wenigen Tagen stundenlang in einen halb-komatösen Zustand mit glasigen, weit aufgerissen Augen und verkrampften Fingern.

Vom Aufgeben wollte aber auch seine ebenso hartgesottene Frau nichts wissen. Fast programmatisch taufte Carlin sein anfangs namenloses Pannenboot "Half Safe" - eine Anspielung auf eine Deo-Werbung ("Don't be half-safe!"). Im Sommer 1950 wurde die Schinderei endlich belohnt: Beim siebten Versuch gelang die historische Durchquerung des Atlantiks per Schwimmwagen. Als Anfang 1951 auch noch die marokkanische Wüste bezwungen und das Mittelmeer durchfahren war, hatte Europa zwei neue Medienstars: Die tollkühnen Eheleute in ihrem verrückten Amphibienfahrzeug.

Sechs Jahre später stand Ben Carlin in Japan kurz vor der Erfüllung seines Lebenstraums, der Weltumrundung. Dafür hatte er sogar seine Ehe geopfert; nach vier Jahren war seine ständig seekranke Frau in Indien von der Reise abgesprungen. Unverdrossen quälte sich Carlin danach durch ganz Asien. Nun fehlte ihm noch eine letzte gefährliche Etappe zum endgültigen Triumph: der Seeweg von Japan nach Alaska. Doch dazu brauchte er einen Begleiter.

"Ein interessantes Omen für unsere Reise"

Er fand ihn in Boyé De Mente. Der amerikanische Journalist, schon vor Jahren nach Japan ausgewandert, hatte Carlin bei einem Interview kennengelernt. Ihn lockte das Abenteuer. Zudem brauchte er gerade etwas Abstand von seiner Freundin und auch beruflich lief nicht alles ideal. Der perfekte Zeitpunkt, um etwas Verrücktes zu wagen.

Er sollte es bald bereuen. Die ersten Wutausbrüche Carlins nahm er noch nicht so ernst. Doch bei einem Pressetermin kurz vor der Abreise im Mai 1957 schämte sich De Mente erstmals für seinen Kapitän. Etliche Journalisten standen um "Half Safe" herum und warteten auf Carlin. Doch der blieb stoisch in seiner Fahrerkabine - auch dann, als De Mente das Verdeck öffnete und von den Reportern mit Fragen bestürmt wurde.

"20 Minuten blieb Carlin sitzen und ignorierte die Journalisten", erinnert sich De Mente, den zunehmend frustrierte, dass er auch nicht sagen konnte, warum sein Chef nicht herauskam. Die ersten Reporter gaben auf und gingen. "Als Carlin sich doch noch blicken ließ, begann er, die verbliebenen Journalisten zu fotografieren, ohne auch nur eine Frage zu beantworten. Das war ein interessantes Omen für unsere Reise."

Denn einmal auf hoher See, gefangen in einem winzigen Boot, das gerade einmal 5,50 mal 1,50 Meter maß, spitzten sich die Konflikte zu. Verstärkt wurden sie durch den zermürbenden Alltag: ohrenbetäubender Motorenlärm, eisige Kälte, Kopfschmerzen vom Kohlenmonoxid, das sich in der Kabine sammelte. Eintönige Dosenkost, die auf der Motorabdeckung erhitzt wurde. Und dann die Hygiene: Für große Geschäfte mussten sich die Männer auf einen kleinen Vorsprung am Bootsheck hocken, an den Ersatzreifen festkrallen - und hoffen, dass keine großen Wellen kamen.

Schon bald hatten sich die beiden Reisenden nichts mehr zu sagen. Sie schrien sich an oder schwiegen. Carlin beschimpfte seinen Begleiter als "Arschloch" und "Vollidiot", sobald etwas schief ging, egal, wer Schuld hatte. Behauptet De Mente. Und teilt selbst aus: "Carlin war ein unkultivierter, großmäuliger Draufgänger. Er hatte sich so viele Jahre zum Sklaven seines Jeeps gemacht, dass er oft jedes Gefühl für Anstand und Respekt vermissen ließ."

Die Bombe am Heck

Glückliche Momente? De Mente kann sich nicht daran erinnern. Höchstens die Seelöwen und Wale, die er ab und an zu Gesicht bekam.

Und doch waren die Streithähne voneinander abhängig, wollten sie überleben. Ständig musste jemand am Steuer sitzen, den Kurs kontrollieren. Die Männer lösten sich alle vier Stunden ab. War die See unruhig oder die Sicht schlecht, fielen die Ruhepausen weg. Dann musste jemand auf Hindernisse achten, mit denen "Half Safe" kollidieren könnte - oder nach der Bombe schauen, die das Boot an einem langen Seil hinter sich herzog.

Die "Bombe" war zigarrenförmig und gelb angestrichen - ein riesiger Zusatztank mit rund 2000 Litern Benzin. Fuhr "Half Safe" enge Kurven oder stoppte abrupt, konnte der Tank wie ein Torpedo auf den Jeep zurasen. "Gelbes Monster" nannte De Mente den Tank, den er zähmen sollte - er träumte oft von ihm, und ein paar Mal kam es fast zur Katastrophe.

Doch es war nicht nur Glück, dass die Abenteurer nach mehr als 5000 Kilometern und vier Monaten im September 1957 gesund in Alaska ankamen. "Carlin war einfach ein fantastischer Navigator und Mechaniker", sagt De Mente. Mehr Lob kommt ihm bis heute nicht über die Lippen.

Carlin erreichte 1958 das kanadische Halifax, genau dort, wo seine Weltreise acht Jahre und 88.150 Kilometern zuvor begonnen hatte. De Mente war schon in Anchorage, der größten Stadt Alaskas, ausgestiegen - ohne ein Wort des Abschieds. Seinen Kapitän sah er nie wieder.

Zum Weiterlesen:

Boyé Lafayette De Mente: "Once a Fool! From Japan to Alaska by Amphibious Jeep!" Phoenix Books, Burlington/USA 2009, 166 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im Shop von amazon.de.

Ben Carlin: "Half-Safe. Across the Atlantic in an Amphibious Jeep". Verlag William Morrow, New York 1955, 309 Seiten.

Artikel bewerten
4.6 (10 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Thomas Schimmels 05.11.2012
Boahh was für eine Geschichte super geschrieben!!
2.
Karl Meier 06.11.2012
Klasse Story, gerne mehr in dieser Richtung.
3.
Manfred Haferburg 06.11.2012
Nomen est omen: De Mente :-)
4.
Jack Bauer 06.11.2012
Wahnsinn, herrlich, köstlich die beiden. Und lebend angekommen... Erinnert ein bisschen an "Dark Star" von J. Carpenter. Vielleicht hat der sich bei den zweien Anleihen genommen.
5.
Andreas Meier 06.11.2012
Boahhh, und wenn dann noch auch "Kolkata" stehen würde, so wie die Stadt schon seit Jahren genannt wird, dann könnnte man tatsächlich glauben er war ausserhalb Deutschlands ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH