Sci-Fi-Autor Asimov Ein Leben für die Zukunft

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Schundheftschreiber und Visionär: Als Kind liebte Isaac Asimov Science-Fiction, als Erwachsener revolutionierte er das Genre und nahm immer wieder die Zukunft vorweg. Vor 20 Jahren starb der Schriftsteller. Doch nicht, ohne Wikipedia vorherzusagen - und dass die Menschheit nicht mehr zu retten ist. Von Ariane Stürmer

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Wann immer der kleine Junge mit der dicken Hornbrille Zeit hatte, griff er nach einem der Magazine, die im Laden seines Vaters auslagen. Es waren billige Heftchen, gedruckt auf grobem Papier. Aber auf den Seiten entführten Autoren wie Edgar Allen Poe und Jules Verne ihre Leser in phantastische Welten. Es war 1929, drei Jahre zuvor war das erste Science-Fiction-Magazin "Amazing Stories" erschienen. Es war das Jahr, in dem ein schüchterner Junge entschied, selbst einmal Science-Fiction-Autor zu werden. Dass er zu den bedeutendsten Schriftstellern der Welt zählen würde, davon wagte Isaac Asimov nicht einmal zu träumen.

Anfang der zwanziger Jahre waren seine Eltern aus dem weißrussischen Dorf Petrovichi in die USA emigriert. Jetzt besaßen sie einen Süßwarenladen am Prospect Park in Brooklyn, New York. Asimovs Vater hielt nichts von den Schundheften, die jene Magazine seiner Meinung nach waren. Als er sah, dass ausgerechnet die dicken Brillengläser seines Sohnes hinter Magazinen wie "Wonder Stories" verschwanden, verbot er ihm, sie zu lesen.

Als Kind übersprang Asimov mehrere Klassen und begann laut seinem Freund und Autor Frederik Pohl als Teenager die mehrbändige "Encyclopædia Britannica" in der Absicht zu lesen, jeden der rund 70.000 Artikel zu verinnerlichen. So erklärte der kleine Isaac seinem Papa, dass Science-Fiction das Wort Wissenschaft im Namen trüge, und Science-Fiction-Magazine ergo nichts weiter enthielten als Geschichten, die wissenschaftliche Zusammenhänge erläutern. Das Englisch von Isaacs Vater war nicht besonders gut, und so durfte er weiter seine heißgeliebten Hefte schmökern. Einige Jahre später würde Vater Asimov seinen Freunden voller Stolz schreiben, dass sein Sohn die erste Kurzgeschichte in einem der berühmten Sci-Fi-Hefte veröffentlicht hatte.

Der Weg dorthin aber war mühsam. Seit er die Magazine offiziell lesen durfte, schrieb Isaac Asimov. Als er 14 Jahre alt war, schaffte es eine seiner Geschichten in die Schülerzeitung, wenig später trat er einem der vielen Science-Fiction-Clubs in New York bei. Der erste Text, mit dem es Asimov bei einem der großen Magazine versuchte, trug den Titel "Kosmischer Korkenzieher" und handelte von einem Zeitreisenden, der in der Zukunft auf einer von Menschen verlassenen Welt strandet.

64 Dollar für die erste Veröffentlichung

1938 legte der 18-jährige Chemiestudent Asimov das Manuskript einem der einflussreichsten Herausgeber von Science-Fiction-Magazinen persönlich auf den Bürotisch. John Campbell, verantwortlich für die "Astounding"-Reihe, lehnte es ab. Doch immerhin, der Redakteur machte sich die Mühe und notierte, was genau ihm an der Geschichte nicht gefiel: "Der Anfang, die Charaktere, der dünne Plot, das Ende." Neun abgelehnte Geschichten, sieben Besuche bei Campbell und sechs Monate später kaufte dieser schließlich "Ad Astra". Eine Story über eine Raketenmission zum Mond, die im Jahr 1973 spielt und am Widerstand einer religiösen Gruppe gegen die Weltallforschung zu scheitern droht. Die Geschichte erschien im Juli 1939 unter dem Titel "Trends".

Die erste Veröffentlichung bei einem Science-Fiction-Magazin konnte sich später dennoch ein Konkurrenzblatt auf die Fahnen schreiben: Während Campbell "Havarie vor Vesta" abgelehnt hatte, sah man bei "Amazing Stories" das Potential der Geschichte über die Rettung einer Raumschiffbesatzung, die in ihrem zerstörten Vehikel hilflos im Orbit des Planeten Vesta kreiste. "Astounding" zahlte Asimov 64 Dollar, der feierte die Veröffentlichung im März 1939 und Vater Asimov schrieb stolze Briefe.

Weltweite Bekanntheit erlangte Asimov aber vor allem mit seinen Roboter-Storys. Mit "Robbie" erschien im September 1940 im Magazin "Super Science Stories" seine erste Geschichte über die künstlichen Intelligenzen im Blechkleid. Sie handelt von einem Roboter, der von einer Familie als Babysitter verstoßen wird und später als akzeptiertes Familienmitglied zurückkehrt. Asimov wendete sich in seinen Roboter-Geschichten gegen das etablierte Bild der Kunstgeschöpfe. Dem immer gleichen Plot "Mensch erschafft Roboter - Roboter tötet Menschen" stellt er seine drei Gesetze der Robotik entgegen:

1. Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zu Schaden kommen lassen.

2. Ein Roboter muss den Befehlen eines Menschen gehorchen, es sei denn, solche Befehle stehen im Widerspruch zum ersten Gesetz.

3. Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange dieser Schutz nicht dem ersten oder zweiten Gesetz widerspricht.

Mit diesen Regeln revolutionierte er den Umgang des Science-Fiction-Genres mit künstlichen Intelligenzen.

Meisterliterat und Schnellschreiber

Doch Asimov war weit mehr als Science-Fiction-Autor: Bis heute gilt er als bedeutender Universalgelehrter, als Visionär und Wissenschaftler, der seinen Lesern mit einfacher Sprache komplexe Zusammenhänge erklären konnte. 1957 schickte die Sowjetunion vor den USA mit "Sputnik" den ersten Satelliten ins All. "Damals begann die Zeit, als die USA fürchteten, im Rennen um die wissenschaftliche Entwicklung nicht mehr mithalten zu können", erinnert Asimov sich später an den Sputnik-Schock, "also dachte ich, jeder sollte dabei helfen, die US-Bürger zu bilden. Also hörte ich auf, Science-Fiction zu schreiben."

Jahrelang verfasste Asimov Sachbücher. Über das Weltall, Biochemie und sogar Shakespeare. Erst Ende der siebziger Jahre kehrte er gänzlich zur Science-Fiction zurück - und fand sich in einer fremden Welt wieder. Während in den Dreißigern bis Fünfzigern die Technik im Mittelpunkt gestanden hatte, ging es nun um die soziale Entwicklung der Figuren, analysierte Asimov 1987 rückblickend. Konnte er in seinen frühen Geschichten nicht einmal an fluchende Charaktere denken, so hatte er später zudem den Eindruck, als fehle seiner Sprache der zeitgemäße fäkale Ausdruck.

Asimov sah sich ohnehin nicht als Meisterliterat. Anfangs habe man ihm einen halben oder einen Cent pro Wort gezahlt. Zeit für glattgebügelte Prosa blieb da nicht. Also schrieb er schnell und viel: "Ich dachte, so funktioniert das mit dem Schreiben, ich wusste es ja nicht besser. Und das habe ich beibehalten", sagte Asimov. Das Ergebnis: Hunderte Kurzgeschichten und Romane - ganz abgesehen von Sachbüchern und Essays.

Das Schreiben sei für ihn das Schönste überhaupt, ein Tag ohne seine Schreibmaschine ein verlorener, wiederholte Asimov immer wieder. Freunde bestätigten augenzwinkernd, dass es ihnen oft nur gelang, den Schriftsteller "um sich tretend und kreischend" von seinem Schreibtisch wegzuzerren.

Wikipedia-Visionär

Während seine Freunde in den vierziger Jahren die Clubs New Yorks unsicher machten, saß Asimov im Schein einer Glühbirne vor seiner Schreibmaschine. So lernte er seine erste Ehefrau denn auch notgedrungen bei einem Blind Date 1942 kennen, das Bekannte organisiert hatten. Kaum ein halbes Jahr später heiratete er Gertrude Blugerman. Die Ehe hielt 31 Jahre. Als die Ehe am 16. November 1973 geschieden war, heiratete Asimov nur zwei Wochen später die Science-Fiction-Autorin Janet Jeppson.

Etwa zur gleichen Zeit änderte sich die öffentliche Wahrnehmung. Isaac Asimov war nicht länger jener Mann, der die phantastischsten Abenteuer im Weltall und der Zukunft beschrieb, sondern ein Visionär: 1968 flogen Menschen erstmals zum Mond. Asimov hatte das bereits 1939 in seiner Geschichte "The Moon And Back" beschrieben. Und als man Asimov 1988 vor dem Hintergrund der beginnenden Verbreitung von Heimcomputern fragte, ob die Menschen künftig anders lernen würden, sagte er, dass man den Rechnern bald "jegliche Fragen stellen könnte und beantwortet bekommt. Man kann Dinge nachschlagen, die man gerne wissen möchte". So nahm er das Internet mit Google und Wikipedia vorweg. Asimov selbst erlebte allerdings nur die Anfänge des World Wide Web. Er starb am 6. April 1992 an den Folgen von Aids, nachdem er einige Jahre zuvor bei einer Operation eine HIV-infizierte Bluttransfusion erhalten hatte.

Danach gefragt, wie er sich die Welt in einigen hundert Jahren vorstellt, antwortete Asimov stets, das hänge davon ab, ob die Menschen in den nächsten Jahrzehnten Probleme wie die nukleare Bedrohung, Überbevölkerung und Umweltverschmutzung in den Griff bekämen. Falls ja, dann würden sie eines Tages auf Raumstationen oder in Kolonien auf Mond und Mars leben, jegliche Industrie wäre von der Erde ins Weltall verbannt. Es ist eine Art biblisches Paradies, das Asimov beschreibt. Der Haken: In einem seiner Interviews legte er auch den Zeitpunkt fest, bis zu dem alle Menschheitsprobleme gelöst sein müssten, damit die Zukunft der Erde nicht im düsteren Chaos endet. Asimov datierte ihn ins Jahr 2000.

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insgesamt 17 Beiträge
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1.
Robert Wegner, 08.04.2012
Ich bin ziemlich sicher das Isaac nicht "EYE'zik", sondern "Ei-sä-äk" augesprochen wird.
2.
Martin Maier, 08.04.2012
Interessante Vorhersage. Die Frage ist eher, müssen wir ins Weltall? Die Entwicklung lief eh in eine andere Richtung als man früher dachte. In den 70ern und 80ern dachte jeder das die Raumfahrt eine Revolution erleben wird und man 2010 mit Großraumschiffen durchs Weltall fliegt. Damals glaubte man aber auch noch daß die Amerikaner 1969 6 mal auf dem Mond waren. Mittlerweile ist das widerlegt. In die Zukunft gedacht erschien es also logisch das man 2009, 40 Jahre später auch zum Mars fliegen kann und den dann evtl. auch gleich besiedeln wenn man eh schon da ist. Es gab Experimente mit Biosphären wo Menschen unabhängig von der Außenwelt überleben sollten. Alle sind bisher grandios gescheitert. Erst wenn man das auf der Erde hinbekommt kann man darüber nachdenken zu anderen zu fliegen und dort eine Kolonie aufzubauen. Vorher wäre das nur ein teurer Urlaubsausflog mit einer geringen Chance irgendwas zu entdecken was nicht auch ein Roboter entdecken könnte.
3.
Hendrik Schmidt, 08.04.2012
Statt zu behaupten, Asimov hätte Dinge vorhergesehen, könnte man ja auch einfach behaupten, dass die Menschheit einfach dazu angehalten ist, solche Ideen umzusetzen. Aus Star Trek und anderem Scifi wurden ja bisher auch schon Entwicklungen (zumindest im Anfangsstadium) abgeleitet wie Taser, und elektromag. Tarnkappe.
4.
Mathias Völlinger, 08.04.2012
Warum wird immer nur auf seine Roboter-Geschichten hingewiesen? Ich fand seinen Foundation-Zyklus spannender. - Sterne wie Staub - Der fiebernde Planet - Radioaktiv - Der Tausendjahresplan - Der galaktische General - Alle Wege führen nach Trantor So hießen die 6 Titel wohl aus meiner Erinnerung. Und viel später kam dann noch Star-Trek von Gene Roddenberry. Für mich exzellent filmisch realisiert durch die "Next Generation", "Deep Space 9" und "Voyager". Gleichzeitig las ich Douglas Adams, lol Und nebenher studierte ich noch Physik. O herrliche Studentenzeit...
5.
Martin Herrmann, 08.04.2012
Und wo ist der HInweis auf sein wichtigstes Werk? Foundation???
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