Scopitones Die Krachkommoden

20 Jahre vor MTV eroberte ein merkwürdiger Musikschrank die Welt: das Scopitone, eine Jukebox mit Fernsehschirm. Die extra dafür gemachten Clips waren der Vorgänger des Musikvideos - sexy, knallbunt und billig produziert. Heute sind die irren Kurzfilme ein Fest für Filmenthusiasten.

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Es waren merkwürdige Holzkästen, die 1960 in Frankreichs Cafés und Kneipen auftauchten. Zwei Meter hoch und 180 Kilo schwer. An ihrer Front befanden sich Tasten, ein Schlitz zum Geld einwerfen - und ein Fernsehschirm. Steckte man eine Münze hinein und drückte eine der Tasten, surrte in ihrem Inneren ein Karussell mit 36 Filmrollen. Und dann begann der Wahnsinn.

Anfang der Sechzigerjahre war Musik etwas, dem die Fans auf Schallplatten oder im Radio lauschten. Das Fernsehen war schwarzweiß, und Sendungen, in denen Musiker live auftraten, rar. Dann brachten die sperrigen Schränke die Revolution - die sogenannten Scopitones waren Jukeboxen für Musikvideos. Wie in den Videoclips von heute trugen die Stars darin ihre Lieder vor. Die Menschen waren fasziniert, ihre Stars singen zu sehen - und das auch noch in Farbe!

Die Regisseure der Clips taten ihr Übriges, um den kleinen Bildschirm der Scopitones mit Leben zu füllen und die Zuschauer zu fesseln: schnelle Schnitte, Kamerafahrten, absurde Drehorte und immer wieder leicht bekleidete Tänzerinnen in sexy Posen. 20 Jahre bevor MTV auf Sendung ging, fand sich in diesen frühen Musikfilmen schon die Ästhetik der heutigen Videoclips.

Kein Geld - aber Ideen

Vor allem die Franzosen waren eine Dekade lang ganz verrückt nach den flimmernden Musikkommoden. Hunderte der Abspielgeräte standen in Lokalen, an Flughäfen und in Bahnhofshallen. Mehr als 500 verschiedene Clips rotierten in dieser Zeit in den Automaten.

Dieser Erfolg war nicht zuletzt der Begeisterung einer Frau für das neue Medium zu verdanken: Daidy Davis-Boyer war die weltweit wichtigste Produzentin von Scopitone-Filmen. Fast hundert Werke drehte sie in den Sechzigern selbst, bei rund 300 weiteren fungierte "Mamy Scopitone", wie sie bald genannt wurde, als Produzentin. "Geld hatten wir keins", erinnert sie sich 2007 in einem Interview mit der Filmzeitschrift "Schmalfilm", "aber Ideen." Das Budget für einen Film lag bei etwa tausend Euro - inklusive der Kosten für Darsteller, Set, Crew und Kopierwerk.

Um die Ausgaben zu drücken, drehten Daidy Davis-Boyer und ihre Regisseure viele der Filme einfach in Mamy Scopitones Villa in Antibes oder in einem Waldstück nahe Paris. In der Regel entstanden die Werke in wenigen Stunden Drehzeit. Was an Aufwand und Material fehlte, wurde durch Irrsinn wettgemacht: Im Clip zu "Le Vampire" wird die Sängerin Stella von einem lächerlichen Blutsauger mit schlecht sitzender Maske und übergroßen Gummihänden attackiert. In anderen Videos werfen sich Tangotänzer dramatisch in einem engen Wohnzimmer in Pose, führen bekloppte Fahrradtänze auf einer Wiese auf oder hotten in einem Autosalon ab.

Um die Zuschauer an die Münzschlitze der Scopitones zu locken, überboten sich die Macher zudem mit frivolen Szenen: In Jane Morgans "C'est Si Bon" etwa werden Mädchen bei einer Schrittfolge gezeigt, bei der sie am Ende immer breitbeinig dastehen - während die Kamera ihnen unverhohlen unter den Rock linst.

"Deliriöse Farben und Hi-Fi-Scooby-ooby-doo"

Dem Erfolg des Kneipen-MTV tat der Trash-Faktor der Filme keinen Abbruch. Bald waren die Scopitones auch über die Grenzen von Frankreich hinaus bekannt - doch bei weitem nicht so populär. In Deutschland wurden lediglich 33 Musikclips produziert. Harald Juhnke etwa sang "Die Dolly von den Folies Bergères", Heinz Erhardt steuerte den Titel "Ich bin der Mann der Striptease Suzi" bei.

Wer hierzulande eine Mark in den Schlitz warf, musste mangels deutscher Eigenproduktionen meist mit fremdsprachigen Titeln vorlieb nehmen. "Hier in Berlin gab es einen Scopitone-Automaten in einem Imbiss in Wedding. Das war aber kein besonderer Erfolg, weil es nur französische Filme gab", erinnert sich Klaus Dieter-Radomski, Besitzer von einer der größten Scopitone-Filmsammlungen der Welt. "Wir haben dann immer wieder 'Shakin' All Over' von Vince Taylor gedrückt. Das Lied war zwar in Frankreich aufgenommen worden, aber wenigstens auf Englisch."


Scopitone-Filme auf YouTube:

Go-Go-Girls mit Staubwedeln: Jody Miller - "Queen Of House"

Kirmes-Katastrophe: Dick and Dee Dee - "Where Did All The Good Times Go?"


In den USA wurden die flimmernden Jukeboxen weit herzlicher aufgenommen: Für 25 Cent bekomme der Zuschauer volle drei Minuten mit "deliriösen Farben und Hi-Fi-Scooby-ooby-doo", jubelte das "Time Magazine" im August 1964. Allerdings mangelte es auch in den USA an Clips in Landessprache. Die wenigen US-Produktionen, die es gab, wurden dafür aber mit deutlich mehr Budget gedreht - und sie übertrafen ihre Vorbilder auch in puncto Skurrilität bei weitem.

So tanzt in Jody Millers "Queen Of The House" ein knapp bekleidetes Revue-Quartett eine hysterische Choregrafie - erst mit Staubwedel und Kehrblech in Händen, später mit Pfannen vor dem Herd. Zwischendurch katapultiert sich ein Mann per doppeltem Flickflack ins Bild. Warum? Vermutlich nur deshalb, weil er das Kunststück beherrschte und gerade zur Verfügung stand.

Go-Go-Girls und Trauerklöße

Wie es bei den Dreharbeiten zuging, beschrieb die Sängerin Dee Dee Phelps 2006 in einem Interview mit "National Public Radio": "Sie setzten mich auf das Kirmespferd und warfen einen Quarter ein." Große Regieanweisungen schien es für das US-Duo Dick and Dee Dee beim Dreh für den Clip zu ihrem Song "Where Did All The Good Times Go?" auf einem Rummelplatz nicht gegeben zu haben. Geschweige denn, dass sich der Regisseur mit dem Inhalt des Liedes beschäftigt hätte.

So amüsieren sich die beiden im Musikvideo am Schießstand, kaufen mehr Zuckerwatte als sie essen können oder sitzen auf dem schaukelnden Pferd, während breit grinsende Go-Go-Girls in beinahe jeder Szene auftauchen und schütteln, was sie haben. "Ich versuchte verzweifelt, traurig zu gucken", erinnerte sich Phelps. Immerhin handelte es sich bei dem Song um eine Ballade von einer gescheiterten Liebe. Als die Sängerin in einem Restaurant in Malibu später den fertigen Film sah, war sie erstaunt über den völlig zusammenhanglosen Clip: "Es war das Verrückteste, was ich je gesehen habe."

Anfang der Siebzigerjahre verschwand die Mega-Musikbox weltweit wieder aus den Kneipen und Bars. Die Gründe dafür waren vielfältig: Die sperrigen Musikkommoden nahmen sehr viel Platz weg, waren mit rund 10.000 Euro sehr teuer in der Anschaffung und durch die komplizierte Technik in ihrem Inneren ein Horror in der Wartung - zudem spielten sie noch immer hauptsächlich französische Clips. Den endgültigen Todesstoß versetzte den Riesenmaschinen jedoch der Siegeszug des Farbfernsehens.

Weltraumflüge und Sexfilme

Von den etwa 2000 bis 3000 Scopitones, die es weltweit gab, wurden die meisten längst verschrottet. Nur wenige erlebten eine Wiedergeburt - als Infostände. Laut "Schmalfilm" stellte sich die Nasa ein Gerät in ihre Lobby, um Besuchern Weltraumflüge zu zeigen. In französischen Kohlebergwerken wurden den Kumpeln per Scopitone-Automat die Sicherheitsregeln vermittelt, Autohändler zeigten Werbefilme für neue Wagen auf Knopfdruck.

Der Sammler Radomski weiß außerdem, dass viele der deutschen Scopitones in den Pornokinos auf Hamburgs Reeperbahn landeten, wo sich die geneigte Kundschaft Filme ansehen konnte, in denen eher gestöhnt als gesungen wurde.

In den Achtzigerjahren war das Phänomen fast vergessen. Die wenigen übrig gebliebenen Maschinen rotteten in Kellern und Garagen vor sich hin. Die Tausenden von Filmrollen, die einst in den Automaten rotierten und die Zuschauer in Staunen versetzten, wurden für Pfennigbeträge gehandelt. Nur einige wenige Filmfreaks wie Klaus-Dieter Radomski stießen per Zufall auf die alten 16-Millimeter-Streifen und erinnerten sich an die Wundermaschinen von einst.

Erst dank des Internets gelang es der kleinen Fangemeinde, die wenigen noch existierenden Automaten aufzuspüren. Heute werden diese Musikmaschinen selbst im kaputten Zustand für Mindestgebote von 5000 Euro gehandelt, seltene Scopitone-Rollen erzielen Preise von einigen hundert Euro. Denn auch im Zeitalter von MTV versetzt die irre Ästhetik der frühen Videoclips Fans und Neulinge noch in Erstaunen - wie damals die ersten Scopitones in den Cafés und Kneipen Frankreichs.



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Ralf Bülow, 05.01.2011
1.
...das Mannheimer Technoseum, früher Landesmuseum für Technik und Arbeit, müsste noch eine Scopitone im Depot stehen haben, die vor Jahren im Untergeschoss des Hauses gezeigt wurde. Und ein historischer Hinweis: Vor den Scopitone-Filmen gab es in den USA die "Soundies", die wohl ältesten Musikvideos überhaupt.
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