Seefahrt Showdown in der Haifischbucht

Der deutsche Hilfskreuzer "Kormoran" ist eine Legende der Meere: 1941 versenkte der Ex-Frachter vor Australien ein alliiertes Kriegsschiff - einmalig in der Seefahrtsgeschichte. Jetzt wurden beide Wracks gefunden. Auf einestages berichtet der letzte Überlebende der "Kormoran" von dem ungleichen Duell.

Verlag Mittler & Sohn

Von Christopher J. Peter


Um 15.55 Uhr schellt an Bord der "Kormoran" die Alarmglocke: Schiff gesichtet, Backbord voraus! Es ist der der waffenstarrende Stolz der australischen Marine, der Kreuzer "Sydney", der mit acht 15-Zentimeter-Seegeschützen, einer dicken Armierung und einem hochmodernen Feuerleitsystem auf die "Kormoran" zudampft. Der Matrose Edmund Buttner springt vom Kartenspiel auf und sprintet auf seine Gefechtsstation. Es ist der 19. November 1941. Mit anderen bemannt er eines der drei Geschütze, die hinter einer hochklappbaren Außenbordwand versteckt sind. Angespannt und angsterfüllt warten sie auf den Angriff.

Es ist ein echtes Husarenstück, das Kapitän Theodor Detmers dann vollbringt. Denn die "Kormoran" selbst ist gar kein richtiges Kriegsschiff. In Friedenszeiten hieß sie noch "Steinmark" und war ein simpler Frachter. Jetzt patrouilliert sie, mit ein paar Geschützen versehen, als ein aus der Not geborenes "Aushilfskriegsschiff" im Indischen Ozean - und trifft ausgerechnet auf die "Sydney", die genau dazu konstruiert wurde, gegnerische Schiffe wie die "Kormoran" aufzuspüren und zu versenken.

Kapitän Detmers lässt über Lautsprecher Zuversicht verbreiten: "Der Gegner ist nur ein Leichter Kreuzer, wir werden ihn erledigen können!" Alle jubeln, doch die Realität ist eine andere. "Wir alle haben uns gefürchtet", sagt Buttner. "Wir waren ja nur ein Hilfskreuzer - der Gegner das Paradeschiff des Fünften Kontinents. Ich dachte: Das ist unser Ende."

Piraten der Moderne

Hilfskreuzer waren die Piratenschiffe des Zweiten Weltkriegs. Aufgepeppte Frachter, deren größte Waffe ihre scheinbare Unschuld war - der an diesem Tag auch die "Sydney" zum Opfer fiel, das größte jemals von einem Frachter versenkte Kriegsschiff. Mit 645 Mann an Bord versank sie, von der Attacke der "Kormoran" völlig überrascht, an diesem 19. November 1941 vor der Haifischbucht an der Westküste Australiens. Außer einem zerbeulten Rettungsfloß und einem Schwimmring tauchte nie wieder etwas von der "Sydney" auf, sie blieb verschwunden.

Bis jetzt. Vor knapp zwei Wochen lüftete sich für die Australier das größte Rätsel ihrer Marinegeschichte. Suchteams mit hochmodernen Sonargeräten entdeckten in 2560 Metern Tiefe das Wrack der "Sydney". Die Nachricht elektrisierte das Riesenland, im Fernsehen rang Australiens Premier Kevin Rudd um die richtigen Worte - jahrzehntelang hatte die Tragödie den Fünften Kontinent beschäftigt. Drei Millionen Euro gab die Regierung für die Suche aus.

Einmal um den halben Globus, fast 13.000 Kilometer entfernt, sah auch Edmund Buttner die Bilder aus der Tiefe des Indischen Ozeans. Sie lassen den 87-Jährigen nicht los - denn Buttner war dabei, als die "Kormoran" ihren tollkühnen Angriff auf die "Sydney" unternahm. Bis 1990 hat sich die Mannschaft des Schiffs noch jährlich in Hamburg zum "Absauftag" getroffen, sein letzter ihm bekannter Kamerad starb vor einem Jahr. Buttner ist der letzte bekannte Überlebende der "Kormoran", der letzte Zeitzeuge, der von einem Jahr Kaperkrieg und dem vielleicht geheimnisvollsten Seegefecht der modernen Kriegsgeschichte erzählen kann.

Auf Kaperfahrt im umgebauten Frachter

Anfang 1940 verschwindet die "Steiermark", ein Handelsschiff der Reederei HADAG mit rund 8700 Bruttoregistertonnen, in einem Dock des Hamburger Hafens. Sie verlässt die Werft einige Monate später als sogenannter Handelsstörkreuzer: Außen weiterhin ein Frachter, doch hinter der friedlichen Fassade nun versehen mit sechs 15-Zentimeter-Seekanonen von alten Schiffen aus dem ersten Weltkrieg, drei Torpedorohren mehreren Flakgeschützen und sogar zwei Arado-Aufklärungsflugzeugen. Die Waffen sind hinter Tarnplatten verborgen, welche durch Gegengewichte bewegt werden können und aus dem Frachter innerhalb von ein paar Augenblicken eine Art Kriegsschiff machen können.

Ende 1940 geht die "Steiermark" auf Kaperfahrt. Sie heißt jetzt "Kormoran". Das griechische Kohleschiff "Antonis" wird im Atlantik ihr erstes Opfer; die klägliche Beute: sieben lebende Hammel, drei MGs, Munition und die 28 Gefangene. "Wir nahmen grundsätzlich alle an Bord, die wir retten konnten", sagt Buttner. Vor Freetown in Westafrika lauerte die Mannschaft Fleisch- und Ölschiffen auf, die Richtung England schipperten. Und immer wieder neue Schiffe und neue Gefangene. In nur drei Monaten werden acht Schiffe gekapert. Bis auf eines, das als Prise nach Hause geschickt wird, werden alle versenkt. Mehrmals werden U-Boote versorgt, das Versorgungsschiff "Nordmark" übernimmt die Gefangenen.

Dann wird die "Kormoran" selbst zur Gejagten. Mehrere britische Kriegsschiffe nehmen die Verfolgung auf, der deutsche Hilfskreuzer weicht in den Indischen Ozean aus. Hier gibt es weniger Beute, aber auch weniger Jäger. Erfrischungsbäder im eigens angelegten Swimmingpool sorgen für Müßiggang. "Bei stärkerem Seegang wurde der Pool zum Wellenbad", erinnert sich Buttner. Je länger der deutsche Kaperfahrer auf See ist, desto mehr wird er auch Piraten-Klischees gerecht. Das Bord-Maskottchen ist ein Affe namens "Tommy". Eine Meerkatze aus Madagaskar leistet ihm Gesellschaft. Auch das Schiff verändert sein Aussehen. Mit Sperrholz-Aufbauten umgestaltet, tarnt sich die "Kormoran" jetzt als der holländische Frachter "Straat Malakka".

Nervenzerreißendes Katz-und-Maus-Spiel

Dann begegnet sie der "Sydney". Zunächst versuchen die Deutschen, sich abzusetzen, doch der australische Kreuzer ist doppelt so schnell, holt auf und stellt den vermeintlichen Frachter. Jetzt beginnt ein nervenzerreißendes Katz-und-Maus-Spiel. Kapitän Detmers versucht, sein Schiff möglichst nah an den Gegner heranzumanövrieren. Nur so hat die "Kormoran" im Gefecht mit der "Sydney" den Hauch einer Chance, sollten die Australier die Tarnung durchschauen. Geschickt hält Detmers den Gegner hin. Flaggensignale werden langsam und umständlich gegeben. Der Funker der Deutschen sendet das Signal "QQQQ", für "verdächtiges Schiff gesichtet" - das irritiert die Australier, ein deutscher Hilfskreuzer würde sich ja kaum selbst entlarven.

Die Verhandlungen ziehen sich hin, während sich die "Kormoran" Stück für Stück an die "Sydney" heranschiebt. Schließlich beträgt der Abstand nur noch rund 1500 Meter - eine Kampfentfernung, wie sie eher bei der Schlacht von Trafalgar zu Zeiten Napoleons üblich war, nicht aber im modernen Seekrieg. "Ich konnte sogar die plaudernden Mannschaften in weißen Uniformen an der Reling stehen sehen, so ahnungslos war das Kriegsschiff", erinnert sich Zeitzeuge Buttner.

Als der australische Kommandant von dem fremdem Schiff schließlich ein Geheimsignal verlangt, ist das Versteckspiel vorbei. Auf der "Kormoran" wird die Reichskriegsflagge mit dem Hakenkreuz gehisst, die Tarnklappen fallen und nur sechs Sekunden später donnert die erste Granate in Richtung "Sydney". Die ersten beiden Salven gehen noch daneben - auch die Erwiderung der überraschten Australier. Doch die Kommandobrücke der "Sydney" wird von den 3,7-Zentimeter-Flaks der Deutschen mit Dauerfeuer belegt und verwüstet. Kurz nach Beginn der Schlacht sind die wichtigsten Offiziere des alliierten Kriegsschiffs tot. Und noch bevor die erste Salve des Kreuzers die "Kormoran" trifft, sind die beiden vorderen Geschütztürme der "Sydney" außer Gefecht.

Flammeninferno im Maschinenraum

Doch auch die "Kormoran" wird getroffen. Eine australische Granate reicht, um den Maschinenraum in ein Flammeninferno zu verwandeln. Dann schlägt jedoch ein Torpedo der "Kormoran" in das australische Schiff ein. Unter der Wucht der Explosion bäumt sich der Bug der "Kreuzers" auf und sackt wieder ab. Nach einer Viertelstunde haben sich die Schiffe wie weidwunde Tiere ineinander verbissen. Beide sind dem Untergang geweiht, doch die "Sydney" löst sich, dreht ab und versucht zu entkommen. Eine schwarze Rauchfahne hinter sich lassend, dampft das Schiff davon. "Gegen 18.30 Uhr stellten wir das Feuer ein", erinnert sich Buttner. Insgesamt 550 große Granaten feuerte die "Kormoran" ab, Buttner schätzt, dass 150 davon in die "Sydney" einschlugen.

Ein letzter Torpedotreffer der Australier besiegelt aber auch das Schicksal des bewaffneten Frachters. "Der Einschlag riss mich fast von den Füßen", erzählt Buttner. "Das Schiff bockte wie ein Tier, schoss mehrere Meter aus dem Wasser." Der Maschinenraum brannte lichterloh und auch das Flugbenzin des Aufklärers hatte sich entzündet. Schwer beschädigt treibt das Schiff dahin, zahlreiche Feuer brennen unkontrolliert. Rund 150 auf dem Deck gelagerte Wasserminen drohen jederzeit zu explodieren.

In vier großen Holzbooten rettet sich der Großteil der Mannschaft. Buttner selber landet mit 26 anderen in einem Gummischlauchboot. "Wir saßen so eng wie Sardinen in einer Büchse", erinnert er sich. "Wenn man die Beine versetzte, musste man das mit seinem Nebenmann absprechen." Zu Essen gibt es nichts. Die Wasservorräte reichen gerade dafür, sich morgens die Lippen zu benetzen. Nach sechs Tagen bei tropischen Temperaturen und in aggressivem Salzwasser beginnt das Gummiboot, sich langsam in seine Bestandteile aufzulösen. "Im Dauereinsatz mussten wir Luft pumpten, einer schöpfte immer das Wasser aus dem Boot, und die Haie umzirkelten uns schon", sagt Buttner. "Wir hätten höchstens noch eine weitere Nacht überlebt." Plötzlich habe ein von der Sonne verbrannter und salzverkrusteter Schiffbrüchiger neben ihm aufgeschrien: "Ey, Edmund, da drüben ist eine Fabrik mit Schornsteinen!" Es ist das britische Passagierschiff "Aquitania" - die Rettung.

Die Expedition, die am 18. März 2008 die "Sydney" fand, entdeckte zwei Tage zuvor auch das Wrack der "Kormoran". Die beiden Schiffe liegen nur 15 Kilometer entfernt voneinander auf dem Meeresgrund.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Thomas Stachel, 31.03.2008
1.
Wie geht denn die Geschichte weiter Herr Peter?
Karl-Otto Kirst, 01.04.2008
2.
Ein interessanter Beitrag, aber voller zahlreicher offensichtlich nicht zu Ende geführte Umarbeitungen. - Es wäre schön, wenn das zu beheben wäre!
Thilo Smiling Press, 01.04.2008
3.
>Wie geht denn die Geschichte weiter Herr Peter? Die australischen Wissenschaftler die die beiden Schiffe gefunden haben sind dabei in diesen Tagen Nahaufnahmen von beiden Wrecks zu machen. Thilo Kober, Smiling Press, Canberra
Laurie Allen, 01.04.2008
4.
Als Australier bin ich natürlich traurig, diese Geschichte zu lesen. Meine Mutter war Passagierin auf dem westaustralischen Schiff "Koolinda", das überlebenden Seeleute gerettet hat. Sie hat gelegentlich erzählt, wie sie und die anderen Passagiere die Deutschen im offenen Frachtraum beobachtet haben. Für mich ist es rätselhaft, warum die Offiziere der Sydney so unvorsichtig am Anfang waren und warum die Rettungsboote am Ende scheinbar nicht benutzt wurden. Hoffentlich wird die Entdeckung der beiden Wracks etwas Heilen zu diesem dunklen Kapitel deutschaustralischer Beziehungen beitragen. Ja, ich weiß, es war Krieg . . .
Marc Helmhold, 01.04.2008
5.
Hallo Herr Peter, vielen Dank für die Schilderung der Geschichte der Kormoran. Die Angabe, Sie hätten mit dem letzten Überlebenden gesprochen, ist aber definitiv falsch, ich habe persönlich im erweiterten Verwandtenkreis einen weiteren Überlebenden, der das Gefecht der Kormoran gegen die HMAS Sydney mitgemacht hat und dann nach mehreren Tagen auf See mit einem der Rettungsboote bei Carnarvon in Westaustralien an Land ging.
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