Jahrhundertereignis Seegfrörne Als die Massen übers Wasser gingen

Jahrhundertereignis Seegfrörne: Als die Massen übers Wasser gingen Fotos
Markus Wunderlin

Volksfest auf dünnem Eis: Vor 50 Jahren fror der Bodensee das letzte Mal vollständig zu. Zehntausende strömten auf die spiegelglatte Fläche. Sie überquerten den See auf Schlittschuhen, Pferden oder gleich im Auto. Manche bezahlten das Abenteuer mit ihrem Leben. Von

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Die Gäste im Hotel Weißes Haus im schweizerischen Rorschach waren verwundert. Da standen am 9. Februar 1963 drei junge Burschen in der Tür und behaupteten, von der deutschen Seite aus über den Bodensee gekommen zu sein. Auf Schlittschuhen. Viereinhalb Stunden habe die Tour gedauert. Wieder aufs Eis lassen wollten die Schweizer die tollkühnen Pioniere allerdings nicht. Sie packten die Jungs ins Auto und fuhren mit ihnen in Richtung Heimat.

"Das war vielleicht auch ganz gut so", sagt Julius Pietruske, der damals mit Freund Konrad und Bruder Heinz die Überfahrt wagte. Denn das Eis war noch nicht überall richtig gefroren. Immer wieder gab es Löcher. Hinzu kam dichter Nebel. Keine guten Voraussetzungen. Das sah wohl auch der Vater eines weiteren Freundes so. Als die Clique in Langenargen auf der deutschen Seite starten wollte, holte er seinen Sohn, der sich aus dem Fenster gestohlen hatte, zurück: "Büble", sagt er, "du bleibst da. Es reicht, wenn drei versaufen."

So weit sollte es nicht kommen, doch die Passage wurde zu einer Zerreißprobe für die Nerven. Das Trio peilte Rohrschach an. Mit einem Kompass navigierten sie durch den Nebel - und verfuhren sich. Als die Jungs am gegenüberliegenden Ufer ankamen, waren sie ein paar Kilometer entfernt von ihrem Ziel an der Mündung des Alten Rheins. Das Eis dort war nur wenige Zentimeter dünn.

Autos on Ice

"Wenn wir zu dritt nebeneinander fuhren, bog sich die Eisfläche durch. Deshalb hielten wir so viel Abstand, wie mit Sichtkontakt gerade noch möglich war", erinnert sich Pietruske. Das Eis knirschte und knackte, unter ihren Kufen bildeten sich Risse. "Einmal knallte es wie ein Peitschenhieb. Das hat uns einen Schreck eingejagt. Wir haben Vollgas gegeben, sind einfach nur noch gefahren. Ich voraus, Konrad, dem seine Schlittschuhe nicht richtig passten und der deshalb in Winterstiefeln übers Eis rannte, in der Mitte, mein Bruder hinterher", erzählt Julius Pietruske, der damals 18 Jahre alt war. Niemand war zu sehen, weit und breit. Doch das sollte sich bald ändern.

Denn dass der Bodensee mit seinen 536 Quadratkilometern komplett zufriert, ist ein Jahrhundertspektakel. Nur 33 Seegfrörne, so nennen die Einheimischen das Ereignis, sind seit dem Jahr 875 überliefert. Die letzte vor 50 Jahren, als die Jungs die waghalsige Überfahrt unternahmen. In diesem Winter war es schon im November und Dezember deutlich kälter als in vorangegangenen Jahren. Zuerst froren der Untersee und der Überlinger See zu, die beiden schmalen Arme im Nordwesten des Bodensees. Dann mussten die Schiffsverbindungen eingestellt werden - und bald schloss sich auch die Eisdecke auf dem riesigen Obersee, dem Hauptstück des Bodensees.

Weil das Naturschauspiel etwas ganz Besonderes war, kamen die Anwohner aus Deutschland, der Schweiz und Österreich auf immer verrücktere Ideen, um unter den Menschenmassen, die bald das Eis bevölkerten, aufzufallen. Sie gingen nicht nur zu Fuß und mit Schlittschuhen auf den See, sondern auch mit Fahrrädern und Autos. Sogar Flugzeuge landeten auf dem Eis. Im bayerischen Nonnenhorn wurde der Sprungturm des Freibads kurzerhand zum Tower erklärt, und die Wasserschutzpolizei regelte den Flugverkehr auf dem Eis. Ein von einem Rasenmäher gezogener Hornschlitten war genauso zu sehen wie ein Kinderwagen mit einem Moped davor. Besondere Fracht hatte ein Bauer aus der Schweiz. Der fuhr eine Schubkarre mit Mist über den See, Düngemittel für eine Eiche aus seinem Heimatdorf, die am anderen Ufer in Deutschland gepflanzt werden sollte.

In diesem Winter wurden immer wieder neue Aktionen gestartet und Rekorde aufgestellt. In seinem Buch "'Wie ist das Eis so heiß': Die Geschichte der Seegfrörnen ab 875" berichtet Werner Dobras von etlichen Begebenheiten: Zwei Jungs auf Schlittschuhen umrundeten den See in 35 Stunden, 160 Kilometer auf Kufen. Gleich zwei Orte hielten ihre Gemeinderatssitzung auf dem Eis ab. Zur Fastnacht zog es auch Narrengruppen und Blaskapellen auf den See. Es gab dort Wurstbuden und Zeitungsstände. Die Schaulustigen kamen aus ganz Oberschwaben und von weiter her. Rund um den Bodensee war kein Parkplatz mehr zu finden. Es herrschte Ausnahmezustand. Kreuz und quer standen die Autos auf den Straßen, die Bäckereien waren leergekauft. An manchen Wochenenden sollen bis zu 60.000 Menschen auf dem See gewesen sein.

Plötzlich gab es einen berstenden Schlag

Ganz ungefährlich waren diese Menschenaufläufe nicht. So erinnert sich Wolfgang Dongowski, damals 24 Jahre alt und Konstrukteur in Friedrichshafen, an einen schlimmen Schreckmoment: "Mir kam ein Schweizer mit einem Alphorn über der Schulter entgegen. Ich sagte grüezi. Er stoppte und fing an zu spielen." Er sei stehengeblieben, um zu lauschen, sagt Dongowski. Dann kamen immer mehr Schaulustige. Und plötzlich tat es einen dumpfen, berstenden Schlag. Wolfgang Dongowski guckte zum Himmel, weil er einen Überschallflieger vermutete, doch es war der Untergrund. Die Leute stoben in alle Richtungen auseinander. "Da waren lauter Risse im Eis, wie bei einem Spinnennetz", beschreibt Dongowski die damalige Situation.

Auch Julius Pietruske, der wenige Tage zuvor noch mit Schlittschuhen den gesamten See überquert hatte, ging einen Tag nach der ersten Expedition schlagartig auf, wie gefährlich sein Unterfangen war: Ein Mann auf dem Fahrrad, der die gleiche Route wählte, brach ein und ertrank. Und die Seegfrörne sollte noch weitere Menschen das Leben kosten. Der tragischste Fall: Zwei Schüler, die auf einer Eisscholle abtrieben und erst einen Tag später tot geborgen werden konnten.

Denn die Eisdecke hielt nicht immer, vor allem wenn man nicht auf den ausgezeichneten Wegen blieb. "Wir haben das nur die Autobahnen genannt", sagt Julius Pietruske und muss darüber noch heute lachen. Er überquerte den See in jenem Winter 13-mal. Zu Fuß - und mit dem Fahrrad: "Dass man mal hinflog, gehörte dazu. Da war man schon stolz, wenn man statt zwölfmal wie der Kumpel nur dreimal stürzte." Ein Mal brach auch er auf Schlittschuhen ein, hatte aber Glück. Es geschah an einer seichten Stelle, an der er gerade noch stehen und sich aus eigener Kraft wieder auf die Eisplatten ziehen konnte. "Patschnass ging ich heim zur Oma, wo ich als Lehrling lebte, und wärmte mich in einem Zuber mit heißem Wasser wieder auf", erzählt er.

Das größte Spektakel aber war die Eisprozession am 12. Februar. Seit 1573 wechselt eine Büste des Heiligen Johannes bei jeder Seegfrörnen das Ufer. Von Hagnau in Deutschland ging es 1963 nach Münsterlingen in der Schweiz. Rund 3000 Leute begleiteten den Zug, vorneweg ein Mann auf einem Pferd und zahlreiche Fahnenträger. Dazu Pfarrer, Ministranten und Schulkinder, sicherheitshalber durch Seile miteinander verbunden. Der Holzkopf wurde von zwei Männern auf einer Trage geschultert. Als einer stürzte, reagierte der andere zum Glück fix: Die Büste schlug nur mit einer Kante auf dem Eis auf und kam heil in der Schweiz an.

Dort wartet der Heilige Johannes seit 50 Jahren auf die nächste Seegfrörne.

Zum Hingehen:

Das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen zeigt noch bis zum 24. März 2013 die Ausstellung "Seegfrörne 1963 - Ein Jahrhundertereignis".

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Bernd Steinbach 08.02.2013
Bei jener Prozession bin ich damals mit dabeigewesen. *erinner*
2.
Peter Grolig 08.02.2013
Als damals in der 3. Klasse mein Schulnachbar auf die Eisfläche eines fließenden Gewässers ging, einbrach und ertrank, sagte unsere Lehrerin damals, dass er selbst schuld sei. Das klang hart und traumatisierte uns doch etwas. Heute muss ich sagen, dass es wohl die Wahrheit war. Wenn man dann den Artikel liest, denkt man sich, dass es doch viele Bekloppte auf der Welt gibt, die sich in Gefahr bringen und andere auch.
3.
joerg behring 08.02.2013
vor 50 jahren lag ich mit gebrochenem bein im krankenhaus und die havel fror so dick zu, daß sogar autos darauf fuhren.
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