Seelsorge in der DDR Sozialismus mit hässlichem Antlitz

Seelsorge in der DDR: Sozialismus mit hässlichem Antlitz Fotos
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Provokation oder Falle? Seelsorger in der DDR hatten oft mit Menschen zu tun, denen der totalitäre Staat Probleme bereitete. Pfarrer Heinz Eggert erhielt eines Tages eine Einladung von zwei Genossen. Die Eheleute baten ihn in ihre Wohnung - und verbrannten vor seinen Augen ihre Parteidokumente. Für Eggert war der Fall klar. Von

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Am 18. August 1976 verbrannte sich in Zeitz der Pfarrer Oskar Brüsewitz aus Protest gegen das DDR-Regime. In der kommunistischen Schmähpostille "Neues Deutschland" wurde er daraufhin als geistesgestört dargestellt. Die in der Kirche tätigen inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit bestätigten diese Aussagen. Zu jener Zeit war ich Pfarrer in Oybin und Studentenpfarrer in Zittau. Am ersten Septemberwochenende hängte ich in die öffentlichen Schaukästen folgende Einladung zum Gottesdienst: "Da das 'Neue Deutschland' falsche Informationen über den Tod des Pfarrers Brüsewitz bringt, geschieht am Sonntag um 9.30 Uhr im Gottesdienst eine Richtigstellung."

Vier Mal wurde die Einladung entfernt, von der Staatssicherheit, die im Wartburg vorfuhr, ganz unverhohlen. Ich erhielt anonyme telefonische Warnungen, an mich und meine Familie zu denken und bat einen befreundeten Kollegen, am Sonntag anwesend zu sein, da ich mit meiner Verhaftung rechnete. Am Sonntagvormittag war der Weg zur Kirche von Parteifunktionären gesäumt, die die Namen der ihnen bekannten Gottesdienstbesucher aufschrieben. Rund 180 Menschen kamen.

Als wir nachmittags auf unserer Veranda saßen, wunderten wir uns über die vielen Oybiner, die an unserem Haus vorbeigingen und auf die Veranda spähten. Später hörten wir, dass das Gerücht gestreut worden sei, ich wäre der Richtigstellung wegen verhaftet worden. Die zaghafte Reaktion der Bevölkerung war nicht gerade ermutigend. Trotzdem verlor ich in diesen Tagen meine Angst und beschloss, offen meine Kritik an dem DDR-System zu äußern. Ich wollte es verändern - und nicht abschaffen.

Brennende Parteibücher

In den Folgejahren suchten mich immer mehr Menschen aus der ganzen DDR auf, die mit ihren politischen Problemen nicht mehr zurechtkamen. Im September 1980 beispielsweise lud mich ein Oybiner Ehepaar zu sich ein. Beide waren Genossen und nicht in der Kirche. Sie hatten vier Kinder und wohnten schon seit einiger Zeit im Ort. Vor meinen Augen verbrannten sie ihre Parteidokumente. Aus verschiedenen Gründen haderten sie mit dem System und wollten einen Ausreiseantrag stellen. Ich besprach mit ihnen die Situation und wies sie auf alle Schwierigkeiten hin. Ich fragte mich gar nicht erst, ob es sich nur um eine Provokation handelte oder um eine Falle. Ich hätte mich andernfalls als Pfarrer aller Arbeits- und Handlungsmöglichkeiten beraubt.

Eines Tages hängte der Mann ein Plakat aus dem Fenster: "Man verweigert uns die Ausreise aus diesem Stall." Zufällig wurde ich Zeuge, wie er abgeführt wurde. Gegen den Widerstand einiger Stasi-Mitarbeiter schaffte ich es bis in die Wohnung.

Ich stellte fest, dass es eine Hausdurchsuchung gegeben hatte. Alles war durcheinander geworfen, vieles zerstört. Das jüngste Kind, sieben Monate alt, war von der Staatssicherheit bei meiner Ankunft bereits in ein Heim gebracht worden. Der Frau schlug man in einem Auto, das mit dem Schriftzug "VEB Backkombinat Dresden" getarnt war, die Zähne ein, weil sie so verzweifelt nach ihren Kindern rief. Ich wollte die übrigen Kinder mit zu mir nehmen, aber das wurde mir verweigert. Stattdessen wurden sie ins Heim gebracht - und damit jeden Tag daran erinnert, dass ihre Eltern "Verräter" waren.

Grenzenlose Demütigung

Ich schrieb einen Brief an die SED-Kreisleitung, in dem ich mich erkundigte, wie ein solches Vorgehen vereinbar sei mit einem humanistischen Sozialismus. Ich erhielt keine Antwort. Also übergab ich einer Journalistin von der Hamburger "Zeit" alle Familiendaten. Zwei Jahre später wurde die Familie von der BRD freigekauft. Kaum in der BRD angekommen, besuchte sie ein Rentner aus Oybin und behauptete gegenüber der Familie, der Oybiner Pfarrer habe nur deshalb so viel Einfluss gehabt, weil er selber für die Staatssicherheit gearbeitet habe.

Während dieser Zeit erfuhr ich in meiner Arbeit als Seelsorger immer wieder von Gewalt und Demütigung durch das DDR-Regime. Langsam glaubte ich nicht mehr an die Möglichkeit eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz.

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