Seemannsbräuche Einmal Neptun die Füße lecken

Was droht einem Seemann, der zum ersten Mal um die halbe Welt gefahren ist? Die Taufe. Genauer: die Äquatortaufe. Vor 50 Jahren musste Seemann Detlev Crusius den uralten Brauch über sich ergehen lassen - die Sache mit dem Senf war dabei noch das harmloseste Detail.

Detlev Crusius/eigene Aufnahme

Die meisten Menschen besitzen ein paar Gegenstände, an denen sie hängen, die sie niemals wegwerfen könnten: Kleinigkeiten, den ersten Zahn des ersten Kindes, Notizzettel oder eigentlich wertlose Schmuckstücke. Eine dieser Kleinigkeiten ist mein Taufschein von der Äquatortaufe. Ich bin viel in meinem Leben unterwegs gewesen, habe auch nach meiner Marinezeit viele Ortswechsel über Grenzen hinweg erlebt, aber dieser Taufschein verlässt mich nicht, ganz so, als ob er auch an mir hinge.

Jeder Seemann, ob jung oder alt, muss die Prozedur der Äquatortaufe über sich ergehen lassen. Wir überquerten den Äquator im Pazifik am 18. Mai 1958 auf dem Weg von Panama nach San Juan in Peru.

Die Taufe ist mit einem großen Brimborium verbunden und endet stets in einer Sauferei. Es ist eine der wenigen Ausnahmen, wo der "Alte", der Kapitän, schon mal ein Auge zudrückt, wenn etwas reichlich Alkohol konsumiert wird. Solange nicht die Sicherheit des Schiffes gefährdet ist, die hat immer höchste Priorität - sollte zumindest.

Wenn Neptun an Bord kommt

Unabhängig von der Äquatortaufe hatte unser Zimmermann uns das Material für ein Schwimmbad genehmigt: eine grössere Anzahl Bretter und Latten, überzählige und schon reichlich verschlissene Persenning, sowie einen grossen Eimer grauer Farbe. Aus diesen Utensilien bauten wir ein etwa 3 mal 4 Meter grosses Holzgestell. Von innen wurde das Gestell mit Persenning verkleidet und anschließend mit der grauen Farbe so lange gestrichen, bis es fast wasserdicht war. Das war unser Schwimmbad, rund einen Meter tief. Das Schwimmbecken wurde dann mit Seewasser gefüllt, wobei ständig Wasser nachlaufen musste, denn ganz dicht war das Becken nicht.

Unser Schwimmbad hatte seinen ersten Einsatz bei der Äquatortaufe. Bei der Zeremonie war Neptun anwesend, der mal kurz aus den Tiefen des Ozeans zu uns gekommen war, das war unser verkleideter Bootsmann. Er hatte einen aus Holzlatten gefertigten Dreizack bei sich, und auf dem Kopf trug er eine gelbgestrichene Krone aus Pappe, die aber nur den Anfang der Taufprozedur überstand. Sie löste sich schnell bei der Wasserspritzerei auf und hing dem Bootsmann bald als gelbe Girlande um die Ohren, während sich die gelbe Farbe über seinen roten Bart verteilte.

Dann waren dabei zwei schwarze Gehilfen, ebenfalls aus den Tiefen des Pazifiks: Matrosen, die sich mit irgendeinem Farbpulver und Schmieröl schwarz angemalt hatten. Und schliesslich, weil das Ganze zwar eine ziemlich heidnische Verantsaltung, als Taufe aber doch irgendwie auch christliche Handlung war, musste auch ein Pastor dabei sein. Das war unser Chefsteward von Mittschiffs. Damit auch alles seine Richtigkeit hatte und die Taufe auch gültig war, hatte Neptun seine Frau mitgebracht - einen unserer etwas dicklich geratenen Heizer, der einen kunstvoll aus halben Kokosnussschalen gefertigten Büstenhalter trug, was zu diversen zweideutigen Witzen führte.

Senf von den Füßen lecken

Jeder aus der Mannschaft, der zum ersten Mal den Äquator überqueren würde, wurde einzeln vorgeführt. Erst wurde der Täufling in unserem neuen Schwimmbad vom Staub der nördlichen Halbkugel gereinigt. Dann kam ein Frisör, der mit einem überdimensionalen Holzmesser dem Täufling den Bart abkratzte, was ihm nicht gelang - dafür schabte er viel Haut ab. Dann musste er Neptun die Füsse küssen, die dick mit Senf beschmiert waren - was bei seinen Füßen aber eher von Vorteil war.

Zwischendurch wurde man gesalbt, dafür wurde normales von längerer Nutzung bereits schwarzes Maschinenöl benutzt. Dazwischen und immer wieder wurde man im Schwimmbecken gereinigt, sprich untergetaucht, bis man fast ertrunken war.

Ich wurde auf den Namen "Dwarslooper" getauft. Ich weiss nicht, wer sich die Namen ausgedacht hatte, ich vermute mal der Bootsmann. Der Dwarslooper ist eine Krebsart, die immer quer, eben "dwars" läuft, niemals geradeaus. Ich habe jedenfalls die Taufe lebend überstanden, vielleicht ist das ja auch mit ein Grund, weshalb ich mich nicht von meinem Taufschein trennen kann.

Rum und Bier vom "Alten"

Nach der Taufe kam der gemütliche Teil - und das hieß essen und trinken. Unser Smut hatte groß aufgefahren, es gab "Blechochse in Ei", worunter sich Cornedbeef mit Rührei verbarg. Dazu wurden Bohnen und Kartoffeln gereicht, die ich selber über viele Stunden geschält hatte. Und es gab viel Bier und Rum.

Sogar der "Alte" und der "Erste", der 1. offizier, gaben uns die Ehre und kamen nach achtern. Höflich, wie es sich gehörte, fragten sie, ob sie denn wohl auch teilnehmen dürften. Sie durften, denn sie hatten noch ein paar Kisten Bier und ein paar Flaschen Rum mitgebracht. Und meinen Taufschein hat neben Neptun auch der "Alte", der "Erste" und natürlich auch der Pastor unterschrieben.

Es war eine feuchte und fröhliche Feier, bis dann einer auf die Idee kam, Weihnachtslieder zu singen. Das hatte eine leichte Melancholie zur Folge, die wir mit noch mehr Alkohol aber erfolgreich bekämpfen konnten. Das Schwimmbad haben wir danach weiter benutzt, solange ich an Bord der M/S "San Juan Trader" war. Und das war immerhin noch rund ein Jahr.



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Stefan Ebersbach, 28.11.2008
1.
Hallo Detlev Crusius, beim Surfen im "Spiegel" stieß ich auf den Taufschein. Erst dachte ich, es ist meiner. Denn genau den gleichen habe ich. Nur eben von 1965. Es geschah auf einer Reise nach Ostafrika. Mein Taufname ist Sprotte. Damals war ich noch sehr schlank. Ich fuhr von 1965-1972 bei der DSR als Matrose. Deinem Bericht über die Taufe und über die DDR-Seefahrt könnte ich noch viele Details hinzufügen. Vielleicht können wir in Kontakt kommen? ich werde ab heute oft "einestages" anklicken.
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