Seenotretter in Seenot Die Nacht des Wunders

Eine Monsterwelle riss Dieter Steffens über Bord. Mitten im Orkan trieb er 1990 in der Nordsee, allein im Dunkeln. Um seine geringe Überlebenschance wusste er - Steffens selbst ist Seenotretter.

Enver Hirsch/© Ankerherz Verlag, www.ankerherz.de

Der folgende Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Mayday. Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze", das im Mai 2017 im Ankerherz-Verlag erschienen ist.

Als die Angst kommt, die Angst vor dem Tod, beginne ich zu beten. Ich bin kein gläubiger Mensch, doch ich bete, dass der Herr mich zu meiner Familie zurücklassen möge, zu meinen Kindern und meiner Frau. Die Panik, die Furcht macht mich beinahe wahnsinnig. Ich schreie, ich weine, ich brülle in die Dunkelheit hinaus, obwohl ich weiß, dass mich niemand hört. Ich weiß, dass die Chance, mich in der stürmischen See zu finden, bei Windstärke zwölf auf der Nordsee, sehr gering ist.

Ich muss es wissen, denn es ist mein Beruf. Ich bin Seenotretter.

Sieben Seemeilen sind es bis zum Festland, auch für einen geübten Schwimmer nicht zu schaffen, schon gar nicht in der meterhohen Dünung. Das Wasser hat 16 Grad, es ist Sommer, die Nacht des 20. August 1990. Ich trage eine Rettungsweste und einen Overall, der mir etwas Schutz vor dem Auskühlen bietet. "Nicht zu viel strampeln, Energie sparen", sage ich zu mir selbst, das rede ich mir ein. "Bleib vernünftig, gib nicht auf." Ich wehre mich gegen diese Gedanken in meinem Kopf:

Sie können mich nicht finden.
Sie werden mich nicht sehen.
Niemand kann mich hören.
Es ist vorbei.

Eine gefühlte Zeit gibt es nicht, keine Stunden, keine Minuten, keine Sekunden. Ich treibe, ich versuche, nicht zu viel Wasser zu schlucken, die Wellen werfen mich hin und her, es fühlt sich an wie in einer gewaltigen Waschtrommel. Der Sturm brüllt, selbst in wenigen Metern Entfernung würde man einander nicht hören, so laut ist es.

Jetzt bloß nicht durchdrehen

Dann plötzlich: ein Scheinwerfer! Ein Scheinwerfer taucht hinter einem Wellenkamm auf: Es ist ein Hubschrauber! Meine Kollegen suchen nach mir, sie sind ganz nahe, vielleicht 200 Meter entfernt. Ich rudere mit den Armen, ich winke verzweifelt, gehe kurz unter, ich brülle, so laut es geht, ich schlucke Wasser, spucke.

Doch der Pilot sieht mich nicht.
Der Scheinwerfer richtet sich in die andere Richtung, weg von mir, fort von meinem Leben.
"Nicht durchdrehen", sage ich mir, "jetzt nicht durchdrehen."

Begonnen hatte die Sturmfahrt als normaler Einsatz, als Routinefahrt. Ein Sommerunwetter zog auf, wir wurden von der Seenotleitung in Bremen nach dem Abendbrot an Bord informiert. Ein Sturm schreckt einen Seenotretter nicht, das kennt jeder, das gehört zum Beruf.

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Dieter Steffens in Seenot: Ein Lebensretter kämpft um sein Leben

Seit fünf Generationen, seit es Seenotretter gibt, ist meine Familie in der "Gesellschaft", wie die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger an der Küste auch kurz genannt wird. Gleich am Hafen von Neuharlingersiel, Ostfriesland, dem Fischerdorf, in dem meine Familie wohnt, steht ein alter Rettungsschuppen. Innen sieht es aus wie in einem Museum, Westen aus Kork sind ausgestellt, die den Anschein machen, als zögen sie einen, sobald sie nass sind, gleich hinab auf den Grund der See; kleine Bojen, Holzriemen, mit denen die Männer früher in offenen Booten in die Brandung hinausruderten. Ich bewundere ihren Mut, denn sie riskierten damals immer alles, wenn sie anderen helfen wollten.

Eine Besatzung ist wie eine Familie

Einer meiner Urahnen, Harm Steffens, ein streng blickender Mann mit Bart, sieht einen aus einem Gemälde an der Wand an: Er war von 1873 bis 1902 Vormann, also praktisch Kapitän, auf einem Seenotrettungs-Ruderboot. So lange geht die Tradition der Familie Steffens zurück.

Der Seenotkreuzer, auf dem ich im August 1990 den Unfall habe, ist zu Ehren meiner Familie benannt worden: "Vormann Steffens". Ob ich stolz darauf bin, werde ich manchmal gefragt. "Ist nun mal so", entgegne ich dann.

Ich mag die Routine an Bord. Dass es keine Rangordnung auf einem Seenotkreuzer gibt, dass jeder alle Aufgaben übernimmt, ohne zu murren, vom Kochen übers Putzen bis zum Waschen, das gefällt mir. Eine Besatzung funktioniert wie eine Familie, im besten Sinne. Ich mag es zu helfen.

Einmal haben wir einen Mann von einem Saugbagger geholt, der mit seiner Hand in eine Maschine geraten war, sah übel aus. Fischer, die ein Netz in die Schraube bekommen haben, gehören auch zu unserer Klientel. Und dann kam der 20. August 1990.

Wir lagen in Wilhelmshaven, als die Sturmwarnung eintraf, kurz darauf gefolgt von einer Einsatzmeldung: Segeljacht in Seenot! An die genaue Position, auf der wir die Segler fanden, kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber daran, dass das Wetter schon schlecht war. Beaufort zehn aus Nordwesten, zunehmend, der Schwell machte uns zu schaffen.

Eine Wand aus Wasser - zehn Meter oder 15?

Ein Mann und eine Frau waren auf der Jacht, die etwa neun Meter lang war, und sie waren froh, uns zu sehen. Wir warfen Leinen rüber an Bord, irgendwie bekamen wir es hin, dann nahmen wir Kurs auf die Mündung der Jade.

Ich war unten gewesen, mich um die Navigation kümmern, und gerade wieder auf dem Weg zurück zum Fahrstand, als ich diese Wand aus Wasser vor mir sehe. Wie hoch sie gewesen sein mag? Zehn Meter vielleicht. Oder doch 15? Eine Quersee, ein Kaventsmann, eine Monsterwelle, die den Kreuzer mit voller Wucht erwischt.

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Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze

Ankerherz Verlag, 216 Seiten; 29,90 Euro.

Mehrere Fenster zerspringen, tonnenweise dringt Nordseewasser in den Seenotkreuzer ein. Alles spielt sich in Sekunden ab: Das Licht geht aus, es wird dunkel, das Schiff wird seitlich ins Wasser gedrückt. Als sich die "Vormann Steffens" wieder aufrichtet, bin ich nicht mehr an Bord. Die Welle hat mich fortgerissen.

Es ist exakt 23.36 Uhr, diese Uhrzeit vergesse ich nie.

Angst? Zuerst nicht, das dauert, denn zunächst begreife ich gar nicht, was gerade passiert ist. Mein Geist scheint vor Schreck in eine Art Notmodus geschaltet zu haben. Bis ich wirklich verstehe, in welcher Lage ich mich befinde, vergeht einige Zeit. Wobei Zeit relativ ist: Alles verschwimmt.

Da: ein Motorengeräusch, ein Lichtkegel

Der Hubschrauber taucht auf. Verschwindet wieder. Ich sehe den Lichtkegel, schreie meine Verzweiflung hinaus in die Nacht, schlucke Gischt und Salzwasser. Meine Kräfte lassen nach.

Erst nach einer gefühlten Ewigkeit: ein Motorengeräusch. Später erfahre ich, dass es die Besatzung des Kreuzers "Otto Schülke" von Norderney war, die mich ortete. Wie es gelang? Das können die Kameraden nicht so genau erklären, sie meinen, sie hätten etwas gehört, einen Ruf, einen Schrei, die Maschine ausgestellt, und dann haben sie mich tatsächlich gehört.

Ich sehe einen Lichtkegel, ich höre das Geräusch eines Hubschraubers, spüre eine Rettungsschlaufe um meinen Oberkörper. Dann werde ich nach oben geliftet.

An diesen Teil habe ich nur diffuse Erinnerungen, wie durch einen Filter aus Milchglas, wie in einem Film, der zu langsam läuft. Der Hubschrauber fliegt mich nach Wilhelmshaven ins Krankenhaus. Meine Körpertemperatur beträgt nur noch 31 Grad, Schockzustand. Ich komme langsam wieder zu mir, ich zittere, ich bibbere, es ist ein furchtbares Gefühl, ich kann das Wasser nicht halten. Die Mediziner sagen mir später, dass mir noch eine Viertelstunde geblieben wäre.

Als man mich wiegt, gibt es eine Überraschung: Vier Kilo habe ich abgenommen. Vier Kilo in jenen 45 Minuten, in denen ich ums Überleben kämpfte.

insgesamt 7 Beiträge
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Martina Eis, 16.06.2017
1. wahnsinn!
ich bin mal in eine Ripp-Strömung geraten beim Schwimmen als Teenager im Atlantik. Wir waren nicht weit draussen, direkt hinter einer Sandbank, die Nahe am Strand war. Plötzlich waren wir weit draussen. Wir haben das nicht gemerkt, haben gequatscht... als wir zurück wollten, haben wir das erst bemerkt, dass wir nicht mehr zum Strand kommen. Wenn ich nun lese, dass man ruhig bleiben soll, sich von der Strömung mitnehmen lassen soll und dann seitlich raus.... ist ja alles schön und richtig, aber a) wusste ich das damals nicht und b) wer kann bei Todesangst schon so ruhig bleiben? Ich bewundere solche Menschen. Zumindest was das Wasser angeht, da könnte ich nicht logisch handeln, glaube ich. Ich vermeide einfach ein weites Rausschwimmen.
Klaus Mnatrid, 16.06.2017
2. Dank an alle Rettungskräfte
Zeit einmal Danke zu sagen, an die Leute der DGzRS, Rettungsdiensten, Feuerwehr THW usw. Wir können uns in Deutschland glücklich schätzen, dass im Notfall nicht irgendein Chaotenhaufen mit besten Absichten oft noch alles schlimmer macht, sondern dass gut ausgebidlete Fachleute uns aus Notlagen herausholen. Dazu noch eine beschmäte Entschuldigung, für die Blödmänner, die Rettungsgassen und Feuerwehrzufahrten nicht freihalte, Gaffer, teilweise Handy-Filmer, sowie sonstige Idioten, die Rettungskräfte bei der Arbeit behindern oder diese beleidigen, belästigen, beklauen oder körperlich angehen.
Marje Brun, 16.06.2017
3. Welch mutige Menschen
Das Schicksal des Herrn Steffens ist leider kein Einzelfall. In seiner Geschichte geht es -Gott sei Dank- gut aus, auch weil Kollegen einen wunderbaren Job machen. Doch ab und an, gehen die Geschichten leider nicht gut. Und trotzdem sind sie, die Retter, vor Ort und versuchen zu helfen. Somit gebührt den Damen und Herren der international tätigen Gesellschaft" ein Dank, auch wenn man diesen kaum in Worte fassen kann. Tagtäglich müsste man ihnen danken. Am besten mit einer Spende. Wenn der Leser also ein kleines DGzRS Schiffchen in irgendeinem Geschäft, einem Restaurant oder in einer Gasstätte sieht. Ein wenig Kleingeld dürfte ein jeder in der Tasche haben. Und wenn Sie nicht über Barmittel verfügen sollten, und einmal einen Retter Live an der Küste sehen, schütteln Sie ihm die Hand. Sagen Sie einfach mal DANKE. Desweiteren gilt weiterhin der kleine Satz "Rette mit wer kann. Spende mit, wer kann" Informationen über die DGzRS und über die Spendenmöglichkeiten gibt unter www.seenotretter.de
Stephan Klöcker, 16.06.2017
4. Meine Hochachtung
für die Menschen in der Rettung. Da ich hin&wieder wg. Arbeiten auf Ölplattformen entsprechende Lehrgänge (Stichwort HUET) machen muß, hab ich eine schwache Ahnung davon, was diese Leute leisten. „Alle reden vom Wetter" Die nicht. Danke!
Bayram Akbaba, 16.06.2017
5. Die Einzigen
die von mir auch mal mit Spenden versorgt werden. Sie haben es verdient. Ohne Staatsfinanzierung, ohne Skandale und ohne Politik-Parasiten vor Ort und an Bord.
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