Seenotretter-Schicksal Seemannsgrab im Hubertgat

Seit sie denken konnte, fuhr ihr Mann zur See. Im Dienst der DGzRS riskierte er sein Leben. Doris Gruben machte das keine Angst mehr. Dann kenterte sein Kreuzer im Orkan - und sie stand vor der größten Prüfung ihres Lebens.

Enver Hirsch/Ankerherz Verlag

Der folgende Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Mayday. Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze", das im Mai 2017 im Ankerherz-Verlag erschienen ist.


Wenn ein Sturm zum Orkan wird, vibrieren die Fenster an der Seeseite unseres Hauses an der Nordsee. Sie klappern nicht, sondern sie dröhnen, dass es jedes Wort übertönt. Sogar die Vorhänge pendeln hin und her. Ich habe gelernt, trotzdem ruhig zu schlafen. So war es auch in jener Nacht im Januar 1995, als Bernd auf See war.

Über die Feiertage waren die Kinder und Enkel zu Besuch, am Abend hatten wir zusammen einen Film gesehen und im Radio eine Sturmwarnung gehört. Dann gingen wir zu Bett. Am frühen Morgen weckte mich ein lautes Klopfen an der Haustür. Als ich im Nachthemd die Klinke herunterdrückte und meinen Schwager vor mir sah, wusste ich sofort, was passiert war: Ich hatte meinen Mann Bernd, die Liebe meines Lebens, an das Meer verloren.

Wir sind hier am Deich aufgewachsen, in Neuharlingersiel. Bernhard, den alle Bernd nannten, hat immer gewusst, dass aus ihm ein Seemann wird. Und weil wir uns schon als Kinder kannten, habe ich nie gefragt, ob das gut oder schlecht ist. Sein Bruder, sein Vater, sein Großvater - alle fuhren zur See, dienten auf dem Rettungskreuzer, machten bei Sturm die Leinen los. So war das eben.

Bernd fing als Fischer an und wechselte dann auch zu den Seenotrettern, wurde auf Borkum stationiert. Ich kümmerte mich um die Kinder und wartete oft wochenlang, bis er für wenige Tage zurückkehrte. Unser kleines Haus stand etwas außerhalb von Neuharlingersiel, und ich habe mich immer unabhängig gefühlt: von der Dorfgemeinschaft und von meinem Mann, wenn er auf See war. Den Haushalt allein zu führen, fiel mir leicht, denn ich stamme aus einer Handwerkerfamilie und habe mehr gelernt als mancher Schreiner.

Angst, dass Bernd etwas zustoßen könnte, die habe ich nicht gekannt. Wäre ich jeden Tag in Sorge gewesen, wie hätte ich dann fünf Kinder großziehen können? Sicher, den Wetterbericht habe ich gehört, ich wusste jeden Abend, wie es auf dem Meer aussieht. Ob Bernd einen gefährlichen Einsatz hatte, erfuhr ich jedoch erst hinterher.

Wie von einer Riesenfaust zerquetscht

So wusste ich auch am 1. Januar 1995 nicht, dass der Kreuzer "Alfried Krupp", auf dem Bernd als Vormann diente, an einer Rettung vor der Küste Hollands beteiligt war. Im Orkan war ein Frachter in Seenot geraten, und ein niederländischer Retter ging beim Versuch zu helfen über Bord. Daraufhin lief eine große Suchaktion an, bei der sich auch Bernd und seine Mannschaft beteiligten. Nach zweieinhalb Stunden fand ein anderer Kreuzer den Schiffbrüchigen, und alle Einheiten kämpften sich zurück durch das aufgewühlte Meer.

Im Hubertgat vor Borkum, wo tiefes auf flaches Wasser trifft, wurde die "Alfried Krupp" von einer mächtigen Welle erfasst. Eine Wasserwand stürzte auf das Schiff und riss es um. Der Kreuzer kenterte durch und richtete sich wieder auf, doch er sah aus, als hätte ihn eine Riesenfaust zerquetscht. Der Mast war zerdrückt, die Maschinen standen still, Wasser brach ein, und in der Messe bohrte sich der fest verschraubte Fernseher in die Decke.

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Seenotretter-Schicksal: Seemannsgrab im Hubertgat

Viel schlimmer war, dass einer der Männer nicht wieder auftauchte: Der Maschinist Theo Fischer wollte gerade hinunter in den Maschinenraum steigen, als das Unglück geschah, und da war er für wenige, entscheidende Sekunden ohne Sicherungsleine.

Die Mannschaft setzte einen Notruf ab, dann fiel das Funkgerät aus, und sie schossen mehrere Leuchtraketen in die Nacht. Es dauerte eineinhalb Stunden, bis ein Rettungshubschrauber den Kreuzer fand, der ohne Antrieb unkontrolliert in den Wellen rollte.

Zehn Mal versuchten die Männer, vom Vorschiff aus das Windenseil zu greifen, das sie gerettet hätte, doch alle Versuche scheiterten an der hohen Dünung. Schließlich kämpften sie sich zurück zum Aufbau. Bernd wagte als Letzter den gefährlichen Weg. Da riss ihn ein Brecher von Bord. Die rote Leuchte seiner Rettungsweste verschwand im Dunkeln.

Die Angst, innerlich zu explodieren

Der Kreuzer "Otto Schülke" schleppte den Havaristen schließlich an die niederländische Küste. Auch die zwei Überlebenden waren übel zugerichtet, einem war das Fußgelenk zerschmettert worden; er konnte nie wieder zur See fahren. In den Morgenstunden des 2. Januar war die "Alfried Krupp" wieder im Hafen, und Bernds Bruder Wolfgang erhielt einen Anruf der Seenotzentrale in Bremen.

Es war etwa fünf Uhr früh, als er mit seiner Frau vor meiner Tür stand, und mein Herz raste. Wolfgang sprach geradeheraus: "Doris, ich habe schlechte Nachrichten. Das Rettungsboot ist über Kopf gegangen, und Bernd ist vermisst. Und du weißt, was das heißt: Er ist ertrunken."

Ich brauchte keine Erklärung; mir war klar, dass kein anderer Grund meinen Schwager um diese Zeit hierhergeführt hätte. Doch konnte ich sehen, wie schwer dieser Moment für ihn war. Und so nahm ich ihn einfach in den Arm. Wir standen eine Weile da, bis ich sagte: "Lass uns reingehen, es ist doch so kalt."

Am Küchentisch, wo sonst die Großfamilie lärmt, war es vollkommen still, nur der Sturm fauchte noch immer vor dem Haus. "Aber", begann meine Schwägerin, "es gibt doch noch ein bisschen Hoffnung?" Wolfgang antwortete hart: "Nein, gibt es nicht!" Ich dagegen schwieg, was ihn beunruhigte. Immer wieder fragte er: "Hast du auch verstanden, was ich dir gesagt habe? Willst du die Kinder wecken?"

Ich weiß noch, dass ich mich fühlte wie ein Automat. Ich nickte, stand auf, kochte Tee, ging in die Schlafzimmer der Kinder und Enkel. Nach und nach kamen alle die Treppe herunter, völlig verstört saßen wir da. Irgendwann merkte ich, dass ich noch immer in Nachthemd und Bademantel war. Ich dachte nur: Wenn doch dieses blöde Herzklopfen mal aufhören würde! Ich hatte wirklich Angst, innerlich zu explodieren.

Unverständnis im Dorf

Drei Tage lang durchkämmten Suchtrupps das Seegebiet vor Borkum. Seenotretter, Küstenwache und Polizei suchten nach Lebenszeichen. Doch für mich gab es nicht eine Sekunde der Hoffnung: Mein geliebter Bernd war tot, und ich musste weiterleben.

Auch fehlte die Zeit, um einfach in Trauer zu versinken: Nachbarn klopften an die Tür, das Fernsehen belagerte unser Haus, das Telefon stand nicht mehr still. Ich habe bergeweise Post bewältigt und riesige Pfannen voll Bratkartoffeln gemacht. Die Leute fragten mich, wie ich eigentlich essen könne, und ich sagte: "Ich weiß es nicht, ich stopfe es einfach rein."

Wie betäubt ging ich durch diese Zeit, ohne zu weinen oder zu lachen. Schwer war es, die Kinder leiden zu sehen. Wir hielten eng zusammen, kochten, redeten und spielten "Mensch ärgere dich nicht". Einmal saßen meine jüngste Tochter und mein Enkel regungslos auf der Treppe. Sie sagte: "Jetzt habe ich keinen Papa mehr", er fügte hinzu: "Und ich keinen Opa." Da brach alles über mir zusammen.

Im Dorf sprach man viel über das Unglück, aber mir behagte es nicht, die Witwe eines Helden zu spielen. Für mich ist Bernd nicht erst seit seinem Tod ein Held. Aber musste ich das allen auf die Nase binden? Irgendwann habe ich die Besuche abgesagt und blieb zu Hause. Vier Wochen lang wollte ich trauern, dann sollte unser Leben weitergehen.

Zur Trauerfeier in Emden kamen wir nicht in Schwarz, weil wir nicht wie Geister durch die Welt laufen wollten. Wie die Leute vielleicht geguckt haben! So hat das Unglück unsere Familie noch weiter vom Dorf entfernt. Viele haben nicht verstanden, wie ich so schnell zum Alltag zurückfinden konnte oder warum ich keinen engeren Kontakt zur Witwe des Maschinisten Theo Fischer suchte.

Für mich war es der einzige Weg, um am Leben zu bleiben.

45 Männer hat die DGzRS seit ihrer Gründung verloren. Mehr als 81.000 Menschenleben hat die Gesellschaft gerettet.

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Stefan Krücken, Jochen Pioch:
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Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze

Ankerherz Verlag, 216 Seiten; 29,90 Euro.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Heinrich Busch, 23.07.2017
1. Die DGzRS ist einer der
Wenigen, wenn nicht gar die einzige gemeinnützige Institution die sich nahezu allein von Spenden finanziert. Dafür ein Chapou und auch gerade deshalb bin ich seit Jahren als Spender dabei. Wo gibt es noch eine gemeinnützige Institutionen die im Dienste der Gesellschaft gar das Leben riskiert und nicht immanent nach Steuergelder verlangt. Deshalb sollten die Forsten meinen Beitrag auch als Spendenaufruf betrachten.
Har Schmidt, 23.07.2017
2. eine kleine Ergänzung
ich finde, man hätte noch darauf hinweisen können, dass sich die DGzRS ausschließlich aus Spenden finanziert und sehr viele Frauen und Männer die Arbeit ehrenamtlich machen. Das verdient allergrößen Respekt.
Jochen Hoffstätter, 23.07.2017
3. ...
Solche Situationen muss jeder mit sich alleine ausmachen, allgemein gültiges geht da nicht, da gibt es nichts zu bekritteln, sondern nur Respekt zu zeigen und ansonsten zu schweigen.
xxx xxx, 23.07.2017
4. Moin moin
das Leben ist hart znd für manche etwas härter Nicht in Selbstmitleid zu versinken;das ist die ganz grosse Kunst im Leben.Alles hat seinen Sinn im Leben.
Dirk Richter, 23.07.2017
5. Allergrößter Respekt
Da gibt es noch Menschen, die ihr eigenes Leben riskieren, wenn Andere in Not sind. Das reicht mir für die Bezeichnung "Held". Wenn heute eher der Trend zu sein scheint, gaffend mit dem Handy zu filmen, dann ist der Verlust solcher Helden doppelt tragisch.
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