Visite im Helikopter Politiker, die auf Katastrophen starren

Visite im Helikopter: Politiker, die auf Katastrophen starren Fotos
dpa

Wenn Politiker Flut-, oder Erdbebengebiete besuchen, entstehen auf dem Weg dorthin erstaunlich ähnliche Bilder: Sie starren aus Luftfahrzeugen auf das große Unglück. Medienwissenschaftler Andreas Dörner erklärt, warum der Helikopter der neue Feldherrenhügel ist.

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einestages: Herr Dörner - die aktuellen Bilder von Merkel, die aus dem Flugzeug auf die überfluteten Gebiete um Dresden herabschaut, kommen einem frappierend bekannt vor. Weshalb lassen sich Politiker eigentlich so gerne in dieser Pose fotografieren?

Dörner: Wenn beispielsweise jemand wie George W. Bush nach dem Hurrikan "Katrina" über das zerstörte New Orleans fliegt, dann ist das eine wichtige Form der Wahlkampfinszenierung. Die Politiker lassen sich in einer Pose ablichten, die den Eindruck vermitteln soll: Ich habe den Überblick über das Geschehen.

einestages: Gibt es ein historisches Vorbild für diese Art von Selbstinszenierung?

Dörner: Das reicht weit zurück. Früher ließen sich Herrscher gerne auf Gemälden als siegreiche Feldherren festhalten, die vom Feldherrenhügel auf das Schlachtgeschehen herabblicken. Auf diese Weise sollte symbolisiert werden, dass sie Zusammenhänge und Strukturen erkennen, die der Normalsterbliche weiter unten nicht bemerkt. Inzwischen haben die Politiker allerdings gelernt, dass man es nicht einfach bei dieser Vogelperspektive belassen darf.

einestages: Inwiefern?

Dörner: Barack Obama hat das zum Beispiel aus den Fehlern George W. Bushs gelernt: Bush war ja 2005 nach der Flutkatastrophe in New Orleans vorgeworfen worden, dass er nur im Hubschrauber über das Krisengebiet geflogen war und heruntergeschaut hat - und sich nicht selbst zu den leidenden Menschen hinabbegeben hat. Obama hat es dann 2012 im Wahlkampf besser gemacht, indem er sich im Flugzeug fotografieren ließ - aber auch am Ort des Geschehens, wo er Flutopfer umarmte und ihnen Trost zusprach.

einestages: Das "Gummistiefelfoto" hat also das "Feldherrenfoto" abgelöst?

Dörner: Es ist jedenfalls wichtig, um zu zeigen, dass man sich nicht scheut, Distanz abzubauen und selbst mitten ins Geschehen zu gehen. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch der Dresscode: Wenn etwa US-Politiker in Katastrophengebiete gehen, sind sie nie in Anzug und Schlips dort, sondern immer mit einer blauen Windjacke. Diese bewusst rustikale Kleidung soll zeigen: Hier redet jemand nicht nur, sondern packt mit an.

einestages: Politiker als mildtätige Macht, die von oben mit wohlwollendem Blick auf das Leid der Menschen hinabblicken - ein Schelm, wer dabei religiöse Assoziationen spinnt?

Dörner: Keineswegs. Die Vogelperspektive trägt sicherlich religiöse Züge. Das gilt ganz besonders für Amerika, wo Religion und Politik insgesamt sehr viel enger verzahnt sind. Das Bild des Heilsbringers aus der Luft kann hier durchaus sehr bewusst vor diesem Hintergrund inszeniert sein. Im deutschen Kontext wäre ich da skeptischer. Das Publikum würde die religiösen Bezüge hier gar nicht so klar erkennen wie die Wähler in den USA.

einestages: Also doch eher Helfer in Windjacke statt Heilsbringer aus der Luft. In den vergangenen Jahren haben sich ja tatsächlich deutsche Politiker immer häufiger in Gummistiefeln bei Überflutungen gezeigt - haben sie von Obama gelernt?

Dörner: Sie haben vor allem von Gerhard Schröder gelernt. Bei der Wahl 2002 lag die Union unter Edmund Stoiber lange in allen Umfragen vorne - bis zur Flutkatastrophe in Ostdeutschland. Schröder nutzte damals die Gelegenheit, sich selbst in Regenjacke und Gummistiefeln direkt an den betroffenen Orten als Mann der Tat zu inszenieren. Er hat dabei ganz bewusst auch den sozialdemokratischen Mythos Helmut Schmidt aufgegriffen, der ja bei der Hamburger Flutkatastrophe 1962 als wortkarger Macher zu einer Leitfigur der deutschen Politik wurde. Aus dem Wahlkampferfolg Schröders 2002 hat Merkel auf jeden Fall gelernt, dass man derartige Anlässe nutzen muss, um Symbolpolitik zu machen: Nun zeigt sie sich auch in Wanderstiefeln direkt vor Ort, mit Horst Seehofer an ihrer Seite, der sogar eine Rot-Kreuz-Helferjacke anhat.

einestages: Ist diese Selbstinszenierung als bürgernaher Helfer nicht viel zu durchschaubar, um wirklich ein Wahlergebnis ändern zu können?

Dörner: Keineswegs. Aus der Wahlforschung wissen wir, dass die Stammwähler immer weiter zurückgehen und die Wechselbereitschaft der Wähler zunimmt. Die wechselbereiten Wähler werden auch durch kurzfristige Stimmungen beeinflusst – und diese Stimmungen lassen sich durch geschickte Image-Arbeit gestalten. Gerade in Krisensituationen wie der gegenwärtigen.

Andreas Dörner, Jahrgang 1960, ist Professor für Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen der Einsatz von Fernsehen als politischem Medium und Wahlkampfkommunikation.

Das Interview führte Danny Kringiel

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1.
Johannes Höper 07.06.2013
Wenn denn noch Hubschrauber vorhanden sind, aus denen herausgestarrt werden kann.... Die entsprechenden Einheiten der Bw wurden häufig aufgelöst. NH 90 lässt auf sich warten und die alten Helis werden ausgesondert (Vebeg), kannibalisiert oder in AFG eingesetzt. Naja, es gibt ja auch private Dienstleister....
2.
Jan Knoff 07.06.2013
Tolle Fotoserie, super Idee!
3.
Leonhard Messer 07.06.2013
Das Geld für die politischen Schaulustigen-Rundflüge hätte vielleicht schon ein paar Opfern helfen können!
4.
Jörn Rößler 10.06.2013
Es ist erstaunlich, dass es offensichtlich den Entscheidungsträgern in der Politik nicht erlaubt sein soll, sich ein Bild von der Lage zu machen. Und die Frage ist doch nicht, ob man als Politiker aus einem Helicopterfenster schaut, die Frage ist doch, warum ein Fotoreporter unbedingt genau dieses Foto so macht, warum er wahrscheinlich darum bittet, den oder die Person genauso ablichten zu dürfen. Weil es ein gutes Bild ist. Als G.W. Bush damals zu spät zu einem Unglücksgebiet flog, hat sich die ganze Welt darüber aufgeregt. Warum: Weil es sinnvoll ist, sich ein Bild von der Lage zu machen.
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