50. Todestag von Sylvia Plath "Wie die junge Frau auf einer Kochreklame"

50. Todestag von Sylvia Plath: "Wie die junge Frau auf einer Kochreklame" Fotos
picture alliance / Everett Collection

Am Ende war sie ein Schatten ihrer selbst: Vor 50 Jahren hat sich die Autorin Sylvia Plath selbst getötet. Ihr Roman "Die Glasglocke" wurde erst posthum zum Klassiker, weitere Werke zensierte die Familie jahrzehntelang. einestages über das Doppelleben einer großen Schriftstellerin - und Hausfrau. Von Fabienne Hurst

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Der Tag, an dem Sylvia Plath sich das Leben nimmt, ist ein eisiger Montag im Februar. Seit 150 Jahren ist es in London nicht mehr so kalt gewesen, selbst die Wasserleitungen der kleinen Wohnung in der Fitzroy Road 23 sind eingefroren.

Sylvia Plath ist 30 Jahre alt. Vier Wochen zuvor ist ihr Buch "Die Glasglocke" erschienen, auf ihren Wunsch unter dem Pseudonym Victoria Lucas, aus Rücksicht auf die eigene Familie. Vier Jahre später wird es unter ihrem echten Namen erscheinen - und den Status des Literaturklassikers erlangen.

Als das Buch 1971 in den USA erscheint, steht es ein Jahr auf der Bestsellerliste: "Ein feiner Roman, bitter und unbarmherzig", schreibt Robert Scholes in seiner Buchkritik für die "New York Times". "Die Glasglocke" handelt von den Erlebnissen der 20-jährigen Esther Greenwood, einer talentierten Nachwuchsautorin, die nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie behandelt wird. Scholes ist überzeugt: Das Publikum liebe das gnadenlos realistische Werk, "geschrieben zwischen zwei Selbstmorden", weil in ihm Fiktion und Realität miteinander verschmelzen würden.

Denn es ist auch die wahre Geschichte von Sylvia Plath, einer Frau, die bis zu ihrem letzten Tag zwischen zwei Welten gefangen war: die der fleißigen Ehefrau und fürsorglichen Mutter - und die der schonungslosen Dichterin.

Vielversprechendes Fräuleinwunder

Plath wurde am 17. Oktober 1932 in der Nähe von Boston, Massachusetts, geboren. Die Tochter eines deutschstämmigen Professors verliert früh ihren Vater und wächst mit ihrem Bruder bei ihrer Mutter auf. Sylvia ist etwas Besonderes: Als Dreijährige lernt sie Hunderte lateinischer Insektennamen auswendig, als Teenager publiziert sie Gedichte in Mädchenzeitschriften. Das "Sprachwunderkind" erhält ein Begabtenstipendium und erlangt am College einen Abschluss mit besonderer Auszeichnung für ihre Lyrik.

Mit ihrem glänzenden blonden Haar, dem hübschen, weichen Gesicht und ihrer sportlichen Figur erfüllt Sylvia zu der Zeit alle Klischees der amerikanischen Traumfrau: "Adrett, strahlend sauber und tüchtig wie die junge Frau auf einer Kochreklame", erinnert sich der mit der Autorin befreundete Lyrik-Verleger Al Alvarez. Doch Sylvias Äußeres täuscht.

Immer wieder leidet die junge Frau an schweren Depressionen. Nach einem kurzen Volontariat beim New Yorker Mädchenmagazin "Mademoiselle" versucht sich die 19-Jährige zum ersten Mal das Leben zu nehmen - sie überlebt.

Sylvia wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und mit Elektroschocks behandelt - der Grund, aus dem sie ihr Leben lang Therapien meiden wird. Die Erinnerung an den düsteren Sommer 1953 verarbeitet sie ein Jahrzehnt später in ihrem Roman "Die Glasglocke."

Außerdem bringt sie ihre Selbstzweifel, aber auch Momente des Glücks in ihren Gedichten und zahlreichen Tagebüchern zu Papier. Sie erhält ein Stipendium für die Elite-Hochschule Cambridge und geht nach England. Dort verliebt sie sich in den berühmten englischen Dichter Ted Hughes, den sie im Februar 1956 in einem Literaturzirkel an der Universität kennenlernt und drei Monate später heiratet. Doch auch ihre leidenschaftliche Liebe ändert nichts an Sylvias Schwermut. Im Oktober 1959 schreibt sie in ihr Tagebuch: "Gestern total bedrückt. Schwerer Himmel, grau ohne Aufhellung." Sätze wie diese wiederholen sich in unzähligen Variationen.

Der "private, totalitäre Staat"

Das Paar bekommt zwei Kinder und zieht in eine Villa in der Grafschaft Devon im Südwesten Englands. Im Laufe der Ehe gerät Sylvia immer mehr in den Schatten ihres berühmten Mannes. Die einst so emanzipierte Dichterin gibt nun die perfekte Hausfrau, die mit großem Eifer Rotwein zu Roastbeef und zum Nachtisch Erdbeeren mit Schlagsahne serviert. Wie sehr Plath dieses Dasein hasst, verrät ihr Alter Ego Esther Greenwood, die Protagonistin der "Glasglocke": Esther glaubt, "es sei vielleicht wirklich wie Gehirnwäsche, wenn man verheiratet war und Kinder hatte, und man lief dann nur noch dumpf wie ein Sklave in einem privaten, totalitären Staat herum".

Sylvia schreibt immer weniger - im ganzen Sommer 1962 nur zwei Gedichte. In einem davon, "Mohnblumen im Juli", geht es um das Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit: "Ich halte meine Hände über Feuer. Nichts brennt." Im Herbst 1962 steht die Ehe vor dem Aus: Ihr Ehemann Ted betrügt sie. Sylvia tobt. In einem Anfall von Eifersucht vernichtet sie alles, woran Hughes gerade arbeitet: Manuskripte und Notizen reißt sie in kleine Fetzen - ebenso wie seine Shakespeare-Sammlung. Im Oktober setzt sie ihn vor die Tür.

Von nun an lebt Sylvia mit den Kindern allein in dem großen Landhaus. Die beschwerliche Haus- und Gartenarbeit macht ihr Mühe: Wäsche waschen, Windeln wechseln, Äpfel sammeln. Ein immer wiederkehrendes Grippevirus nagt an ihrer Gesundheit. Sylvia wird immer dünner, verliert in einem Herbst neun Kilo.

Aber sie schreibt wieder: dreißig Gedichte in einem Monat. Im Fieberrausch verfasst sie die bitteren Verse, die sie später berühmt machen werden. Darunter "Lady Lazarus", das ihre schreckliche Entscheidung vorwegnimmt. Darin heißt es: "Sterben. Ist eine Kunst wie alles. Ich kann es besonders schön." Trotz dieser Einsicht, gelingt es der Schriftstellerin nicht, sich Hilfe zu holen.

Stattdessen spielt Sylvia ihrer Mutter weiterhin die starke, aktive und unabhängige Frau vor. In einem Brief vom 21. November schreibt sie: "Mann, wenn ich erst einmal 50 und berühmt bin, gibt es keine Widmung dem 'lieben Gatten, ohne dessen Hilfe ich es niemals geschafft hätte etc'".

Umzug ins gleichgültige London

Anfang Dezember hält Sylvia es auf dem Land nicht mehr aus und zieht mit ihren Kindern in die Londoner Fitzroy Road 23. In der karg möblierten Wohnung soll alles anders werden. Sie kauft neue Kleider und Schmuck, lädt Gäste zum Tee ein, schreibt ein paar hübsche Kindergedichte. Doch auch in der Großstadt bleiben ihre Freundschaften so oberflächlich und die Besuche so selten wie im isolierten Devon. Sylvia und die Kinder kränkeln, der Winter setzt ihnen zu, die Heizung fällt aus, das Telefon wird abgestellt. Sylvia nimmt Antidepressiva und Schlafmittel.

Wieder schreibt Sylvia einen Brief an ihre Mutter: "Ich kann ehrlich sagen, dass ich in meinem Leben noch nie so glücklich gewesen bin. Ich sitze nur und denke vor mich hin: Puh! Ich hab's geschafft!"

Von dieser Euphorie bemerkt Verleger Alvarez wenig, als er Sylvia an Weihnachten einen kurzen Besuch abstattet. "Ihr Haar (…) hing lose, wie ein Zelt bis zu ihrer Taille herab", schreibt er in seinen Erinnerungen, "sie ähnelte einer von den Riten ihrer Religion erschöpften Priesterin."

Wie Sylvia sich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich fühlt, ist nicht überliefert. Nach ihrem Tod vernichtet ihr Ehemann Ted, der den Nachlass regelt, Sylvias Tagebuch der letzten drei Monate. "Es war einfach traurig", rechtfertigte Ted Hughes seine Tat in einem Interview. "Ich wollte nicht, dass die Kinder das lesen müssen."

Zudem zensiert Hughes ihre Tagebucheinträge, streicht die für ihn unangenehmen Passagen heraus, ebenso wie einige Sexstellen. Er verlegt ihre Gedichte neu, verändert die Zusammenstellung und veröffentlicht die "Glasglocke" unter Sylvias echtem Namen - vor allem, weil er sich davon einen finanziellen Erfolg verspricht. Aurelia Plath, die Mutter, reagiert auf den halbautobiografischen Roman so bestürzt, dass sie posthum die Briefe ihrer Tochter veröffentlicht. Um der Welt die "wahre" Persönlichkeit ihrer Tochter zu zeigen, die doch immer so positiv und fröhlich gewesen sei. Tatsächlich belegte sie damit nur die gestörte Beziehung zwischen Mutter und Kind.

Die letzte Nacht

Auch wenn sie vor ihrer Mutter bis zuletzt versucht, den Schein zu wahren, sind die letzten Tage der Schriftstellerin von Verzweiflung geprägt. Sie unternimmt jedoch auch einen Versuch, Rettung zu finden: An einem frühen Sonntagmorgen Ende Januar, klingelt es an der Wohnungstür des Kunsthistorikers Trevor Thomas, der die Parterrewohnung unter ihr mietet. Mit roten, geschwollenen Augen steht Sylvia im Türrahmen, Tränen laufen über ihr Gesicht. Sie sagt mit zitternder Stimme: "Ich werde sterben. Und wer wird sich um meine Kinder kümmern?" Der Nachbar ist überfordert: "Ich wusste nicht recht, was ich machen sollte", erzählt er später. Als er sie hereinbittet, verwandelt sich Sylvias Hilflosigkeit in Zorn: Plötzlich ballt sie wütend die Fäuste und schreit Anschuldigungen gegen ihren untreuen Ehemann durch die Zimmer.

Wenige Stunden vor ihrem Tod erscheint Sylvia Plath ein zweites Mal vor der Tür des Nachbarn. Es ist kurz vor Mitternacht, sie will ihm ein paar Briefmarken abkaufen, da sie sofort Briefe nach Amerika abschicken müsse. Thomas wundert sich über die Frau, die minutenlang wie in Trance im Hausflur verharrt, und will einen Arzt rufen. Sie aber sagt: "Nein, tun Sie das bitte nicht. Ich habe nur einen wunderbaren Traum, eine ganz wunderbare Vision." Trevor Thomas geht zu Bett, er muss morgens immer früh raus.

Am nächsten Morgen ist Sylvia Plath tot. Trevor Thomas macht das wenig aus. Ohnehin sei ihm die Frau aus der oberen Wohnung eher gleichgültig gewesen, sagt der Professor für Kunstgeschichte Jahre später in einem Interview. Auch habe sie ihn nie nach ihm oder seinem interessanten Beruf gefragt. Auf die Gegenfrage, ob er wisse, was denn seine Nachbarin beruflich gemacht habe, antwortet Thomas: "Na ja, ich bin davon ausgegangen, dass sie einfach Hausfrau ist."

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insgesamt 10 Beiträge
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1.
Regina Bernat, 11.02.2013
Oh. Ich bin auch bestürzt darüber, nie etwas von Sylvia Plath gelesen, nicht einmal gehört zu haben. Vielen, vielen Dank für dieses Memorandum! In der Bibliothek will ich mich über das Buch und die Gedichte erkundigen.
2.
Alois Stockklauser, 11.02.2013
Sie war bipolar, ich auch. Sie hat es 3mal probiert. Andere auch. Das verstehen die Psychiater momentan noch nicht. Ted wird manchmal in eine schwierige Position gehieft. Das würde Sylvia sicher nicht gefallen. Aber sie hat so schöne Gedichte geschaffen. Die waren auch vor Ihrem Selbstmord bekannt und geachtet. "The Bell Jar" ist nicht ihr wichtigstes Werk. Dass ein Kunsthistoriker von Gedichten keine Ahnung hat, ist nicht neu. Lesen Sie erst mal Lady Lazarus, dann ist es leichter...
3.
Peter Wetz, 11.02.2013
bewegende, traurige Geschichte einer Frau, die sich nicht das auch heute noch leider übliche rollenbild hat aneignen wollen .... tragisch, daß sie keine hilfe bekommen hat !
4.
Jennifer Müller, 11.02.2013
Auch mir ist die Dame gänzlich unbekannt gewesen. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich werde ihre Werke auf jeden Fall beschnuppern. Was mich völlig erschüttert hat, ist die Gleichgültigkeit des Nachbarn. Wie kann man eine verwirrte Person teilnahmslos sich selbst überlassen? Das werde ich wohl nie verstehen.
5.
Peter Wetz, 12.02.2013
.... die teilnahmnslosigkeit des nachbarn im selben haus hat mich auch fassungslos gemacht ... anonymität und gleichgültigikeit - nicht nur in "wohnsilos" - gab es anscheinend auch leider schon vor 50 jahren.
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