Seltene DDR-Briefmarken Die Jagd nach dem Pappchinesen

Ein NVA-Soldat mit asiatischen Gesichtszügen? Ein Sowjet-Kosmonaut mit Hakenkreuz? Zwei skurrile Fehldrucke galten in der DDR insgeheim als die wertvollsten Briefmarken des Landes. Marko Schubert gelangte in den Besitz gleich mehrerer dieser Stücke. Reich wurde er trotzdem nicht.

Marko Schubert

Mein Bruder Benny und ich waren die Sammelkinder der Mollstraße. Wir wuchsen in den achtziger Jahren in Ost-Berlin auf und es gehörte zu unseren liebsten Freizeitbeschäftigungen, in dem Zeug zu stöbern, das andere wegwarfen, etwa um Fußballwimpel zu ergattern oder historische "Mosaik"-Comics aus dem Altpapier zu fischen. Wir "kuppelten", so sagte man damals, Matchbox mit unseren Freunden. Benny hob sogar die Figuren von Überraschungseiern auf, die er von Oma zu Weihnachten bekommen hatte. Selbst Coca-Cola-Dosen, die verbeult vor dem Intershop lagen, stapelten sich auf dem Kinderzimmerschrank.

Natürlich sammelten wir bald auch Briefmarken!

Es ging uns nie darum, damit eines Tages reich zu werden. Die Mosaik-Hefte suchten wir lediglich, weil wir wissen wollten, wie die Geschichte von Beginn an verlief. Bei den Wimpeln, Coladosen und Matchbox war nur wichtig, wer die "schönsten" Exemplare besaß. Benny, das weiß ich noch heute, liebte besonders seinen ollen Pumuckl mit dem Regenschirm aus dem Wunder-Ei des Westens.

Für uns zählte nicht der materielle Wert; wir hatten die Dinge einfach liebgewonnen.

Bei den Briefmarken war es anfangs ganz ähnlich. Mit meinem ersten Album versuchte ich meinen jüngeren Bruder lediglich in Größe und Farbenpracht zu übertreffen. Es interessierte mich nicht, was die einzelne Marke wert war. Hauptsache, sie war überdimensional groß, quietschbunt und bildete einen niedlichen Pandabären oder einen Fußballer aus Brasilien ab. Das änderte sich alles an einem bestimmten Tag.

Die wertvollsten Marken der DDR

Mein Vater, der sonst alles - vor allem sich selbst - nicht so wichtig nahm, erklärte uns mit bedeutungsschwerer Miene, dass wir bei den Briefmarken auch mal an eine Wertsteigerung denken sollten. Um zu untermauern, was er meinte, kletterte er auf den Hängeschrank und wuchtete drei verstaubte Alben herunter.

Wir staunten Bauklötze: Viele seiner Marken konnten Geschichte erzählen. Wir erfuhren so, wer Bismarck, Kaiser Wilhelm, Columbus und Hitler waren. Wertmarken, die Aufdrucke von bis zu 500 Millionen Reichsmark besaßen, lehrten uns, was Inflation und Weltwirtschaftskrisen waren.

"Alles nichts wert", murmelte Vater, wenn wir ihn auf eine ungewöhnliche Marke hinwiesen. "Davon wurden Hunderttausende gedruckt. Die Blaue und die Rote Mauritius - also die teuersten Briefmarken der Welt - habe ich leider nicht", erklärte er, "dafür aber die beiden wertvollsten Marken der DDR!"

Noch heute erinnere ich mich an unsere Enttäuschung, als wir die beiden unscheinbaren, gezähnten Schnipsel das erste Mal sahen: Auf einer 20-Pfennig-Marke war ein chinesischer Soldat abgebildet, der aus dem Hintergrund von einem Mann beschossen wurde, und auf einer 40-Pfennig-Marke sah man einen Uniformierten, der in einer offenen Staatskarosse zusammen mit Walter Ulbricht vor dem Brandenburger Tor durch eine Menschenmenge fuhr. Nichts Besonderes also, doch als uns Vater die Namen der Marken verriet, kugelten wir uns vor Lachen auf dem Boden.

"Nun kriegt euch mal wieder ein", rief er lächelnd und erzählte uns deren Geschichte.

Passender Name

Die erste Marke habe Berühmtheit erlangt, da der darauf abgebildete Mann mit dem Helm eigentlich einen ostdeutschen NVA-Soldaten habe darstellen solle. Doch irgendetwas war mit dem Postwertzeichen schiefgelaufen, das 1958 zum 40-jährigen Jubiläum der Novemberrevolution gedruckt worden war - denn die Gesichtszüge des Soldaten waren eindeutig asiatisch. Aufgrund der missratenen Darstellung oder weil es so ausgesehen habe, als ob der Mann im Hintergrund dem anderen mit dem Gewehr in den Hinterkopf ballert, sei die Marke nur wenige Stunden nach ihrer Herausgabe am 7. November 1958 um 10 Uhr zurückgezogen worden.

Der Volksmund hatte schnell einen passenden Namen für das verunglückte Motiv gefunden: "Pappchinese". Die postfrischen Marken dieses Motivs bekäme man noch heute, erklärte uns Vater, doch seine Marke sei deshalb so wertvoll, weil er eine der wenigen Exemplare besäße, die am 7. November abgestempelt worden seien. Wow!!!

Die Story zur zweiten Marke fanden wir fast noch spannender: Der Mann, der zusammen mit Ulbricht winkend auf der Straße Unter den Linden entlangfährt, ist der sowjetische Kosmonaut German Titow. Er sei der zweite Mensch im Weltall gewesen und hier nach seiner Erdumrundung 1961 auf seiner Fahrt durch Berlin zu sehen. Das Besondere an der Marke - Vater holte eine Lupe - befinde sich auf der Handfläche Titows. Dort habe ein Konspirateur, kurz bevor die Marke in den Druck gegangen sei, ein kleines, schwarzes Hakenkreuz hineingeritzt, was den Prüfern entgangen sei. Der Verursacher sei in den Westen geflüchtet. Die Marken, die fortan in der DDR "Schlimme Finger" geheißen hätten, seien verboten und eingestampft worden. Einige, gestempelt von der Post der DDR, seien dennoch in den Umlauf gekommen. Unser Vater besaß sogar einen Ersttagsbrief davon. Doppel-Wow!!!

Obwohl Titow Zeit seines Lebens im Schatten des berühmten Vorgängers Jurij Gagarin gestanden habe, seien seine "Schlimmen Finger" zusammen mit dem "Pappchinesen" zu den berühmtesten und wertvollsten Briefmarken, sozusagen zur "Roten und Blauen Mauritius der DDR", geworden. Erzählte mein Vater.

Endlich reich!

Benny und ich hatten Blut geleckt. In den nächsten Monaten besuchten wir etliche Freunde und ließen uns ihre Alben und die ihrer Eltern zeigen. Besonders Mädchen konnten wir leicht zu einem Tausch überreden, denn für ein paar Marken mit gelben Fischen gaben sie oftmals das her, worauf wir es abgesehen hatten. Für ein "Monchichi" fraßen sie uns sowieso aus der Hand. Kopfschüttelnd, ob unserer vermeintlichen Blödheit, übergaben sie uns die begehrten Werte.

Nach zwei Jahren besaßen wir vier abgestempelte "Pappchinesen", zwölf "Schlimme Finger" und mehr als doppelt so viele Druckfrische. Die Sammelkinder der Mollstraße waren nun endlich auch reich geworden!

Dann kamen die Wende, der Mauerfall, der Auszug bei den Eltern. Andere Dinge waren plötzlich wichtig geworden und unsere Sammelobjekte gerieten in Vergessenheit oder wurden kurzerhand von Mutter im Müllschlucker entsorgt. Nur meinem Bruder ist es zu verdanken, dass die Mosaike, Matchbox und Ü-Ei-Figuren überlebten. Seine Kinder lesen heute die "Digedags" mit gleicher Begeisterung wie wir, veranstalten mit unseren Autos Wettrennen, bestaunen die uralten Figuren und sammeln sie noch heute. Benny erfuhr irgendwann, dass sein Pumuckl mit dem Regenschirm mittlerweile einen Katalogwert von 775 Euro besitze.

Dadurch erinnerten wir uns an die Briefmarkenalben. Sie galten lange als verschollen - bis mein Vater starb. Nein, er hatte sie nicht gestohlen oder die wertvollsten Stücke verkauft. Sie wurden von ihm lediglich aufbewahrt, um uns eine sorgenfreie Zukunft zu ermöglichen. Dachte er sicherlich.

Deshalb bin ich froh, dass er die folgenden Zeilen nicht lesen muss.

Die verheerende Wahrheit

Weltweit gibt es von der Blauen Mauritius noch acht gebrauchte und vier ungebrauchte Exemplare, bei der Roten Mauritius sind es zwölf und zwei. Sie sind damit weder die seltensten noch wertvollsten Briefmarken der Welt. Dieser Titel gebührt einem schwedischen Fehldruck namens "Tre Skilling Banco". Heute gibt es davon nur noch ein einziges Stück, das 1984 für 3,6 Millionen Mark den Besitzer wechselte.

Leider ist auch unser "Pappchinese" keineswegs die wertvollste Marke der DDR, da deren Geschichte nur halbwegs korrekt ist. Der Wert wurde zwar am 7. November aus dem Verkehr gezogen, aber vom 11. bis 21. November nochmals zugelassen. Nur die Marke mit einem Sonderstempel ist etwas seltener. Alle anderen - sogar unsere am 7.11.58 in Karl-Marx-Stadt (!) frankierte - bekommt man bei Ebay für unter 25 Euro.

Noch verheerender ist die Wahrheit über die "Schlimmen Finger", denn hier stimmt eigentlich fast gar nichts. Die DDR-Marke, auf der Kosmonaut Titow mit Ulbricht durch Berlin fährt, wurde in einer Auflage von drei Millionen Exemplaren gedruckt - und niemals aus dem Verkehr gezogen! Die Darstellung in den Innenhandlinien ist eine Art Vexierbild, in dem man lediglich mit viel Fantasie Andeutungen für die Umrisse eines Hakenkreuzes erkennen kann. Die Geschichte um die Marke existiert tatsächlich in diversen Publikationen, dennoch wurde sie als zeittypische Überreaktion entlarvt, der auch mein Vater anheim gefallen war. Sogar den Ersttagsbrief bieten Menschen im Internet daher für einen Euro zuzüglich Versandkosten an. Sie ist also im Prinzip gar nichts wert. So brutal werden Kindheitsträume zerstört.

Und dennoch. Durch die Recherche habe ich viele interessante Geschichten gelesen und mich zudem mit der Biografie des German Titow auseinandergesetzt. Er war - auch das stimmte bei Vater nicht ganz - nach Gagarin und zwei Amerikanern lediglich der vierte Mensch im Weltraum, aber immerhin der zweite in der Erdumlaufbahn und der bis heute jüngste Mensch im All.

Doch was soll’s: Für Benny, mich und vielleicht noch einige anderen Menschen wird er für immer mit einer Briefmarke in Verbindung gebracht werden. Die "Schlimmen Finger" und der "Pappchinese" sind - wie die Blaue und Rote Mauritius weltweit - zwar nicht die wertvollsten Marken unserer ehemaligen Republik, aber die bekanntesten!

Zum Weiterlesen:

Mark Scheppert: "Der Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens. 30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR." Books on Demand GmbH, Norderstedt 2009, 228 Seiten.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Torsten Upholt, 30.07.2012
1.
Sehr schön, gut geschrieben und lehrreich, was die Entstehung und Verbreitung moderner Mythen betrifft.
Sascha Koch, 30.07.2012
2.
Der Autor schreibt: "Wir "kuppelten", so sagte man damals, Matchbox mit unseren Freunden." Ich vermute, trotz regionaler Variationen von Umgangsworten, ist "Kuppeln" Opfer der Rechtschreibkontrolle geworden und sollte >Kaupeln
Armin Ginschel, 30.07.2012
3.
Die Geschichte mit dem vermeintlich wertvollen Pappchinesen erinnert mich an eigenes Erlebnis. Meine Oma liebte und spielte klassische Musik. Eines Tages bekam sie von einer Freundin einen Stapel Notenblätter. Unter diesen Blättern befand sich auch eines mit handschriftlicher Widmung von Franz Léhar an seinen Freund, den Tenor Richard Tauber. Mein Vater erzählte mir die Geschichte und wies darauf hin, dass sich auf der Rückseite auch noch ein unbekanntes, nicht veröffentlichtes Lied befinden sollte. Er wollte auch nichts von dem Erbe seiner Mutter, bis auf dieses Notenblatt. Wann immer Oma ihn fragte, was er später nach ihrem Tod gerne hätte, nannte er dieses Notenblatt. Viele Jahre später bekam er es auch. Auch ich interessierte mich Jahre später für dieses Blatt, wollte es dann (so ich es bekommen hätte) dem Léhar-Museum spenden. Viele Jahre später bekam ich es dann tatsächlich. Zum Glück kam (bevor ich das Blatt spenden konnte) eine Dokumentation über Richard Tauber im Fernsehen. Groß war mein Erstaunen, als dort plötzlich auch das Notenblatt gezeigt wurde, dass sich doch eigentlich in meinem Besitz befand. Anscheinend wurde aus dem Notenblatt mit Widmung ein Massenartikel, der ausgiebig verkauft wurde. So löste sich die Bedeutung der vermeintlichen Rarität in Luft auf, wenngleich die Geschichte der inzwischen gerahmten Kostbarkeit für mich immer eine ganz besondere bleibt. Meinen Vater hab ich übrigens nie über die Wahrheit aufgeklärt.
Christian Schmidt, 30.07.2012
4.
"Kuppeln"? Das kenn ich nicht, bei uns (Frankfurt (Oder)) sagte man zum Tauschen von Matchboxautos "kaupeln".
Friedemann Weber, 30.07.2012
5.
wir haben früher geKAUPELT - und das Wort stammt aus dem Schlesischen: "(Kaupeln - heimlich) handeln, bes. tauschen" (siehe http://www.wissen.de/wortherkunft/kaupeln )
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