Senta Berger Als ich "Animala" war

Von der Parodie zum verbalen Softporno: Eigentlich war es nur eine harmlos-vergnügliche Fabel einer italienischen Feministin, in der Senta Berger die Hauptrolle übernahm. Doch als der Film in Deutschland herauskam, wurde es schmuddelig.

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Es war 1970. "Vogliamo divertirci un pò", sagte diese kleine temperamentvolle Frau vor mir und knallte mir ihr Drehbuch auf den edlen Esszimmertisch, an dem wir saßen. "Wir wollen uns ein bisschen vergnügen!" Lina Wertmüller nahm ihre übergroße weiße Brille ab, die sie wie eine Außerirdische in einem Comic aussehen ließ. Sie galt als eine der besten Drehbuchautorinnen Italiens. Später begann sie, ihre Bücher selbst zu verfilmen, und einige ihrer Filme wurden für einen Oscar nominiert.

Wir trafen uns in ihrer Wohnung im obersten Stockwerk eines alten Palazzo direkt an der Fontana di Trevi. Ich kann diesen Brunnen nicht sehen, ohne dass sofort die Bilder aus "La Dolce Vita" aufsteigen: die wunderschöne Anita Ekberg, die sich langsam durch das Wasser schiebt, auf deren weiße Schultern das Brunnenwasser fällt; und der komisch verzweifelte Marcello Mastroianni hinter ihr, der sie einerseits küssen, aber andererseits keine Schwierigkeiten und keinen Schnupfen bekommen will. "Wir haben heißes Badewasser einlaufen Lassen", erzählt Lina Wertmüller - sie hatte viele Jahre als Fellinis Regieassistentin gearbeitet - "und Anita in der Badewanne immer wieder zwischen den Aufnahmen aufgewärmt. Sie war fast ein bisschen zu groß für unsere kleine Badewanne. Una balena - ein Wal." "Sie trank auch ziemlich viel Cognac", warf ihr Mann ein, "ein bisschen zu viel." Linas Mann war ein berühmter und außerordentlicher Bühnenbildner und Ausstatter: Enrico Job.

Kommunistinnen in schicken Kleidern

Er sollte also auch die Ausstattung machen zu dem Film, dessen Drehbuch nun vor mir lag: "Quando le donne avevano la coda". "Ja, natürlich ist es eine Komödie, aber auch eine Parodie auf all diese schrecklichen Filme, die in der Steinzeit spielen, und eine Satire auf unsere Gesellschaft, in der die Rollen sich verkehren und die Frauen den Männern sagen, wo's langgeht." Lina Wertmüller war bekennende Feministin und hatte Anfang der siebziger Jahre guten Grund, an eine derartige gesellschaftliche Veränderung zu glauben. Sie war auch Kommunistin, was sie nicht hinderte, die schönsten Kleider von Valentino zu tragen. Das war in Italien kein Widerspruch.

Ich las das Buch. Es war eine recht simple Fabel, die in der Steinzeit spielte. Einem nur aus Männern bestehenden Stamm, Jägern, denen etwas fehlt, was sie aber nicht zu benennen wissen, geht ein Tier in die Falle. So ein Tier haben sie noch nie gesehen. Sie nennen es "Animala". Sie wollen es schlachten und braten. Dieses Tier wehrt sich und spricht, eine Sprache, die sie nicht verstehen, die sie aber trotzdem begreifen lässt, dass diese "Animala" zu etwas anderem besser taugt als zum Verzehr.

Beim Erfinden der "Coda", also "Schweif", hatte Lina an den Rückenfortsatz der Menschen gedacht, das kleine verkümmerte Etwas, das an unsere Verwandtschaft mit den Tieren erinnert, bevor sich unsere evolutionären Wege getrennt haben. Ich sollte dieses Tier spielen, das rund und weich sein sollte, wie Lina sagte - eine richtige Frau, aber auch ein verspieltes Mädchen noch. Mit einem Wort eine Eva, die noch nichts von dem Apfel weiß und der Schlange, die die traurige Geschichte der Menschheit ins Rollen bringen sollten. Der Regisseur wurde mir vorgestellt. Pasquale Festa Campanile. Er hatte als Autor öfter mit Lina zusammengearbeitet. Für Luchino Visconti hatte er "Rocco e i suoi Fratelli" geschrieben. Ich liebte diesen Film. Ich liebte Lina Wertmüller. Ich liebte Rom, und ich dachte: "Warum nicht? Divertiamoci un pò!"

Ferngesteuertes Schwanzwedeln

Enrico machte die schönsten Kostüme, die man sich nur denken kann - Lederschnüre, Tierfelle und Häute. Er erfand einen schönen kleinen Löwenschweif, der an den Lendenwirbeln festgeklebt wurde und mittels eines ferngesteuerten Senders wedeln konnte. Ennio Morricone komponierte die Filmmusik. Was will man mehr? Ich war die Eva im Film, und mein Adam war Giuliano Gemma. Er war der klassische Held - groß, stark, schön. Er hatte in vielen Italo-Western gespielt, war "Django", und das italienische Publikum liebte ihn.

Die Männer des Steinzeitstammes waren mit Italiens erster Komiker-Riege besetzt. Man kann sich das gut heute vorstellen, wenn man an die einschlägigen deutschen Filme denkt, die mit den Comedians rund um Otto besetzt werden. Zwei Dinge wurden mir ziemlich schnell klar: Das wird ein Werk zwischen liebenswerter Komödie und absolutem Blödelfilm - okay, steh dazu! Und als ich die etwa hundert Fotografen eines Morgens am Drehort sah, wusste ich: Diese Fotos werden dich ein Leben lang begleiten. Sie werden den Film selbst überschatten und überleben. Und so war es auch. Noch heute bekomme ich aus aller Welt die "Quando le donne ..."-Fotos zum Signieren zugeschickt.

Fast 40 Jahre sind seitdem vergangen. Das Verrückte an diesen Dreharbeiten war, dass wir viel Spaß bei der Arbeit hatten, aber gleichzeitig wussten: Das ist alles zu harmlos, was wir hier machen, das ist keine Satire, bestenfalls eine Parodie. Und das Verrückte war auch: Während ich in Torvajanica in einem Steinbruch arbeitete, in dem schon vor Jahren die berühmten "Sandalen-Filme" und später die Italo Western gedreht worden waren, war mein Mann Michael Verhoeven in Berlin.

Vulgäre, spießig-pornografische Texte

Sein Film "O. K." war 1970 der deutsche Beitrag auf der "Berlinale", die damals noch im Juni stattfand. "O. K." ist ein großartiger Antikriegsfilm. Ein Film gegen den damaligen Vietnam-Krieg. Jurypräsident war der amerikanische Regisseur George Stevens, ein bekennender "Falke", also Befürworter des Vietnam-Krieges und der dort eingesetzten Napalmbomben. Er drohte das Festival zu verlassen, sollte "O. K." in den Jurysitzungen auch nur erwähnt werden. Diese bewusste Verletzung des Wettbewerbs mittels Maulkorberlass führte zur Sprengung der "Berlinale", die abgebrochen werden musste.

Dies alles geschah, während ich mit langer Lockenperücke und nur mit Fellen und Lederschnüren bekleidet eine Steinzeit-Eva spielte. Es gab keine mobilen Telefone. Ja, es gab nicht einmal richtige Festnetztelefone in der Umgebung. Ich weiß nicht, wie wir das damals ausgehalten haben. Ich erinnere mich nur, dass ich in der Mittagspause mit einem schnell übergeworfenen Bademantel in irgendwelche Cafés gefahren wurde, dort nach "Gettoni" schrie, also nach den Chips, die man in den Apparat einwerfen musste, und versuchte, meinen Mann in Berlin zu erreichen, der mir aufgeregt und erschöpft von den Ereignissen berichtete, während sich die Kellner im Lokal mit Kennerblick über meine Figur unterhielten. "Quando le donne ..." übertraf alle Erwartungen. Der Film wurde ein Kassenknüller und ein Kultfilm. In Italien.

In Deutschland sollte er von der Constantin herausgebracht werden. Ich sollte meine Rolle auf Deutsch synchronisieren. Eine deutsche Synchronfirma, ich glaube, sie hieß Brunnemann, schickte mir die Übersetzungen. Ich traute meinen Augen nicht. Aus den, zugegeben, recht einfachen Blödeleien waren dumme, vulgäre, spießig-pornografische Texte geworden. Das Wort "Coda" war mit "Schwanz" übersetzt worden. Ein gefundenes Fressen. Das passte so recht in die Zeit der "Schulmädchenreporte" in Deutschland.

Ich weigerte mich, den Film auf Deutsch zu synchronisieren. Eine ahnungslose Kollegin übernahm diese Aufgabe. Er wurde kein Erfolg. Wie auch? Jahrzehntelang wurde mir der Film in Deutschland vorgeworfen, ausschließlich von Leuten, die ihn nicht gesehen hatten, aber die Fotos kannten. Ein Jahr später rief mich Lina Wertmüller an, um mir ihren nächsten Film, dieses Mal unter ihrer Regie, vorzuschlagen: "Mimi, metallurgico - ferito nel suo honore" mit Gianni Giancarlo Giannini, ein Riesenerfolg auch in Deutschland unter dem Titel "Mimi - in seiner Ehre gekränkt". Aber da war ich schon glücklich schwanger mit meinem ersten Sohn Simon.

Senta Berger, 67, gehört zu Deutschlands profiliertesten Theater-, Film-, und Fernsehschauspielerinnen ("Kir Royal", "Unter Verdacht").



insgesamt 4 Beiträge
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Muri Eren, 13.09.2008
1.
Sehr geehrte Frau Berger, Ihr Zeitzeugenbericht ist absolut "ON"! Aber aergern Sie sich nicht zu sehr über verkappte Synchronisationen und Filmtitel. Wenn Sie hier in der Türkei die türkischen Synchronisationen und "übersetzten" Filmtitel westlicher Produktionen sehen könnten, dann würden sie wegen Magen-Darm-Koliken umgehend ins örtliche Krankenhaus eingewiesen werden. :) Ich freue mich auf mehr Berichte von Ihnen... Hosca kal?n ("Bleiben Sie glücklich!")... Muri Eren / Istanbul
H.-J. Reiss, 15.09.2008
2.
Sehr geehrte Frau Berger, ich erfreute mich sehr über ihren Artikel "Als ich Animala war" unter der Rubrik "einstages". Als ich dieses publizierte Photo sah, fiel mir sofort die pubertäre Jugendzeit ein! Damals zogen ich und die Klicke auf unseren aufgemotzten Mofas so durch die Gegend, um Teenies aufzureißen (damaliger Jargon). Eines Tages, als wir mit unseren Mofas von Frankfurt "Preungesheim" in Richtung dem Stadtteil Eckenheim zum Jugendklub "Schlauch" düsten, sahen wir auch immer beim dortigen Kino "Regina" vorbei. Plötzlich vor dem Schaukasten des Kinos eine Stille, unsere Klicke standen wie erstarrt vor der neuen Filmankündigung "Als die Frauen noch Schwänze trugen" und gafften nur noch auf die schöne Hauptdarstellerin und drückten uns dabei die Nase platt, am Schaukasten natürlich. Für die damalige Zeit in einer erzkatholischen Gemeinde, sicherlich ein Sakrileg! Wir debattierten ziemlich erhitzt im Jugendklub über diese süßen Freizügigkeiten, welche wir ja nur auf den Photos zusehen bekamen, weil wir noch keine 16 waren, und sicherlich beflügelte dies unsere Phantasie, stimulierte sicherlich einiges und änderte auch mein Sexualleben und den Anderen sicherlich auch. Ich bekam diesen Film erst viele Jahre später auf einer VHS Kassette zur Sichtung, und Prompt sah ich mich wieder in meinem pubertierenden Zeitraum zurückversetzt. Ich hüte diesen Film heute noch wie ein Schatz! Ich möchte mich nachträglich bei Ihnen, für diese schöne Erfahrung, bedanken!
Muri Eren, 20.09.2008
3.
Sehr geehrte Frau Berger, anbei eine Anfrage: Könnte Ihr Gatte einen Zeitzeugenbericht über die bewegenden Tage vor, waehrend und nach der Praesentation seines Filmes "O.K.", von dem Sie in Ihrem Zeitzeugenbericht erzaehlt haben, verfassen? Heute hatte ich zufaellig den Film "Casualties of war" (dt. Titel:"Die verdammten des Krieges") von Brian de Palma gesehen. Ich war ziemlich erschüttert von der Story. Im "Making of" spricht de Palma davon, dass er sich von einem deutschen Regiesseur habe zu seiner Arbeit inspirieren lassen, dessen Werk 1970 auf der Berlinale zur Schliessung dieser Anlass gewesen sei. Auch de Palma hat sich dabei an Daniel Langs Romanvorlage orientiert. Ginge das? Mit freundlichen Grüssen aus Istanbul...
Karl Self, 20.02.2016
4. Coda
... heißt nun mal "Schwanz". Die Synchronfirma konnte das kaum anders übersetzen, da die Figur im Film ja tatsächlich einen Schwanz hatte. Also: In for a penny, in for a pound. Das war von Haus aus ein sehr leichter Film, in der Synchronisierung ist das Ganze dann wohl vollends verblödelt.
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