Geburt des Italo-Western Zigarillos im Kugelhagel

Geburt des Italo-Western: Zigarillos im Kugelhagel Fotos
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Er machte den Westen erst richtig wild: Als Sergio Leone vor rund 50 Jahren "Für eine Handvoll Dollar" drehte, glaubte niemand an den Erfolg der Billigproduktion. Doch die Gewaltorgie mit ihrem zynischen Helden schuf ein ganzes Genre. Dabei war das Vorbild ein kreuzbraver Streifen aus Deutschland. Von

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Die Besucher des schäbigen Florentiner Bahnhofskinos waren verblüfft. Der Film, der ihnen da als Western verkauft wurde, hatte mit dem großen amerikanischen Heimatfilm rein gar nichts zu tun: Auf der Leinwand zogen keine Trecks gen Westen. Es griffen auch keine Indianer unter lautem Geheul wackere Bleichgesichter an, die in ihrer brennenden Wagenburg eine Kompanie Blauröcke herbeisehnten. Und es gab auch keine edelmütigen Cowboys, die für Recht und Moral durch die Prärie ritten. Ganz im Gegenteil.

Das Publikum das 1964 "Für eine Handvoll Dollar" sah, erlebte stattdessen eine blutige One-Man-Show in einem heruntergekommenen mexikanischen Wüstennest namens San Miguel. Dorthin verschlägt es die Hauptfigur des Streifens, einen in einen Poncho gehüllten, unrasierten Fremden, in dessen Mundwinkel unentwegt ein Zigarillo qualmt. Joe ist ein wortkarger Zyniker, der mit zusammengekniffenen Augen in die Sonne blinzelt und auf einem Maulesel in die Stadt einreitet. Wer dieser Gringo ist und woher er kommt, bleibt ungeklärt - sicher ist nur: Der Mann verfügt über herausragende Schießkünste und bietet diese gegen Bezahlung an. Am Ende des Films sind 80 Menschen tot und das ganze Dorf verwüstet.

Es war eine dreckige, brutale und unmoralische Welt, die der italienische Regisseur Sergio Leone in seinem ersten Western kreiert hatte - aber eine, die die Italiener in ihren Bann zog. Kinogänger lobten die ungewöhnliche Bildersprache, die das Spektakel im Staub noch dramatischer wirken ließ: Eindringliche Panoramen schmutziger Gesichter, leinwandfüllende Augenpaare zwischen Überheblichkeit und Todesangst. Dazu schnelle Schnitte und Nahaufnahmen nervös zuckender Revolverhände. Getragen wurde der Film von einem neuartigen Sound des Komponisten Ennio Morricone. Eine von Schüssen, Peitschenknallen und Pferdehufdonnern begleitete Melodie, mal gepfiffen, mal operettenartig intoniert. Drei Monate war der Film ohne Unterbrechung in Florenz zu sehen, ehe in Rom seine landesweite Premiere gefeiert wurde. Allein an Italiens Kinokassen spielte er bis 1968 etwa fünf Millionen Dollar ein.

Für Italiens Filmindustrie wurde das innovative Werk des vormaligen Monumentalfilmmachers Leone zum Glücksfall. "Für eine Handvoll Dollar" avancierte nicht nur zu einer der international erfolgreichsten italienischen Kinoproduktionen der Nachkriegszeit - sondern auch zur Mutter eines neuen Genres: des Italo-Western. Weit mehr als 500 Filme entstanden bis Mitte der siebziger Jahre, schätzt Uwe Killing, Autor des Buches "Dreckige Spaghetti". Unter ihnen Klassiker wie "Django" (1966), "Spiel mir das Lied vom Tod" (1968) oder "Der Gehetzte der Sierra Madre" (1966). Aber auch Werke mit schrägen Titeln wie "Wenn der Sargmacher lächelt" (1966), "Eine Mausefalle für zwei schräge Vögel" (1972) oder "Sein Wechselgeld ist Blei" (1967).

Der Film, den keiner haben wollte

Meilenweit entfernt vom Viehherden-Pathos und der Moral des US-Westerns agierten die Protagonisten des Italo-Westerns zumeist als Racheengel, Kopfgeldjäger oder einsamer Reiter mit locker sitzendem Colt. Es waren schmuddelige, unmoralische Revolvervirtuosen wie Django, Ringo und Sartana, die Europas Publikum faszinierten. Der Italo-Western wurde zur cineastischen Erfolgsstory, auf die während der Entstehung von Leones Pioniertat wohl niemand auch nur einen Dollar gesetzt hätte.

Als sich Anfang der sechziger Jahre ein Ende des Sandalenfilm-Booms abzeichnete, nutzte Leone die Chance, sich seiner eigentlichen Filmleidenschaft zu widmen, dem Western. Nur halbherzig hatte er an den leichtfüßigen Antike-Schinken mitgewirkt, die Hollywood in den römischen Cinecittà-Studios produzieren ließ: "Während ich Wagenrennen und Explosionen auf Galeeren arrangierte, träumte ich heimlich von Nevada und Mexiko." Beflügelt wurde dieser Traum durch den grandiosen Kinoerfolg, den die Karl-May-Verfilmung "Schatz im Silbersee" 1962 in Deutschland landete.

Bei italienischen Produzenten löste Leones erstes Westerndrehbuch allerdings keine Begeisterung aus: "Gewöhnlich hat man uns weggescheucht", erinnert sich Regisseur Sergio Sollima, ein Weggefährte Leones, in einer Fernsehdokumentation. Zu unamerikanisch klang die Geschichte mit dem Titel "Der glorreiche Fremde", für die sich Leone hemmungslos bei dem japanischen Film "Yojimbo" ("Der Leibwächter") des Meisterregisseurs Akira Kurosawa bediente. Ebenso wie in "Für eine Hand voll Dollar" erscheint in dem 1961 erschienenen Film ein Desperado in einem Dorf und spielt zwei verfeindete Banden gegeneinander aus. Nur dass es in Kurosawas Film kein Cowboy, sondern ein Samurai ist.

Umsetzen konnte Leone seinen kritisch beäugten Stoff schließlich nur als Low-Budget-Produktion. 200.000 Dollar gab die Produktionsfirma Jolly Film, im Gegenzug sollte Leone Crew, Drehort und gebrauchte Kulissen der deutsch-spanisch-italienischen Gemeinschaftsproduktion "Die letzten Zwei vom Rio Bravo" nutzen. Weitere Bedingung der Geldgeber: Ein amerikanischer Schauspieler musste die Hauptrolle spielen - für Leone ein weiterer Rückschlag. Denn die bekannten US-Stars Henry Fonda, Lee Marvin, James Coburn und Charles Bronson winkten ab. Sie hielten entweder das Drehbuch des unbekannten Regisseurs für zu schlecht oder fühlten sich durch die vergleichsweise lächerliche Gage von 15.000 Dollar beleidigt.

Die Filmcrew spielte lieber Frisbee

Gecastet wurde stattdessen der unbekannte Seriendarsteller Clint Eastwood, der in der US-Westernserie "Rawhide" als Cowboy Rowdy Yates durchs amerikanische Fernsehen ritt. Der smart aussehende 34-Jährige hatte Zeit - und war bezahlbar. Leone fand allerdings, dass der schlaksige Amerikaner für seine Rolle als Outlaw eigentlich ein bisschen zu brav wirkte. Leone entschied sich dennoch für ihn, nachdem er ihm auf einem Bild einen Bart und breitere Schultern gezeichnet hatte. Eastwood selbst trat seine erste Europa-Reise mit geringen Erwartungen an, wie er 2003 in einem Interview erklärte. "Ich dachte: Das wird bestimmt ein Flop. Aber ich komme mal nach Italien und Spanien."

Tatsächlich herrschten am Set mitunter chaotische Bedingungen. Gedreht wurde im Glutofen der spanischen Wüste. Eine Tortur für die Darsteller, die dem pedantischen Leone eine willkommene Authentizität lieferte. Dreckige, verschwitzte Gesichter sollten schließlich ein Markenzeichen der Italo-Western werden. Das galt auch für das ausgefallene Outfit des Hauptcharakters, den Poncho tragenden Fremden. Eastwood hatte sich für seine Filmfigur eigens Teile seiner Serienrequisite in den Koffer gepackt: die schwarzen Jeans, die braunen Cowboystiefel, die verzierten Griffschalen seines Colts samt Patronengürtel. Auch die Virginia-Zigarillos hatte er sich extra vor seiner Reise besorgt. Vorsorglich nahm der Schauspieler seine gesamte Garderobe jeden Abend mit ins Hotelzimmer. "Es war alles zusammengestückelt", erinnert sich Eastwood, "es gab keinen Ersatz, falls etwas kaputtging."

Problematischer war aus Sicht des Schauspielers die mangelnde Disziplin der europäischen Filmcrew. "Es konnte passieren, dass du beim Dreh einer Szene aus den Augenwinkeln ein paar Typen Frisbee spielen sahst. Oder irgendwer erzählte einen Witz und andere lachten - sie waren einfach nie ruhig." Und da der Film komplett nachvertont werden sollte, herrschte ohnehin schon ein permanentes, internationales Stimmenwirrwarr. Wolfgang Luschky (Sheriff Baxter), Sieghardt Rupp (Esteban Rojo), Marianne Koch (Marisol) und Josef Egger (Totengräber Piripero) sprachen deutsch, die mexikanischen Gangster waren überwiegend spanische Statisten, während ein anderer Teil der Darsteller aus Italien stammte.

Freikarten für den Filmflop

Lediglich sieben Wochen dauerte der merkwürdige Dreh. Am Ende kehrte Eastwood mit dem Gefühl in die USA zurück, dass seine Art des wortkargen, physischen Schauspiels den Produzenten überhaupt nicht gefiel. "Sie sagten sich: Verdammt, dieser Kerl tut überhaupt nichts, sagt überhaupt nichts, steht nur da mit seinem Zigarillo."

Auch Leone begann an seinem Werk zu zweifeln, nachdem seine Neuinterpretation eines Westerns bei der Uraufführung auf dem internationalen Filmfestival im italienischen Sorrent gnadenlos floppte. Auch unter dem neuen Titel "Für eine Handvoll Dollar" und dem zeitweilig verwendeten Pseudonym Leones "Bob Robertson", das den Anschein erwecken sollte, dass der Film eine US-Produktion ist, fand Leone keine Abnehmer. Sein Durchbruch erfolgte erst im Bahnhofskino von Florenz - mit tatkräftiger Unterstützung der Produktionsfirma Jolly-Film, die Eintrittskarten in der Stadt verschenken ließ.

"Für eine Handvoll Dollar" führte schließlich auch zum Erfolg zahlreicher europäischer Schauspieler. So profitierte auch Klaus Kinski als gnadenloser Menschenjäger Loco in "Leichen pflastern seinen Weg" (1968) von der ausgelösten Italo-Western-Welle.

"Die Leichen müssen noch voll Blei gepumpt werden"

Das Verfallsdatum des Genres rückte angesichts der inflationär produzierten Schießorgien schnell näher. Zumal sich ihr Grundrezept in zehn Jahren kaum änderte. Gewalt war eines der Erfolgsgeheimnisse des Italo-Westerns, wie Regisseur Duccio Tessari 1966 dem SPIEGEL erklärte: "Die Leichen müssen noch voll Blei gepumpt werden, denn diese letzten Kugeln machen den Leuten am meisten Spaß." Ähnlich sah es sein Kollege Sergio Corbucci, der unter anderem "Leichen pflastern seinen Weg" drehte: "Ich töte eine Menge Leute, mehr als Nero und Caligula zusammen." Es sei allerdings "schwierig, sich immer eine neue Methode dafür auszudenken".

So wurden die letzten publikumswirksamen Gefechte bezeichnender Weise mit der Hand ausgetragen. Terrence Hill und Bud Spencer verteilten in ihren Western-Parodien "Die rechte und die linke Hand des Teufels" (1970) oder "Vier Fäuste für ein Halleluja" (1972) ebenso viele Ohrfeigen wie Pistolenschüsse. Ein sicheres Zeichen für das nahende Ende der italienischen Gewaltoper. Mitte der siebziger Jahre hatte sich der Italo-Western endgültig selbst eliminiert.

Sein filmisches Erbe hingegen hält bis heute. Es war die Blaupause des modernen, wortkargen Action-Helden von Arnold Schwarzenegger über Sylvester Stallone bis Jason Statham, die 1964 im Staub von Leones Dreharbeiten zu "Für eine Handvoll Dollar" entstand. Es war jener Moment in der Filmgeschichte, erklärt der britische Historiker und Leone-Biograf Christopher Frayling, "als der Held aufhörte, ein Kreuzritter zu sein und ein Modestatement wurde".

Zum Weiterlesen:

Uwe Killing: Dreckige Spaghetti. Die glorreiche Geschichte des Italo-Western", Hannibal-Verlag, Höfen 2013, 245 Seiten.

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1.
Axel Sproesser, 13.03.2013
Der deutsche Synchronsprecher heißt nicht Wolfgang Luschky, sondern Wolfgang LuKSCHY. Herr Lukschy war übrigens auch außerhalb seiner Tätigkeit als Synchronsprecher ein erfolgreicher Schauspieler/Musicaldarsteller: Er hatte über 500 Auftritte als Prof. Higgins in My Fair Lady! Beste Grüße aus Heilbronn, Axel Spoesser
2.
Frank Hinz, 13.03.2013
Zwei glorreiche Halunken (il buono, il brutto, il cattivo). Der ultimative, beste, frauenfreieste tiefgrùndige Western. Unsterblich die Dialoge: "Menschen teilt man in zwei Kategorien ein: Die einen haben einen geladenen Revolver in der Hand und die anderen eine Schaufel: Los, buddel!" "Schufte wie der haben einen Schutzengel, dieser hat sogar einen blonden Schutzengel, der stàndig ùber ihn wacht." "Ich suche so einen blonden Hurensohn, der das Maul nur aufmacht, wenn es unbedingt sein muss." "Wenn ich Dich umlege, gibt es einen Fettfleck, und viel Krach werde ich dabei nicht machen." "Du siehst aber nicht aus wie jamand, der 2.000 Dollar verdient." "Wechsel Deinen Partner und Du machst ein glànzendes Geschàft." "Bis zur nàchsten Stadt sind es 70 Meilen. Wenn Du unterwegs nicht zuviel fluchst, kannst Du es vielelicht schaffen." "Nimm ein paar tiefe Zùge, dann kannst du gut kacken." "Idiot. Das ist an Dich gerichtet" "Lee..... Gott ist nicht mit uns. Er hasst Idioten wie Dich." "200.000 Dollar sind eine Menge Geld. Die wollen wir uns erst einmal verdienen" usw. Ich habe gewent, als sich Clint kùrzlich so làcherlich gemacht hat......
3.
Werner Günter Dewerth, 13.03.2013
Einer der skurrilsten fFlmtitel dieses Genres war ?Noch warm und schon Sand drauf"
4.
Joey Casti, 13.03.2013
Das ist ein Hohn für die Italo-Western diese genialen und durchaus realistischen Filme mit so einem Dreck wie Winnipou zu vergleichen !! Nur lachhaft.
5.
Siegfried Steiner, 13.03.2013
Nicht zu vergessen das gesetzte Denkmal durch "Last Man Standing" als Neuverfilmung von "Für eine Handvoll Dollar" mit Bruce Willis (Regie Walter Hill) :-)
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