Serienmörder Marcel Petiot Jagd auf "Dr. Satan"

Arzt, Bürgermeister, Mörder: Marcel Petiot gab mitten im Weltkrieg vor, verfolgte Juden aus dem besetzten Frankreich zu schleusen - und brachte sie reihenweise um. Mit einem wahnwitzigen Konstrukt aus Lügen narrte er jahrelang die französische Justiz, selbst Hitlers Geheimdienst fiel auf den Killer herein.

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Marcel Petiot befürchtete das Schlimmste. Soeben hatte ihn die Pariser Polizei angerufen. Offenbar brannte seine Zweitwohnung! Die Nachbarn hatten bemerkt, wie aus dem Schornstein seines Hauses dichter Qualm aufstieg. Extrem übelriechender Rauch. Sie ahnten nicht, dass es der Gestank von verbrennendem Fleisch war.

"Haben Sie das Gebäude betreten?", fragte Petiot den Polizisten am Telefon. Als der verneinte, fügte er hinzu: "Unternehmen Sie nichts. Ich werde in 15 Minuten mit den Schlüsseln dort sein." Dann schwang er sich auf sein Fahrrad und fuhr hastig los.

An diesem 11. März 1944 verschwendete der 47-jährige Arzt keinen Gedanken daran, ob seine dreigeschossige Villa aus dem 19. Jahrhundert abbrannte. Seine einzige Angst war: Hatten Polizei und Feuerwehr sein Geheimnis schon entdeckt?

Sie hatten. Als Petiot seine Wohnung erreichte, traf er auf bleiche Polizisten und verstörte Feuerwehrmänner. Einer von ihnen hatte sich gerade übergeben. Er war auf der Suche nach dem Brandherd in den Keller gegangen. Dort standen zwei Kohleöfen. Aus einem baumelte eine menschliche Hand. Ringsherum war der Boden übersät mit menschlichen Überresten, hier ein Kopf, da Rippen, Füße, Arme und Knochen, überall Knochen. Die Polizei war auf ein Massengrab gestoßen - und das im reichen 16. Pariser Arrondissement.

Tödliche Versprechen

Der Mann, der für diesen Horror verantwortlich war, ging nun in die Offensive. Petiot stellte sich als Bruder des Hausbesitzers vor und warf, als ihn die Polizei in den Keller führte, einen ungerührten Blick auf die verkohlten Leichen. Dann sagte er zu den Polizisten: "Meine Freunde, ich riskiere meinen Kopf. Bei den Körpern handelt es sich um Deutsche und Vaterlandsverräter. Ich bin der Führer einer Widerstandsgruppe." Er bat die Polizisten, "echte Patrioten" zu sein und ihn gehen zu lassen, bevor der Feind ihn entdecke.

Der dreiste Bluff ging auf. Damit hatte die Polizei den schlimmsten französischen Serienmörder laufenlassen. "Dr. Satan", wie die Presse ihn später taufte, hatte mindestens 25, vielleicht sogar mehr als 60 Menschen getötet. Den meisten hatte er versprochen, sie mit Hilfe eines Fluchtrings aus dem von den Nazis besetzten Frankreich nach Südamerika zu schleusen. In Wirklichkeit lockte er sie mit ihrem ganzen Vermögen in seine Wohnung und ermordete sie dort in einem speziellen, schalldichten, dreieckigen Raum, vermutlich mit Giftspritzen.

Und jetzt, am 11. März 1944, radelte "Dr. Satan" in die Freiheit. Die Polizei suchte erst einen Tag später wieder an seinem Hauptwohnsitz nach ihm - und verpasste den Mörder um eine halbe Stunde.

Mit dieser peinlichen Panne begann, mitten im Krieg, die Jagd auf einen Mann, der ebenso hochintelligent wie skrupellos war. Der zu Wutanfällen und Kleptomanie neigte, sich dann aber immer wieder mit Charme, Schmeicheleien und außergewöhnlicher Eloquenz aus brenzligen Situationen herausmanövrierte und damit schließlich alle narrte: seine Freunde, seine Patienten, die Polizei, die Justiz, die französische Résistance, ja selbst Hitlers Geheimdienst.

Ein "anomaler Jugendlicher"

Vor allem war Marcel Petiot ein Mann, der nie hätte Arzt werden dürfen - ein Beruf, mit dem er sich das Vertrauen seiner Opfer erst erschleichen konnte. Denn als die Ermittler sich nun akribisch mit seiner Vergangenheit beschäftigten, alte Polizeiakten wälzten, seine Weggefährten und mehr als 2000 ehemaligen Patienten befragten, wurde schnell klar: Petiot war psychisch krank. Damit hatte er sogar öffentlich geprahlt.

Schon in jungen Jahren war der Sohn eines Postangestellten auffällig geworden. Er habe Vögeln die Augen ausgestochen, berichtete sein Kindermädchen. In der Schule ballerte er einmal mit dem Revolver des Vaters in die Decke. Gleich mehrmals flog er vom Gymnasium. Nachdem er Post aus Briefkästen gestohlen hatte, wurde er mit 17 Jahren erstmals von einem Psychiater untersucht.

Petiot sei ein "anomaler Jugendlicher", urteilte der Gerichtsgutachter, der "unter persönlichen und erblichen Problemen" leide. Fünf Jahre später eine ähnliche Diagnose: Als Soldat hatte Petiot während des Weltkriegs einen Nervenzusammenbruch erlitten und sich selbst in den Fuß geschossen. In einer Psychiatrie wurden ihm schwere Depressionen, Paranoia und ein geistiges Ungleichgewicht attestiert. Er erhielt eine hundertprozentige Invalidenrente von der Armee und sollte fortan regelmäßig psychiatrisch überwacht werden.

Bürgermeister mit Kleptomanie

Doch schon bald entzog er sich der Kontrolle, studierte Medizin und zog 1922 in das kleine Städtchen Villeneuve-sur-Yonne. Dort pries er sich selbst wortreich als "Arzt der Armen" an, der auch mittellose Patienten kostenlos behandelte. Die scheinbare Großherzigkeit wurde sein Sprungbrett in die Politik: 1926 wurde Petiot mit großem Vorsprung zum Bürgermeister seiner Stadt gewählt.

Es war die perfekte bürgerliche Fassade, die ihn in den nächsten Jahren vor unangenehmen Fragen schützte. So verziehen ihm die Bürger seine kleptomanischen Züge, die ein offenes Geheimnis waren. Auf Hausbesuchen ließ der liebe Herr Doktor gerne kleine, meist wertlose Gegenstände mitgehen. Er demontierte sogar ein schweres Steinkreuz vom örtlichen Friedhof - nicht ohne die Polizei zuvor augenzwinkernd vor dem mysteriösen Verschwinden des Kreuzes zu warnen.

Neben solch harmlosen Marotten gab es etliche gravierende Vorkommnisse, die seine Mitmenschen hätten aufrütteln können. So verschwand Petiots bildhübsche Geliebte plötzlich spurlos, nachdem sie schwanger geworden war. Eine weitere mutmaßliche Geliebte wurde erschlagen und ihr Haus in Brand gesetzt. Ein Augenzeuge, der den Bürgermeister in der Nähe des Tatorts gesehen haben wollte, verstarb wenig später unter seltsamen Umständen: Es war Petiot, der ihm eine Spritze gegen Rheuma verabreicht hatte - und es war Petiot, der danach den Totenschein ausstellte.

Ein erfundener Fluchtring

Trotz solcher Indizien versandeten die Ermittlungen der Polizei. Es war vergleichsweise eine Lappalie, die den Arzt in Schwierigkeiten brachte. Wegen Betrugs (Petiot hatte unter anderem Öl unterschlagen, Rechnungen manipuliert und Strom gratis bezogen) wurde er als Bürgermeister suspendiert und zu einer Geldstrafe verurteilt. Verbittert kehrte er der Provinz den Rücken und zog 1932 nach Paris. Dort gewann er mit vermeintlich wundersamen Heilmethoden und kostengünstigen Drogenkuren schnell einen neuen großen Stamm an Patienten. Erneut geriet er mit der Justiz in Konflikt (diesmal wegen Ladendiebstahls und Steuerhinterziehung), erneut wurde er in die Psychiatrie eingewiesen - und war bald wieder frei.

Als die Wehrmacht 1940 Frankreich überrannte und die Verfolgung von Juden zunahm, bot dieses Klima der Angst Petiot den perfekten Schutz für seine Verbrechen. Während der Besatzung von Paris verschwanden täglich Menschen spurlos. Hatten sie sich nur versteckt? Waren sie von den Deutschen verschleppt worden? War es nicht lebensgefährlich, einen Vermissten bei den Behörden zu melden?

Der liebenswürdige Arzt mit den tiefbraunen Augen spielte nun mit seiner rhetorischen Überzeugungskraft, säte Hoffnungen, gerierte sich als furchtloser Widerstandskämpfer. Unter dem Namen "Dr. Eugène" streute er Gerüchte, er sei Kopf eines Fluchtrings namens "Mouche Tox", der für 50.000 Franc eine Ausreise über Spanien nach Argentinien organisieren könne. Doch der Weg in die Freiheit endete immer gleich: im Kohleofen von Dr. Petiots alter Villa.

Mühsame Spurensuche

Mit gefälschten Postkarten aus Südamerika gaukelte er Angehörigen nach den Morden stets vor, die Flucht sei gelungen - und fand damit oft seine nächsten Opfer, die meisten von ihnen Juden. Aus Angst vor der Deportation rafften sie ihr Geld zusammen, nähten ihre Juwelen in die Schulterstücke ihrer Mäntel und vertrauten sich dem Arzt an, den manche als "Mann von großer Kultur und Feingefühl" anpriesen. Nur wenige sprangen rechtzeitig ab, etwa weil ihnen die schmutzigen Hände des Doktors und sein Gerede von Spritzen vor der Abreise seltsam erschienen.

Der Erfolg des erfundenen Fluchtrings wurde dem Killer fast zum Verhängnis. Das Netzwerk von "Dr. Eugène" sei "auf bemerkenswerte Weise organisiert", notierte die Gestapo im April 1943. Kurz danach konnten sie Petiot festnehmen. Doch schon nach sieben Monaten Gefängnis wurde der Franzose gegen eine Bezahlung von 100.000 Franc wieder entlassen - warum ist bis heute unklar. Wenig später verriet ihn der stinkende Rauch in seiner Villa.

Die Polizei stand nun vor fast unlösbaren Problemen: Die verkohlten Leichen waren nicht zu identifizieren; nicht einmal die exakte Zahl der Toten konnte bestimmt werden. Mühsam mussten die Ermittler nach Anhaltspunkten in der Kleidung der Ermordeten suchen. Denn Petiot hatte alle Koffer der Flüchtlinge in seiner Wohnung aufbewahrt oder seinem Bruder übergeben: Die Fahnder mussten sich nun durch 83 Koffer mit einem Gesamtgewicht von fast zwei Tonnen wühlen.

"Logik war sein persönlicher Feind"

Schlimmer noch: Sie hatten nicht die winzigste Spur von Marcel Petiot. Seine Frau schien komplett ahnungslos und naiv, sein Bruder verstrickte sich in tiefe Widersprüche, seine Bekannten beschuldigten sich gegenseitig und zogen ihre Aussagen dann wieder zurück. Genauso rätselhaft blieb den Ermittlern die Persönlichkeit des Flüchtigen, den sein Bruder als einen "sympathischen, ausgeglichenen Menschen" beschrieb: Was trieb ihn an? Machtphantasien, Geldgier, Sadismus?

Letztendlich gibt es darauf keine Antwort. "Logik und gesunder Menschenverstand waren seine persönlichen Feinde und hatten keinen Ort in seinem Verstand", mutmaßte ein ehemaliger enger Freund später. "Sein größtes Vergnügen bestand darin, mit den Köpfen der Menschen zu spielen. Er wusste, wie man Zweifel weckte, obwohl man oft vermutete, dass er das Gegenteil von dem sagte, was er wirklich glaubte."

Es war dieser Hang zum Rollenspiel und zur Prahlerei, mit dem sich Petiot schließlich selbst enttarnte. Unter dem Namen "Capitaine Henri Valerie" hatte er sich nach seiner Flucht dem französischen Widerstand angeschlossen. Als er sich unter seinem wahren Namen in einem Zeitungsartikel damit brüstete, "Tausende Nazis" gerächt zu haben, lieferte ihn Ende 1944 ein Kollaborateur der Deutschen an die Polizei aus.

Applaus für einen Serienmörder

Zwei Jahre später begann einer der spektakulärsten Justizprozesse in der Geschichte Frankreichs. Petiot nutzte sie als dramatische Plattform. Mit einer Mischung aus tiefer Verachtung gegenüber der Justiz und beleidigenden Witzen brachte er das Publikum zum Lachen und trieb den Präsidenten des Gerichthofs zur Weißglut.

Trotz erdrückender Beweislage gefiel sich Petiot bis zum Schluss in der Rolle des Patrioten und Widerstandskämpfers, der nur Deutsche getötet habe - manchmal mit Geheimwaffen, über die er nicht reden dürfe. Nicht wenige Zuschauer glaubten ihm. Sein Anwalt plädierte auf Freispruch, beklatscht vom Publikum. Als Petiot dennoch wegen 26-fachen Mordes zum Tod durch die Guillotine verurteilt wurde, rief er feurig: "Ich muss gerächt werden!"

Vor 65 Jahren, am 25. Mai 1946, wurde Marcel Petiot um kurz vor 5 Uhr morgens zur Guillotine geführt. Frankreichs größter Serienmörder war auch Minuten vor seinem Tod nicht um Worte verlegen: "Meine Herren, schauen Sie besser nicht hin", sagte er seelenruhig, "das wird kein schöner Anblick sein." Dann fiel die Klinge.

Zum Weiterlesen:

Thomas Maeder: Die unglaublichen Verbrechen des Dr. Petiot. Chronik eines Serienmorders", Semele Verlag 2006.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Oliver Plessow, 29.05.2011
1.
"Heute ist der Fall Petiot nahezu in Vergessenheit geraten." Verstehe ich nicht. Der Fall ist zweimal (1973, 1990) verfilmt worden, und die zweite Verfilmung lief schon mehrmals im deutschen Fernsehen. op
Carolin Nax, 30.05.2011
2.
>"Heute ist der Fall Petiot nahezu in Vergessenheit geraten." Verstehe ich nicht. Der Fall ist zweimal (1973, 1990) verfilmt worden, und die zweite Verfilmung lief schon mehrmals im deutschen Fernsehen. > >op wie heißen denn die filme?
Frank Fischer, 30.05.2011
3.
wikipedia: Vom Gericht unerwähnt, war Petiot aber Agent von "The Pond", einer kleinen Spionageorganisation des Militärgeheimdienstes des US-Kriegsminsteriums. Er schöpfte Offiziere der deutschen Abwehr und Flüchtlinge die als Patienten zu ihm kamen ab und lieferte so etwa 1942 die Information der Massaker von Katyn, die aber unterdrückt wurde, da die Sowjetunion alliierter Verbündeter war. Er unterrichtete die Amerikaner, das es eine Raketenproduktion in Peenemünde gab und einige Agenten der Abwehr wurden vom FBI durch seine Informationen in den USA verhaftet. http://globale-ethik.blogspot.com/2009/11/der-pakt-von-standard-oil-mit-den-nazis.html
Gerd Rönnebeck, 01.06.2011
4.
@Carolin Nax Hier ein Hineweis zum Thema: http://www3.berliner-kurier.de/tv-programm-bk/index.php?aktion=archiv&mid=1989_dr_petiot
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