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11. August 2010, 09:30 Uhr

Serienstars der Achtziger

Legenden in Lederslippern

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"Airwolf", "A-Team", Achtziger: Millionen waren fasziniert, als David Hasselhoff als "Knight Rider" durchs Fernsehen raste und Don Johnson in "Miami Vice" im Designerfummel Dealer jagte. einestages erinnert an die Serien von damals - und erzählt, was aus ihren Helden wurde.

Der Kinotrailer beginnt mit Marschtrommeln. Ein Motor brüllt auf, dann hebt ein Wagen ab wie in Zeitlupe, fliegt und lässt die Pfähle einer Absperrung zersplittern. Der Fahrer, ein muskelbepackter Kerl mit schweren Goldkettchen und Irokesenschnitt, reißt das Steuer herum, die Räder drehen durch und wirbeln Staubwolken auf. Ein Mann rennt auf das Auto zu, doch mit einem Ruck stößt der grimmige Fahrer ihm die Tür vor den Kopf und steigt aus. Ein anderer Mann stellt sich ihm in den Weg. Der tätowierte Muskelprotz sagt knapp: "Ich bin B.A. - und bei dir gehen gleich die Lichter aus", und tritt sein Gegenüber meterweit durch die Luft. Der Sprecher des Kinotrailers verrät: Er ist B.A. Baracus - Fahrzeug- und Waffenexperte des berüchtigten "A-Teams".

Solche Szenen aus der Neuverfilmung der Achtziger-Kultserie "A-Team" treiben Mr. T die Galle hoch. Im "Stern" schimpfte

der Schauspieler im Dezember 2007: "Ich bin das Original, es gibt keinen zweiten Baracus." Er spielte von 1983 bis 1987 in der Serie Baracus, der gemeinsam mit seiner Militäreinheit zu Unrecht eines Kriegsverbrechens bezichtigt wurde. Fortan lebten B.A., der charismatische "Face", der geisteskranke H.M. Murdock und ihr zigarrerauchender Anführer John "Hannibal" Smith ständig auf der Flucht. Doch für die Neuverfilmung wurden die alten Schauspieler durch neue ersetzt. Ein wenige Sekunden langer Cameo-Auftritt wurde Mr. T angeboten - doch er lehnte wütend ab. Die Stars von damals, schien es, brauchte keiner mehr.

Und so bleibt Mr. T nichts anderes übrig, als weiter das Leben eines Helden im Ruhestand zu leben, wie er es bisher tat, seit nach dem Serienende die Filmangebote ausblieben: Indem er auf Shopping-Kanälen weiter seinen "Mr. T Flavorwave"-Ofen verkauft. Oder indem er erneut in einem Werbespot für das Computerspiel "World of Warcraft" als "Nachtelfen-Irokese" auftritt, wie er es schon zweimal tat. Und vielleicht sogar, indem er noch einmal in einer Snickers-Werbung mit einem Schokoriegel-Maschinengewehr auf mit dem Hintern wackelnde Walker schießt und sie anbrüllt: "Es ist Zeit zu rennen wie ein echter Mann!"

Immerhin ist Mr. T nicht allein mit seinem Schicksal: Für etliche Serienhelden der Achtziger hat sich nach dem Serienfinale alles geändert. Einige wenige wie Tom Selleck oder Johnny Depp schafften es, mit dem Schwung ihres Serienruhms auch in Kinofilmen bekannt zu werden. Andere ließen den Rummel des Filmgeschäfts mit dem Geld, das sie angehäuft hatten, hinter sich und zogen sich ins private Glück zurück. Aber viele mussten nach dem Höhenflug ihrer Egos in den Achtzigern einen plötzlichen Absturz in die Bedeutungslosigkeit erleben, den sie nicht immer verkraften konnten - und der manche fast das Leben kostete.

Vom Drogenfahnder zum Hellseher

Je höher der Höhenflug des Ruhms war, desto tiefer wurde der Fall. So wie bei Philip Michael Thomas: 1986 jagte er im deutschen Fernsehen erstmals in "Miami Vice" Drogenhändler - als Ricardo Tubbs mit seinem Partner Sonny Crockett, gespielt von Don Johnson. "Miami Vice" wurde stilprägend für die Achtziger: Die pastellfarbenen Armani-Sakkos und weißen Lederslipper der Undercovercops wurden zu modischen Pflichtaccessoires, spezielle Rasierapparate zum Schneiden des Drei-Tage-Barts von Crockett standen in den Läden, und die einzige Sonnenbrille, mit der man sich noch vor die Tür trauen konnte, war die aus der Serie bekannte Wayfarer. Mit Hilfe eines Beraterstabs von Designern wurden Johnson und Thomas zu Stilikonen der Achtziger.

Kein Wunder, dass Thomas sich nicht in Bescheidenheit übte: So verglich er sich 1985 in der Zeitschrift "People" mit Gandhi und behauptete, er und Don Johnson seien "größer geworden als die Beatles". Er erinnerte an den Stahltycoon Andrew Carnegie, den Automobilpionier Henry Ford und den Erfinder Thomas Edison - und sagte: "Ich glaube, ich gehöre zu ihnen." Um seinen Hals trug Thomas damals stets eine Goldkette mit den Buchstaben "EGOT". Er behauptete, das stünde für "energy, growth, opportunity, talent" (Energie, Wachstum, Chance, Talent). Doch man munkelte, eigentlich stünde es für Emmy, Grammy, Oscar und Tony - die höchsten Auszeichnungen im amerikanischen Showbusiness. Angeblich hatte Thomas sich in den Kopf gesetzt, sie alle zu gewinnen.

Doch der selbstbewusste Schauspieler sollte seine hochgesteckten Ziele niemals erreichen: Während sein Kollege Don Johnson auch nach "Miami Vice" mit der Polizeiserie "Nash Bridges" Erfolg hatte, ging es mit Thomas' Karriere abwärts: So drehte er Anfang der Neunziger für RTL plus und das italienische Fernsehen mit Bud Spencer die Serie "Zwei Supertypen in Miami" - und wurde in dem klamaukigen "Miami Vice"-Abklatsch zu einer Persiflage seiner selbst. Und selbst hier war Thomas noch ersetzlich: Ab der zweiten Staffel wurde seine Rolle von der "Police Academy"-Ulknudel Michael Winslow gespielt.

Mitte der Neunziger erreichte seine Karriere schließlich einen bizarren Tiefpunkt: 1994 wurde Thomas Sprecher des Psychic Reader's Network, einer Organisation von Telefon-Hellsehern. In Werbespots trat er mit dem Slogan "from Miami Vice to world advice!" (von "Miami Vice" zur Weltberatung) auf und versuchte so, mit Erinnerungen an seinen einstigen Ruhm Aufmerksamkeit zu erregen - allerdings ohne Erfolg: Bald ersetzte man ihn durch eine neue Sprecherin - eine selbsternannte Wahrsagerin und Schamanin namens Youree Dell Harris, die als "Miss Cleo" gegen astronomische Gebühren telefonisch die Gedanken von Anrufern zu lesen versprach. Seither ist es still geworden um Thomas - doch vielleicht ist das nicht das Schlimmste, was ihm passieren konnte.

Sexsymbol auf der Restmüllhalde

Nicht alle Serienhelden der Achtziger erlebten diese Gnade des Vergessens: Am 13. September 2007 schleppte sich ein alter Mann in das Studio der US-Boulevard-Fernsehshow "The Insider". Mitarbeiter stützten ihn, während er sich auf seinen Stuhl hievte. Ungepflegte, lange Haare hingen bis auf die Schulterpolster seines Sakkos, in dem der gebrechliche Herr fast versank. Unter seinem Kopf erschien ein Name: "Jan-Michael Vincent". Der Star der Kultserie "Airwolf", der jede Woche mit seinem hypermodernen Kampfhubschrauber auf geheimer Mission flog. Der Mann, der mit seinen blonden Haaren und seinem muskelgestählten Körper zum Sexsymbol wurde - und mit einem Honorar von 200.000 Dollar pro Folge zum bestbezahlten Serienstar der Achtziger.

Doch von dem Ruhm war nun, dreißig Jahre später, nichts mehr geblieben. Vielleicht war genau das sogar der Grund gewesen, Vincent zum Interview einzuladen. Jedenfalls befahl die junge Interviewerin ohne Umschweife: "Reden Sie mit mir über Ihre Gesundheit - sofort." In Großaufnahme hielt die Kamera das faltige Gesicht fest, während Vincent die Augen schloss und sichtlich darum kämpfte, Worte zu formen. Schließlich stieß er ein heiseres, genuscheltes Flüstern hervor: "Na ja, ich bin ein alter Mann." Das Sprechen fiel ihm schwer, seit er 1996 betrunken in einen schweren Autounfall geraten war. Drei Halswirbel hatte er sich dabei gebrochen, und bei den lebensrettenden Maßnahmen wurde eines seiner Stimmbänder irreparabel verletzt.

Nach dem Karriereende, dem Absturz in Alkoholismus und Kokainsucht, war vom "Airwolf" kaum mehr als ein Wrack übrig - das nun, bei "The Insider", auf der Restmüllhalde angekommen schien und gnadenlos vorgeführt wurde: Die Interviewerin sprach seinen Unfall an, doch Vincent blinzelte verständnislos. Er könne sich nicht daran erinnern, einen Unfall gehabt zu haben. Als er ein Foto seiner Tochter zeigte und gefragt wurde, wie alt sie sei, schaute er nur betreten auf seine Füße und nuschelte: "Da haben Sie mich erwischt." Satz für Satz wurde unklarer, weshalb der Schauspieler diese Bloßstellung nur auf sich nahm. Bis er es am Ende selbst erklärte: "Ich möchte einfach jemand sein, der den Menschen etwas bedeutet, wenn sie ihn sehen."

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