Goldfieber in der Serra Pelada Rum und Rausch

Die Gier nach Gold lockte in den Achtzigerjahren Zehntausende in den Norden Brasiliens. Die meisten Abenteurer gingen leer aus, manche fanden kurzzeitig ihr Glück.

Corbis/ Herve Collart

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In brütender Hitze kletterten scheinbar endlose Kolonnen schwer bepackter Arbeiter steile Erdhänge hinauf, auf denen kein einziger Grashalm wuchs. Von Kopf bis Fuß waren diese Männer mit einer dicken Schlamm- und Staubschicht bedeckt. Auf dem Rücken schleppten sie bis zu 50 Kilogramm schwere Säcke, die prall mit goldhaltiger Erde gefüllt waren. Formigas nannte man sie geringschätzig, "Ameisen".

Es war der größte Goldrausch in der Geschichte Lateinamerikas: Bis zu 100.000 Abenteurer gleichzeitig schürften in den Achtzigerjahren in der Serra Pelada im brasilianischen Amazonasgebiet. Es ist nur etwa 30 Jahre her - doch Fotos von dem Ereignis wirken wie aus grauer Vorzeit. Ähnliche Szenen könnten sich beim Bau der Pyramiden abgespielt haben. Nur dass auf dem Kahlen Berg nicht in die Höhe gebaut, sondern in die Tiefe gegraben wurde. Statt Sklaven waren Freiwillige am Werk, die vom großen Reichtum träumten. Ans Ziel kamen allerdings nur wenige. Für die meisten Goldsucher endete das Abenteuer im Elend.

Eine Grube, so groß wie ein Fußballstadion

Die Nachricht vom ersten Goldfund in der kargen Gebirgsregion im Bundesstaat Pará verbreitete sich 1979 wie ein Lauffeuer durch ganz Brasilien. In den folgenden Monaten kamen Scharen von Goldsuchern, sogenannte Garimpeiros, über eine staubige Landstraße zu dem Ort, an dem sie ein neues Eldorado vermuteten. Binnen weniger Monate stieg ihre Zahl auf etwa 30.000.

Augenzeugen berichteten, dass auf dem Gelände innerhalb von zwei Jahren eine zwischen hundert und zweihundert Meter tiefe Grube ausgehoben wurde, die so groß war wie das Maracanã-Fußballstadion in Rio de Janeiro. Die Hysterie der Goldjäger steigerte sich weiter, als im September 1983 ein Mann namens Lindolfo de Brito einen 62,3 Kilogramm schweren Goldklumpen entdeckte. Das war der größte je in Brasilien registrierte Fund. Nach offiziellen Angaben wurden in der Serra Pelada insgesamt etwa 30 Tonnen Gold abgebaut.

Moderne Maschinen gab es nicht. Wie in vorindustriellen Zeiten besaßen die Schürfer nur primitive Werkzeuge wie Spaten, Schaufel und Spitzhacke, mit denen sie sich mühsam durch das Erdreich arbeiteten. In der Mine herrschten strenge Regeln. In den stufenförmig angelegten catas, zwei mal drei Meter großen Schürfeinheiten, durften jeweils zehn Männer arbeiten . Diese Stufen waren nur über schwankende Leitern zu erreichen, die im Goldgräberjargon Adeus-mamãe, "Lebewohl, Mama", hießen.

Die Armen schufteten, die Reichen prassten

Rasch zeigte sich, wer in der Mine das Sagen hatte. Claim-Besitzer ließen Tagelöhner für sich arbeiten. Etwa zwei Prozent der Goldsucher teilten sich mehr als 70 Prozent des Gewinns. Ricardo Kotscho, der als einer der ersten Journalisten im Land über die Serra Pelada berichtete, beschrieb die Situation als "Spiegelbild der sozialen Struktur Brasiliens". Die härteste Knochenarbeit verrichteten die "Ameisen", die der untersten sozialen Kategorie angehörten.

Durchschnittlich 30 Mal am Tag schleppte jeder dieser Arbeiter einen Sack aus der Grube nach oben. Als Gegenleistung erhielten sie einen lächerlich geringen Lohn, Verpflegung und eine behelfsmäßige Unterkunft unter einer Plastikplane. Viele von ihnen kamen bei Unfällen ums Leben oder starben an Tropenkrankheiten.

José Mariano dos Santos, Spitzname "Indio", gehörte zunächst zu den Gewinnern des Goldrauschs. Wie Kotscho berichtete, schuftete dos Santos anderthalb Jahre lang auf seiner cata, wo er und die anderen Arbeiter auch aßen und ihre Notdurft verrichteten. Eines Tages fand er dann einen 13 Kilogramm schweren Goldklumpen. "Nie zuvor in meinem Leben hatte ich so viel Geld besessen", erklärte er.

Nachdem der "Indio" mehr als eine Tonne Gold geschürft hatte, stieg ihm der Reichtum zu Kopf. Seine Frau hatte ihn längst verlassen. Dem Schriftsteller Leandro Narloch erzählte er, dass er einmal allein eine Boeing mietete, um zu einer neuen Flamme nach Rio zu fliegen. "Meine einzigen Mitreisenden waren der Pilot, sein Co-Pilot, eine Stewardess und eine Kiste Whiskey", erinnerte er sich. Nach einigen Jahren war das Geld weg, heute muss er mit einer bescheidenen Rente auskommen.

Auch José Raimundo da Silva wurde zum Multimillionär. Seine Schürfeinheit erwies sich im wahrsten Sinn des Wortes als Goldgrube. Auf einer Fläche von nur vier Quadratmetern baute er mehr als zwei Tonnen des Edelmetalls ab. "Jede Woche waren es etwa 200, 300 Kilo", sagte er. Die Polizei musste einen Sicherheitskordon um seine Parzelle bilden. Heute besitzt da Silva ein Hotel in der Großstadt Marabá und trägt eine Rolex am Handgelenk.

Bordelle hatten Hochkonjunktur

Das Klima in der Mine war rau, häufig gerieten Goldgräber miteinander in Streit. Wer die Fäuste auspackte, musste die Serra Pelada umgehend verlassen. Alkohol und Waffen waren auf dem Gelände ohnehin verboten, Frauen hatten keinen Zutritt. Um zu verhindern, dass die Goldmine zu einem gesetzesfreien Raum würde, hatte Staatspräsident João Baptista Figueiredo im Mai 1980 seinen Vertrauten Sebastião Rodrigues de Moura in die Region geschickt.

"Major Curió", wie er genannt wurde, sorgte dafür, dass die brasilianische Bundespolizei die Garimpeiros keine Minute aus den Augen ließ. Andererseits machte er den Goldgräbern auch Zugeständnisse, um sie auf seine Seite zu bringen. Als eine seiner ersten Amtshandlungen eröffnete er in der Nähe der Mine ein Kino, in dem der US-Pornostreifen "Deep Throat" zur Dauerattraktion wurde.

Die Ortschaft O Trinta verwandelte sich in ein Vergnügungszentrum mit zwei Kinos und etwa 40 Bordellen. Die neureichen Goldgräber waren dort Stammgäste. "Die Party ging nie zu Ende", sagte Maria Augusta de Oliveira, Besitzerin des Nachtklubs "Der goldene Drache". "Die Männer kamen mit Bündeln von Geldscheinen. Am nächsten Morgen waren sie pleite und mussten sich bei mir Geld leihen, um zur Mine zurückkehren zu können." Da die Garimpeiros keine Waffen auf das Minengelände mitbringen durften, rechneten sie in O Trinta mit ihren Widersachern ab. "Jede Nacht wurden etwa sieben oder acht Morde begangen", erzählte ein Polizist. "Morgens kam ein Beamter mit einem Auto, um die Leichen einzusammeln."

Ende der Achtzigerjahre begann der Goldboom allmählich abzuflauen. Wenige Jahre später gab die Regierung den manuell betriebenen Bergbau im gesamten Amazonasgebiet auf. In die riesige Grube der Mine drang Grundwasser ein, mittlerweile ist sie ein See. Der Goldrausch in der Serra Pelada ist seitdem Geschichte.



insgesamt 3 Beiträge
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carahyba itembe, 18.04.2016
1. Grube so groß wie ...
Grube so groß wie ein Fussballfeld ... An dieser Zwischenüberschrift sehe ich, dass die Autorin nie an Ort und Stelle war. 1979 gab es noch keine staubige Landstrasse nach Serra Pelada, da gab es nur Pfade, "trilhas" genannt. Und in der Regenzeit waren diese Pfade eher Schlammkulen. Und die spätere Strasse, war nur in der Trockenzeit befahrbar, deshalb auch staubig. Und das als Strasse zu bezeichnen, naja?!?
carahyba itembe, 18.04.2016
2. Major Curió
Major Curió war eine dubiose Gestalt, die der Militärdiktatur nahestand und später, sehr spät, über seine Rolle bei der Folter von Gefangenen während der Militärdiktatur der Prozess gemacht wurde. Und Major Curió war sein Spitzname, leider verheimlicht uns die Autorin weshalb er diesen Spitznamen erhielt.
carahyba itembe, 18.04.2016
3. nix carahyba itembe
Wenn schon "itambé", aber carahyba bedeutet genau das Gegenteil, deshalb hat mir die Grossmutter meiner Frau auch diesen Spitznamen gegeben.
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