Sex! Gewalt! Geflügel! Die besten schlechtesten Filme der Welt

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Zombie-Hühner, singende Kannibalen, Penis-Monster: Anfang der siebziger Jahre gründeten zwei von Hollywood gelangweilte Kinofans Troma. Die US-Filmfirma avancierte mit albernen Horrorstreifen zum Kultstudio - und war die Wiege für Stars wie Kevin Costner oder die "South Park"-Macher. Von

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Lloyd Kaufman hasst Hollywood. Wenn er könnte, würde er es vielleicht einfach in die Luft jagen. Dann würde er ein paar Mutanten durch den Schutt schicken, um die Überlebenden zu erledigen - mit Macheten, Rasenmähern und elektrischen Mixern. Dabei würde er die ganze Zeit eine Kamera mitlaufen lassen und Regieanweisungen geben. Es wäre wohl der größte Hit, den Kaufmans Filmfirma Troma Entertainment je zu Stande bringen würde. Der endgültige Triumph des unabhängigen Kinos über den seelenlosen Mainstream aus der Traumfabrik. Und bestimmt hätte auch Kaufmans legendäres Penis-Monster wieder einen Gastauftritt.

So weit wird es natürlich nicht kommen. Einerseits, weil der 64-jährige Regisseur, Produzent und Troma-Chef viel zu nett ist, um die blutigen Massaker aus seinen Filmen auch im realen Leben zu veranstalten. Andererseits, weil das alles viel zu teuer wäre. Bei Troma nämlich arbeitet man traditioneller- und notwendigerweise stets mit Minimalbudget, dafür aber mit maximalem Herzblut an den Filmprojekten. Überhaupt spielt Blut eine ganz entscheidende Rolle in den Filmen dieser etwas anderen Produktionsfirma.

Bei der Troma-Gründung 1974 spezialisierten sich Kaufman (Zitat: "Die Leute aus der Filmindustrie sind zu 99 Prozent Abschaum") und sein Geschäftspartner Michael Herz noch auf billige Sexkomödien wie "The First Turn-On!" oder "Stuck On You!" 1984 dann legten die Produzenten mit dem Film "The Toxic Avenger" den Grundstein für ihr gemeinsames Schocker-Imperium. Mit dem in Deutschland als "Atomic Hero" erschienenen Film inszenierten Kaufman und Herz damals eine wüste, bewusst billige Superheldenpersiflage, die Troma berühmt machte. Seit ihrem Film über den toxischen Rächer steht der Name Troma vor allem für brutalen, subversiven Slapstick-Horror-Trash jenseits aller Geschmacksgrenzen.

Zudem setzte das ebenso humorige wie blutriefende Machwerk nicht nur in Sachen Story den Standard für alle späteren Untaten des Studios: Der schwächliche Fitnessclub-Hausmeister Melvin aus Tromaville wird von Jungs verhauen und von Mädchen ausgelacht - bis er eines Tages kopfüber in eine Tonne mit radioaktivem Abfall stürzt. Er überlebt den Unfall, mutiert aber zu einem unsagbar hässlichen Rächer mit Superkräften. Diese nutzt er fortan, um seinen früheren Peinigern und allen anderen Unholden der Stadt ein möglichst grausames Ende zu bereiten. Einer landet im Ofen, einem anderen wird ein elektrischer Mixer in den Rachen gerammt, dem bösen Bürgermeister der Kleinstadt werden kurzerhand die Organe rausgerissen. Kein appetitlicher Anblick, aber dank sehr günstiger Spezialeffekte und der Gummiprothesen-Optik eher zum Totlachen als zum Fürchten. Ein großer, ekelhafter Spaß, garniert mit sozial- und konsumkritischen Botschaften - und vielen spärlich bekleideten Frauen.

Toxische Rächer gegen Filme wie Fahrstuhlmusik

Die kreative Größe des Projektes bemerkte anfangs allerdings kaum jemand. Erst nachdem sich der Film monatelang in kleineren Mitternachtsvorstellungen bewiesen hatte, wurde ein breiteres Publikum auf den toxischen Rächer aufmerksam. Der Troma-Mythos war geboren. Lachhaft billig, aber aufregend neu und irgendwie Punkrock. Kurzum: Kino für alle, die genug hatten von Hollywoods filmischer Fahrstuhlmusik.

Kaufman und Herz verstanden sich als Antithese zum korrupten Studiosystem und verweigerten sich nach dem Vorbild des Exploitation-Gottes Roger Corman ("Satanas - Das Schloss der blutigen Bestie") jeder Zusammenarbeit mit den herrschenden kommerziellen Strukturen und der millionenschweren Marketing-Maschine. Dafür standen sie zwar mehrfach an der Grenze zum finanziellen Ruin, konnten aber ein integeres Außenseiter-Image kultivieren, von dem sie bis heute zehren.

Nicht, dass Troma nur Klassiker produziert oder vertrieben hätte. Einiges im mittlerweile mehr als tausend Titel umfassenden Firmenarchiv - die allermeisten Produktionen bringt Troma direkt auf DVD raus und nicht ins Kino - ist tatsächlich nicht mehr als cineastischer Giftmüll. Das kann wohl jeder bezeugen, der sich die ersten beiden, bestürzend witzlosen Fortsetzungen von "Toxic Avenger" angetan hat (Teil vier war wieder besser). Auch Peter Georges "Surf Nazis Must Die" von 1987 ist geradezu unverschämt langweilig für einen Film mit einem so überzeugenden Titel. Und das Beste am eher schwerfälligen "Sgt. Kabukiman, N.Y.P.D" von 1990 über einen zum japanischen Rächer in bunter Asiatracht mutierten Polizisten ist die Autoverfolgungsjagd. Die Überschlagsszene an ihrem Ende samt Explosion wurde in diversen Troma-Werken wiederverwertet - um Kosten zu sparen und weil es lustig ist. Anschlussfehler sind bei Troma Kunst, keine Makel.

Zombie-Hühner greifen an

Am Ende sind es die ehrenwerten Troma-Klassiker zwischen beißender Satire und brutaler Gewalt, die im Gedächtnis bleiben. Einige von ihnen zählen zu den besten schlechtesten Filme der Welt. Etwa die "Rambo"-Abrechnung "Troma's War" von 1988, in der siamesische Zwillinge auch schon mal mit der Machete getrennt und die USA von einer mysteriösen Aids-Sekte terrorisiert wird. Dann wäre da noch der kompromisslos alberne Untoten-Heimatfilm "Redneck Zombies" (1987) von Pericles Lewnes. Die hysterische Musikrevue "Cannibal! The Musical" (1996) von den späteren "South Park"-Erfindern Trey Parker und Matt Stone. Und natürlich die unvergessliche Shakespeare-Adaption "Tromeo und Julia" von 1996. Der Slogan der Neubearbeitung des Theaterklassikers: "Piercing. Sex. Zerstückelungen. Die Dinge, die Shakespeare groß gemacht haben". In dem Film hat außerdem Harry Balls, das beliebte und ebenfalls in vielen Troma-Filmen wiederverwendete Penis-Monster, seinen allerersten Auftritt. Zudem glänzt "Tromeo und Julia" mit einem inzestuösem Happy End und dem Gaststar Lemmy Kilmister (Motörhead) als Erzähler.

Tromas Beitrag zur Popkultur ist unbestritten. Außer Trey Parker und Matt Stone hat die Firma auch die japanische Animationslegende Hayao Miyazaki ("Chihiros Reise ins Zauberland") auf dem amerikanischen Markt bekanntgemacht, als sie 1993 "Mein Nachbar Totoro" in den USA herausbrachte. Auch dem deutschen Trash-Spaß "Das Kondom des Grauens" (1996) hat Troma in die Vereinigten Staaten zu wenn auch bescheidenem Erfolg verholfen. Und sogar spätere Oscarpreisträger wie Marisa Tomei, Samuel L. Jackson oder Kevin Costner haben in Troma-Filmen frühe Schauspielerfahrung gesammelt.

Dass Lloyd Kaufman es immer noch draufhat, bewies er mit seinem letzten Werk "Poultrygeist: Night of the Chicken Dead" (2006), seinem vielleicht besten Film überhaupt. Denn hier verbinden sich alle Essenzen der Troma-Kunst zu einem großen, dreckigen Ganzen: Der bebrillte Loser Arbie versucht auf dem indianischen Friedhof in Tromaville seine Freundin Wendy zu vernaschen, bevor diese aufs College verschwindet. Ein paar Zombie-Hände bemühen sich, die beiden zu stören, was Arbie aber als besondere Sextechnik Wendys fehlinterpretiert. Ein Jahr später treffen sich die beiden am selben Ort, doch auf dem Friedhof ist mittlerweile eine Hühnchen-Fast-Food-Filiale errichtet worden und Wendy hat sich zur lesbischen Aktivistin gewandelt, die gegen den Schnellimbiss-Imperialismus protestiert. Arbie nimmt verbittert einen Job bei "Chicken Bunker" an, um wenig später Zeuge zu werden, wie Kunden, Mitarbeiter und Aktivisten von Mörderhühnern angegriffen oder selbst zu Hähnchen-Zombies werden. Sex! Gewalt! Geflügel! Dazwischen ein paar mitreißende Musicalnummern zum Thema Lesbenporno oder Großkonzern-Wahn. Und selbstverständlich sind auch das sich überschlagende Auto aus "Sgt. Kabukiman, N.Y.P.D" und das Penis-Monster wieder mit dabei, letzteres diesmal mit Schnabel.

Doch auch wenn Lloyd Kaufman irgendwann keine eigenen Filme mehr drehen wird, für seine Nachfolge hat der Meister persönlich gesorgt. Vor einigen Jahren brachte er eine Anleitung für Jungregisseure heraus. Das Buch trägt den Titel: "Mach deinen eigenen verdammten Film!"

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1. Es gibt noch bessere schlechte Filme
Heinz Haydn 17.09.2014
"Vegetarierinnen zur Fleischeslust gezwungen" oder "Über den Jenseits" von Bethmann.
2. Beschlagnahmungen
Thomas Karch 17.09.2014
Nur bei den humorlosen Deutschen hat es Troma schwer, denn diese werden allzugerne beschlagnahmt. Ungekürzt bestellt man die in Öziland und damit ist allen geholfen...
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