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Sonderbares Experiment Der Delfin, der mich liebte

Bizarres Delfin-Experiment: Sex, Drogen und Meeressäuger Fotos
BBC/Matt Pinder

Sex, Drogen und Meeressäuger: Tag und Nacht lebte Margaret Lovatt 1964 mit dem Großen Tümmler "Peter" zusammen, um ihm Englisch beizubringen. Doch der hatte nur das Eine im Sinn - und sie ließ ihn gewähren. Das Projekt fand ein bizarres Ende, als LSD ins Spiel kam. Von

Margaret und Peter schienen wie füreinander bestimmt. Beide waren jung und liebten das Meer. Kennengelernt hatten sie sich auf einer malerischen Karibikinsel, und schon nach kurzer Zeit waren sie unzertrennlich. Und doch war nicht jeder begeistert von ihrer Zweisamkeit. Denn Margaret Howe Lovatt war 22 Jahre alt, Peter dagegen erst sechs - und ein Delfin.

Die junge Frau und der Große Tümmler trafen sich zum ersten Mal Anfang 1964 auf Saint Thomas, einer der Amerikanischen Jungferninseln, als Lovatt Gerüchte über ein eigenartiges Haus aufschnappte, in dem angeblich Delfine lebten. Kurz entschlossen fuhr die naturbegeisterte junge Frau trotz aller Verbotsschilder dorthin. Gregory Bateson, der Leiter des "Dolphin House", wollte von ihr wissen, was sie hier zu suchen habe, doch Lovatt sagte unbeirrt: "Ich habe gehört, dass ihr hier Delfine habt." Sie wolle ihm gern bei der Betreuung dieser Meeressäuger helfen. Beeindruckt von ihrem selbstbewussten Auftritt sagte Bateson zu - obwohl Lovatt keine entsprechende Qualifikation hatte. Er machte sie zu seiner Assistentin - und zum Teil eines der außergewöhnlichsten Experimente der Wissenschaftsgeschichte:

Die Wissenschaftler bemühten sich hier im "Dolphin House", Delfinen Englisch beizubringen - um sich auf die Begegnung mit Außerirdischen vorzubereiten.

"Eine außergewöhnliche Idee"

In den Sechzigerjahren war der Gedanke des Aufbruchs der Menschheit in den Weltraum allgegenwärtig: Der "Wettlauf ins All" zwischen den Supermächten USA und UdSSR hatte 1957 mit dem Start des Satelliten "Sputnik 1" begonnen und befeuerte die Sehnsüchte und Ängste der Menschen in West und Ost. Würde die Menschheit im Weltraum fremden Lebensformen begegnen? Und wenn ja: Wie sollte man mit ihnen kommunizieren?

Der amerikanische Neurophysiologe John Lilly hatte eine revolutionäre Idee: Er beschloss, die Kommunikation mit einer außerirdischen Spezies vorher anhand des Kontakts mit einer anderen hochentwickelten irdischen Spezies zu üben: den Delfinen. "Das war eine außergewöhnliche Idee, unsere Kultur mit einer anderen zu verbinden", meint der britische Regisseur und Produzent Christopher Riley, der für die BBC den Dokumentarfilm "The Girl Who Talked to Dolphins" über das Experiment gedreht hat. Für ihn, so Riley, sei diese Idee "genauso großartig, wie Menschen zum Mond zu bringen".

Drei Delfine hatte John Lilly als Leiter des Gesamtprojekts in dem großen weißen Strandhaus auf Saint Thomas untergebracht. Sissy, groß und lebhaft, Pamela, ängstlich und zurückhaltend, und der sechsjährige Peter - pubertär und rotzfrech. Im Gegensatz zu anderen Einrichtungen, in denen Delfine gehalten wurden, ging es den Dreien verhältnismäßig gut. Reichlich ausgestattet mit Mitteln der Nasa und der amerikanischen Navy hatte der Delfinforscher Lilly das "Dolphin House" extra für seine Zwecke erbauen lassen. Unterhalb des riesigen Balkons befand sich ein großes Becken, versorgt mit frischem, klarem Meereswasser. Durch ein Fenster in der Beckenwand konnten die Forscher die Tiere auch unter Wasser beobachten.

Eine radikale Entscheidung

Die eigentliche Arbeit begann im Frühjahr 1964. Während Gregory Bateson vor allem die Kommunikation der Tiere untereinander erforschte, ging Lovatt daran, den Meeressäugern Englisch beizubringen. Sprechübungen standen an der Tagesordnung, schließlich benötigt auch ein hochbegabter Delfin Übung, um manche menschliche Laute nachzumachen. Vor allem das "M", wie bei "Margaret" fiel ihnen schwer. Die Arbeit gestaltete sich entsprechend langwierig. Bis Margaret Lovatt ein entscheidender Einfall kam.

Jeden Tag machten die Forscher nach getaner Arbeit Feierabend und fuhren nach Hause. "Ich dachte mir: Da treibt dieses riesige Delfingehirn die ganze Nacht umher", erzählte Margaret Lovatt Regisseur Christopher Riley in "The Girl Who Talked to Dolphins". Diese Zeit, so dachte sie, ließe sich doch besser nutzen. Lovatt traf eine radikale Entscheidung: Sie wollte gemeinsam mit einem Delphin leben - Tag und Nacht, rund um die Uhr.

Sie ließ die oberen Zimmer des "Dolphin Houses" wasserdicht machen und etwas über Kniehöhe auffüllen - und zog gemeinsam mit dem Delfin Peter dort ein. Lovatt musste nun mühevoll durch das Wasser waten, dafür konnte Delfin Peter mühelos überall umherschwimmen. Tag und Nacht sollte der Meeressäuger hier mit seiner Lehrerin leben, sechs Tage die Woche. Am siebten Tag brachte ein großer Lastenaufzug Peter hinunter zu seinen beiden tierischen Freundinnen. An den anderen Tagen dagegen wurde gepaukt. "Hello", spricht Lovatt auf einem der Hunderten Tonbänder, die das Projekt aufzeichneten. Gurgelnd antwortet Peter etwas wie "Häilloooo". "Hello", sagt Margaret erneut, "Ääiooo", blubbert der Delfin. Um Peter die Beobachtung ihrer Sprechbewegungen zusätzlich zu erleichtern, färbte Lovatt ihre Lippen schwarz und den Mundbereich weiß. Auch Zählen stand auf dem Programm. "One, two, three", sagt Lovatt. Schnaufend bemüht Peter sich, den Klang nachzuahmen.

Peters Bedürfnisse

Nach einer Weile zeigte der isoliert mit Margaret Lovatt lebende Meeressäuger allerdings mehr als nur Neugier gegenüber seiner Lehrerin. Er hatte auch seine eigenen Bedürfnisse. "Peter liebte es, bei mir zu sein", erzählt Margaret Lovatt über Peters Annäherungsversuche. "Er rieb sich an meinem Bein, an meinem Fuß oder an meiner Hand und so weiter." Immer deutlicher zeigte der junge Tümmler seinen Geschlechtstrieb. "Es war mir nicht unangenehm", erinnert sich Lovatt, "und ich habe es geduldet, solange es nicht allzu rau wurde".

Am Anfang verfrachtete Lovatt Peter noch hinunter zu den beiden weiblichen Delfinen, damit er dort seine Triebe ausleben konnte: "Du spielst jetzt einen Tag mit den Mädels!" Doch das war keine dauerhafte Lösung, Peters wachsendes Bedürfnis unterbrach die Arbeit zu oft. Schließlich beschloss sie, sein sexuelles Verlangen selbst an Ort und Stelle zu befriedigen - mit der Hand. So ging wenigstens keine Zeit verloren. Margaret Lovatt betont: "Es war nicht sexuell von meiner Seite. Sinnlich vielleicht".

Außer Peters Sexualität machten aber noch ganz andere Probleme dem Delfin-Projekt zu schaffen. John Lillys Geldgeber machten zunehmend Druck, sie wollten Ergebnisse sehen. Lilly, der bereits seit einiger Zeit die Droge LSD in Selbstversuchen erprobte, verfiel nun auf eine ethisch außerordentlich fragwürdige Idee: Ließe sich die Sprachbarriere zwischen Mensch und Delfin vielleicht leichter auflösen, wenn die Delfine, nun ja, mit LSD etwas lockerer gemacht würden?

Drogen und Selbstmord

Lovatt war entrüstet, als Lilly ihr seine Idee vorschlug: "Nicht Peter!", versuchte sie, ihren schwimmenden Mitbewohner in Schutz zu nehmen. Lilly lenkte ein und verabreichte lediglich den Delfin-Damen Sissy und Pamela eine Dosis LSD. Angespannt wartete das Team auf eine Reaktion, einen plötzlichen Durchbruch, der ihre Forschung vor dem Ende bewahren würde. Zehn Minuten vergingen. Nichts passierte. 20 Minuten verstrichen. Noch immer nichts. Da verlor Lilly völlig die Kontrolle: Er schnappte sich einen Presslufthammer und bearbeitete lärmend den Boden, um irgendeine Reaktion der Delfine zu provozieren. Doch es passierte absolut nichts. Offenbar wirkte die Droge bei den Meeressäugern einfach nicht.

Damit stand das Projekt vor dem Aus. 1966 wurden Peter, Sissy und Pamela in Transporttanks nach Florida verfrachtet - in ein düsteres, abgeschlossenes Labor, das Lilly dort betrieb, mit viel zu kleinen Becken und viel zu wenig Sonnenlicht. Margaret Lovatt hörte nur, dass Peter wohlbehalten dort angekommen sei. Doch bald rief John Lilly sie persönlich an: "Er sagte mir, Peter hätte Selbstmord begangen". Der Delfin war einfach auf den Boden des Beckens gesunken und hatte aufgehört zu atmen. Für den Tierarzt Andy Williamson, der damals die Delfine auf Saint Thomas betreute, gibt es nur eine Erklärung für Peters plötzlichen Tod. "Dieser Delfin war wirklich in sie verliebt", so Williamson. Die Trennung von seiner menschlichen Lebensgefährtin habe Peter schlicht und einfach das Herz gebrochen.

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1. Seufz, da ist der Spiegel doch heute weniger weit von Bild entfernt als man es moechte...
Peter Boots, 19.06.2014
Ein erheblich weniger sensationsluestiger -- der Spiegel verlinkt das als sex-mit-einem-delfin-skandal... -- und sehr viel interessanterer Artikel war vergangene Woche im Guardian unter dem Titel 'The dolphin who loved me: the Nasa-funded project that went wrong.' Man bekommt da doch eine ganz andere Perspektive. www.theguardian.com/environment/2014/jun/08/the-dolphin-who-loved-me
2. Seufz, da ist der Spiegel doch heute weniger weit von Bild entfernt als man es moechte...
Peter Boots, 19.06.2014
Ein erheblich weniger sensationsluestiger -- der Spiegel verlinkt das als sex-mit-einem-delfin-skandal... -- und sehr viel interessanterer Artikel war vergangene Woche im Guardian unter dem Titel 'The dolphin who loved me: the Nasa-funded project that went wrong.' Man bekommt da doch eine ganz andere Perspektive. www.theguardian.com/environment/2014/jun/08/the-dolphin-who-loved-me
3. Alles nur kopiert?
To Be As, 19.06.2014
Da kann sich der Verfasser des Artikels aber mal so richtig feste auf die Schulter klopfen. Wenn man den Artikel im Guardian liest, fällt auf, dass der Artikel auf Spon lediglich eine Übersetzung ist. Zumindest die ersten fünf Absätze. Ist das gängige Praxis?
4. solche grenzerfahrungen waren typisch für die damalige zeit.
Uwe Knierim, 19.06.2014
solche grenzerfahrungen waren typisch für die damalige zeit. heute sorgt das reglementierende kleinbürgertum dafür, dass grenzen wieder deutlich enger werden. "sonderbare" menschen wie margaret mit unkonventionellen lebensentwürfen sorgen daher für abscheu, maximal fassungslose, empörende neugier. deswegen kann der artikel heute noch einmal die gemüter bewegen, obwohl schon ein fall für's archiv.
5. alles halb so wild
karl mangeder, 19.06.2014
Regt euch mal wieder ab, dieser Artikel ist deutlich informativer und weniger reißerisch, als das was man in anderen Medien zu lesen bekommt. Und von wegen "sex-mit-einem-delfin", das steht lediglich in der URL, war also wohl ein dümmlicher Schnellschuß eines Praktikanten und steht eben nicht so in der Überschrift oder im Artikel. Spiegel und Guardian arbeiten auch schon lange eng zusammen, da gibt es nichts de*s*pek*tier*liches. Wer den Film gesehen hat, weiß übrigens auch, dass sich der Artikel sehr nahe an der Originalquelle (sprich dem Film) hält und somit im Grunde eine gute Nacherzählung des Films ist (was er auch schon aufgrund der zahlreichen Originalzitate sein muss). Es wäre also eher absurd und fragwürdig, wenn sich die Nacherzählungen des Films großartig unterscheiden würden. Denn auch wenn der Film interessant anzusehen ist und natürlich die Bilder und Töne emotionaler sind als der blanke Text -vom reinen Informationsgehalt erfährt man im Grunde nicht viel mehr, was nicht auch schon im Artikel steht. Lediglich der Prolog fehlt, indem man erfährt, dass sich John Lilly Jahre später von seiner eigenen Arbeit distanziert und dafür eingesetzt hat, Delfine nicht mehr in Gefangenschaft zu halten! Die beiden anderen Delfine hat er auch tatsächlich wieder freigelassen.
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