"Emma" vs. "Stern" Angriff auf die Männerpresse

"Emma" vs. "Stern": Angriff auf die Männerpresse Fotos
André Gelpke/Stern

Sex sells, Sexismus auch: Als Alice Schwarzer 1978 mit neun weiteren Klägerinnen das Nachrichtenmagazin "Stern" wegen frauenfeindlicher Titelbilder vor Gericht brachte, hagelte es Spott und Hohn. Selbst der Richter fiel kurz aus der Rolle - um dann doch noch die Kurve zu kriegen. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 29 Kommentare
    3.2 (28 Bewertungen)

Der Andrang war groß im Hamburger Landgericht Zimmer 633. So etwas hatte man hier noch nicht gesehen. Zuschauer und Pressevertreter drängelten sich bis dicht an den Richtertisch. Am 14. Juli 1978 begann Deutschlands erster Sexismus-Prozess. Neun Frauen um die "Emma"-Chefredakteurin Alice Schwarzer verklagten die auflagenstärkste Illustrierte des Landes, den "Stern". "Wir hatten ja mit viel Öffentlichkeit gerechnet", so der Vorsitzende Richter Manfred Engelschall. "Mit so viel aber auch wieder nicht".

Richter Engelschall verlegte die Verhandlung kurzerhand in den Plenarsaal des Oberlandesgerichts. 300 Zuschauer stürmten über die Straße zum anderen Gebäude. Die Kontrahenten zogen unter Zurufen ihrer Anhänger in die Arena ein. Auch der größere Raum war nun gut gefüllt, die Stimmung fröhlich. Die Verhandlung konnte beginnen.

Anlass des Massenauflaufs: In der "Emma"-Redaktion hatte man sich über die Abbildung nackter Frauenkörper auf dem Cover des "Sterns" geärgert. Monatelang. Im Juni 1977 war dort ein halb entblößter Frauenhintern auf einem Fahrradsattel zu sehen gewesen, im März 1978 ein Hintern am Strand, im April das schwarze Modell Grace Jones nackt und in Ketten. Am 9. Juni zierte dann das Plakat des Nachtclubs Rote Katze den "Stern": eine Frau beim Lap-Dance. Dieses Bild fand auch Chefredakteur Henri Nannen "geschmacklos". Er hatte den Druck stoppen und stattdessen zwei "Animierdamen" mit entblößten Brüsten abbilden lassen.

"Tribunal für die Männerpresse"

Damit war das Maß voll. In der "Emma"-Redaktion entschloss man sich zu handeln. Zehn Frauen sollten Klage erheben: fünf Prominente, fünf Unbekannte. Der eigenen Leserschaft kündigte "Emma" einen exemplarischen Prozess an, "ein Tribunal für die gesamte Männerpresse, die die Haut der Frauen zum Markte trägt." Den "Stern" traf es aus aktuellem Anlass und "weil er grundsätzlich den Anspruch hat, für die Rechte und die Freiheit aller einzutreten, gleichzeitig aber die Menschenwürde aller Frauen mit Füßen tritt".

Auf der Suche nach Mitstreiterinnen schrieb die Redaktion rund hundert Frauen an: Politikerinnen, Schauspielerinnen, Frauen aus dem öffentlichen Leben. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich, die Regisseurin Margarete von Trotta und die Schauspielerinnen Erika Pluhar und Inge Meysel sagten zu. Nur aus der Politik fand sich keine Verbündete, die sich stellvertretend für die Gesamtheit aller Frauen von den "Stern"-Titelbildern beleidigt, erniedrigt und gedemütigt sehen wollte.

Markig hatten die Klägerinnen ihr Ziel formuliert: Der "Stern" und sein Chefredakteur Henri Nannen sollten daran gehindert werden, Frauen weiterhin als "bloßes Sexualobjekt" darzustellen und beim Betrachter den Eindruck zu erwecken, "der Mann könne über die Frau beliebig verfügen und sie beherrschen". Für den Fall der Zuwiderhandlung hielten sie ein Ordnungsgeld von 500.000 Mark oder bis zu zwei Jahre Haft für angemessen. Am 23. Juni 1978 reichte Anwältin Gisela Wild die Klage beim Landgericht Hamburg ein. Zeitgleich informierte "Emma" die Presse und führte Beschwerde beim Deutschen Presserat.

"Zensurgierige Emanzen"

"Nackte Mädchen: Inge Meysel verklagt 'Stern'" titelte die "Bild"-Zeitung am nächsten Tag. "Die Frauen schlagen zurück" hieß es am 3. Juli im SPIEGEL. Das Titelbild zeigte eine zurücktaumelnde Nackte. "Ob die Photographen von zensurgierigen Emanzen gegängelt werden wollen?", fragte Rudolf Augstein in seinem Artikel. Richtig ernst nehmen wollte er die "Klageweiber" nicht, andererseits fürchtete er um nicht weniger als die Pressefreiheit und die politische Rechtsordnung des Landes. Immerhin, beim SPIEGEL war das Thema Chef(redakteurs)-Sache.

Genauso beim "Stern". Dort wandte sich der Beklagte Henri Nannen am 6. Juli 1978 an seine Leserschaft. Bemüht um eine sachliche Erwiderung auf die Klage, sorgte er sich um die Pressefreiheit - und stellte die Nackten des "Sterns" in eine Reihe mit Francisco Goyas "Die unbekleidete Maja" (1797). Ganz konnte er sich der persönlichen Diffamierung jedoch nicht enthalten und unterstellte den "emanzipierten Klageweiber" mangelndes Selbstbewusstsein und eine "Zwangsfixierung auf das Objektsein".

Den Tag der Verhandlung nutzten beide Parteien zur Selbstdarstellung. Gönnerhaft erklärt "Stern"-Anwalt Heinrich Senfft, man sei nur aus Respekt vor dem Gericht überhaupt erschienen. Diese Klage sei ein Jux, eine "Werbeveranstaltung für die in ihrer Auflage sinkenden Zeitung 'Emma'". Und tatsächlich hatte die Gerichtsverhandlung einen gewissen Unterhaltungscharakter: Die Einlassungen der Parteien wurden jeweils mit Applaus und Buh-Rufen kommentiert.

Alice Schwarzer heizte die Stimmung noch auf, indem sie verkündete: "Ich könnte mir vorstellen, dass ein Mann, der so ein entwürdigendes Foto sieht, am nächsten Tag auf der Straße meint, es sei sein Recht, sich irgendeine Frau einfach zu nehmen."

Nannen mit Nacktfotos

In ernsteren Momenten ging es dann doch noch ums Thema. Gisela Wild und Alice Schwarzer erklärten, dass es ihnen nicht um Zensur gehe. Vielmehr wolle man eine Ideologie anprangern, "die suggeriert, dass Frauen verfügbar, benutzbar, ausgeliefert seien, minderwertige Wesen, also: gut zum gefälligen Reinkneifen, sei es im Büro, auf der Straße oder im Bett".

Der amüsiert lächelnde Richter musste sich von der Anwältin ermahnen lassen. Den Gipfel der Peinlichkeit erklomm Henri Nannen selbst: "Ist das ein Sexobjekt?", fragte er in den Raum und hielt großformatige Nacktfotos der Klägerinnen Erika Pluhar und Margarethe von Trotta hoch. Das Publikum tobte.

Gisela Wild ließ sich davon nicht beirrten, sprach über das Dilemma der Emanzipation, bei der Fortschritt und Rückschritt manchmal Hand in Hand gingen: Der Befreiung der Frau, ihrer sexuelle Selbstbestimmung folgten Schönheitsdiktat und der Anspruch auf sexuelle Verfügbarkeit.

Die Verhandlung endete, das Gericht nahm sich Bedenkzeit.

Am 26. Juli verkündete Richter Engelschall das Urteil: Die Klage wurde abgewiesen.

Frauen nicht beleidigungsfähig

In der Urteilsbegründung schien der Richter das zu bedauern: "Es tut uns fast leid, dass Sie nicht gewonnen haben." Juristisch aber sei der Fall unstrittig. Beleidigen könne man in erster Linie nur den einzelnen Menschen. Eine größere Anzahl von Personen sei nur dann beleidigungsfähig, wenn die Gruppe abgrenzbar aus der Allgemeinheit hervortritt. Für die Frauen, die die Mehrheit der deutschen Bevölkerung darstellten, sei das nicht gegeben. Dennoch bewundere er das Engagement der Klägerinnen, sagte Engelschall und verwies auf den Gesetzgeber, der die Zulässigkeit solcher Darstellungen klären müsse.

Henri Nannen erklärte nach der Urteilsverkündung gegenüber einer Presseagentur: "Die Klage hat uns nachdenklich gemacht." In redaktionsinternen Diskussionen nehme man die vorgebrachten Argumente durchaus ernst.

Die Klägerinnen gaben sich mit dem Urteil zufrieden. Sie sahen sich am Ziel: Die Öffentlichkeit diskutierte. Die Klage habe in den Köpfen vieler Frauen und Männer etwas verändert. Darum verzichteten sie auf eine Berufung. "Juristisch ist jetzt mehr nicht zu erreichen, und bewusstseinsmäßig haben wir in diesen ersten vier Wochen schon mehr in Gang gesetzt, als wir es selbst bei drei Instanzen zu hoffen wagten."

Artikel bewerten
3.2 (28 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ruth Teibold-Wagner 14.07.2013
Der Stern. Die "Zeitschrift" mit den nackten Frauen. Ist das nicht das gleiche Magazin, das Herrn Brüderle in den Dreck zog, weil der zu einer Stern-Reporterin, nachdem sie ihn blöd wege seines Alters angemacht hatte, gesagt hatte: "Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen?"? Dieselbe "Zeitschrift" also, die ständig nackte Frauen abbildet, spielt sich als Sittenrichterin auf, weil ein ihr missliebiger Politiker etwas sagte, was nach ihrer Moralwächter-Meinung politsich "inkorrekt" wäre? Scheinheilig gutmenschenhaft gehts nimmer. Der Stern ist der Gipfel der gutmenschenhaften Scheinheiligkeit.
2.
Klaus Keiser 14.07.2013
was hart erkämpft wurde, wurde in letzter zeit alles wieder kassiert, durch gute arbeit der schönheitsindustrie unter verwendung von alten zuhältertricks. die mädels interessiert politik nicht mehr, dafür pflegehinweise und schönheitstricks, königshäuserprinzessinnen, reiche vollversorger, genau wie bei den männern tolle technik und feindbilder. es lebe eine klare struktur!
3.
Daniel Schmidt 14.07.2013
Das erinnert mich an Vorfälle aus der jüngeren Vergangenheit: "Feministinnen haben sogenannten "lad mags", also Zeitschriften wie "FHM", "Maxim" und "Men's Health", die ihre Beiträge mit den Fotos hübscher Frauen aufwerten, den Krieg erklärt: Diese Zeitschriften verkörperten Sexismus und sexuelle Belästigung und seien deshalb aus dem Verkehr zu ziehen." http://genderama.blogspot.de/2013/05/feministinnen-erklaren-zeitschriften.html
4.
Michael Engelhardt 14.07.2013
Man fragt sich, warum sich Frauen in Internetdatingplattformen immer so sexistisch abbilden, wenn sie selbst dagegen sind ! Und dann siehe den Feminismus heute: Es ist ein reiner Machtwille, der alles ! kaputt macht, was unter Menschen schön und gut ist !!
5.
Frank Giedo 14.07.2013
Alice Schwarzer erzeugt bei mir, gewohnt, Brechreize. Sicher ist sie froh darüber. Einfach weil ich ein Mann bin. Und das Unis nun nur noch Professorinnen beherbergen und Professoren verboten wurden muss ihr ja tatsächlich einen Orgasmus verschaffen. (Oder ist das als Kampffeministin nicht irgendwie falsch?) Nur weil man sich an ehemals neue Dinge gewöhnt hat sind sie nicht automatisch richtig! Ich war nie Sexist, trotzdem mag ich ihn(den Sex) durchaus auch mit Frauen. Nachdem diese Frau von Brad Pitt sich nun die Brüste abnehmen lassen hat und damit vorprescht wie ein Held ist anzunehmen dass ich bald nicht mehr sagen darf dass ich Brüste heiß machen. Da haben ja die Kampffeministen noch einiges vor bis ich mich auch davor ekle. Viel Spaß dabei. Demnächst dann Kinder nur noch von der Bank...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH