Sexstreifen der Siebziger Aus Lust am Film

Sexstreifen der Siebziger: Aus Lust am Film Fotos

In Pornofilmen geht es nur um Sex? Nicht in der Frühphase des Genres. Vom Summer of Love inspiriert, drehten in den siebziger Jahren Hippies, Künstler und Filmfreaks ambitionierte Werke, in denen der Akt zur Nebensache geriet - und mancher spätere Hollywoodstar seine ersten Schritte probte. Von

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Auf den ersten Blick sieht der Film aus wie ein Musical für Kinder: Lewis Carrols Alice tollt lachend und singend durch das Wunderland. Wie verzaubert sieht sie aus in ihrem hauchdünnen, weißen Kleid, glockenhell klingt ihre Stimme. Als sie dem verrückten Hutmacher begegnet, zeigt sie auf das Schild an seinem Zylinder, fragt ihn, ob das seine Hutgröße sei. "Ach das? Das ist nicht meine Hutgröße", lacht der, "es ist die Größe hiervon." Dann stellt er sich auf den Tisch und öffnet direkt vor Alice' Nase seine Hose.

Das muss so sein. Denn "Alice in Wonderland" von 1976 ist kein Kinderfilm, sondern ein Hardcoreporno. Mit Sexszenen, Nahaufnahmen von Geschlechtsteilen und einem Playboy-Covermodell als Alice. Aber eben auch mit bezaubernden Musicalnummern, liebevoll gestalteten Kostümen und einer klugen Geschichte über das Erwachen der Sexualität.

Zu Beginn der siebziger Jahre geschah im prüden Amerika etwas Erstaunliches: 1967 war mit dem Summer of Love die Hippiekultur zu einem Massenphänomen geworden. Überall in den USA gründeten junge Intellektuelle und Künstler, Friedensbewegte und Freaks offene Wohngemeinschaften, experimentierten mit Drogen, diskutierten alternative Gesellschaftsformen und praktizierten die freie Liebe.

Die junge Generation strebte nach Selbstverwirklichung und sprengte dabei das strenge moralische Korsett der Elterngeneration. Im Kielwasser dieser hedonistischen Gegenbewegung entwickelte sich innerhalb weniger Jahre ein Schmuddelkind der Kulturindustrie zum popkulturellen Phänomen - auf den Summer of Love folgte das Goldene Zeitalter des Pornofilms.

"Die Frauen waren so schön, die Männer so glücklich!"

Für manche junge Leute schien der Dreh eines Sexstreifens nur eine weitere Spielart der freien Liebe zu sein. "Ich habe einmal eine Anhalterin mitgenommen", erinnert sich John Seeman, "und erzählte ihr, was ich so mache." Seeman war einer der bekanntesten Pornodarsteller seiner Zeit. Sie sei dann einfach mitgekommen und habe auch ein paar Filme gemacht. "Nur so aus Interesse."

Seeman selbst hatte 1970 seinen ersten Porno gesehen - offenbar ein echtes Erweckungserlebnis: "Die Frauen waren so schön, die Männer so glücklich", schwärmte er noch Jahrzehnte später. "Das wollte ich auch." Dabei hegte der Pornostar eine romantische Hoffnung: Seeman wollte auf dem Filmset eine Freundin finden.

Vor seiner Blüte hatte der Pornofilm jahrzehntelang ein Dasein in den dunklen Ecken der Gesellschaft gefristet. Im Gewand der Forderung "Make love not war" erhielt er erstmals eine Art naive Absolution. Die Filmindustrie nutzte die Gelegenheit und bediente den neuen Markt. "In den siebziger Jahren wurden Pornoproduktionen erstmals in richtigen Kinos aufgeführt", sagt Christian Keßler.

Der Filmexperte hat dieser Dekade ein Buch gewidmet, das erstaunliche Einblicke in die fast vergessene Hochzeit des Genres gewährt. In "Die läufige Leinwand" stellt er in anekdotenreichen Kurztexten rund 80 Filme vor. Während seiner jahrelangen Recherche ist es dem Autor gelungen, zahlreiche Regisseure und Schauspieler aus dem Geschäft aufzuspüren und mit ihnen zu sprechen. Elf dieser Interviews haben Eingang in den Band gefunden. So vermittelt das Werk ein überraschendes Bild des Genres.

Ein Penis-Monster vom E.T.-Erschaffer

In Deutschland war der Pornofilm noch bis 1975 verboten. Und so brach sich sie sexuelle Revolution der Achtundsechziger in dümmlich verklemmten Softsexklamotten wie "Dr. Fummel und seine Gespielinnen" und "Liebesgrüße aus der Lederhose" oder pseudoaufklärerischem Mist wie dem "Schulmädchenreport" bahn. In den USA wurde der Porno derweil zu einer neuen Kunstform. "Den Produzenten war es völlig egal, was die Regisseure drehten, solange die Produktionen Geld machten", sagt Keßler.

Die neue Spielwiese zog die unterschiedlichsten Charaktere an: Einige der Regisseure seien Künstler gewesen, die nur so ihre Projekte finanzieren konnten, weiß Keßler. Andere nutzten den Boom in der Branche, um das Filmhandwerk zu erlernen. Wieder andere, um ihren großen Idolen aus Hollywood nachzueifern. Das Genre wurde zu einem Versuchslabor für junge Filmfans. "Es entstanden Pornofilme mit Horrorhandlung, Westernpornos und Pornothriller. Teilweise gibt es auch ziemlich obskure Werke, die sich einfach nur in drogengeschwängerten Bilderwelten verlieren."

Diese Begeisterung zwischen Pioniergeist und Wahnwitz machte Filme wie das poetische Pornomusical "Alice in Wonderland" möglich - aber auch eine Riesenproduktion wie "Flesh Gordon": Die Porno-Persiflage von Howard Ziehm verschlang 500.000 Dollar, die der Regisseur mit dem Dreh anderer Sexstreifen aufbrachte, und glänzt mit den Wohl opulentesten Sets, die ein Film dieses Genres je gesehen hat. Dabei standen die Spezialeffekte großen Hollywoodproduktionen in nichts nach: Ungetüme wie das mit großem Aufwand Stop-Motion-animierte Penis-Monster wurden von jungen Talenten wie Dennis Muren geschaffen. Später zeichnete Muren für die Spezialeffekte von Filmen wie "E.T.", "Star Wars", "Jurassic Park" und "Terminator 2" verantwortlich. Heute stehen acht Oscars im Schrank des Kinoveteranen - angefangen hat alles in der Pornobranche.

Anleihen bei Hitchcock und Polanski

Auch erzählerisch konnten sich die Filmemacher manches Mal mit Hollywood messen. Denn die Regisseure bedienten sich nicht nur bei berühmten Vorlagen, es entstanden auch eigene Stoffe, wie "Memories within Miss Aggie" von 1974. In dem unheimlichen Pornothriller erzählt eine alte Frau in ihrer einsamen Hütte einem Besucher von ihren sündigen Abenteuern. Schon am Anfang ahnt der Zuschauer, dass etwas nicht stimmt. Denn in jeder Episode wird Miss Aggie von einem anderen Mädchen verkörpert. Erst im letzten Akt kommt heraus, dass der stumme Herr der einzige Mann ist, der dieser einsamen Lady jemals zu nahe kam. Doch als er zudringlich wurde, erstach sie ihn mit einem Messer. Ihre Sexphantasien erzählt sie seinem längst mumifizierten Leichnam. Ein düsteres Skript für einen Pornofilm.

Für die US-Zeitschrift "Variety" war "Miss Aggie" deshalb vor allem ein "überragendes, bizarres Kammerspiel" mit Anleihen an Hitchcocks "Psycho" und Roman Polanskis "Ekel". Dass ein Pornostreifen von dem Fachblatt der US-Unterhaltungsindstrie bejubelt wurde, zeigt, wie populär und akzeptiert das Genre in den siebziger Jahren war. "Damals", weiß Keßler, "wurden die Uraufführungen der großen Pornoproduktionen wie Hollywoodpremieren gefeiert."

Der Regisseur von "Memories within Miss Aggie" hatte dabei entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung. Denn erst Gerard Damianos bekanntestes Werk verhalf dem Pornofilm 1972 zum großen Durchbruch.

Autogrammstunde nach der Festnahme

Der heutige Genreklassiker "Deep Throat" machte den Pornofilm mit einem Schlag salonfähig. Die Handlung: Eine Frau entdeckt nach Jahren von Sex ohne Orgasmus, dass sich ihre Klitoris tief in ihrem Hals versteckt. Die "New York Times" widmete dem Debüt des Ex-Friseurs eine ganze Seite und prägte den Begriff des "Porno Chic". Plötzlich gingen Hausfrauen gemeinsam in einen Schmuddelfilm, in dem Sex in Nahaufnahme gezeigt wurde. Größen wie Martin Scorsese, Truman Capote und die Fernsehlegende Johnny Carson outeten sich als Fans des Werks.

Dennoch war der Porno nur scheinbar im Mainstream angekommen. Zwar war die Produktion der Filme in den USA grundsätzlich durch das Recht auf freie Meinungsäußerung geschützt. Das hieß aber nicht, dass konservative Politiker nicht trotzdem Jagd auf die Pornografen machten. Oft fanden Razzien statt, Filmmaterial wurde beschlagnahmt, mitunter wurden die Crews mit Hubschraubern verfolgt. Weil sich viele Produktionen keine Studiosets leisten konnten, gerieten die Dreharbeiten oft zum Guerilla-Handwerk an Originalschauplätzen.

So mussten beispielsweise John Seeman und Annette Haven, ein berühmtes Pornostarlett, für den Dreh eines Films in einem öffentlichen Park Sex in einem Auto haben. Eine Passantin rief die Polizei und die beiden Darsteller landeten auf der Wache. Doch dort kam alles anders als erwartet: "Letztlich musste Annette auf dem Revier nur hunderttausend Autogramme geben", erinnert sich Seeman.

Doch nicht alle Zusammentreffen mit der Polizei verliefen so glimpflich. Häufig wurden Regisseure und Darsteller bei Festnahmen nur gegen horrende Kautionen wieder freigelassen. Filmemacher lebten in ständiger Angst, dass ihre Privatwohnungen zum Ziel von Polizeirazzien wurden, bei denen häufig rollenweise Filmmaterial beschlagnahmt wurde. Viele Beteiligte arbeiteten deshalb unter Pseudonym.

Video killte den Pornostar

Im Nachhinein war es bei manchem Beteiligten doppelt von Vorteil, dass der Name geheim blieb. "Viele Filmschaffende begannen ihre Karriere beim Porno", verrät Kessler. In seinem Buch erwähne er aber nur jene, die sich selbst geoutet haben. Einer der bekanntesten ist Barry Sonnenfeld, der Regisseur von familienfreundlicher Unterhaltung wie "Die Addams Family" und "Men in Black". "Der begann als Kameramann beim Pornofilm", schmunzelt Keßler, "ein Umstand, über den er heute noch Witze macht."

Sonnenfeld war nicht der einzige, der dem Geschäft bald den Rücken kehrte. In den achtziger Jahren veränderte sich die Branche. Schuld war der Siegeszug der Videokamera. Mit ihr konnte auf einmal jeder günstig Sexstreifen drehen. "Niemand wäre mehr auf die Idee gekommen, große Summen in einen Pornofilm zu stecken, da man viel mehr Geld mit Videoproduktionen verdienen konnte", beschreibt Keßler das Ende der Ära, "der Markt wurde überflutet mit minderwertigen Produkten."

Ein weiterer Grund war Aids. Mitte der Achtziger ging in der Branche die Furcht vor der unheimlichen neuen Krankheit um. Viele Stars der siebziger Jahre zogen sich aus dem Geschäft zurück. "Ich hatte eine mörderische Angst", erinnert sich Annette Haven. Kurz vorher war einer ihrer Kollegen krank geworden und hatte sich "selbst erschossen, weil er positiv war". Haven hängte ihre Karriere an den Nagel.

Auch für John Seeman hatte das Porno-Business in den achtziger Jahren seinen Zauber verloren. Er erinnerte sich daran, dass er einst eingestiegen war, um eine Freundin zu finden. "Nach zwölf Jahren wurde mir aber klar, dass ich nicht nur keine Freundin hatte, sondern meine Chancen rapide gesunken waren - welche Frau will schon mit jemandem zusammen sein, der andauernd mit anderen Frauen schläft?" Sein Fazit: "Ich wollte keinen Sex mehr. Ich hatte einfach zu viel davon gehabt."

So verschwand der Pornofilm wieder in das Schattenreich der Gesellschaft, weg von den glamourösen Filmpremieren und Besprechungen in "Variety" und "New York Times", zurück in die Schmuddelecke. Was blieb, war eine Reihe von genialen, großartigen und manchmal absurden Geschichten, deren filmischer Einfallsreichtum in dem Genre nie wieder übertroffen werden sollte.

Für die Kurztexte zu den Filmen in der einestages-Bildergalerie dankt die Redaktion Christian Keßler.

Zum Weiterlesen:

Christian Keßler: "Die läufige Leinwand - Der amerikanische Hardcorefilm von 1970 bis 1985". Martin Schmitz Verlag, Berlin 2011, 279 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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