Sexuelle Revolution Gruppensitzung mit Bettgenossen

Sexuelle Revolution: Gruppensitzung mit Bettgenossen Fotos
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Die Revolte begann mit einem Missverständnis: Vor 40 Jahren rebellierten nackte Kommunarden gegen die spießige Sexualmoral ihrer Eltern - weil sie darin eine Kontinuität des Nationalsozialismus sahen. Ein Irrtum. Gabriele Gillen erzählt die wahre Geschichte der deutschen Sittlichkeit.

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1967. Überall in der westlichen Welt hatte die Geschichte des Ungehorsams begonnen, überall war den Ereignissen und Aktionen, wie es der Philosoph Theodor W. Adorno ausdrückte, ein "Quäntchen Wahn" beigemischt. Es war der schöne und schonungslose Traum von der Neugestaltung der Welt; der große Einspruch in den Lauf der Dinge, gegen den Skandal des Verschweigens und Unterdrückens, der Ungerechtigkeit und der Ausbeutung; für die Bekämpfung der herrschenden Sexualmoral als Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument des autoritären Systems. "Dieser Ausbruch an Energie, ohne große Absprachen, überall", staunt noch heute Rainer Langhans, einst Mitglied der berühmten Kommune 1 und Symbolfigur der 68er-Bewegung.

Die heranwachsende Generation drängte nach Befreiung, Aufbruch, Eigensinn, nach dem richtigen Leben in den falschen Verhältnissen, nach der Lust, die keine Begründung braucht. Alles sollte anders werden und zwar sofort. Das aber war nur möglich, wenn die Körper sich aus den Panzern befreiten, in die sie eingesperrt worden waren. Wenn sie zu dem Beat vibrierten, der aus England und aus den USA herüber kam, wenn sich die körperliche Liebe von Schuldgefühlen befreite.

Mit dem Summer of Love erreicht die Hippiebewegung einen Höhepunkt; in London werden Mary Quants Miniröcke noch kürzer, und Jane Fonda ist Barbarella, die bisher nur den durch Drogen, den so genannten "Verzückungsübertragungspillen", simulierten "Geschlechtsverkehr" kannte, nun endlich echten Sex erlebt und ihn im Kampf gegen das Böse einsetzt.

Bewachte Unschuld

In der Bundesrepublik hingegen werden Minirockträgerinnen und Langhaarige noch öffentlich angepöbelt. "Lasst Bauarbeiter ruhig schaffen! Kein Geld für langbehaarte Affen." Nach der Adenauerära mit ihrer Wiederbewaffnung und Restauration regiert eine große Koalition, die später die Notstandsgesetze ins Grundgesetz einfügen wird, und, anders als heute, treibt es die außerparlamentarische Opposition auf die Straße. Die Bürger wollen nach Nazizeit, Krieg und Wiederaufbau ihre aggressiv verteidigte muffige Ruhe, den von Gartenzwergen geleiteten Rückzug ins Private, Ordnung und Idylle, keine Fragen, keine Antworten, nur Konsum. Die antiautoritären Studenten aber wollen Sauerstoff, wollen Krach, wollen nicht mehr den Mund halten.

"In dieser pornofreien guten alten Zeit wachten Eltern, Lehrer und Mitschüler Seite an Seite mit den Zensoren und Berufstugendbolden der Adenauer-Ära über die Unschuld der (vor allem bürgerlichen) Mädchen. Die Keuschen selbst durften wegen einer möglichen Gefährdung des Hymens nicht einmal Tampons benutzen. Kaum eine wagte ihre Unschuld vor dem Abitur aufs Spiel zu setzen, denn der Preis konnte hoch sein. Über Verhütungsmittel wussten die Gymnasiastinnen nichts, wohl aber über gleichaltrige Sünderinnen, die vom Vater verprügelt und von der Mutter Hure geschimpft wurden. Gehört hatte man auch von solchen, die die Schule verlassen mußten oder gar im Umstandskleid von der Polizei aus dem Unterricht abgeführt wurden, zum Schutz der Sittlichkeit ihrer Mitschüler. Das Gros der Knaben litt nicht minder unter Angst vor den bösen Folgen der Onanie, mit denen Großväter, Väter und Kirchenmänner noch immer drohten", berichtet die Schriftstellerin Ulrike Heider.

Nackte Provokation

Gedacht als Gegenmodell zur bürgerlichen Kleinfamilie, als Reaktion auf eine konservative Gesellschaft gründet sich am 12. Januar in Berlin die berühmte Kommune 1. Nur kurze Zeit später wird jenes Foto gemacht, dass sich so tief ins kollektive Bewusstsein der Nation abgelagert hat, ein Klassiker im Fotoalbum der Jugendrevolten: An eine Wand gelehnt sieben junge Frauen und Männer und ein Kind. Sie alle sind nackt. Sie werden von hinten gezeigt, keine Gesichter, ihre Hände ausgestreckt an der Wand wie bei einer Razzia. Nur der kleine Junge dreht sich neugierig zum Fotografen.

Das Bild ist typisch für die Aktionen der Kommune 1, die sich immer zwischen Provokation und Realsatire bewegen. Das Foto der nackten Kommunarden soll Assoziationen an polizeiliche Untersuchungsaktionen wecken oder an die entblößten Juden auf dem Weg in die Gaskammern; es ist einer der vielen Versuche, die latente Gewalttätigkeit des Systems zu zeigen, zudem eine grinsende Herausforderung der Moralwächter, ein Hinweis darauf, dass das Private das eigentlich Politische ist, Komödie und Widerstand gleichermaßen.

Die Mitglieder der Kommune leben und lieben auf Matratzenlagern, die Klotüren werden ausgehängt, die freie Liebe propagiert. Ein Antrieb für die radikalen Ansichten der studentischen und der außerparlamentarischen Linken in Sachen Sexualität ist die Überzeugung, das "Dritte Reich" sei im Kern sexualfeindlich gewesen - und ein Beweis dafür, dass sexuelle Unterdrückung zu Grausamkeit führe.

Eine gleichzeitig richtige wie falsche Beobachtung.

Gestärkte Kampfmoral

Tatsächlich nämlich suchte die nationalsozialistische Führung die deutsche Bevölkerung zu freizügigem sexuellem Verhalten anzuspornen. Die Propaganda lautete: Sex vor oder neben der Ehe ist nicht nur moralisch in Ordnung, sondern geradezu erforderlich. Doch gemeint waren ausschließlich "gesunde" Beziehungen - zur Zeugung arischen Nachwuchses oder zur Stärkung der Kampf- und Entbehrungsmoral. Die vom Reichsführer der SS Heinrich Himmler gegründeten Lebensborn-Heime für Frauen von SS-Männern oder "rassisch geeignete" unverheiratete Mütter, die Förderung sexueller Begegnungen zwischen jungen Frauen und Militärangehörigen beim Reichsarbeitsdienst oder die großzügige Ausgabe von Kondomen an die Truppe samt der Einrichtung von Extra-Baracken fürs "Bumsen" sind nur einige Beispiele.

Die Lustbefriedigung im mörderischen Nationalsozialismus war groß. Und doch nicht frei. Christliche Moralvorstellungen oder das Bedürfnis nach Zärtlichkeit galten in der Wehrmacht als lächerlich oder unmännlich. Die sexuelle "Freizügigkeit" hatte auch andere Grenzen. Sexuelle Beziehungen mit dem "falschen", also mit dem gleichen Geschlecht oder Sexualität mit der "falschen" Rasse waren strikt verboten. Mit Würde und Respekt, mit Offenheit und Selbstbestimmung hatte die "freie Sexualität" der Nationalsozialisten nichts zu tun.

Sauberer Neuanfang

Schon bald nach dem Untergang des "Dritten Reiches" und dem Ende des Holocausts galt ein großer Teil der Energie der jungen Bundesrepublik der Neuorganisation der sexuellen Beziehungen. Die Diskussionen wurden von konservativ eingestellten Politikern, Kirchenvertretern, Juristen, Medizinern oder Journalisten beherrscht. In kurzer Zeit errangen sie eine Reihe wichtiger Siege auf allen Ebenen. 1952 wurde ein Bundesgesetz verabschiedet, das die Ausstellung und den Verkauf pornografischer Bilder und Texte verbot; die polizeiliche oder gerichtliche Verfolgung und Bestrafung homosexueller Beziehungen wurde verschärft; der Himmler-Erlass von 1941, der die Werbung für und den Verkauf von Verhütungsmitteln (mit Ausnahme von Kondomen) verbot, blieb in einigen Bundesländern in Kraft; eine Koalition aus christlichen Linksintellektuellen und christdemokratischen Bundestagsabgeordneten verhinderte erfolgreich alle Versuche, den Paragraphen 218 zu lockern. Die Frauen wurden in den Massenmedien aufgefordert, sich wieder der männlichen Autorität zu unterwerfen; konservative Sexratgeber und pädagogische Schriften betonten die Bedeutung von sexueller Reinheit, Zurückhaltung und Treue - und behaupteten, dass voreheliche heterosexuelle Erfahrungen zu unglücklichen Ehen führen würden.

Was unter den Nationalsozialisten als "Freizügigkeit" eingeführt worden war, wurde wieder abgeschafft; was die Nationalsozialisten verboten und verfolgt hatten, wurde zu großen Teilen fortgeführt. Die Ablehnung von Nacktheit und Freizügigkeit, vor allem im Namen christlicher Werte, konnte von den Eltern als nachträglicher Widerstand gegen den Nationalsozialismus verstanden werden. So brauchten sie sich mit den eigentlichen Verbrechen, mit ihrem Mitläufertum und Schweigen, nicht auseinanderzusetzen.

Befreite Sexualität

Die Heftigkeit, mit der die Sexualrevolutionäre der Studentenbewegung, der Achtundsechziger, der Kommune 1 ihre Argumente für eine "sexuelle Revolution" vorbrachten, lässt sich vor diesem Hintergrund erklären. Sie kämpften gegen die auch im Sexuellen manifestierten autoritäre Strukturen, die - wie Adorno nachgewiesen hatte - faschistische Entwicklungen begünstigten; sie waren Anhänger des Psychoanalytikers, Sexualforschers und Freud-Anhängers Wilhelm Reich und seiner zentralen Aussage, dass sexuelle Befriedigungsfähigkeit und Sadismus sich gegenseitig ausschließen; sie glaubten, dass eine wirklich freie Sexualität Faschismus und Neurosen gleichermaßen abwenden könne. Sie wollten ihre Eltern, die nationalsozialistischen Täter und Mitläufer, herausfordern - und sich gegen das wehren, was sie am eigenen Leib erlebt hatten: die spießige und beklemmende Sexualmoral der fünfziger und sechziger Jahre, die sie damals ausschließlich für eine Fortführung des Nationalsozialismus hielten und noch nicht als teilweise Reaktion ihrer Eltern auf den Faschismus durchschauten.

Gleichzeitig fühlte sich die Studentenbewegung von der in den sechziger Jahren um sich greifenden anderen, nämlich konsumkapitalistischen Sexualisierung abgestoßen, von der Sexwelle, der sexuellen Revolution der Massen, die ganz und gar unideologisch daher kam, die weder nach autoritären Strukturen fragte, noch die repressive Funktion von Familie und Ehe thematisierte.

Das Wunder der Liebe

Einer der Wegbereiter dieser unpolitischen sexuellen Revolution war ein Mann, der als "Sexualpapst", als "Libido-Experte" oder als "Aufklärer der Nation" gefeiert wurde: Der Journalist und Filmemacher Oswalt Kolle, der sich Anfang der sechziger Jahre vorgenommen hatte, den Deutschen Lust auf die Lust zu machen. Oswalt Kolle ermutigte die Frauen, ihre sexuellen Bedürfnisse zu formulieren, und kritisierte die lieb- und kenntnislose Rein-Raus-Praxis vieler Männer; er setzte sich für den selbstverständlichen Einsatz von Verhütungsmitteln und die Abschaffung des Paragraphen 218 ein, der die Abtreibung für Frauen unter Strafe stellte; er thematisierte die Veränderungen und die Sehnsüchte in der Pubertät; er verteidigte die Bisexualität. Er sagte: "Es gibt nicht nur eine Sexualität. Es gibt viele." Er sagte: "Es ist alles erlaubt, solange beide Partner Spaß daran haben." Und er sagte auch: "Sexualität ist mehr als Technik. Sexualität ist Vertrauen und Zärtlichkeit."

Kolles spektakuläre Zeitschriftenserien wie "Deine Frau - das unbekannte Wesen" oder "Das Wunder der Liebe" trafen den Nerv der Zeit. Die Pille, 1961 von der Berliner Schering AG erstmals auf den deutschen Markt gebracht, hatte eine Revolution ausgelöst, auf die niemand vorbereitet war; der Bedarf an Aufklärung im prüden Nachkriegsdeutschland war riesig. 1968 sahen innerhalb von vier Monaten fünf Millionen Kinozuschauer die zweiteilige Verfilmung von Kolles Serie "Das Wunder der Liebe", in dem praktische Beispiele aus dem sexuellen Alltagsleben von Ehepaaren mit wissenschaftlichen Kommentaren vermischt wurden: "Das Vorspiel ist außerordentlich wichtig für die Steigerung des geschlechtlichen Verlangens, auch wiederum besonders für die Frau, deren Erregungskurve sanfter ansteigt, als die des Mannes."

Zu den Profiteuren der Sexwelle gehörte auch Beate Uhse, die 1962 in Flensburg ihr "Fachgeschäft für Ehehygiene" eröffnete, den ersten Sex-Shop der Welt, dem bis Ende der sechziger Jahre rund 25 weitere Läden folgten.

Vögeln im Kolbkeller

In Frankfurt erobert sich der SDS, der Sozialistische Deutsche Studentenbund, das "Kolbheim" am Beethovenplatz. "Die sechseinhalb Quadratmeter kleinen Zimmer in dem Studentenheim", so schwärmt die Schriftstellerin Ulrike Heider stellvertretend für die, die damals dabei waren, "boten die ersehnte Freiheit vom Sexualverbot der Eltern und Zimmerwirtinnen. Die geräumigen Küchen wurden zu Kommunikationszentren, und im sogenannten Vortragssaal fanden jeden Samstag die SDS-Mitgliederversammlungen statt. Nach beendeter Diskussion begaben sich alle ein Stockwerk tiefer in einen bunkerartigen Keller, an dessen Wänden zeitgemäße Graffiti prangten."

Der berühmt-berüchtigte Kolbkeller ist der Ort, an dem sich in immer neuen Variationen die Paare zur freien Liebe finden. Statt der schwitzigen Stehblues-Partys gibt es nun rauschende Feste. Ulrike Heider schreibt: Wer vögeln will, tut es. Bis in die frühen siebziger Jahre trifft sich das linke Frankfurt samstags im Kolbkeller. Politisch diskutieren, Bier trinken, Haschisch rauchen und Bettgenossen suchen, das schließt sich nicht aus, sondern gehört zusammen. Wer kommunizieren will, findet immer genügend Gesprächspartner. Wer Sex will, bekommt ihn. Wer nicht will, muss nicht. Wenn im Morgengrauen die Bar schließt, stehen die am Ausgang, die noch allein sind und es nicht bleiben wollen.

Endlos-Debatte über Hausarbeit

Die Genossinnen formulieren Sexualität als Frauenrecht und verhalten sich häufig entsprechend aktiv. Dass die Praxis nicht immer schön, erfüllend, befriedigend ist, versteht sich von selbst. Beim Kampf um Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung stehen den Protagonisten der 68er-Bewegung die eintrainierten Rollenmuster im Wege, die freie Liebe scheiterte nicht selten an der Eifersucht.

Als Wurzel allen Übels gilt die Kleinfamilie, die viele 68er als Familienhölle erlebt haben. Damit sollte Schluss gemacht, die Grenze zwischen privater und öffentlicher Sphäre niedergerissen werden. "Das Private ist politisch." So werden private Streitigkeiten zwischen Liebenden in endlosen Gruppensitzungen durchgearbeitet, intimste persönliche Niederlagen veröffentlicht, lange Debatten über Geschlechterrollen, die Verteilung der Hausarbeit, über Besitzansprüche und Toleranz geführt. Es herrscht ein großes Durcheinander, ein großes Unwissen, aber eine ebenso große Entschlossenheit, dem Unwissen abzuhelfen. Koste es, was es wolle.

Eine ausführliche Fassung von Gabriele Gillens "Geschichte der sexuellen Revolution" ist nachzulesen in "1968 - Die Revolte", Herausgegeben von Daniel Cohn-Bendit und Rüdiger Dammann, 2007, S.Fischer-Verlag.

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1.
Vincent Truppe 27.11.2007
Der Artikel gibt die Motive der 68er-Bewegung sehr plausibel wieder. Etwas weniger plausibel sind dagegen meiner Meinung nach die Motive des "Establishments" dargestellt. Der richtige Ansatz wurde jedoch gemacht, nämlich die Abkehr der Bürgergesellschaft von sexueller Freizügigkeit als Abwehrreaktion aufs Dritte Reich. Doch dieser Ansatz müsste erweitert werden, um die Motivation des "Adenauer-Establishments" vollständig zu erfassen. 12 Jahre lang stand Deutschland im Zeichen der extremsten moralischen Entgleisungen, die überhaupt denkbar sind, bzw. sich schon jenseits des Denk- und Vorstellbaren bewegen: Lebensborn-Heime, Rassenideologie, industrielle Vernichtung von Juden, Behinderten, "ethnisch Minderwertigen", unvorstellbare Kriegsverbrechen, totale Zerstörung Deutschlands, hunderttausendfache Massenvergewaltigungen durch die russische Armee, massenhafte Notprostitution deutscher Frauen, die sich aus Mangel am Nötigsten den alliierten Siegern andienten seien als Beispiele genannt. Da wundert es doch nicht, wenn eine konservative Regierung das übermächtige Bedürfnis der Nachkriegsgesellschaft nach Sicherheit, Stabilität, Geborgenheit, Wohlstand und Schutz aufgreift und mit aller Kraft durchsetzt. Eine "moralisch intakte" Welt ohne Holocaust, ohne Todesangst, ohne "Soldatenflittchen", tausende abgetriebene und unehelich ausgetrabene Kinder aus Vergewaltigungen oder "Not-Arrangements" mit alliierten Soldaten, dafür mit viel materiellem Reichtum als Kompensation gegen die erlittenen Entbehrungen. Wie das bei Extremen üblich ist, gibt es pendelförmige Schwankungen. In den 50er Jahren gipfelte das Intaktheitsbedürfnis der Deutschen in erstickende Prüderie und Enge, die am Ende nur ein Deckmantel über viele verdeckte und verdrängte Probleme der Nachkriegsgesellschaft war. Die 68er wiederum reagierten aus plausiblen Gründen heraus ebenfalls bis ins Extrem. Die Folgen sind nicht nur Befreiung und Fortschritt, sondern aufgrund des extremen Charakters auch zerrüttete Familien, zerrüttete Geschlechterverhältnisse, Orientierungslosigkeit und Verlust von Geborgenheit, Treue, Zusammenhalt und Verbindlichkeit - Werte, die per se nicht schlecht sind nur weil es sie schon vor 1968 gegeben hat. Wenn das Private politisch wird, dann wird Stehpinkeln auf Kurz oder lang zum Poilitikum und jeder Klaps auf den Hinter ist dann gleich frauenfeindlich. Das endet dann im Krampf und Unbehagen derer, die sich linksideologisch verrannt haben. Im Text wird impliziert, Eifersucht sei "antrainiert" und hätte daher das Kommunenleben gestört. Vielleicht ist Eifersucht eine entwicklungsgeschichtliche Natürlichkeit, derer wir uns nicht schämen müssen. Sie födert den sozialen Zusammenhalt und hilft uns bei der Festigung von Bindungen. Es wird Zeit, dass das Pendel sich beruhigt und endlich in der Mite stehen bleibt.
2.
Andre Alpar 04.12.2007
Rückblickend ist die 68er Bewegung für jemanden, der nicht dabei war doch eine Farce!
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