Sexuelle Revolution in Russland "Plötzlich gab es an jeder Ecke Stripshows"

Sexuelle Revolution in Russland: "Plötzlich gab es an jeder Ecke Stripshows" Fotos
Jewgenij Kondakow

Hotelzimmer nur für Verheiratete, Haftstrafe bei Porno-Konsum: Jahrzehntelang herrschte hinter dem Eisernen Vorhang eiserne Prüderie. Doch nach dem Zerfall der Sowjetunion rollte eine sexuelle Revolution durch Russland. Fotograf Jewgenij Kondakow war dabei - und dokumentierte die neue Freizügigkeit in seinen Bildern.

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Mitte der achtziger Jahre, der Eiserne Vorhang teilt noch Europa und die Welt, übt sich das Fernsehen in Entspannungspolitik. In einer gemeinsamen Sendung von US- und Sowjet-Sendern reden Bürger aus den verfeindeten Blöcken miteinander. "Telebrücke - Frauen sprechen mit Frauen" heißt das Programm. Es geht um Alltägliches.

Eine Amerikanerin will wissen, ob sich bei den Sowjets in der Werbung "auch alles um Sex dreht". Ein Vierteljahrhundert und die Sowjetunion sind seit der Sendung vergangen. Die Antwort von Ludmila Nikolajewna Iwanowa, Angestellte des Moskauer Hotels "Leningrad" und Chefin des "Komitees sowjetischer Frauen", kennt aber noch heute jeder Russe. Sie sagt: "Bei uns in der Sowjetunion gibt es keinen Sex."

Natürlich hatten auch Kommunisten Sex. Aber sie nennen es etwas verschämt "Liebe machen". Als die Sowjetunion wenig später zerfällt, bricht sich in Russland auch die sexuelle Freiheit die Bahn. Überall eröffnen Stripclubs im eben noch prüden Moskau, Prostituierte werben vor der Geheimdienstzentrale Lubjanka um Kunden. Der Fotograf Jewgenij Kondakow, tätig für "Paris Match", "Time" und den SPIEGEL, hat Russlands sexuelle Revolution mit der Kamera dokumentiert.

einestages: "Kein Sex in der Sowjetunion", das ist in Russland ein geflügeltes Wort. War der Kommunismus wirklich so prüde?

Kondakow: Na ja, vermehrt haben sich die Menschen natürlich immer, aber es ziemte sich nicht, darüber zu sprechen. Vieles war verboten. Den "Playboy" konnte man nirgends kaufen, wer einen Erotikfilm des Regisseurs Tinto Brass guckte, konnte in den Knast wandern. Ein Mann und eine Frau konnten kein Hotelzimmer nehmen, wenn sie nicht nachwiesen, dass sie verheiratet sind. Vor kurzem war ich in Iran, da ist das heute genauso. Und in den eigenen vier Wänden war es meistens zu eng für ein wildes Sexleben.

einestages: Wie das?

Kondakow: Es gab die Kommunalkas, sowjetische Gemeinschaftswohnungen, in denen viele Russen in den großen Städten lebten. Mehrere Familien teilten eine Wohnung, jede bewohnte nur ein Zimmer. Eine Mutter, die mit ihrem Sohn zusammen lebte, hat mir mal erzählt, dass sie immer in die Küche ging, wenn seine Freundin kam. Dort wusch sie dann Wäsche. Das ging so lange gut, bis die Nachbarn aus den anderen Zimmern anfingen, Witze über ihren Waschzwang zu machen.

einestages: Wie sind Sie auf das Thema gekommen? Wie und wann sind die ersten Fotos entstanden?

Kondakow: Ich habe während Gorbatschows Perestroika für die Zeitung "Moskauer Nachrichten" gearbeitet, ein Reformblatt. Die Redaktion lag am zentralen Puschkin-Platz. 1990 tauchten da die ersten Leute auf, die am Straßenrand erotische Literatur verkauften. Das waren schmuddelige Heftchen auf billigem Papier. Aber die gingen weg wie warme Semmeln. So etwas kannten sie ja vorher gar nicht: Ratgeber über Sex-Techniken! Der Titel eines Buches war: "Verbotenes zugänglich gemacht".

Dann tauchte das erste russische Männermagazin auf, mit dem Namen "Andrej". Der Chef lief durch die Stadt, fragte junge Frauen, ob sie sich vor der Kamera ausziehen wollten und nahm ihre Brüste noch auf der Straße in Augenschein.

einestages: Ein Foto zeigt eine "Andrej"-Präsentation 1995, die Ausgabe wird von einem halbnackten Model vorgestellt. Die meisten Zuschauer sind heranwachsende Jungen.

Kondakow: Erwachsene hatten keine Zeit für so etwas. Sie hatten andere Sorgen, weil sie nicht wussten, wie sie ihre Familien ernähren sollten. Das ist der große Unterschied zwischen dem Westen und Russland. Die sexuelle Revolution in Europa fiel ja zusammen mit einem steten Anstieg des Lebensstandards. Bei uns war das Gegenteil der Fall, die Gesellschaft driftete auseinander. Die Massen verloren ihre Ersparnisse, ein paar wenige wurden sehr reich. Das führte zur Kommerzialisierung des Sexes. Prostitution hat es sicher auch zu Sowjetzeiten gegeben, für die Parteielite vielleicht, versteckt. Dann aber war sie auf einen Schlag überall: Prostituierte standen vor dem Parlament, vor dem Gebäude unserer Redaktion, sogar vor der Lubjanka, der Geheimdienstzentrale.

einestages: Wie sind Sie auf die Schwimmbadsause der Alfa-Bank des Oligarchen Michail Fridman gekommen?

Kondakow: Das war nicht schwer, das war eine damals gängige Produktvorstellung, es ging um eine neue Kreditkarte. An jeder Ecke in Moskau gab es Stripshows. Sogar im gediegenen Hotel Metropol - heute wollen die mir das nicht mehr glauben - sprangen halbnackte Mädchen herum, zwischen Brötchen in Penisform.

einestages: Wie haben die Menschen auf diese Entwicklung reagiert?

Kondakow: Als der erste Stripclub eröffnete - das "Dolls" - sind dort Männer mit ihren Ehefrauen zusammen hin, und haben sich so fein gemacht, als wäre es eine Premiere im Bolschoi-Theater.

einestages: Die Rollenverteilung scheint ziemlich einseitig gewesen zu sein: Ihre Bilder zeigen eigentlich immer entblößte Frauen und Männer im Anzug, die sich amüsieren.

Kondakow: Im Westen war die sexuelle Revolution wahrscheinlich weiblicher, geprägt auch vom Kampf um Frauenrechte. In Russland war das eine Männerrevolution. Das ändert sich gerade: In keiner Metropole haben in den vergangenen Jahren so viele Clubs für Männer-Striptease aufgemacht wie in Moskau.

einestages: Wer schaut sich Ihre Ausstellung an?

Kondakow: Interessanterweise viele junge Leute, die das gar nicht bewusst erlebt haben. Diejenigen, die damals dabei waren, kommen eher selten. An vieles wollen sie nicht erinnert werden. Es ist ihnen unangenehm.

Das Interview führte Benjamin Bidder in Moskau.

Zum Weiterblättern:

Jewgenij Kondakow: "Russian Sexual Revolution", 2008, Moskau, nur auf Russisch erschienen

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1.
Solnzevo Wolkow 04.06.2013
Das Duck war mitte-ende 90er mit Sicherheit einer der abgehobendsten Clubs in Moskau. Eigentlich ist der Laden selber schon einen eigenen Artikel wert.
2.
Rudolf Rewrek 04.06.2013
Was für ein Schmarren! 1987, also tiefste Sowjetunion, gab es auch Sex wo, wann, wie und mit wem man wollte! Allerdings reichte damals eine Flasche Vodka, um alle happy zu machen!
3.
Siegfried Wittenburg 04.06.2013
"Allerdings reichte damals eine Flasche Vodka, um alle happy zu machen!" Welch ein glückliches Leben!
4.
Chris Helmbrecht 04.06.2013
Ich war gerade erst auf der Eröffnung seiner Austellung in Winzavod / Moskau und hab Jewgenij persönlich kennengelernt. Er hätte Lust auf eine Austellung in Deutschland. Falls jemand Interesse daran hat, bitte bei mir melden.
5.
Dieter Lehmann 04.06.2013
Ja der Westen hat nach der Wende in Rußland rührend dafür gesorgt,daß Rußland viele Fehler macht,um sich selbst zu schwächen.Jelzin war zu dieser Zeit der richtige Mann am richtigen Ort.Es wurden die Bereiche privatisiert die nie in private Hände gehört hätten,für Ganoven das Wunderland,der Westen freude sich dazu gehörte auch die Sittenwidrichkeit !
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