Nordirlandkonflikt Killer aus der Kneipenstraße

Lebenslänglich für die "Schlächter von der Shankill Road", so urteilte ein nordirisches Gericht im Februar 1979 gegen eine Mörderbande. Ihre grausamen Bluttaten hatten Belfast erschüttert - und sind bis heute unvergessen.

AP/ Peter Kemp

Das Letzte, was Francis Crossan in dieser Novembernacht im Jahr 1975 mitbekommt, ist ein wuchtiger Schlag mit einem Radkreuz auf seinen Hinterkopf. Zumindest ist das zu hoffen. Denn was in der folgenden halben Stunde mit dem 34-jährigen Belfaster passiert, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten. Die Angreifer, insgesamt vier Männer, zerren Crossan in ein wartendes London-Taxi und drücken aufs Gas. Ihr Ziel: die Shankill Road - tiefstes Protestantenland im nordirischen Belfast.

Unentwegt prügeln die Männer auf der Rückbank mit Fäusten, Bierkrug und Radkreuz auf den wehrlosen Crossan ein, bis das Taxi schließlich an einer kleinen Gasse zum Halten kommt. Hier legen die Täter ihn ab und bringen ihr grausames Werk zu Ende. Mit einem Fleischermesser.

Als Polizeiermittler Jimmy Nesbitt am nächsten Tag die geschundene Leiche des 34-jährigen Katholiken begutachtet, ist dessen Kopf beinahe abgetrennt. Selbst im gewaltgeplagten Nordirland der Siebzigerjahre sticht dieser Mord mit seiner Grausamkeit heraus.

Seit 1969 tobte hier der offene Konflikt zwischen den meist katholischen Nationalisten, die einen Zusammenschluss Nordirlands mit der restlichen Insel forderten, und den meist protestantischen Loyalisten, die für einen Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich kämpften. "Troubles" nennen die Iren diese Zeit. Was harmlos klingt, forderte bis 1998 knapp 3500 Tote. Bombenattentate, Entführungen, öffentliche Hinrichtungen - beide Seiten standen sich in puncto Gewalt in nichts nach.

Der Tod von Francis Crossan markierte jedoch eine neue Eskalationsstufe. "Es war anders als sonst. Es war so grausam, so barbarisch", erinnert sich Ermittler Nesbitt in einer Reportage der BBC rückblickend. Als drei Monate später der 55-jährige Straßenfeger Joseph Quinn ebenfalls mit fast abgetrenntem Kopf aufgefunden wurde, war die Presse schnell mit einem griffigen Namen für die Killer zur Stelle: "Shankill Butchers", die Schlächter von der Shankill Road. Dort, in den zahllosen Kneipen, wurden willkürliche Morde an katholischen Zivilisten geplant, hier, in den Seitenstraßen der Shankill Road, wurden ihre Leichen meist abgeworfen.

Psychopath auf Katholikenjagd

Anführer der Schlächter war der gerade mal 23 Jahre alte Hugh Leonard Thompson Murphy, an der Shankill Road als "Lenny" bekannt und gefürchtet. Denn es brauchte nicht viel, bis Lenny seine Fäuste hob oder zur Waffe griff. Ein aggressiver Psychopath sei er gewesen, charakterisiert ihn Journalist Martin Dillon, der die Geschichte der "Butcher" aufgearbeitet hat. Als "rücksichtslos und sadistisch" beschreibt ihn Ermittler Nesbitt. Bereits vor den "Schlächter-Morden" wurde Murphy mit zehn Todesfällen in Verbindung gebracht.

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Nordirlandkonflikt: Killer aus der Kneipenstraße

Es dauert nicht lange, bis der gewaltbereite Murphy sich der paramilitärischen Ulster Volunteer Force (UVF) anschloss. Die UVF inszenierte sich als Schutzarmee für alle Protestanten, war tatsächlich aber eine rechtsextreme Terrororganisation, deren Morde den Nordirlandkonflikt überhaupt erst losgetreten hatten. Sie ermordete damals mehr Menschen als jede andere protestantische Miliz - und die meisten ihrer Opfer waren selbst Protestanten.

Doch Befehle zu befolgen, war nicht Murphys Sache. Er wollte die Kommandos geben, vor allem solche, die selbst die UVF womöglich verweigert hätte. Mit der Zeit sammelte er zu diesem Zweck knapp 20 Gleichgesinnte mit bezeichnenden Namen wie Robert "der Schläger" Bates um sich. Zusammen machte man sich auf, ein paar "Taigs" - ein Schimpfwort für Katholiken - zu schnappen.

Erleichtert wurde die Opfersuche dadurch, dass im mittlerweile sechsten Jahr der Unruhen die beiden Religionsgruppen vielerorts strikt voneinander getrennt wohnten. Immer wieder kam es zu Vertreibungen, nur innerhalb der eigenen Konfession fühlte man sich noch sicher. Wer also nachts in einem katholischen Viertel angetroffen wurde, konnte mit großer Wahrscheinlichkeit auch als Katholik gelten. Murphy war über die konfessionelle Aufteilung der Stadt bestens informiert. Er wusste, wo er suchen musste.

Rekordstrafen für die "Schlächter"

Murphys mordende Bande versetzte die Stadt in Schrecken. "Noch nie in meinem Leben hatte ich so viel Angst", erzählte später Charlotte Morrissey, deren Vater ein Opfer der "Butcher" wurde, der BBC. "Wir haben uns damals nicht mehr getraut, abends das Haus zu verlassen." Wie ihr ging es vielen Bewohnern Belfasts. Die Polizei war ratlos.

Bis zum 2. März 1976. Nachdem zwei junge Frauen in ihrem Auto beschossen worden waren, traf man kurze Zeit später Murphy mit der Tatwaffe an. Im Rahmen eines Handels mit der Staatsanwaltschaft bekannte sich Murphy des Waffenbesitzes für schuldig, die Anklage wegen versuchten Mordes wurde fallen gelassen. Zwölf Jahre lautete das Urteil, absitzen musste Murphy nur sechs. Doch die "Schlächter-Morde" hörten mit der Verhaftung nicht auf. Denn aus dem Knast heraus befahl Murphy deren Fortsetzung.

Erst im Mai 1977 fand die Polizei endlich eine entscheidende Spur. In einer Seitenstraße der Shankill Road fand man den 20-jährigen Gerard McLaverty, 20, übel zugerichtet - aber am Leben. Die Bande hatte ihn irrtümlich für tot gehalten und zurückgelassen. Für Ermittler Nesbitt war McLaverty die lange gesuchte Chance, Licht ins dunkle Treiben der "Butcher" zu bringen.

Tatsächlich konnte McLaverty zwei seiner Angreifer identifizieren. Deren Geständnisse lieferten der Polizei schließlich einen Großteil der Bande. Insgesamt 19 Morde wurden den "Shankill Butchers" zur Last gelegt. Nicht nur die grausamen Beinahe-Enthauptungen, die das Markenzeichen der Gruppe waren. Auch ein Bombenattentat und zahlreiche Erschießungen gingen auf das Konto der Bande, verübt gegen Katholiken wie Protestanten.

Am 20. Februar 1979, halb elf Uhr morgens, fiel in Belfast das Urteil: Summiert 42-mal lebenslänglich für die von den elf Angeklagten verübten Morde. Das höchste Strafmaß, das die britische Justiz jemals verhängt hat.

Schwelender Hass

Doch echte Erleichterung stellte sich in Belfast nicht ein. Denn ausgerechnet Lenny Murphy musste sich für keinen der verübten Morde verantworten. Zwar wusste die Polizei, dass er der Anführer der Bande war - beweisen konnte sie ihm allerdings nichts.

Schon drei Jahre später verließ Murphy das Gefängnis als freier Mann. Doch die Freiheit sollte nur kurz dauern. Das Leben von Murphy endete, wie er es geführt hatte: gewaltsam. Als er am 16. November 1982 mit seinem Wagen am Haus seiner Freundin eintraf, sprangen zwei Mitglieder der katholischen Provisional IRA aus einem blauen Morris Marina und fingen sofort an zu feuern. 26 Kugeln trafen Murphy. Die Täter schienen absolut sichergehen zu wollen, dass der oberste "Schlächter" sein Ende fand.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass Murphy von der UVF, seinen eigenen Leuten, ans Messer geliefert wurde. Vieles spricht dafür. Selbst unter den protestantischen Paramilitärs galten die Unberechenbarkeit und der Sadismus ihres eigenen Mannes am Ende als Belastung.

Doch auch wenn die "Butcher" ihr Ende fanden, blieben viele Fragen unbeantwortet: Wie viel wussten die Bewohner der Shankill Road von den Taten und Tätern? Warum schwiegen so viele? Und warum dauerte es fast zwei Jahre und kostete zig Menschenleben, bis die Polizei der Mordserie ein Ende bereiten konnte?

Noch heute vergiften diese Fragen das Klima zwischen Katholiken und Protestanten. Eine echte Aussöhnung zwischen beiden Gruppen ist unterblieben. Meterhohe Barrieren, von den Belfastern euphemistisch "Friedensmauern" genannt, zerschneiden auch dieser Tage die nordirische Hauptstadt und trennen die Wohngebiete der Protestanten von denen der Katholiken. "Das Sektierertum ist ein Krebsgeschwür, das wir bislang ignoriert haben", erklärte vor wenigen Jahren resigniert eine Shankill-Road-Bewohnerin im englischen Fernsehen.

Sie warnte zugleich: Falls nicht ernsthaft an einer Aussöhnung gearbeitet werde, sei so etwas wie die "Shankill Butchers" jederzeit wieder möglich.



insgesamt 3 Beiträge
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Jean Pierre Hintze, 20.02.2019
1.
Die Ulster Volunteer Force war ganz sicher paramilitärisch aufgestellt und ging äußerst brutal vor. Als "rechtsextreme Terrororganisation" kann die UVF jedoch überhaupt nicht bezeichnet werden. Sie war Anti-Katholisch und von führenden Personen des Oranier-Ordens gegründet worden. Nach der Legalisierung der UVF entstand als deren legaler Arm die Progressive Unionist Party (PUP), die eine ausgesprochene "linke", also soziale Politik vertrat. Es gibt noch heute intensive Kontakte zwischen PUP-Vertretern in Irland und deutschen Vertretern der Linken und Grünen.
Henning Wehmeyer, 21.02.2019
2. aus der Geschichte lernen
Religion stärker als Privatsache deklarieren: Seitens des Staates, der steuer- und arbeitsrechtliche Sonderregelungen der Kirchen abschafft, keine Kreuze mehr in Kitas und Schulen aufhängt und auch keine Pensionen und sonstige Zahlungen an Bet-Vereine mehr tätigt!
Gert Nungesser, 25.02.2019
3. Lieber Jean
Die Oranier sind gewalttätige extrem Nationalisten, stock konservative Rassisten aber deiner Meinung nach keine rechtsorientierten Terroristen.. ha ha ha! Viele Grüsse aus Irland..
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