Shin Sang Ok und Choi Eun Hee Hilfe, Kim Jong Il hat unsere Filmstars entführt!

Sie revolutionierten das südkoreanische Kino - und wurden dafür entführt: In den fünfziger Jahren waren Shin Sang Ok und Choi Eun Hee Stars. Weil das nordkoreanische Kino einfach nicht in Schwung kam, ließ Filmfan Kim Jong Il das Ehepaar kidnappen. Das lebte auf der Nordseite des Landes erst in Saus und Braus - und wagte am Ende doch die Flucht.

AFP

Von Sven Stillich


Südkorea, 1953. Der Korea-Krieg ist zu Ende, viele Millionen Soldaten und Zivilisten hat er das Leben gekostet. In diesem Jahr heiratet die Schauspielerin Choi Eun Hee den aufstrebenden Regisseur Shin Sang Ok. Beide sind 27 Jahre alt, sie haben schon einiges hinter sich - und noch mehr vor sich.

Zusammen revolutionieren die beiden in den kommenden Jahrzehnten den südkoreanischen Film. In den fünfziger und sechziger Jahren blüht das südkoreanische Kino auf. Shin Sang Ok dreht zwei Filme pro Jahr, viele mit Choi Eun Hee in der Hauptrolle, manche mehr als fünf Stunden lang. Er ist der "Orson Welles Südkoreas".

Dann werden die Zeiten dunkler. Ihre Ehe zerbricht. Die neuen Machthaber in Südkorea zensieren erst die Filme und schließen 1978 das Studio der beiden. Das bleibt einem Mann etwa 200 Kilometer nördlich nicht verborgen. Der zukünftige Machthaber Nordkoreas, Kim Jong Il, ist nämlich nicht nur Filmfan - er verehrt James Bond und Elisabeth Taylor -, der 37-Jährige produziert selbst Filme und weiß vor allem um den Wert des Mediums für die Propaganda.

"Die Aufgabe des Kinos ist, dazu beizutragen, das Volk zu wahrhaften Kommunisten zu machen", hat er in seinem Buch über das Kino geschrieben, "und dazu gehört unabdingbar eine Revolution bei der Regie." Doch Kim Jong Il ist klar: Seine eigenen Filmemacher sind dafür zu schlecht. Also gibt er einen Befehl.

Kurz darauf wird Choi Eun Hee nach Hongkong eingeladen. Filmproduzenten hätten ein Angebot für sie, heißt es. Als die Schauspielerin in Hongkong ankommt, erkennt sie, dass sie es nicht ablehnen kann: Agenten lauern ihr auf, geben ihr ein Beruhigungsmittel und verschleppen sie auf ein Schiff, das sie nach Nordkorea bringt, wo sie Kim Jong Il persönlich begrüßt.

Kurze Zeit später folgt Shin Sang Ok besorgt ihren Spuren, bekommt einen Sack mit Chloroform über den Kopf gestülpt und wird ebenfalls nach Nordkorea entführt. Kim Jong Il hat das fehlende Talent einfach importiert.

"Ich hatte fürchterliche Angst", erinnert sich Choi Eun Hee später, "ich konnte nichts essen oder trinken." Sie weiß nicht, dass ihr Ex-Mann ganz in der Nähe lebt. Die folgenden Jahre verbringt sie in einem Umerziehungsprogramm, studiert die "glorreiche nordkoreanische Revolution" und legt Prüfungen ab. "Ich war sehr unglücklich", sagt sie später, "ich dachte an Selbstmord, aber ich wusste, wie sehr das meine Familie schmerzen würde."

Shin Sang Ok ergeht es erst einmal besser, das Regime versucht sein Leben angenehm zu gestalten - bis er fünf Monate nach seiner Entführung zu flüchten versucht. Er kommt in ein Lager für politische Häftlinge. "Dass ich dort die nächsten fünf Jahre verbringen würde, wusste ich nicht", erinnert er sich, "sonst hätte ich mich umgebracht."

In dieser Zeit tritt er in den Hungerstreik. Er wird zwangsernährt. Ein Wächter sagt zu ihm: "Sie sind der erste, den ich rette. Sie müssen wichtig sein." Shin Sang Ok ist davon überzeugt, dass seine Ex-Frau schon lange nicht mehr lebt.

Ein Abend im März 1983 ändert das alles. Choi Eun Hee und der gerade aus der Haft entlassene Shin Sang Ok werden zu einer Dinnerparty eingeladen. Bei Kim Jong Il in Pjöngjang. Zum ersten Mal seit der Entführung sehen sich die beiden wieder. "Nun, was steht ihr da so herum?", sagt Kim Jong Il, "umarmt euch!"

Dann entschuldigt sich der Nordkoreaner für die "Missverständnisse", die es gegeben habe, außerdem täte es ihm leid, dass er so lange keine Zeit gehabt hätte, sich persönlich um sie zu kümmern, er sei sehr beschäftigt gewesen. Und wie er sich freuen würde, wenn die beiden wieder heiraten würden, hier, in Nordkorea. Die beiden willigen ein.

Bei einem weiteren Treffen macht Kim Jong Il klar, was er erwartet. "Eine Stunde hat er geredet", sagt Choi Eun Hee, "es war kein Gespräch, sondern eine Tirade." Es gibt Cocktails, während Kim Jong Il einen Monolog hält: "Wir schicken unsere Leute nach Ostdeutschland, damit sie Schnitt lernen, in die Tschechoslowakei, um Kameratechnik zu üben, wir senden Regisseure in die Sowjetunion", sagt er, "aber wir können sie nicht nach Frankreich schicken, nach Westdeutschland oder England. Es gibt keinen Fortschritt. Deswegen brauchen wir unbedingt eine neue Generation an Filmemachern." Dann bittet er die beiden, für ihn Filme zu drehen. Drei Millionen Dollar habe er auf einem österreichischen Konto für den Regisseur geparkt, "für gute Filme".

Was "gute Filme" für Kim Jong Il sind, weiß Shin Sang Ok nicht. Aber er erfährt bald, was das Kino an sich für den Nordkoreaner bedeutet. Kim Jong Il zeigt ihm sein riesiges Filmarchiv auf den Hügeln von Pjöngjang. Ein Hochsicherheitstrakt ist das, rund 100 Meter lang, drei Stockwerke hoch und mit Wächtern vor schweren Eisentüren, Zutritt nur auf persönliche Einladung Kim Jong Ils. Shin Sang Ok ist überwältigt: 15.000 Filme aus aller Welt lagern dort bei kontrollierter Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Außerdem in einem Raum: sämtliche Filme, die jemals in Nordkorea gedreht wurden, chronologisch geordnet.

Shin Sang Ok folgt dem Befehl. Er beginnt, Filme zu drehen für einen Mann, der "Rambo" liebt und "Freitag der 13". Seine Frau lebt nun in dem großen Sommerhaus des Nordkoreaners, Kim Jong Il schickt ihr teure Kleider und westliche Kosmetik. Bei einer Geburtstagsparty für einen General sagt er: "Wollen wir Herrn Shin zu unserem regelmäßigen Gast machen?"

Es wird viel Cognac getrunken. Der General hatte kurz zuvor damit geprahlt, dass er in einer Woche Busan einnehmen könnte, die zweitgrößte Stadt Südkoreas. Junge Frauen preisen den zukünftigen Führer. Kim Jong Il sagt zu Shin Sang Ok: "Herr Shin, das ist alles Schwindel." Er vertraut nicht seinem Volk, aber dem Regisseur.

"Er hörte uns zu, weil wir aus Südkorea kamen", erinnert sich Shin Sang Ok, "bei unserer Ehrlichkeit wären andere umgebracht worden." Kim Jong Il lässt ihn und seine Frau für Filmaufnahmen sogar nach Ost-Berlin reisen - in Begleitung natürlich. Als Choi Eun Hee bei einem Spaziergang vorschlägt, zur US-Botschaft zu flüchten, flüstert er: "Was ist los mit dir? Ich mache keinen Versuch, der nicht hundertprozentig sicher ist. Wenn die uns schnappen, sind wir tot."

Und so macht er weiter Filme, sieben werden es am Ende. Mit einem Budget, das höher ist als alles, was er in Südkorea zur Verfügung hatte. Ein Film, der ausgerechnet "Tale Of An Escape" heißt - Geschichte einer Flucht - beinhaltet eine Szene, in der ein Zug explodiert. Er schreibt an Kim Jong Il, dass er gerne einen echten Zug dafür hätte, und er bekommt einen echten Zug. "Das ist nur in Nordkorea möglich", sagt er später. Sein größter Film jedoch wird "Pulgasari", eine Art nordkoreanischer "Godzilla". Er lässt dafür sogar Filmveteranen aus Japan einfliegen, nachdem Kim Jong Il für ihre Sicherheit garantiert hat, darunter den Schauspieler, der in den Original-"Godzilla"-Filmen in dem Monster steckte. Kim Jong Il mag den Film. Er schickt zum Dank der Filmcrew Lastwagenladungen voller Fasane, Hirsche und Wildgänse.

Eine Firma in Österreich soll "Pulgasari" nun weltweit berühmt machen. 1986 reisen Choi Eun Hee und Shin Sang Ok zu einem Filmfestival nach Wien. Dort steigen sie in ein Taxi. Ihre Bewacher folgen ihnen. Deren Wagen fällt bald zurück, andere Autos trennen sie. Die beiden erkennen die Gelegenheit: Links geht es zum Festival, rechts zur amerikanischen Botschaft. "Rechts", rufen sie dem Fahrer zu.

Sekunden später kommt ein Funkspruch aus dem Taxi der nordkoreanischen Agenten: "Wohin sind Sie abgebogen?" "Links", sagt der Fahrer. Endlich bei der Botschaft angekommen, stürzen der Regisseur und die Schauspielerin aus dem Wagen. "Wir rannten so schnell wir konnten", erinnert sich Shin Sang Ok, "aber es fühlte sich an wie in Zeitlupe. Endlich erreichten wir die Türen der Botschaft und ersuchten um Asyl."

Als Kim Jong Il die Nachricht von ihrer Flucht erhält, ist er überzeugt, die beiden seien von Amerikanern gekidnappt worden. Er bietet ihnen Hilfe bei der Rückkehr an. Bis heute leugnet Nordkorea die Entführung: Choi Eun Hee und Shin Sang Ok seien freiwillig ins Land gekommen.

In den USA verschwinden die beiden erst einmal von der Bildfläche, die CIA versteckt sie. 1989 hat Shin Sang Ok das satt: "Ich möchte Filme machen und nicht schon wieder gefangen sein", sagt er. In den neunziger Jahren arbeitet er unter dem Pseudonym Simon Sheen als Regisseur, später kehren Choi Eun Hee und er nach Südkorea zurück.

2006 stirbt Shin Sang Ok, 2007 erscheinen seine Memoiren unter dem Titel "Ich war ein Film". "Ich lebte ein Leben, das dramatischer war als die Filme, die ich gedreht habe", schreibt er im Vorwort. Choi Eun Hee ist heute 85 Jahre alt. Nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen soll Nordkorea seit Ende des Korea-Kriegs mehr als 500 Südkoreaner gekidnappt haben.



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