Showdown in Berlin Einen Atemzug vom Krieg entfernt

Showdown in Berlin: Einen Atemzug vom Krieg entfernt Fotos
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Es fehlte nicht viel und der Kalte Krieg wäre in einen heißen Konflikt eskaliert: Am 27. Oktober 1961 standen sich am Berliner Grenzübergang Checkpoint Charlie amerikanische und sowjetische Panzer gegenüber. Georg Tiesler war dabei - und wagte nicht einmal zu flüstern. Von

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Berlin im Oktober 1961. Wir standen noch unter dem Schock des Mauerbaus. Die politische Lage, nicht nur in der Stadt, war äußerst angespannt. In den Medien erfuhren wir von Schikanen und Behinderungen amerikanischer Militärs und Diplomaten im sowjetisch besetzten Teil der Stadt. Die Amerikaner reagierten in den Westsektoren mit ähnlichen Aktionen.

Ende Oktober war ich mit einem Freund und Studienkollegen in meinem VW-Käfer irgendwo im Stadtteil Kreuzberg unterwegs. Ich weiß nicht mehr, wohin wir wollten oder ob wir überhaupt ein bestimmtes Ziel hatten. Hier, in der Nähe der Sektorengrenze waren die Straßen menschenleer und es gab kaum oder gar keinen Autoverkehr.

Plötzlich hörten wir ein unbekanntes und unheimliches Geräusch hinter uns, das schnell lauter und bedrohlicher wurde. Im Rückspiegel sah ich auf einmal eine Kolonne Militärfahrzeuge, die sich uns mit hohem Tempo näherte. Ich fuhr rechts heran, um eine Reihe von amerikanischen Jeeps und Panzern ungehindert passieren zu lassen. Der Lärm, den die Panzerketten auf dem Kopfsteinpflaster erzeugten war ohrenbetäubend und furchteinflößend.

Schussbereit am Grenzübergang

Uns war sofort klar, dass wir Zeugen eines außergewöhnlichen Ereignisses waren. Denn weder hatten wir in der Zeitung gelesen, dass die Amerikaner ein Manöver planten, noch hätte ein solches in der Stadt, noch dazu in Mauernähe, stattgefunden. Also beschlossen wir, hinterher zu fahren und heraus zu bekommen, welches Ziel dieses Militäraufgebot verfolgte. Das war nicht ganz ungefährlich, denn die Fahrzeuge hatten ein hohes Tempo drauf - so raste ich mit über 50 km/h hinter der Kolonne her.

Bald zeigte sich, dass es zum Checkpoint Charlie ging, dem Grenzübergang für Ausländer, Diplomaten und Militärs. Die Panzer und Jeeps bezogen unmittelbar am Grenzübergang und auf der angrenzenden leeren Trümmerfläche diesseits der Mauer Stellung. Ich parkte mein Auto in der Nähe und mein Freund und ich näherten uns den Fahrzeugen, die mit laufenden Motoren und nach Osten ausgerichteten Kanonenrohren dicht vor der Mauer angehalten hatten. Hinten auf jedem der Jeeps stand ein GI mit dem Finger am Abzug eines auf der Ladefläche montierten Maschinengewehrs.

Nun sahen wir auch, dass auf der anderen Mauerseite ein nahezu identisches Aufgebot an sowjetischen Panzern uund Geländewagen aufgefahren war. An meine Gefühle und Gedanken in diesem Moment kann ich mich noch sehr genau erinnern. Trotz der vielen laufenden Motoren hatte ich den Eindruck als herrsche Totenstille. Und ich dachte: "Wenn jetzt einer der Soldaten die Nerven verliert oder auch nur aus Versehen den Finger krumm macht, dann ist hier gleich die Hölle los." Wir standen eine ganze Weile wie erstarrt und wagten nicht, miteinander zu flüstern.

Nur einen Atemzug vom Krieg entfernt

Erst am darauf folgenden Tag erfuhren wir aus den Medien, dass wir zufällig Zeugen eines historischen Moments geworden waren. Zum ersten Mal seit dem Koreakrieg in den fünfziger Jahren hatten sich amerikanische und sowjetische Panzer schussbereit gegenüber gestanden. Heute ist bekannt, dass die Kommandeure beider Seiten den Befehl hatten, notfalls auf den Gegner zu schießen.

Die ohnehin angespannte Situation in der geteilten Stadt wäre um ein Haar in einen heißen Krieg umgeschlagen.

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1.
Christian Bindeballe 22.10.2007
Hm, klingt ja interessant und ist für die damals Anwesenden sicher auch aufregend gewesen, mich hätten mehr die Umstände interessiert, durch die es überhaupt zu dieser Situation gekommen ist. Muß ich doch wieder in Wikipedia nachlesen?
2.
Damian Holloway 22.10.2007
Das Ganze als Nachrichtenmeldung http://www.youtube.com/watch?v=lJZe8PJHuPk
3.
Gerd-Peter Herrmann 23.10.2007
Leider standen die Amis mit den Kanonen nicht nach Osten sondern hielten die Menschen ab die Mauer sofort wieder einzureißen, zumindest in Neukolln. Anders im Wedding - die Franzosen feuerten uns zur Demo noch an.
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