Showlegende Mike Krüger Die Goldene Nase

Nippel-Songs, singende Frisöre und eingeölte Eishockeystars: Mit anarchischen Gags verkaufte Mike Krüger Millionen Platten und begeisterte Millionen Zuschauer. Bei einestages erinnert er sich an seine Anfänge als Klassenclown und Auftritte für 80 Mark - und verrät, wer die "Supernasen" wirklich erfand.

Bayerischer Rundfunk/Foto Sessner

Ein Interview von und


einestages: Herr Krüger, kennen Sie "Fünf gegen Willi"?

Krüger: "Vier gegen Willi" kenne ich. Wer war der fünfte?

einestages: Es heißt, Ihre Sendung "Vier gegen Willi" habe das Synonym für Onanie geprägt. Wir wollten mit einer lustigen Frage anfangen, aber Sie lachen gar nicht.

Krüger: (lacht) Doch, ich erinnere mich. Ich fand das damals ziemlich lustig und meine Redaktion auch. Irgendeine Satirezeitung hatte es geschrieben, wir haben es ausgeschnitten und an die Wand geklebt.

einestages: Für "Vier gegen Willi" bekam Ihre Redaktion vom Gremium des Medienfrauentreffens die "Saure Gurke" für die frauenfeindlichste Sendung. Das fanden Ihre Kollegen vermutlich auch lustig.

Krüger: Sicher. Die Redaktion war richtig stolz auf den Preis. Der stand sogar in einem Glaskasten im Konferenzraum, schön angestrahlt. Aber wir haben auch wirklich fürchterliche Sachen gemacht in der Show …

einestages: ... die Toten Hosen in einer Privatwohnung eine Party feiern lassen, Autos verschrottet.

Krüger: ... einem 70-jährigen Postbeamten eine Punkfrisur verpasst. Und wir hatten auch die Sendung mit einer Frau, die so schnell wie möglich durch eine Drahtröhre laufen sollte. Ein kleines Problem gab es: eine Eishockeymannschaft, alle nur in Tangas und eingeölt. Die legten sich unten in diese Röhre und die Frau musste da rüber. Alle Frauenverbände in Deutschland schlugen zu Recht die Hände über dem Kopf zusammen. Auf Dauer fiel das leider auf den Moderator - also mich - zurück und nicht auf die Redaktion, die sich diesen ganzen Wahnsinn ja ausgedacht hatte.

einestages: "Vier gegen Willi" war in den Achtzigern die anarchischste Sendung im deutschen TV. Und sie wurde ausgerechnet vom konservativen Bayerischen Rundfunk produziert.

Krüger: Sensationell, oder? Der verantwortliche Redakteur war sehr abgedreht. Auch der damalige Unterhaltungschef war ein bisschen anarchisch angehaucht. Als der wegging, hielt uns niemand mehr den Rücken frei. Das war das Ende von "Vier gegen Willi". Sie dürfen nicht vergessen: Die Einschaltquoten waren zwar gigantisch, aber wir hatten nur negative Presse. Jeden Sonntag musste ich lesen, was der Krüger am Samstagabend vorher wieder verbrochen hatte.

einestages: Sie waren damals als "Supernase" und singender Comedian bekannt. Plötzlich moderierten Sie eine Samstagabend-Show im Ersten. Ohne Fernseherfahrung.

Krüger: Sie klingen jetzt wie meine Frau damals. Sie hat gesagt, ich hätte sie nicht alle. Ich sollte für den Anfang vielleicht erst mal was im Dritten moderieren, aber nein! Krüger dachte, er fährt zu diesem Casting. Ich war nicht der Einzige, der sich bewarb, später habe ich erfahren, dass auch prominente Namen dabei gewesen sein sollen.

einestages: Welche?

Krüger: (grinst) Dazu möchte ich lieber schweigen. Thomas Gottschalk aber nicht! Der hatte damals schon eine eigene Sendung im SWR, "Telespiele". Das Casting, an den ich teilnahm, simulierte eine Show. Es gab eine Familie, mit der die Moderatorenkandidaten ein kleines Gespräch führen sollten und dann ein Spiel spielen. Die Familie sollte mit Gummistiefeln über einen Parcours hüpfen, die Gummistiefel waren miteinander verbunden. Was der Moderator nicht wusste, die Redaktion aber schon: Die Gummistiefel passten nicht. Es war ein Test, wie der Moderator reagieren würde.

einestages: Und?

Krüger: Ich habe gesagt: Ihr habt Krawatten um, die finde ich eh fürchterlich, nehmt die mal ab. Dann wurden die Füße mit den Krawatten zusammengebunden und los ging's. Am nächsten Tag kam ein Fax vom BR, der Sender liebe mich, ich sei der neue Samstagabend-Moderator.

einestages: Aber warum wollten Sie ausgerechnet zum Fernsehen? Sie haben doch einen Haufen Geld verdient als Sänger und Schauspieler.

Krüger: Wenn etwas erfolgreich lief, dachte ich immer, ich könnte noch das machen oder jenes. Anfang der Achtziger saß ich einen Abend vorm Fernseher und schaute die "Tagesschau". Ein kleiner Japaner hielt eine silberne Scheibe in die Kameras. Die Stimme im Off sagte: Das ist der Chef von Sony, er zeigt ein neues Medium, auf dem man unendliche Datenmengen speichern und eins zu eins kopieren kann. Da hab ich zu meiner Frau gesagt: Ich glaube, das ist nicht gut. Das ist wirklich nicht gut für die Musiker und die Schallplatte. Deshalb wollte ich mich anders orientieren und mehr Fernsehen machen.

einestages: Für Sie begann alles mit einer Schallplatte. "Mein Gott Walther" verkaufte sich 700.000-mal und war vor 35 Jahren Nummer eins in Deutschland. Es heißt, den Titelsong hätten Sie schon in der Jugend geschrieben.

Krüger: Das stimmt, ich war 15, saß am Riessersee und spielte den so vor mich hin. Zum Glück habe ich den Song nicht weggeworfen, was durchaus hätte passieren können, wenn ich mir den Text heute so durchlese.

einestages: Walther war nicht groß, war eher klein, trotzdem glaubte er, von den Kleinen einer der Größten zu sein. Walter ist ein Pechvogel. Einer, über den sich die anderen lustig machen. Wann hat man das erste Mal über Sie gelacht?

Krüger: Gelacht hat man über mich schon in der Schule, aber ausgelacht wurde ich zum Glück nie.

einestages: Wer hätte das gedacht: Sie waren der Klassenclown.

Krüger: Ich war eher schlecht in der Schule. Durch Comedy-Einlagen wollte ich den Eindruck erwecken, ich sei vielleicht doch nicht so dämlich wie es in meinem Zeugnis stand. Bei meinen Mitschülern hat das oft geklappt, bei den Lehrern leider nicht. Deshalb musste ich auch die eine oder andere Klasse wiederholen.

einestages: Wie muss man sich das vorstellen, Sie als Klassenkomiker?

Krüger: Ich wollte in jeder Situation irgendwie witzig sein. Wenn ich an die Tafel gerufen wurde wussten alle, das wird jetzt lustig. "Michael, an die Tafel", hieß es dann und es war klar: Erstens hat Krüger keine Ahnung wovon er da erzählt und zweitens wird er sicher wieder versuchen, seine Unkenntnis durch irgendwelche ungeheuren Geschichten geradezubiegen.

einestages: Man wird doch irgendwann gar nicht mehr ernst genommen.

Krüger: Es gab und gibt sicher immer noch Leute, die mich überhaupt nicht ernst nehmen. Dagegen habe ich aber auch nichts. Meine richtigen Freunde haben schon begriffen, dass es auch einen ernsten Mike Krüger gibt.

einestages: Sie sind 1951 geboren. Was hat denn den ernsten Mike Krüger Ende der Sechziger bewegt?

Krüger: Ich war damals in Hamburg an der Fachhochschule für Architektur eingeschrieben und dort gab es viele 68er. Die regten sich vor allem über das Stadtbild Hamburgs auf. Es gab große Demos, wenn wieder irgendwas an Bauten verbrochen wurde oder ein Gebäude privatisiert wurde, das eigentlich der Stadt gehörte. Ich war kein 68er, obwohl ich vom Alter her ja eigentlich dazugehörte. Ich habe Musik gemacht.

einestages: Im Danny's Pan, dem legendären Nachtclub, in dem auch schon Otto Waalkes seine Karriere begonnen hatte.

Krüger: Genau. Ich wollte dort nicht auftreten, aber meine Freunde fanden, ich könne das auch, was die Musiker da oben machten. Also ging ich mit meiner Freundin und meiner Gitarre ins Danny's Pan und sagte zu dem Besitzer: "Hör mal, ich singe auch, nur in Richtung lustig." Es waren vielleicht 20 Leute da und der Chef fand, dass nichts schiefgehen konnte. Es ging nichts schief. In der Folge gab es 80 Mark für jeden Abend, viel Geld für einen Architekturstudenten mit 340 Mark Bafög.

einestages: Und Sie hatten schon damals nur lustige Lieder im Programm?

Krüger: Nein, auch Leonhard-Cohen- oder Johnny-Cash-Übersetzungen. Ich habe auch Bob Dylan auf Deutsch gesungen - die Leute mochten aber die einfachen Sachen wie "Walther" lieber.

einestages: Den enormen Erfolg von "Mein Gott Walther" haben Sie vor allem Rudi Carrell zu verdanken. Der lud Sie 1975 in seine Sendung "Am laufenden Band" ein.

Krüger: Rudi rief mich irgendwann in meiner Anderthalb-Zimmer-Wohnung in Norderstedt an. Es passierte, was dem eigentlich dauernd passierte. Er sagte "Ja hallo, hier ist Rudi Carrell" und ich sagte "Ja toll, wer verarscht mich denn da wieder?" Aber er wusste das natürlich und gab mir seine Nummer. Dann fragte er, ob ich Lust hätte, nächste Woche beim "laufenden Band" aufzutreten. "Da singst du dieses 'Mein Gott Walther', und in der letzten Strophe singst du mein Gott Rudi, kriegst du das hin?"

einestages: "Am laufenden Band" war damals für unbekannte Musiker das, was heute Stefan Raabs Sendungen oder "Wetten, dass..?" sind ...

Krüger: … ein Lottogewinn, richtig. Nur dass ich das nicht wusste, als ich meine Plattenfirma anrief. Am anderen Ende der Leitung war es erst mal ganz still, danach ging eine Jubelwelle durch die Phonogram. 25 Millionen Zuschauer sahen die Sendung.

einestages: Weiß man schon vorher, ob ein Album oder ein Song ein Erfolg wird oder nicht?

Krüger: Man ahnt es, beim "Nippel" 1980 war es aber mehr als eine Ahnung. Den habe ich bei einer Gala in Darmstadt vor 1500 Frisören getestet, weil ich dachte: Wenn jemand alle schlechten Witze kennt, dann Frisöre. Und wenn die den Song lustig fanden, dann war er lustig. Sie standen auf den Bänken.

einestages: 900.000 verkaufte LPs, der "Nippel" wurde ein Megaerfolg. Das alles klingt nach einer makellosen Karriere, wo sind die Rückschläge?

Krüger: Wissen Sie, ich hatte einfach Glück. Hätte sich "Mein Gott Walther" nicht so gut verkauft, würden wir uns jetzt nicht unterhalten. Ohne den "Nippel" wäre ich heute vielleicht Architekt und würde noch nebenbei im Danny's Pan auftreten. Im Showgeschäft hängt der Erfolg aber nicht nur von einem selbst ab, sondern davon, ob man das Richtige zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten tut. Ich weiß es heute sehr zu schätzen, wenn alles passt.

einestages: Wie meinen Sie das?

Krüger: Als ich die erste Goldene Schallplatte bekam, dachte ich: Jeder bekommt Goldene Schallplatten. Damals ist das so an mir vorbeigerauscht. Eine Goldene hier, eine Goldene dort. Ich hätte gern damals schon gewusst, was ich heute weiß - und das alles mehr genossen und geschätzt. Dass alles so passt wie bei mir ist nämlich eher die Ausnahme.

einestages: Wir würden gern noch eines wissen: Wer hat sich eigentlich den Filmtitel "Supernasen" ausgedacht? Den schleppen Sie ja noch heute mit sich rum.

Krüger: Der Produzent Carli Spiehs hatte Thomas Gottschalk und mich das Drehbuch selbst schreiben lassen, vier Wochen am Tegernsee, ein teures Hotel mit den Familien. Geld spielte keine Rolle. Dann saßen wir irgendwann zusammen und wollten ihm feierlich das Drehbuch überreichen. Spiehs, ein Österreicher, war begeistert. "Super, das machen wir. Aber der Titel, der geht gar nicht." Er wollte einen "Supertitel", das sei "das Wichtigste überhaupt". Alle saßen also an dieser langen Tafel und überlegten. Bis plötzlich Thea Gottschalk fragte: "Was haltet ihr von 'Supernasen'?" Sie hatte uns wohl beide im Profil gesehen. Die mit den Supernasen. Carli Spiehs fand es jedenfalls super.

Zum Weiterschauen:

Mike Krüger: "Is das Kunst, oder kann das weg?". DVD-Video, Sony BMG Music Entertainment, München 2010, Laufzeit circa 100 Minuten.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Jan Höffler, 31.08.2010
1.
Ich kann mich an einen Dokumentation erinnern, die ich mal gesehen habe, da wurde ein Mike Krüger gezeigt, der recht deprimiert wirkte, nach seinen großen Erfolgen plätzlich auf Kleinstadtfesten Kalauer reißen zu müssen und sich sehr dankbar zeigte, von Rudi Carrell zu 7 Tage, 7 Köpfe und damit wieder vor ein größeres Publikum geholt worden zu sein.
Thomas Börner, 31.08.2010
2.
Ich erinnere mich noch ca. 1976, als Mike Krüger bei uns in Minden (Westfalen) nach seinem großen Erfolg mit Walther war. Da kam er mit seinem Mercedes-Kombi mit Pinneberger Kennzeichen PI-MK 68, weil er ja noch in Quickborn wohnte. Höhepunkt seiner Show war immer die "internationale Hitparade", wo er den Schlagern seine Texte gab. Obwohl seine Witze damals schon so flach wie der Norden waren, kam er die ganzen Jahrzehnte beim Publikum an.
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